Dorsten, ehemalige Tankstelle, heute Schnellimbis (Bild: Sebastian Louven, CC BY SA 3.0, 2012)

Insel mit Zapfsäule

von Till Schauen (19/1)

Fluchtpunkt und Ausgangspunkt für Fluchten, Treffpunkt und Transit-Stützpunkt, Supermarkt oder Ort der Erlösung aus der Not. Das leuchtende Logo in der Nacht verspricht ein baldiges Ende für allerlei Qual: „Hurra, wir bleiben doch nicht liegen!“ – „Die Party ist gerettet!“ – „Mama, ich muss soo nötig!“ Wer Auto fährt, begegnet Tankstellen. Insofern kommt so gut wie jede Person im westlichen, automobil geprägten Kulturkreis mit ihnen in Berührung. Sie sind die zentrale Immobilie zur Mobilie.

 

Zwischenstopp für Drei

Die Grundzüge ihrer Gestaltung sind seit der Frühzeit unverändert: Insel mit Zapfsäule, verglastes Häuschen, Wetterschutz. Ach ja: großes Logo. Es stimmt, dieses Ensemble hat über die Jahrzehnte und in allen Regionen Varianten entwickelt – im wesentlichen aber ist es seit den 1920er Jahren gültig, genau wie das Automobil, das seine Grundform etwas früher fand. Wie passend.

Wie das Auto entwickelte die Tankstelle einen ganzen Katalog an Nebenfunktionen, manche nur mittelbar mit dem eigentlichen Zweck verbunden. Nicht zuletzt deswegen ist die Tankstelle ein Kino-Topos geworden, zu finden, wenn es um projiziertes Fortwollen geht. Das zeigt sich bereits an einem ihrer frühesten Kino-Auftritte: „Die Drei von der Tankstelle“ von 1930. Drei adrette Burschen betreiben die ebenso adrette „Kuckuck“-Station und lassen sich das Leben nicht verdrießen, obwohl es böse war zu ihnen. Und natürlich ist die Tankstelle nur Zwischenstopp, auch für die Drei.

Weg hier! Die zehrende Sehnsucht nach dem Besseren, Sinnvolleren, Glamouröseren bildet den ideellen Gegenpol zum nicht minder brennenden „Schnell hin!“ drängender Bedürfnisse, wie eingangs angerissen. Beide Pole sind von großer Kraft, zwischen ihnen schwebt die Tankstelle als ewiger Nicht-Ort: reinfahren, vollgurgeln, zahlen, weiter.

 

Von gestaltungsfrei bis kunstvoll

Tankstellen kann man gestaltungsfrei anlegen, auch ein zehnjähriges Kind kann mit Lego eine funktionale Zapfstation bauen. Umso interessanter ist es, solch eine Anlage zu gestalten. Die fiktive „Kuckuck“-Tankstelle ist Bauhaus-inspiriert in ihrer Klarheit, das Wetterdach bleibt aus filmtechnischen Gründen klein, aber mit ihren großen Fensterflächen und der geschickten Aufteilung würde sie noch heute verdienten Zuspruch bekommen – selbst wenn die üppigen Blumenkübel wahrscheinlich der Funktionslogik zum Opfer fielen. Tatsächlich brachte die erste Blüte der Tankstelle nach Weimarer Art ähnliches hervor, wenngleich nicht viele Exemplare überlebt haben. Die Shell-Tankstelle in Kamenz (um 1930) ist eins der raren Beispiele neben den Service-Einheiten früher Parkhäuser, etwa den 1929/30 errichteten Kant-Garagen in Berlin.

Häufiger erhalten sind Tankstellen nach Gusto Drittes Reich, die die Niedlichkeit und Ornamentik völkischer Formvorstellungen mit dem aufkommenden Massen-Individualverkehr kombinierten. Besonders Autobahntankstellen jener Zeit wirken deshalb monströs: Man beachte die Raststätten Rhynern an der A 2, Reinhardshain an der A 5 und besonders das Rasthaus am Chiemsee. Trutzigkeit funktioniert allerdings nur bedingt, wenn man Kundschaft anziehen möchte. Im Sinne eines Zeitgefühls, das Sehnsüchte nach einem besseren Dasein kristallisiert, passen sie aber durchaus, Faust-aufs-Auge-mäßig.

