LEITARTIKEL: Promis im Paternoster

von Jürgen Mayer (Heft 14/3)

Mario Adorf im WDR-Paternoster (Bild: WDR 2r)
Mario Adorf (links) im Gespräch mit Jürgen Mayer im Kölner WDR-Paternoster (Bild: WDR 2)

„Hier rein?“, fragte der feine Herr. Im Foyer gingen augenblicklich die Köpfe herum. Alle erkannten den Mann schon an der markanten Stimme. Er hatte weißes Haar und trug einen eleganten Schal. Kurz dreht er sich um, lächelte höflich zu den Umstehenden, stieg in die nächste Kabine des Paternosters und begann dort, auf die Interview-Fragen zu antworten.

Die Menschen im Foyer des WDR-Funkhauses schauten ihm nach, bis seine Kabine ganz im Stockwerk darüber verschwunden war. Während sich der Paternoster etwas knarrend aufwärts bewegte, erzählte Mario Adorf über seine Rolle im neuen Pinocchio-Film, über seine Heimat in der Eifel, über Leidenschaft für Fußball und warum er München so mag. Der Weltstar bekam große Augen wie ein kleiner Junge, als die Kabine über das mächtige Schwungrad oberhalb der 5. Etage glitt. Beim Anblick der dicken Kette wirkte er ebenso erstaunt wie besorgt.

 

Der besondere Interview-Ort

„Der WDR2-Paternoster“. So schlicht heißt die Interview-Reihe, die Sonntag für Sonntag in einem der populärsten deutschen Radioprogramme ausgestrahlt wird. Seit dem Frühjahr 2007. Die Redaktion hatte lange nach einer ganz besonderen Form des Interviews gesucht; einer Form, die nicht so streng daher kommt wie die üblicherweise knallhart geführten Gespräche in diesem Sender.

Sie suchten nach einer Mischung aus Small-Talk und Interview, bei der bestenfalls eine nicht ganz so bekannte Seite des prominenten Gastes zum Vorschein kommt. Bei der sich eine Facette heraus schält, die der Prominente nur selten zeigt. Irgendwer hatte damals die Idee, die Umgebung für das Prominenten-Interview radikal zu verändern. Zu überraschen mit einem ungewöhnlichen Ort. Und der fand sich nur wenige Meter von den Redaktionsräumen entfernt.

 

 

Seit 1952 dreht er seine Runden

Seit 1952 dreht der Paternoster im Funkhaus des WDR am Kölner Wallraffplatz seine Runden. Mit exakt 24 Zentimetern in der Sekunde bewegen sich die 16 hölzernen Kabinen rauf und runter. Alle zwei Wochen muss die komplette Technik gefettet werden. Denn die Mechanik erfolgt über Holzschienen. Je trockener sie werden, desto mehr quietscht und knarrt der Paternoster.

Die Rechnung ging tatsächlich auf. Die Interviews im Paternoster sind anders als Interviews in den üblichen, fast sterilen Radiostudios mit viel Glas und schallschluckenden Wänden. Im Paternoster schluckt nichts den Schall. Man hört von Stockwerk zu Stockwerk andere Geräusche, andere plappernde Menschen, andere Absätze auf den steinernen Fußböden des Funkhauses. Die Kette rattert ganz leise im Hintergrund, trotz des Fettes knackt das Holz. Dazu kommt die gemächliche Fahrt; beruhigend, fast entschleunigend.

Die Enge in der kleinen Kabine tut ihr Übriges. Die Interviewer und der Gast kommen sich zwangsläufig nah. Auch körperlich. Diese fehlende Distanz, diese distanzlose Atmosphäre führt in den meisten Fällen auch dazu, dass das Gespräch an Distanz verliert. Dass auch dort Schranken fallen.

 

„Der Runde muss ins Eckige!“ (Reiner Calmund)

Rund dreihundert prominente Gäste sind bislang für die WDR2-Reihe mit dem Paternoster gefahren. Die Liste beginnt bei Götz Alsmann und endet bei Wim Wenders. Musiker und Schauspieler, Regisseure und Sportler, Schriftsteller, Moderatoren und Comedians haben die Fahrt mitgemacht – und alle sagen noch nach Jahren, wenn sie wieder im Haus sind, dass sie sich gerne an den Paternoster erinnern.

