Berlin, "Berghain" (Bild: Carsten Goebell, 2020, via flickr.com)

INTERVIEW: „What happens in Berghain …“

Thomas Karsten im Gespräch über eine Club-Legende (21/1)

Seit seiner Eröffnung im Jahr 2004 zieht das „Berghain“ die Menschen in seinen Bann. „What happens in Berghain stays in Berghain“, lautet das diskrete Credo der Betreiber. Nur so kann der Safe Space im Inneren gewahrt werden. Doch wie eng ist der „Mythos Berghain“ mit der Architektur verknüpft? Wie entstand aus einer Kraftwerksruine einer der Ankerpunkte des Berliner Nachtlebens? moderneREGIONAL sprach mit Thomas Karsten, einem der Gründer von studio karhard®, der mit seiner Partnerin Alexandra Erhard als Hausarchitekt das „Berghain“ von Beginn an begleitet hat.

Berlin, „Berghain“ (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2018)

moderneREGIONAL: Wie kam es vor 20 Jahren zum Auftrag für das „Berghain“?

Thomas Karsten: Wie so vieles, durch Zufall und Bekannte. Wir hatten schon den Vorgängerclub, das „Ostgut“, mit aus der Taufe gehoben. Damals suchten wir zusammen mit den Betreibern eine feste Location, denn bis dato fanden die Veranstaltungen immer an verschiedenen Orten statt. Als das „Ostgut“ schließen musste, nahmen wir das leerstehende Kraftwerksgebäude ins Visier. Der damalige Eigentümer Vattenfall wusste nichts damit anzufangen und keiner wollte das Objekt haben. Es drohte der Abriss.

mR: Stand der Bau nicht unter Denkmalschutz?

TK: Doch, es gab einen Ensembleschutz, da die Anlage aus dem nationalen Wiederaufbauprogramm der DDR stammt. Man findet diese Formensprache entlang der ganzen ehemaligen Stalinallee wieder. Es handelte sich dabei um das Heizwerk, das die Gebäude zunächst mit Wärme und später mit Strom versorgte. Trotz des Denkmalschutzes hätte der Besitzer – bei Ausbleiben eines Nachnutzers – einen Abbruch ins Auge gefasst.

Berlin, „Berghain“ – die „strengste Tür der Welt“ (Bild: Michael Mayer, CC BY 2.0, 2018, via flickr.com)

mR: Kennt man die Urheber des Ensembles?

TK: Es ist ein namenloser Bau, damals wurde alles von Kombinaten errichtet. Wir haben versucht, den Entwurfsverfasser ausfindig zu machen. Uns liegen auch originale Pläne vor, dort taucht aber kein bekannter Name auf. Man muss sich vor Augen halten, dass das Ganze acht Jahre nach Kriegsende errichtet wurde. Das konnte nur mit einer begrenzten Menge an Materialien erfolgen. Stahl zum Beispiel war absolute Mangelware, das sieht man auch heute noch im Kraftwerk. Dort ist sehr viel Beton, aber wenig Stahl verbaut. Die Anlage wurde nach und nach erweitert. So haben wir heute eine ehemalige Außenfassade im Innenraum.

mR: Wie erlebten Sie die Zusammenarbeit mit den Auftraggebern?

TK: Das gestaltete sich sehr geschmeidig, denn die beiden Auftraggeber hatten schon genaue Vorstellungen und brachten viel Erfahrung als Veranstalter von Events mit. Ihre Ideen für die Nutzung der öffentlichen Bereiche wurden letztlich genauso umgesetzt. Wo die „Panorama Bar“ hinsollte, war von vornherein klar: Dort befand sich die ehemalige Schaltwarte des Kraftwerks mit großen Fensterflächen. Sogar die Lage von Toiletten und Lagerräumen wurde schon bei den ersten Begehungen festgelegt. Dass die Tanzfläche in den ersten Stock kommt (und nur über eine große Treppe erreichbar ist), fanden wir damals allerdings etwas problematisch. Schließlich waren unsere Bedenken aber unbegründet.

Berlin, Berghain, Installation, 2020 (Bild: Udo Siegfriedt, via flickr.com)

Berlin, „Halle am Berghain“ während der Klanginstallation „Eleven Songs“ (Bilder: rechts: Udo Siegfriedt, via flickr.com, auch als gedruckte Dokumentation erschienen)

mR: Welche Rolle spielt die Architektur beim „Mythos Berghain“?

TK: Eine große! Der Raum mit der Innenfassade zum Beispiel ist schon sehr speziell: elf Meter hoch und nur eine Bar darin platziert. Für uns war es aber zunächst eher ein praktisches Bauwerk. Verschiedene Szenarien, die wir uns ausgemalt hatten, passten einfach gut in den Bestand. Die Eingriffe waren sehr zurückhaltend und pragmatisch. Dass das Ganze als Club seine Wirkung entfaltet, hat sich unmittelbar nach Betriebsbeginn gezeigt. Man merkte sofort, dass dort etwas sehr Besonderes entstanden ist. Es ist bemerkenswert, dass das Konzept nach 15 Jahren – mit nur kleinen Modifikationen – immer noch so gut funktioniert.

mR: Die starke Wirkung des „Berghain“ hat Sie also überrascht?

TK: Wir haben natürlich alle das Potential gesehen, aber nicht die volle Tragweite. Auch heute hält der Bau noch Überraschungen parat. Ich denke an „Die Säule“, den neuesten Clubteil, der in einem lange untergenutzten Raum entstanden ist. Dieser Ort funktioniert mit seinen speziellen Eigenheiten, den vielen Betoneinbauten und Stützen, sehr gut und erzeugt ein sehr beschützendes Raumgefühl. Was aber während der Bauphase schon auftrat, waren unkonventionelle Umstände in Form von Menschen: Die ersten Entrümpelungen des Kraftwerks wurden zum Beispiel mit Mitarbeitern und Türstehern des Clubs vollzogen, die teilweise heute noch dort tätig sind. Das war eine sehr familiäre Übernahme des Komplexes.

