München bei Nacht (Bild: gemeinfrei, via pixabay.com)

FACHBEITRAG: München leuchtet

von Martin Arz (21/1)

Heute ist das Image der Nachkriegszeit, der 1950er und 1960er Jahre, vor allem eines: Spießig! Doch gerade München leuchtete nach 1945 bei Nacht – auch dank der amerikanischen Soldaten, die in der Stadt stationiert waren. Damals gab es hier keinen Sperrbezirk, sondern den „Flesh-Pot“, wie es die GIs nannten, den bestens gefüllten Fleischtopf mit hübschen „Frolleins“. Rings um den Hauptbahnhof blühte das Geschäft mit dem Sex: einerseits künstlerisch auf der Bühne, andererseits handfest in den Stundenhotels. Viele der Stripperinnen, die noch Schönheitstänzerinnen hießen, besserten ihre Einkünfte durch zusätzliche Körperarbeit auf.

München, Blumenstraße (Bild: Investment alex, CC BY SA 4.9, 2014)

München, Blumenstraße (Bild: Investment alex, CC BY SA 4.0, 2014)

Nachtclubs und Dirnen

Neben der Bahnhofsgegend konzentrierte sich das Rotlichtmilieu auf die Maxvorstadt (das einstige Kasernen-Viertel hatte darin eine lange Tradition) und auf die Altstadt. Wo sich aktuell rings um das Hofbräuhaus die Souvenirshops voller Bayernkitsch drängeln, fanden sich damals viele Nachtclubs, Stripshows und Dirnen – z. B. die „Lola Montez Bar“ direkt am Platzl. Bis heute ist die Müllerstraße im Glockenbachviertel eine der Hauptamüsiermeilen voller Sünde und Abenteuer. Aber auch am mondänen Lenbachplatz und direkt vor der Universität gingen die Damen ihrem horizontalen Gewerbe nach. In der inzwischen zur schicken Fußgängerzone umgebauten Sendlinger Straße warteten, glaubt man Zeitzeugen, die nicht mehr ganz so frischen und etwas günstigeren Huren.

Mittendrin tanzte sich die Jugend das Nachkriegsgrau von der Seele – erst mit dem Jitterbug, dann mit Boogie-Woogie und schließlich dem Rock’n’Roll. München war nicht nur die „heimliche Hauptstadt“, sondern auch die deutsche Amüsiermetropole der Nachkriegsjahre. In Schwabing öffneten Jazz-Clubs, die internationale Stars anzogen: vom „Hot Club“ über das „Studio 15“ in der Leopoldstraße bis zum „Domicile“, das sich bis in die 1980er Jahre halten konnte. Hier durfte sich z. B. ein junger Bursche am Klavier ausprobieren, der später als Udo Jürgens einer der ganz Großen wurde.

Und dann gab es die Schwabinger Gisela, die legendäre Wirtin aus der Occamstraße, die jeden Abend in ihrem Laden als verruchte Diseuse auftrat – mitunter waren Weltstars wie Kirk Douglas oder Orson Welles zugegen. Dabei gab sie schlüpfrige Lieder zum Besten, deren Texte einen Hamburger Jugendpfleger derart in Rage brachten, dass er die Gisela anzeigte. Der Richter bescheinigte ihr, „eine gebildete Dame mit unzüchtigem Charakter“ zu sein. Die perfekte PR. Auch im „Alten Simpl“ in der Türkenstraße bei der Kult-Wirtin Toni Netzle knüpfte man in den frühen 1960er Jahren an die Münchner Feiertradition an.

Al Herb: München, Bongo Bar, 1951 (Bild: © Al Herb/Hirschkäfer Verlag)

Al Herb und der „Schabernackt“

Seit den späten 1940er Jahren war einer immer ganz dicht dabei, wenn es Nacht wurde in München: Der junge Fotograf Al Herb streunte von Sonnenuntergang bis -aufgang durch die Stadt. Fast alle „Schönheitstänzerinnen“ kannten ihn, viele ließen ihre Shows von ihm dokumentieren. Die Huren standen ihm ebenso gerne Modell wie die tanzbegeisterte Jugend. Doch hinter der sündig glitzernden Fassade verbargen sich auch damals tragische Schicksale. Weit hinter Mitternacht fotografierte Al Herb immer wieder die Verlierer der Epoche: Obdachlose, „Kriegskrüppel“ und Gescheiterte.

