Typisch Julius Posener!

Gibt es eine größere Ehre? Der Doyen der Architekturkritik nennt einen Doyen der Architekturkritik den Doyen der Architekturkritik. Manfred Sack, langjähriger Architekturkritiker der Zeit, sah in Julius Posener einen Lehrer: „In Wahrheit sind alle Bücher Julius Poseners Vorlesungen, viel besser: erzählte Baugeschichte in Gestalt von Essays. Man möchte ihn mit Egon Friedell vergleichen und ihn einen großen Feuilletonisten nennen: Er hat eine Art zu schreiben, die Neugier weckt und mit Vergnügen lehrt.“ Eigentlich war Julius Posener (1904-1996) studierter Architekt, lernte bei Hans Poelzig und arbeitete in den 1930ern im Büro von Erich Mendelsohn. Auch Lehrer war er tatsächlich: 1961-1971 hatte er den Lehrstuhl für Baugeschichte an der Berliner Hochschule für Bildende Künste inne. Doch vor allem war Julius Posener ein begnadeter Architektur-Erklärer. Seine schönste Hinterlassenschaft sei die Sprache, schreibt die Autorin Katrin Voermanek.

Die Posener-Kennerin zeichnet in ihrem gerade im Jovis-Verlag erschienenen Buch „Typisch Posener“ nach, wie der Architekturkritiker und -aktivist in seinem Kampf für das bauliche Erbe vorging und wie er seine Kritik an Neubauten vorbrachte. Es entstanden kurze Erzählungen, etwa über das Künstlerhaus Bethanien, das Babylon-Kino und über zwei Villen von Hermann Muthesius. Das just unter Denkmalschutz gestellte ICC (1979) mochte Julius Posener übrigens nicht besonders – auch das kommt in diesem lehrreichen (sic!) Band vor. (db, 18.9.19)

Aalto-Wohnung anyone?

Zugegeben, von außen wirkt es erst einmal nicht sonderlich aufregend – seinen Reiz entwickelt das Hochhaus im Luzerner Schönbühl-Quartier nahe des Vierwaldstätterseesern erst innen: Egal, welche Wohnung man betritt, bietet sich ein grandioses Alpen-, See- oder Stadtpanorama, denn der Bau ist fächerförmig angelegt. Und für große Ideen sind oft auch große Architekten verantwortlich. So auch hier, denn der Entwurf des 1968 errichteten Solitärs stammt vom Finnen Alvar Aalto. 50 Jahre nach dem Bau wurde das Gebäude nun unter Erhalt vieler bauzeitlicher Details grundsaniert. Doch noch sind etliche Wohnungen frei, obwohl die Mietpreise von 2000 bis 3400 Franken für eine 3,5-Zimmer-Wohnung (je nach Etage und Ausrichtung) für Schweizer Verhältnisse bestenfalls im oberen Mittelfeld rangieren.

Nicolas von Schumacher von der Besitzerfamilie der Liegenschaft sprach gegenüber der Luzerner Zeitung von einem Überangebot an mittelpreisigen Wohnungen in der Region Luzern. Dennoch rechne man nach der endgültigen Fertigstellung nun mit einer steigenden Nachfrage. Interessanter Fakt am Rande: Für Aufregung im Vorfeld der Wiedereröffnung sorgte die Nachricht, dass Mieter im Aalto-Hochhaus für einen Zweirad- (Velo) Parkplatz 25 Franken pro Monat bezahlen sollen. Das wurde zwar auch zuvor schon so gehandhabt, sorgt in Zeiten des anstehenden städtischen Mobilitätswandels aber für Diskussionen. (db, 10.9.19)

Luzern, Alto-Hochhaus (Bild: Arlewo AG)

Le Corbusier am Plärrer

Zu den ersten nachkriegsmodernen Bürogebäuden, die in Bayern unter Denkmalschutz gestellt wurden, zählte 1988 das Plärrerhochhaus. Es war seinerzeit gerade einmal 35 Jahre alt und heißt eigentlich „Geschäfts- und Werkstättengebäude der Städtischen Werke Nürnberg am Plärrer“. Architekt war Wilhelm Schlegtendal (1906-1994), der etliche Gebäude in der Frankenstadt entwarf. Unter ihnen sind die Passionskirche (1965-68), das „Sonnenwohnheim“ (1955-57) und das Nicolaus-Copernicus-Planetarium (1961), das sich direkt ans Plärrerhochhaus anschließt. Bis heute ist das mit 56 Metern einst höchste Gebäude Bayerns in Besitz der Stadtwerke. Und wie üblich sorgten die Brandschutzbestimmungen im Lauf der Jahrzehnte für Probleme, sodass seit 2016 eine Grundsanierung durchgeführt wird.

Was hat das jetzt mit Corbu zu tun? Es ist recht simpel, wie aus heutiger Sicht eine positive Überraschung: Bei der denkmalgerechten Sanierung des Hochhauses kamen die Originalfarben, in denen einzelne Wände gestrichen waren, wieder zum Vorschein. Und sie basieren auf dem 1931 und 1959 von Le Corbusier entwickelten, beliebig kombinierbaren Farbkonzept – an dem man sich jetzt wieder orientieren wird: Insgesamt 28 Töne werden das Hochhaus am Plärrer beleben. Jedes Stockwerk erhält an der konvexen Rückwand des Treppenhauses seine eigene Farbe. Die jeweilige Komplementärfarbe dazu findet sich in den nach Plänen des Büros Knerer und Lang neu gestalteten Büroräumen. (db, 7.9.19)

Nürnberg, Plärrerhochhaus (Bild: Andreas Praefcke, CC BY 3.0)