LEITARTIKEL: Kann ein Bau stranden?

von Kerstin Wittmann-Englert (Heft 14/2)

Berlin, ICC (Bild: Alfred Englert)
Wie viele Großbauten der 1960er und 1970er Jahre steht das Internationale Congress Centrum Berlin (ICC) aktuell vorm Umbruch (Bild: Alfred Englert)

„Gestrandete Wale“ oder „Schlafende Riesen“: Mit kraftvollen Bildern wie diesen sind multifunktionale Großbauten angesprochen, deren Fortbestehen und/oder Nutzung ungewiss ist. Dabei handelt es sich zumeist um Gebäude der Nachkriegsmoderne. Die Baukunst dieser Zeit ringt immer noch um ihre verlorene öffentliche Anerkennung. Das gilt insbesondere für jene der 1960er und 1970er Jahre.

 

Schönheit unterliegt dem Zeitgeschmack

Einige von ihnen sind gefährdet oder wurden, wie der Ostberliner Palast der Republik, bereits abgerissen. Weder entsprechen sie den heutigen Schönheitsidealen, noch sind sie bereits in ihrer historischen Dimension akzeptiert. Die Erzeugnisse der späten 60er- und 70er-Jahre werden häufig noch als „hässliche Neubauten“ abgelehnt und nicht als historisch wertvolle „Altbauten“ wahrgenommen.

Berlin, Palast der Republik (Bild: 1977, Scan: Istvan)
Die Wahrnehmung von Großbauten – hier der Berliner Palast der Republik – unterliegt mehrfachem Wandel (Bild: 1977, Scan: Istvan)

Doch die Beurteilung ästhetischer Formen beziehungsweise des Schönen in Kunst und Architektur unterliegt bekanntermaßen einem steten Wandel. Die Urteile stehen – vor allem dann, wenn es sich um kulturelle Zeugnisse einer Epoche handelt, die die Beurteilenden selbst miterlebt haben – in der Gefahr allzu großer Subjektivität. Schönheit ist keine feststehende, objektive Kategorie, sondern Schönheitsideale unterliegen dem Zeitgeschmack. Das ist nicht zu vergessen!

 

Stil, Charakter und Substanz erhalten

Bei Großbauten der 60er und 70er Jahre handelt es sich oft um kulturelle, gesellschaftliche oder auch politische Prestigeobjekte. Zugleich besitzen etliche der nachkriegsmodernen Gebäude aber auch das, was heute im Kontext baulicher Rekonstruktionen gern, aber als ästhetisches Konzept eben auch fälschlich angeführt wird: die Authentizität, eine Echtheit im Sinne von Ursprünglichkeit der Substanz. Gebäude unter Wahrung des Authentischen zukunftsfähig zu machen, sprich: Sie energetisch zu ertüchtigen und aktuellen Sicherheitsstandards anzupassen, ist die große Herausforderung.

Es gilt, nicht allein Stil und Charakter, sondern eben insbesondere Substanz zu erhalten, um nachfolgenden Generationen ein möglichst unverfälschtes Bild der nachkriegsmodernen Baukunst zu bewahren. Geschieht dies nicht, täten wir es den Restauratoren des 19. Jahrhunderts und dem viele Jahrzehnte in der Wissenschaft gescholtenen französischen Architekten Eugène Viollet Le Duc gleich: Nach seiner Aussage konnte eine Restaurierungsmaßnahme auch darin bestehen, „das Bauwerk in einen Zustand der Vollständigkeit zu versetzen, den es vielleicht niemals zu einer bestimmten Zeit besessen hat“.

 

Zum Beispiel: das ICC Berlin

Berlin, ICC (Bild: Alfred Englert)
Das ICC – gestaltet von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte – wurde im Jahr 1979 eingeweiht (Bild: Alfred Englert)

Zu den (noch) weitgehend authentisch erhaltenen Bauwerken, um die derzeit gerungen wird, gehört das Internationale Congress Centrum (ICC) der Architekten Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Die Planungen reichen zurück bis in die Mitte der 1960er Jahre, die Eröffnung fand im April 1979 statt: Ein gelungenes Beispiel  für eine Architektur, die durch Materialität,
Konstruktion und technisch inspirierte Gestaltgebung technologischen Fortschritt kommuniziert.

Das ICC zählt zu den wenigen europäischen Großbauten, die diesem Stil zuzurechnen sind – neben etwa dem Centre Pompidou in Paris oder dem Klinikum Aachen. Doch während diese durch Denkmalschutz (Aachen) oder durch Anerkennung als nationales Kulturgut (Paris) in ihrer Erhaltung unangefochten sind, steht in Berlin die Entscheidung noch aus: In der aktuellen Diskussion dominiert das Konzept einer Verbindung aus Shoppingmall, Kongress- und Kulturnutzung.

Erinnert an das Raumschiff Orion: der "Runde Saal" im ICC Berlin (Bild: Alfred Englert)
Erinnert an das Raumschiff Orion: der „Runde Saal“ im ICC Berlin (Bild: Alfred Englert)

Für die zuletzt genannten wurde das Haus erbaut und hat sich bewährt, doch mit einer kommerziellen Nutzung wären bauliche Veränderungen verbunden, die einer Zerstörung gleichkämen. Der Ruf nach Denkmaleintragung, getragen von Institutionen wie der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger, der Architektenkammer Berlin und dem Landesdenkmalrat Berlin, wird immer lauter. Ihm sollte man folgen, denn das ICC ist mehr als nur Zeitzeugnis einer vergangenen, mittlerweile abgeschlossene Epoche. Es ist als Unikat ein über alle Maßen gelungenes Zusammenspiel von zeitgemäßer Konstruktion und Materialität, gestalterischer Qualität, baukünstlerischem Ausdruck und erwiesener Funktionalität.