Berlin, Berghain, Installation, 2020 (Bild: Udo Siegfriedt, via flickr.com)

Berlin, „Halle am Berghain“ während der Klanginstallation „Eleven Songs“, 2020 (Bild: Udo Siegfriedt, via flickr.com, auch als gedruckte Dokumentation erschienen)

mR: Sind Erfahrungen aus anderen Clubs in das „Berghain“ mit eingeflossen? 

TK: Natürlich hat man einige Eindrücke mitgenommen aus ersten Clubs, die in der Hochphase der frühen 1990er entstanden sind – wie das „Planet“, der „Tresor“ oder das „E-Werk“. Der Umbau des „Berghain“ fand allerdings schon in der Second Generation der Szene statt, die durch die Professionalisierung des Gewerbes gekennzeichnet war. Man hat Geld in die Hand genommen und wollte die Dinge nun richtig machen. Die Berghain-Betreiber waren sozusagen Vorreiter. Wir als junges Büro haben die Aufgabe tatsächlich eher aus architektonisch-logistischer Sicht gesehen, denn als Ostgut-Stammkunden. Zeitgleich mit dem „Berghain“ wurde in Frankfurt am Main der „Cocoon-Club“ von Sven Väth eröffnet. Das Design war hypermodern und an Locations auf Ibiza angelehnt. Wir haben uns das angeschaut und mit unserem Projekt eine architektonische Antithese aufgestellt.

mR: Sie wurden und werden weiter für Clubentwürfe angefragt, aktuell z. B. in Kiew. Lässt sich das „Berghain „exportieren?

TK: Nein! Das „Berghain“ kann nur in einem ganz bestimmten Kosmos entstanden sein und existieren. Es hat auch sehr lange gedauert. bis der Markenname bekannt geworden ist. Wir bekommen heute sehr viele internationale Anfragen für Clubentwürfe mit teils sehr spannenden Aufgaben. Weltweit gibt es nur eine geringe Anzahl von Menschen, die diese Läden betreiben, und die bilden eine sehr eingeschworene Gemeinschaft.

Berlin, "Berghain" (Bild: Michael Kerling, 2020, via flickr.com)

Berlin, „Halle am Berghain“ während der Klanginstallation „Eleven Songs“, 2020 (Bild: © Michael Kerling, 2020, via flickr.com, auch als gedruckte Dokumentation erschienen)

mR: Zurzeit ist ein regulärer Clubbetrieb leider nicht möglich. Als Überlebensstrategie zeigt das „Berghain“ nun Kunst aus der Boros-Sammlung.

TK: Meiner Meinung nach haben die Betreiber das richtig gemacht und keine Berührungsängste gezeigt. Durch die Vernetzung gab es Kontakte zum Hochkulturbetrieb und es folgten eigene Produktionen und Kollaborationen, die sich sehen lassen konnten! Dabei kann schon einmal etwas kaputt gehen. Dass die Arbeiten von Wolfgang Tillmanns in regelmäßigen Abständen erneuert werden müssen, ist Teil des Konzepts. Für mich als Besucher wirkt das im Rahmen des „Berghain“ sehr passend und nicht aufgesetzt.

mR: Wie haben Sie als Architekt den Clubbetrieb in den letzten 15 Jahren persönlich miterlebt?

TK: Ich bin gerne dort und habe nur sehr wenig unangenehme Überraschungen erlebt. Es gab dort nicht einmal einen Generationswechsel – es kommen einfach immer neue Generationen hinzu und die Alten bleiben trotzdem da. Ich kenne keinen Club der Welt, den Menschen von Anfang 20 bis in die 50er zusammen besuchen, ohne dass es sich merkwürdig anfühlt. Das zieht sich sogar weiter bis in das Personal. Dort gehen jetzt die Ersten in Rente, die ihr Leben als Clubmitarbeiter verbracht haben. Eine weitere Überraschung war für mich eine gewisse Heterochronie: das Gefühl, hier tickt die Zeit anders. Es kann einem durchaus passieren, dass man aus Versehen zwölf Stunden im „Berghain“ verbringt, ohne es gemerkt zu haben. Oder man kommt sonntagnachmittags ausgeschlafen, trinkt drei Gin Tonic, begibt sich abends wieder nach Hause und hat das Gefühl, eine Clubnacht durchlebt zu haben.

Das Gespräch führte Johannes Medebach.

Alexandra Erhard und Thomas Karsten vom studio karhard® (Bild: © Robin Kater)

Thomas Karsten ist geschäftsführender Architekt von studio karhard®. Das Büro wurde von ihm – gemeinsam mit seiner Partnerin Alexandara Erhard – 2003 gegründet. Zu den prominentesten Projekten des Architektenduos zählen in Berlin die Gourmet-Etage im Kaufhaus des Westens, das Sony Music Entertainment und die Gestaltung des Clubs „Berghain“.

Berlin, "Berghain" im Schnee (Bild: Michael Mayer, CC BY 2.0, 2016, via flickr.com)

Berlin, „Berghain“ im Schnee (Bild: Michael Mayer, CC BY 2.0, 2016, via flickr.com)

Alle Inenaufnahmen zeigen die „Halle am Berghain“, Innenraufnahmen der Clubräume (Tanzfläche etc.) selbst sind nicht gestattet.

Titelmotiv: Berlin, „Berghain“ mit künstlerischer Installation, 2020 (Bilder: © Carsten Goebell, via flickr.com)

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