„Ich habe mich schon an vielen Orten mit Redakteuren getroffen“, schrieb Peter Maffay eine Woche nach der Paternoster-Fahrt, „aber noch nie in einem Aufzug. Gerne wieder!“ Reiner Calmund kommentierte gewohnt selbstironisch seinen Einstieg in die hölzerne Kabine: „Der Runde muss ins Eckige!“.

Dass die schrillste Reaktion auf den Paternoster ausgerechnet von Nina Hagen kam, überrascht nicht wirklich. Die Sängerin betrachtete erst minutenlang die fahrenden Kabinen, erklärte sich dann mit der Fahrt einverstanden, um wenige Augenblicke später beim Betreten in einen Schreikrampf zu verfallen und durch das komplette Foyer des ehrwürdigen WDR-Funkhauses zu brüllen: „Die wollen mich zwingen, in das Ding zu steigen!“

 

 

Renan Demirkan und die Klaustrophobie

Manchmal gibt auch der Paternoster selbst den Stoff für die Fragen des Interviews an diesem ungewöhnlichen Ort ab. Als sich die Schauspielerin Renan Demirkan weigerte, den Paternoster zu betreten, wurde das Interview zu einem Gespräch über Ängste. Sie erzählte, dass sie Jahre zuvor auf der Theaterbühne in einer Kiste eingesperrt war, die sich nicht mehr öffnen ließ. Vor den Augen des Publikums musste die Kiste mit Gewalt aufgebrochen werden, die Schauspielerin war panisch vor Angst, sie würde ersticken. Noch niemals zuvor hatte sie so intensiv über ihre Klaustrophobie gesprochen wie hier – auf dem Flur vor dem Paternoster, der im Hintergrund seine Runden drehte.

Die Gäste, die zum ersten Mal in ihrem Leben mit einem Paternoster fahren, kommen oft völlig aus dem Tritt, wenn die Kabine über dem großen Schwungrad unterm Dach die Richtung wechselt und die martialische Kette kurz zum Vorschein kommt. Dass sie dann aus dem Rhythmus kommen, ist gut. Sie verlassen dann auch oft ihre üblichen Antwortpfade, weichen von ihren üblichen Floskeln ab, verlieren den Faden ihrer vorgefertigten PR-Texte. Oft kommt fast auch so etwas wie eine zarte Bande zwischen Interviewer und Gast zustande. So, als meistere man gerade gemeinsam ein gefährliches Abenteuer. Das sind meist die besten Augenblicke in den Paternoster-Interviews.

 

Der Vater von Dirk Bach

Manche Gäste kennen den Paternoster im WDR-Funkhaus aber auch schon sehr lange. Dann weckt er Erinnerungen. Dirk Bach etwa, der eine kölsche Frohnatur mit stets überquellender guter Laune war, wurde während der Fahrt immer nachdenklicher, fast sentimental. Und dann fehlten ihm die Worte und er spürte einen Kloß im Hals.

Er musste an seinen längst verstorbenen Vater denken. Der war früher Nachrichtenredakteur im WDR und immer, wenn der kleine Dirk Bach seinen Vater auf der Arbeit besucht hat, durfte er mit ihm eine Runde im Paternoster drehen. Als der große Dirk Bach dann wieder in diesem Paternoster stand, da hatte ihn die plötzliche Erinnerung an seinen Vater regelrecht überwältigt.

 

Und schon Heinrich Böll …

Christine Urspruch (Bild: WDR 2)
Christine Urspruch im Interview (Bild: WDR 2)

Nach sieben Jahren ist der Paternoster am Kölner Wallraffplatz inzwischen zu einem Symbol für eine neue Art des Radio-Talks geworden. Geschichtsträchtig ist er ohnehin schon seit vielen Jahrzehnten. Heinrich Böll hat ihm 1955 in der Kurzgeschichte „Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ ein literarisches Denkmal gesetzt. In der Geschichte geht es um den Kulturredakteur einer großen Rundfunkanstalt in Köln:

„Jeden Morgen, wenn er das Funkhaus betreten hatte, unterzog sich Murke einer existenziellen Turnübung: Er sprang in den Paternosteraufzug, stieg aber nicht im zweiten Stockwerk, wo sein Büro lag, aus, sondern ließ sich höher tragen, am dritten, am vierten, am fünften Stockwerk vorbei, und jedes Mal befiel ihn Angst, wenn die Plattform der Aufzugskabine sich über den Flur des fünften Stockwerks hinweg erhob.“ Womöglich machte Murke in diesem Moment das gleiche besorgte und erstaunte Gesicht wie sechzig Jahre später Mario Adorf.