FACHBEITRAG: Unter der Laterne

von Karin Berkemann (16/1)

Langen, Albertus-Magnus-Kirche (Bild: K. Berkemann)
Hier leuchten nicht nur die Farben: die Albertus-Magnus-Kirche (J. Kepser, 1985) im hessischen Langen (Bild: K. Berkemann)

Die Schönheit und das Göttliche sind bekanntermaßen Geschwister: Beide lassen sich schwer finden, aber leicht erkennen, denn die Begegnung mit ihnen tut weh. Man könnte es vornehmer als schmerzhafte Grenzerfahrung beschreiben, weil sie Räume eröffnen, die sich vom heimischen Wohnzimmer unterscheiden. Kirchenbauer wählten dafür entweder ein barockes „Mehr“ (Blattgold mit Gedöns) oder ein modernes „Weniger“ (Kunststein ohne Alles) – wobei spätere Nutzer selten der Versuchung widerstanden, Gott darin mit Tüll und Yuccapalme ein besonders behagliches Plätzchen anzubieten. Und dann gibt es jene Räume, die uns einen wohligen Schauer über den kulturbourgeoisen Rücken jagen. Die uns zu sehr an das Wohnzimmer unserer Jugend erinnern, um sie vorbehaltlos „schön“ zu nennen. Die uns aber noch eine ganze Weile beschäftigen, wenn wir jede Inkunabel längst als solche verbucht haben. Ein ebensolcher Raum ist auch die katholische Albertus-Magnus-Kirche im hessischen Langen aus dem Jahr 1985 – die wundervoll überbordende Frucht eines lang gehegten Wunsches.

 

Schnörkel oder klare Kante

Langen, Stadtkirche (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)
Die Marburger Elisabethkirche lässt grüßen: ein Blick auf die neugotische evangelische Stadtkirche von Langen (J. C. Horst, 1883) (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)

Bereits 1526 war Langen mit Landgraf Philipp zum Protestantismus gekommen. Als Gottesdienstraum diente weiterhin die mittelalterliche Kirche im Ortszentrum, die 1883 durch einen Neubau ersetzt wurde. Oberbaurat Johann Christian Horst stellte seinen neugotischen Entwurf mit Fensterrose und steinernem Turmhelm programmatisch in die Nachfolge der Marburger Elisabethkirche, der Mutterkirche der hessischen Landgrafen und ihrer Reformation. Obendrauf erhielt Langen durch Großherzog Ludwig IV. von Hessen-Darmstadt zur Einweihung noch die Stadtrechte. Die Katholiken hingegen blieben eine Minderheit, die erst 1893 in damaliger Ortsrandlage eine Marienkapelle errichten konnte. In der Frankfurter Straße schuf der Mainzer Dombaumeister Joseph H. A. Lucas einen maßstäblichen, jedoch in seinen neugotischen Formen deutlich sakralen Backsteinbau. 

Die Zahl der Katholiken wuchs nach 1945 durch Flüchtlinge und Zuzüge sprunghaft an, was auch die neue „Wohnstadt Oberlinden“ südwestlich von Altstadt und Bahnlinie prägte. Für beide Konfessionen stellte die Wohnungsbaugesellschaft „Nassauische Heimstätte“ städtebaulich prominente Grundstücke bereit und drängte auf künstlerisch anspruchsvolle Kirchenbauten. So wurde 1963 die evangelische Martin-Luther-, 1968 die katholische Thomas-von-Aquin-Kirche eingeweiht. Während man hier das Beste der Klassischen Moderne (Materialsichtigkeit und geometrische Grundformen) mit einigen spätmodernen Flausen (Faltdach und Farbakzente) verband, spielte man in der Innenstadt mit der Geschichte: In der Bahnstraße bekam das Evangelische Gemeindehaus 1926 eine klassi(zisti)sche Fassadenordnung, die neue katholische Albertus-Magnus-Kirche 1956 ein stilisiertes Rosettenfenster – als kleiner konfessioneller Nadelstich in Richtung evangelische Stadtkirche.

