„Und wieder hatte ich Glück …“

INTERVIEW: Zu Hause bei Dieter Rams

 

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der Braun-Designer Dieter Rams zeigt sein Kronberger Atelier- und Wohnhaus (Bild: K. Berkemann)

Wie wohnt ein Designer, der das Zuhause von zwei Generationen eingerichtet hat? Ganze 40 Jahre war Dieter Rams (* 1932) für den Elektrogerätehersteller Braun kreativ. Viele seiner Entwürfe – wie das Audiomöbel „Phonosuper SK4“, der sog. Schneewittchensarg – sind längst Kult. Ihre klare Formen werden heute von internationalen Marken wie Apple zitiert. Ob Sessel, Regal oder Türklinke, mit renommierten Herstellern wie Vitsoe (+ Zapf) oder FSB entwickelte Rams alles Denkbare für Arbeit und Freizeit. Ein so umfassendes Lebenswerk, dass Rams sein Domizil problemlos mit eigenen Entwürfen ausstatten konnte. An den Hängen der Taunusstadt Kronberg, in der Neubausiedlung Roter Hang, liegt sein modernes Wohn- und Atellierhaus aus dem Jahr 1971. Und mit dessen Gestaltung ist der gelernte Innenarchitekt ebenfalls eng verwoben. Herr Rams, Sie leben inmitten Ihrer eigenen Entwürfe. Haben Sie denn nie frei? Warum sollte ich? Gutes Design umfasst doch das ganze Leben. Darum haben wir damals am Roten Hang zwei Grundstücke bebaut: im Norden das Wohnhaus, am Hang nach Süden das Atelier. Hier richtete ich mir ein Büro und eine Werkstatt ein. Meine Frau – sie ist Fotografin – hatte lange eine Dunkelkammer. Wohn- und Arbeitsbereich sind über einen Flur verbunden. Eine freie Stufe markiert, dass zwei Dinge gleichberechtigt aufeinander treffen. Aber manchmal sitze ich hier einfach auch nur gerne. Und der Pool in Ihrem Garten? Eine Ausnahme in der Siedlung. Für meinen Rücken muss ich viel schwimmen. Und ich schaue gerne vom Büro und Wohnzimmer auf den Pool.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Im Wohnzimmer mischt Rams Thonet-Stühle unter eigene Entwürfe (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist ästhetisch. … Denn ganz sicher ist es unangenehm und mühsam, Tag für Tag mit Produkten zu tun zu haben, die verwirrend sind, die einem buchstäblich auf die Nerven gehen“. (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Angefangen haben Sie mit der Architektur? Den Beschluss fasste ich in der Werkstatt meines Großvaters, in der ich groß geworden bin. Er war Schreiner und Spezialist für Oberflächen. Wenn es ein Klavier zu restaurieren gab, war er der richtige Mann. Nach dem Krieg hatte ich Glück und studierte an der Werkkunstschule Wiesbaden. Vertreten waren alle Richtungen, von der Mode über die Keramik bis zur Gebrauchsgrafik. Wie ein kleines Bauhaus. Und wieder hatte ich Glück und konnte 1953 im Frankfurter Architekturbüro Otto Apel anfangen.

Bis Sie Erwin Braun begegnet sind … Richtig, durch ihn kam ich zum Design. Erwin und Artur Braun bauten damals etwas Neues auf. Die Firma expandierte von Frankfurt nach Kronberg. Mit der Ulmer Hochschule für Gestaltung entwickelten wir moderne Elektrogeräte – von Radio bis zum Rasierapparat.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der heimische Werkstattraum entstanden viele Entwürfe (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist unaufdringlich. Produkte, die einen Zweck erfüllen, haben Werkzeugcharakter. Sie sind weder dekorative Objekte noch Kunstwerke. Ihr Design sollte daher neutral sein“. (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Was war Ihr Gestaltungsprinzip? „Less but better.“ Später habe ich für Studenten, aber nicht nur für Studenten, die „Zehn Gebote zum Design“ formuliert. Gutes Design ist ästhetisch, funktional, … Aber es läuft immer wieder auf diesen einfachen Satz hinaus: Weniger, aber besser. Die Firma Braun erwarb von der Stadt Kronberg das Vorkaufsrecht für den Roten Hang. Was sollte hier entstehen? Erwin Braun hatte eine Vision. Schon 1954 gründete er für das Unternehmen einen Gesundheitsdienst mit Gymnastikraum und Diätküche. Am Roten Hang sollte eine Siedlung für Mitarbeiter und Gäste entstehen. Von einer Reise nach Bern brachte ich die Idee der modernen Halensiedlung mit: maßstäbliche Reihenhäuser mit viel Lebensqualität. Als Braun an Gillette verkauft wurde, wurde die Siedlung schließlich durch den Königsteiner Architekten Rudolf Kramer und den Frankfurter Bauträger Polensky & Zöllner umgesetzt.

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Der Vitsoe-Sessel 620, von Rams 1962 entworfen, in der Selbsterprobung (Bild: K. Berkemann)

„Gutes Design ist innovativ. … darin, dass es im Hinblick auf die Funktionen eines Produkts deutliche Fortschritte erreicht. Die Möglichkeiten dafür sind noch längst nicht ausgeschöpft.“ (D. Rams, Zehn Thesen zum Design, 1995)

Dann wurde es eine Siedlung für Braun-Mitarbeiter? Eingezogen sind nur vier Braun-Mitarbeiter. Zumeist kamen junge Familien. Anfangs gab es Straßenfeste, gemeinsame Fahrdienste für die Kinder … Doch schnell machten viele Karriere, bekamen eine Stelle in Hamburg oder New York und zogen weg. Was wird jetzt aus der damaligen Utopie? Mit meiner Frau habe ich eine Stiftung gegründet, die sich um Forschung und Lehre für gutes Design kümmert. Und für den Roten Hang können wir nur hoffen. Es lässt sich hier sehr gut leben. Aber wir müssen gemeinsam darauf achten, dass die guten Dinge bleiben: die klaren Formen und Farben, die verschlungenen Fußgängerwege ohne störende Autos, die flachen Dächer mit dem weiten Blick ins Grüne.

Das Gespräch führte Karin Berkemann (Heft 14/1).

 

Zur Person Dieter Rams

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Dieter Rams vor seinem Kronberger Bungalow mit Pool (Bild: K. Berkemann)

Dieter Rams, geboren 1932 in Wiesbaden, gilt als führender Industriedesigner der deutschen Nachkriegsmoderne. Sein Studium an der Werkkunstschule Wiesbaden – unterbrochen durch ein Tischler-Praktikum – schloss er 1953 als Innenarchitekt ab. Nach zwei Jahren beim Frankfurter Architekturbüro Otto Apel wirkte Rams von 1955 bis 1995 als Designer für die Firma Braun und gestaltete Produkte für weitere Markenhersteller. Rams lehrte an der Hamburger Hochschule für bildende Künste und erhielt zahlreiche internationale Ehrungen.

Ein Rundgang durch den Roten Hang