 

Ein „Boulevard“ zu verschiedenen Nutzungen

Das Bauwerk lagert – mit einer Länge von 320 m, einer Breite von 80 m und einer Höhe von 40 m – breit und mächtig zwischen Messedamm, Stadtautobahn und die diese auf der Ostseite flankierenden Bahntrassen. Die von der Autobahn weithin sichtbare Stahlbinderkonstruktion wurde als tragende Struktur nach außen gestellt und umklammert den Baukörper von oben. An den Flanken wird sie mit einer monumentalen fachwerkverspannten Doppelschiene zusammengehalten. Baukörper und Tragestruktur sind mit schimmernden, teils in kräftigem Rot gefassten Aluminiumblechen bekleidet.

Berlin, ICC (Bild: Alfred Englert)
Der „Boulevard durch das ICC (Bild: Alfred Englert)

Im Innern hält das ICC das bereit, was man im Äußeren vermissen mag: die Straße für die Fußgänger. Denn in seiner inneren Struktur folgt das Bauwerk der Idee einer Stadt mit einem zentralen Platz und einem Netz aus Straßen unterschiedlicher Breite. Der Länge nach wird das Gebäude von einem Eingangsfoyer durchschnitten, das von den Architekten „Boulevard“, also Prachtstraße, genannt wurde. Von diesem Boulevard zweigen – vergleichbar mit Querstraßen in Hanglagen – Treppen und Rolltreppen ab, die zu den tiefer gelegenen Garderoben oder den Sälen in den oberen Geschossen führen. Das Herzstück des Hauses bilden die beiden großen Veranstaltungssäle im obersten Stockwerk mit rund 7.500 Plätzen und das sie verbindende hoch aufragende Bühnenhaus. Diese Trias ist auch im Äußeren ablesbar und gibt dem Bauwerk seine unverwechselbare Form.

 

Gestrandete Wale?

Nach nur 35 Jahren Kongressnutzung soll das ICC nun ausgedient haben und wurde jüngst funktional ersetzt durch den nahegelegenen „CityCube“. Baulich bleibt das ICC – neben der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – ein zentrales Wahrzeichen des einstigen West-Berlins. Und es bleibt zu hoffen, dass die politisch Verantwortlichen seiner architektonischen und stadtbildprägenden Bedeutung mit dem Auftrag zur behutsamen Sanierung und objektorientierten Nutzung entsprechen werden.

Berlin, Bikinihaus nach der Wiedereröffnung (Bild: indeedous)
Das Berliner Bikinihaus wurde jüngst aufwändig saniert (Bild: indeedous)

Ein gestrandeter Wal ist das ICC noch nicht. Und wie schaut es mit den anderen, in dieser Ausgabe besprochenen Bauten aus? Der Palast der Sowjets (Fachbeitrag: Julius Reinsberg) verblieb, da für die damalige Zeit zu utopisch, im Projektstatus. Das Kröpcke-Center in Hannover wurde faktisch abgerissen (Fachbeitrag: Olaf Gisbertz), das Offenbacher Gothaer Haus steht vorm Ungewissen (Interview mit Peter Cachola Schmal), das Kulturhaus in Zinnowitz (Porträt: Karin Berkemann) verfällt. Das Bikinihaus in Berlin (Fachbeitrag: Karin Wilhelm) wurde jüngst saniert und im rückwärtigen Teil um eine terrassierte Struktur mit Shoppingmall ergänzt.

 

„Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“

„Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ lautete 1975 das Motto des Europäischen Denkmalschutzjahres. Diese Forderung hat auch 40 Jahre später nicht an Bedeutung verloren, schließt mittlerweile allerdings das bauliche Erbe der Nachkriegsmoderne ein. Im Bewusstsein ihres Wertes ist dem früh begonnenen achtlosen Umgang mit den Zeugnissen dieser noch jungen Vergangenheit Einhalt zu gebieten, wenn verhindert werden soll, dass weitere Zeugnisse jener Epoche verschwinden oder unkenntlich gemacht werden.

 

Literatur

Buttlar, Adrian von/Wittmann-Englert, Kerstin/Dolff-Bonekämper, Gabi (Hg.), Baukunst der Nachkriegsmoderne. Architekturführer Berlin 1949-1979, Berlin 2013

Escherich, Mark (Hg.), Denkmal Ost-Moderne – Aneignung und Erhaltung des baulichen Erbes der Nachkriegsmoderne, Berlin 2012

Nachkriegsmoderne kontrovers – Positionen der Gegenwart. Tagungsband zum gleichnamigen Symposium an der TU Braunschweig, veranstaltet vom Netzwerk Braunschweiger Schule 15.-16.07.2010, 25.11.2011, Berlin 2012

Durth, Werner/Sigel, Paul, Baukultur – Spiegel gesellschaftlichen Wandels, Berlin 2009

Buttlar, Adrian von/Heuter, Christoph (Hg.), Architektur der 60er Jahre. Wiederentdeckung einer Epoche, Berlin 2007