 

Warum kleckern, wenn man …

Langen, Albertus Magnus (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)
Ein Hauch von Schlumpfhausen: Hutartige Kupferdächer in Stehfalz-Deckung überfangen das Pfarrzentrum der Langener Albertus-Magnus-Kirche (Bild: E-W, CC BY SA 3.0)

Gut 20 Jahre nach ihrer Weihe wurde die erste Albertus-Magnus-Kirche im März 1979 baupolizeilich geschlossen, da man die Betonbinder als schadhaft und damit den gesamten Bau als einsturzgefährdet einstufte. Bereits im November desselben Jahres folgte der Abriss, 1982 die Genehmigung für einen Neubau. Für das neue Pfarrzentrum schöpfte man selbstbewusst aus dem Vollen: Zwischen 1983 und 1985 entstand ein großzügiges Ensemble aus Kirche mit Turm, Gemeindesaal, Gruppenräumen, Jugendheim und Kindertagesstätte.

Nach Norden, zur belebten Bahnstraße hin, öffnet sich die weitläufige Anlage mit all ihren Funktionen um den „Brunnenhof“. Überragt wird das backsteinsichtige Ensemble mit hutartigen Kupferdächern vom 27 Meter hohen Turm, der stolze fünf Glocken trägt. Kommt der Besucher von Süden, vom ruhigen Albertus-Magnus-Platz her, lässt das Pfarramt links liegen und überquert den kleinen Vorplatz, gelangt er zur Kirche über einen separaten Zugang im Turm. Vom annähernd quadratischen, mehrfach verkröpften Kirchengrundriss bleibt – zieht man das langgestreckte Foyer ab – für den Gottesdienstraum eine längsrechteckige Grundfläche. Dieser Querrichtung folgt die Firstlinie der kupferverkleideten Deckenkonstruktion, die sich mittig nochmals zu einem Oberlicht aufbäumt. An den Kirchenbau ist im Osten ist eine Apsis, im Norden die Kapelle „Maria vom Frieden“ angegliedert.

 

Viel Farbe und einige Straßenlaternen

Langen, Albertus-Magnus-Kirche (J. Kepser, 1985) (Bild: K. Berkemann)
Ein postmodernes Feuerwerk: Klinkerrot und Kupfergrün werden im Gottesdienstraum der Langener Albertus-Magnus-Kirche vielfach aufgegriffen (Bild: K. Berkemann)

Spätestens im Inneren kann man der Albertus-Magnus-Kirche kaum den Vorwurf der Unscheinbarkeit machen, denn hier steigert sich der Farbklang aus Klinkerrot und Kupfergrün zum postmodernen Feuerwerk: Die schiffsbugartige Deckenkonstruktion setzt grüne neben rote Holzelemente und dazwischen eine ebensolche Kassettierung – ein Motiv, das die seitliche Orgelempore wieder aufgreift. In der Apsis, die eine stilisierte Fenstergestaltung des rheinischen Glasmalers Georg Meistermann rahmt, steht die Tabernakelstele vor einem grün-goldenen Wandgemälde mit Engelsmotiven, das der Kölner Kirchenmaler Klaus Balke schuf. Die Altarinsel und die hufeisenförmig darum gescharten Bankblöcke werden von rot-grünen „Straßenlaternen“ beleuchtet …

Dieses Farben- und Formenwunder wurde vom Architekten Johannes W. M. Kepser entworfen. Geboren 1935 in Goch am Niederrhein, konnte er seiner Liebe zur Malerei nicht zum Brotberuf machen. Stattdessen studierte er an der Werkkunstschule in Krefeld bis 1962 Architektur – und blieb der Kunst als Gasthörer treu. Nach ersten Berufsjahren in Köln zog Kepser 1973 nach Dreieichenhain, arbeite als freier Architekt mit Schwerpunkt im Kirchenbau. Ab 1980 leitete er zudem eine kunsthistorische Exkursionsreihe des katholischen Bildungswerks Südhessen. Auch in seinen Bauprojekten legte Kepser Wert auf einen sensiblen Umgang mit der Geschichte und eine ausdrucksstarke farbliche Ausgestaltung. So gab er z. B. der Langener Stadtkirche bei der Restaurierung von 1996/97 ihre bauzeitliche Ausmalung samt „Sternenhimmel“ zurück.