Al Herb gelangen beeindruckende Aufnahmen von den Erschöpften und Gestrandeten der Wirtschaftswunderzeit. In den 1970er Jahren fotografierte er dann auf schlüpfrigen Partys im Glockenbachviertel, bei denen so manche „Miss Nackedei“ gewählt wurden. Und auf den „München Schabernackt“-Faschingsbällen (erstmals 1978 veranstaltet), wo man nur den Schambereich bedecken musste. Herbs Bilder zeigen ein derart pulsierendes Nachtleben, dass man sich heute verwundert die Augen reibt.

München, Leierkasten (Bild: Aisano, CC BY SA 3.0, 2015)

München, „Leierkasten“ (Bild: Aisano, CC BY SA 3.0, 2015)

Der Skandal mit dem Sperrbezirk

Das Image vom braven spießigen München kam mit den Olympischen Spielen 1972. Alles vermeintlich „Sündige“ wurde aus der Stadt gekehrt, um der Welt eine „saubere“ Metropole zu präsentieren. Der neue Sperrbezirk verbannte alles, was mit Prostitution zu tun hatte, aus der City. Da half es auch nicht, dass die Damen aus dem berühmten Puff „Leierkasten“ in Streik traten und das Haus besetzten. Am Ende mussten sie an den Stadtrand umziehen. Die Spider Murphy Gang machte diese Münchner Begebenheit mit „Skandal im Sperrbezirk“ bundesweit bekannt.

Vor allem in Bahnhofsnähe blieben Animier- und Stripbars, aber dort war nur Ausziehen erlaubt – mehr nicht. Immerhin feierte München 1976 eine Premiere: In der Bayerstraße wurde mit „Henry’s Show Center“ Europas erste Peep-Show eröffnet. Die Genehmigung dafür erschwindelte sich Walter Staudinger (der „Pate von München“) der Legende nach beim Kreisverwaltungsreferat: Er wolle doch nur eine Bühne für Aktmodelle mit Kabinen für mittellose Maler errichten. Als Kulturmetropole konnte München da nicht Nein sagen.

Später, ab Mitte der 1970er Jahre wurde München zur Disco-Metropole. Die in der Stadt alleinerziehend lebende Ex-Musicaldarstellerin Donna Summer eroberte von München aus die Welt als Discoqueen. Der „Munich Sound“ beherrschte die Dancefloors und bereitete den Weg zu heutigen elektronischen Clubmusik. In dem damaligen Hit der Gruppe „M“ heißt es nicht umsonst: „New York, London, Paris, Munich. Everybody talk about pop muzik“. Die Rolling Stones, Elton John und Fleetwood Mac machten das Münchner Nachtleben unsicher, ebenso Freddie Mercury, der mehrere Jahre in München lebte und Partys feierte, die ihresgleichen suchten.

München, Blitz-Club (Bild: Kaethe17, CC BY SA 4.0, 2020)

München, Blitz-Club (Bild: Kaethe17, CC BY SA 4.0, 2020)

Bis zur Gentrifizierung

Apropos Freddie: Im Schatten des Rotlichts etablierte sich vor allem in der Isarvorstadt das, was es nach dem Krieg offiziell nicht geben durfte – die Schwulenszene. In der Adenauerzeit galt weiterhin der von den Nazis verschärfte Paragraph 175, der Sex zwischen Männern strafrechtlich auf eine Stufe mit Sex mit Tieren stellte. Also traf man sich in den 1950er Jahren privat, gründete Cliquen und ging an Herrentagen ins Müllersche Volksbad. Nur wenige Bars wie die „Schlangengrube“ in der Reisingerstraße, die „Jockey-Bar“ am Kolosseum oder das „Mosquito“ warteten mit verhangenen Fenstern auf einschlägige Gäste. Das Travestielokal „Spinne“ in der Ringseisstraße hingegen war nicht für die Szene gedacht, es richtete sich an amüsierfreudige Heteros. Bis ins 21. Jahrhundert überlebte nur die 1957 eröffnete „Teddy Bar“, bis sie dann der Gentrifizierung weichen musste.