 

Die reine Funktion

Interessanterweise entstanden parallel, anno 1942, gleich drei Tankstellen-Baumuster in funktional-klarem Stil, die genau deswegen zwar nicht den Segen des Regimes erhielten, aber trotzdem gebaut wurden. Ein Exemplar ist erhalten, direkt an der A 12, Abfahrt Fürstenwalde-West. Dieser Bau schlägt die Brücke zwischen Weimar und der spannungsvollen Moderne der 1950er Jahre mit vielerlei eleganten Formen, durchaus frei von dem Biederbarock, den man der Adenauerzeit gern nachsagt. Manches ging sogar in Serienfertigung wie der Caltex-Typ 3, eine Stahlkonstruktion mit kraftvollem Gegensatz aus geschwungenem Dach und kantigem Kassenhaus. Aus dieser Epoche sind viele Anlagen erhalten, wenngleich die wenigsten in ihrer Urfunktion – klassische Nachnutzer sind Werkstätten, Fähnchenhändler (ihrerseits inzwischen am Aussterben) oder Kleingewerbe-Experimente vom Schlage „Moni’s Lädchen“.

Tja, und die Umweltschutz-Gesetzgebung. Viele Winz-Tanken sind an neuen Rechtsbestimmungen eingegangen. Angesichts ihrer Reste dürfen wir heute romantisch verklärt seufzen und uns vorstellen, wie nett sich hier wohl rast-tanken ließe. Auf vergiftetem Boden versteht sich, was wir als Reisende nicht merken würden. Wohl aber die Nachbarschaft – und schon haben wir noch ein Spannungsfeld, diesmal ein nostalgisch-dialektisches: die Erleichterung übers Verschwinden des Zurückgewünschten.

 

„Tanken als Erlebnis“

Im Unterschied zum (ähnlich strukturierten) Tante-Emma-Laden ist die Kleintanke wirklich perdu. Tatsächlich haben ausgedehnte Tankanlagen vielerorts Tante Emmas Rolle übernommen für kleinteiligen Alltagsbedarf, wenn der Weg zum Aldi am Stadtrand sich nicht lohnt oder sonst nix mehr offen hat. Das ist freilich erst ein Nachwende-Phänomen, wenngleich die ersten Experimente mit „Tanken als Erlebnis“ schon in den 1970er Jahren begannen. Das war damals aus der Not geboren, denn mit dem Ölpreisschock 1973 und der aufkommenden Umweltschutzbewegung wandelte sich das Image des Benzins. Nach gut 50 Jahren einer seligen Existenz als Gewährsmittel für freies Fortkommen war es plötzlich teuer, gefährlich und schmutzig obendrein.

Angeschoben von Ölscheichs und Müsli-Freaks begann die westeuropäische Tankstelle ab den 1980ern einen fundamentalen Wandel zum Lifestyleangebot („Stylisher Thermobecher zum Wiederverwenden. Erstfüllung gratis!“) mit Croissant („Laugen oder Butter?“), Zeitschriftenwand und ntv im Dauerbetrieb. Dieser Wandel ist nicht vollendet, inzwischen aber von einem anderen Moment getrieben, denn das Ende des Treibstoff-Konsums ist absehbar. Kurioserweise wird dieses Ende für viele Tankstellen wahrscheinlich nicht das Aus bedeuten.

 

Eine Frage des Überlebens

Ganz nebenbei nämlich gewann die Tankstelle eine ungeplante Zusatz-Funktion: als Versammlungsort für Cliquen. Früher waren dies vor allem junge Leute: Die schnelle Jugend der 1980er und 1990er schätzte ihre Fahrzeuge nicht zuletzt als Symbol eines „Ich-kann-jederzeit-nach-Hollywood-reiten“, ohne jemals dorthin aufzubrechen. Die örtliche Tanke war ein natürlicher Anlaufpunkt, sie bot genug Platz für freitägliche Mini-Motorshows und hatte Getränke, Tabak und Ähnliches greifbar. Außerdem kamen ständig andere Autofahrer vorbei, denen man finstere Blicke zuwerfen konnte. In dieser Hinsicht erwarb die Tankstelle zum ersten Mal eine Eigenschaft, die sie aus dem Nicht-Ort-Nirwana in die Welt zurück holte: Für solche Cliquen ist sie das Zentrum des eigenen Territoriums.

Daran anknüpfend, entwickeln Tankstellen inzwischen gezielt das Konzept des Szene-Treffpunkts, weshalb Straßenarbeiter aller Couleur sie inzwischen als Begegnungsort akzeptieren: Kurierfahrer, Paketboten, Asphaltierer, Taxler. Und gut so! Benzin und Diesel werden in naher Zukunft Nebenangebote werden, die überdachten Freiflächen womöglich bestuhlt zum Besuch einladen, oder zum Boulespiel, Skaten, Nachbarschafts-Hökern. Die Tankstelle als architektonisches Genre könnte überleben, wenn ihr die Wandlung zum Stadtteil-Zentrum gelingt. Mit dem ursprünglichen Spannungsmoment einer solchen Einrichtung wird das dann wenig zu tun haben.

Titelmotiv: Dorsten, ehemalige Tankstelle, heute Schnellimbis (Bild: Sebastian Louven, CC BY SA 3.0, 2012)