 

Abschied von der Dekosperre

Velbert-Neviges, Mariendom (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Nennen wir es mal „starkfarbig“: die Tabernakelstele von Elmar Hillebrand vor den Fenstern von Gottfried Böhm im Mariendom zu Neviges (G. Böhm, 1968) (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Kepsers Albertus-Magnus-Kirche lebt vom Spiel der Oberflächen: Aus der natürlichen Färbung der vorherrschenden Baustoffe leitete er die weitere Gliederung des Innenraums ab. In Klinkerrot und Kupfergrün strukturierte er einzelne Bauteile wie die hölzerne Deckenkonstruktion. Die backsteinsichtigen Wände erhielten zudem einen stufengiebelartigen Reliefabschluss. Hier spielt Architektur mit ihren Notwendigkeiten und wird zu ihrer eigenen Schmuckform. Würde es nicht zu sehr nach Hochzeitstorte und Wandtattoo klingen, man könnte von Dekor sprechen.

Damit brachte Kepser ein Stück rheinische Kirchbaugeschichte an den Main. „Gewölbe“ und Apsis lassen nicht nur an die mittelalterlichen Kirchen in und um Köln denken. Hier kannte auch die Nachkriegsmoderne mehr als kantiges Kunststeingrau: von den kühnen Schwüngen eines Hans Schilling über den „Historismus“ eines Karl Band bis zur Opulenz der Böhm-Dynastie. Nicht umsonst zeigte Gottfried Böhm bei einer Inkunabel der Kirchbaumoderne, seiner Wallfahrtskirche von Neviges (1968), keinerlei Scheu vor Tradition und Farbe. Unter seiner vielfach gefalteten Betondecke, zwischen seinen glühenden Fenstergestaltungen, leuchten monumentale Laternen auf die Pilgerschar herab.

 

Postmoderne Piazza

Stuttgart, Calwer-Passage (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F078962-0029, 1988)
Künstliche Erlebniswelten: die denkmalgeschützte „Calwer-Passage“ (Kammerer, Belz und Partner, 1978) in Stuttgart, die heute vom Projekt „Fluxus“ mit Leben gefüllt wird (Bild: Bundesarchiv B 145, Bild F078962-0029, 1988)

Mit der profanen Straßenlaterne verschränkten Kirchenbauer wie Gottfried Böhm nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) gerne den liturgischen mit dem öffentlichen Raum. Zeichenhaft zogen sie den Pflasterbelag vom Vorplatz bis ins Kircheninnere. Aus dem geschützten Bezirk der Gottesdienstgemeinde sollte ein Ort der Begegnung und der „tätigen Teilnahme“ werden. Um den Kirchenbau gruppierten sich die weiteren Funktionen des Pfarrzentrums. Und auf der Suche nach Vorbildern ging der Blick auch in den profanen Raum, zu den „Marktplätzen“.

Mit dem ihr eigenen Überschwang stilisierte die Postmoderne jede Mall zur italienischen Piazza. So formte man z. B. die „Calwer Passage“ (Kammerer, Belz und Partner, 1978) nach dem Vorbild der Mailänder Galeria Vittorio Emanuele II (1867) mit Marmor, Stahl und Glas zur glitzernden Erlebniswelt. Was in Stuttgart mit der Aufenthaltsqualität den Konsum heben sollte, stand für Kepser im Dienst des kirchlichen Gemeinschaftsgedankens. So steigerte er in Langen die feierliche Raumwirkung zum liturgischen Zentrum hin: Die Außenlaternen des Brunnenhofs unterscheiden sich von ihren farbstarken Schwestern im Kirchenraum. Über dem Altar verweist der monumentale Radleuchter auf das himmlische Jerusalem. Bei ähnlichem Muster wird auch das Material des Bodenbelags vom Vorhof bis zum Altarraum immer edler.