1967 konnte das Münchner Nachtleben erneut eine Premiere feiern: Die Kellnerin Augusta Wirsing übernahm von ihrem Chef den Nuttentreff „Ochsengarten“ in der Müllerstraße. Inspiriert von einer USA-Reise, wollte sie etwas Neues zu wagen: So entstand aus dem einstigen Rotlichtschuppen nun Deutschlands erste Lederbar. Später waren hier Rainer Werner Fassbinder und natürlich Freddie Mercury zu Gast. Der „Ochsengarten“ und auch das seit dem 19. Jahrhundert existierende Wirtshaus „Deutsche Eiche“ in der Reichenbachstraße trugen entscheidend dazu bei, dass die Isarvorstadt zum Szeneviertel wurde.

In der „Eiche“ war Schwulsein bereits vor dem Zweiten Weltkrieg normal: Hier trafen sich schon immer die Tänzer und Schauspieler vom nahen Gärtnerplatztheater. Nach dem Krieg blieben die Männer im Wirtshaus unter sich, während in den abgerockten Zimmern der oberen Stockwerke des dazugehörenden Hotels die Damen anschaffen gingen. Den ersten Stock hatte eine Zuhälterin namens „Napoleon“ belegt. Hier traf sich Curd Jürgens im „Rosenzimmer“ (wegen der Blümchentapete) regelmäßig mit einer seiner Gespielinnen. Unten in der Wirtsstube ignorierte die alte Wirtin fleißig das Szenetreiben. Wenn ein Gast einem ihrer Kellner allzu offensichtlich schöne Augen machte, soll sie gerufen haben: „Lassts meine Buam in Ruh, ös Viecha!“ Rainer Werner Fassbinder machte die „Eiche“ zu seinem zweiten Wohnzimmer.

München, Lightshow im Bob Beaman (Bild: Arnold Jaeger Werner, CC BY SA 2.0, via flickr.com, 2014)

München, Lightshow im Bob Beaman (Bild: Arnold Jaeger Werner, CC BY SA 2.0, via flickr.com, 2014)

Deutschlandweit konkurrenzlos?

München zählte neben San Francisco, New York und Amsterdam zu den vier Top-Gay-Cities der Welt, deutschlandweit konkurrenzlos. Doch mit der Blüte begann auch der Untergang, denn in den 1980ern kamen Aids – und der Kreisverwaltungsreferent Peter Gauweiler. Letzterer wollte mit eisernem Besen die schwule Infrastruktur aus der Stadt fegen. Der politische Ton erinnerte an vergangene Zeiten. Geschockt schaute die ganze Welt auf München. Viele Schwule verließen die Isarmetropole gen Berlin, Hamburg und Köln und trugen dazu bei, dass sich bis heute hartnäckig die Mär hält: Als Schwuler könne man in der Pionierstadt der deutschen Schwulenbewegung einfach nicht leben. Inzwischen hat München viele Wandlungen erlebt. In den 1990er und frühen 2000er Jahren entstand hier mit dem Kunstpark Ost ein gigantisches Ausgehviertel mit der europaweit höchsten Kneipen-/Clubdichte pro Quadratmeter. Heute liegt der Schwerpunkt des Nachtlebens mit unzähligen Clubs in der Innenstadt entlang der „Feierbanane“, der Strecke vom Maximiliansplatz über die Sonnenstraße bis hinein in die Müllerstraße.

Al Herb. Sündiges München (Bild: Buchcover, Detail, Hirschkäfer Verlag)

„Al Herb. Sündiges München“ (Bild: Buchcover, Detail, Hirschkäfer Verlag)

Zum Weiterlesen

Al Herb. Sündiges München. Nachtszenen der Nachkriegszeit, Text von Martin Arz, Hirschkäfer Verlag, München 2012, Neuauflage, Broschur, 168 Seiten, 19 x 24 cm, ISBN 978-3-940839-26-8.

Titelmotiv: München bei Nacht (Bild: gemeinfrei, via pixabay.com)

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