 

Fleischgenuss im Dienst der Kirche

Langen, Albertus-Magnus-Kirche (Bild: K. Berkemann)
27 Meter, 5 Glocken und 1 Gockel: der Turm der Langener Albertus-Magnus-Kirche wurde gerade saniert (Bild: K. Berkemann)

Bis heute blieb die Albertus-Magnus-Kirche fast unverändert erhalten. In den letzten Jahren wurde ihre Ausstattung angereichert, so dass sie nun gleich zwei Grandseigneurs der Glaskunst versammelt: Das bauzeitliche Fensterband von Georg Meistermann und neuere Einzelfenster des Langener Glasmalers Johannes Schreiter. Gerade hat die Gemeinde, die wieder mit der Liebfrauen- und Thomas-von-Aquin-Kirche zur St. Jakobus-Gemeinde zusammengelegt wurde, ihren Kirchturm und das ihn bekrönende Schmuckwerk saniert. Der finanzielle Eigenanteil wurde engagiert und kreativ beigebracht, u. a. durch den Verkauf von „Gockelwurst“.

Seien wir ehrlich: Als Kind der 1980er Jahre schaut man sich in der Albertus-Magnus-Kirche instinktiv nach Papa Schlumpf um. Nach einer Weile wird alles zu nah, zu viel, zu schön. Dieser Reflex wird in den kommenden Jahren erlahmen und einer klärenden Distanz weichen. Trotzdem lohnt es schon jetzt, den am Scan-Design geschulten Geschmack abzuschütteln, denn hier wusste jemand, was er tat: Auf dem Boden der rheinischen Kirchbautradition stellte Kepser seine Formzitate in den Dienst eines zeitgenössischen theologischen Raumkonzepts und entfaltete seine überbordende Farbwelt konsequent aus den Baustoffen.

 

Wohin mit so viel Schönheit

Niederreifenberg, St. Johannes (Bild: Karsten11, CC0)
Eine von vielen: St. Johannes d. T. (E. Hofmann, 1980) im hessischen Niederreifenberg (Bild: Karsten11, CC0)

Wie die staatliche Denkmalpflege künftig mit solch jungen überschwänglichen Baukunstwerken umgeht, bleibt spannend. So wurde beispielsweise die Verfasserin mit der Inventarisation modernen Kirchen in Offenbach Stadt und Landkreis beauftragt – bis zum Baujahr 1979. Schon für diese vor-postmodernen Jahre sind noch längst nicht alle Kämpfe ausgefochten. Die Arbeitsgemeinschaft Inventarisation der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland veröffentlichte 2009 eine – wie sie es nannte – „Stichwortsammlung“ zur Bewertung von Kirchen nach 1945: von der historischen über die städtebauliche, architekturgeschichtliche, künstlerische und liturgiegeschichtliche Bedeutung bis hin zum Erhaltungszustand. Ein hilfreicher Leitfaden, der immer wieder aufs Neue vor Ort individuell und fachkundig auf die jeweilige Kirchenlandschaft heruntergebrochen werden muss.

In den vergangenen Jahrzehnten setzte die denkmalfachliche Auseinandersetzung logischerweise immer dann ein, wenn eine Baugattung, wenn eine Stilepoche akut bedroht war. Demnach sind jetzt (!) die Bauten der Spät- und Postmoderne an der Reihe, denn im Niemandsland zwischen neu und historisch zählen sie besonders häufig zur „Verschiebemasse“ der – durch Mitgliedschafts-, Finanz- und Sinnkrise ausgelösten – kirchlichen Umstrukturierungsprozesse. Umso leidenschaftlicher nehmen sich gerade die virtuellen Communities ihrer an. Vielleicht ist es die radikalste Form des Widerstands, sich bei all den notwendigen Kämpfen nicht den Spaß an diesen fast kindlich heiteren, überschwänglich fantasievollen und überfordernd schönen Kirchenräumen verderben zu lassen. Denn: Auch wenn sich die Verfasserin Gott eher als Nomaden vorstellt – sollte dieser einmal den Hang zu Teilzeitsesshaftigkeit verspüren, steht für ihn in Langen schon ein ebenso kunstvolles wie behagliches Plätzchen bereit.

 

Rundgang

Ein Blick auf einige der Kirchenschönheiten im hessischen Langen …

 

Literatur (in Auswahl)

Betzendörfer, Eduard, Geschichte der Stadt Langen, Langen/Hessen 1961.

Kirchbauverein St. Albertus Magnus, Langen/Hessen.

Katholische Kirche Langen, Pfarrgemeinde St. Jakobus, Langen/Hessen.