Alle Beiträge von Daniel Bartetzko

Erfurt, Landtags-Hochhaus (Bild: Michael Sander, CC BY-SA 3.0)

Urbanist in Ost und West

Hätten Sie’s gewusst? München-Neuperlach stammt aus der Feder des gleichen Architekten, der auch die Berliner Stalinallee entworfen hat: Egon Hartmann (1919-2009) arbeitete nach Abschluss seines Studiums in Weimar zunächst in der DDR, ehe er 1954 nach Westdeutschland übersiedelte. In beiden Staaten war er eine Schlüsselfigur des städtischen Wieder- und Neuaufbaus. In Ostberlin gewann er 1951 den Wettbewerb für die Stalinallee, im Westen belegte er 1958 neben Hans Scharoun den zweiten Platz im Wettbewerb für eine künftige gesamtdeutsche Hauptstadt Berlin (und ließ dabei Le Corbusier hinter sich).

2018 ist im Leibniz-Institut für Raumbezogene Sozialforschung (IRS) in Erkner die Ausstellung „Egon Hartmann 1919–2009. Architekt und Stadtplaner in Ost und West“ auf Basis des Nachlasses entstanden. Sie wurde erstmals im Thüringer Landtag in Erfurt gezeigt, dessen Verwaltungshochhaus 1950/51 nach seinen Plänen entstand – und das als erstes Hochhaus der DDR gilt. Anlässlich des 100. Geburtstags des Ost-West-Urbanisten wird diese Ausstellung vom 25. März bis 16. Mai 2019 in Berlin (TU Berlin, Straße des 17. Juni 152, 10623 Berlin, Untergeschoss des Flachbaus) gezeigt, weitere Stationen sind in Mainz und München vorgesehen. Im Mittelpunkt steht ein bewegtes Leben, wobei sein Berliner Wirken mit originalen Zeichnungen vertieft wird. Hier hatte der aus Böhmen stammende Architekt erstmals 1938 im Büro von Henry König gearbeitet. (db, 25.3.19)

Erfurt, Landtags-Hochhaus (Bild: Michael Sander, CC BY SA 3.0)

Berlin, Rathaus Wedding (Bild: Rüthnick Architekten/Kevin Fuchs)

Rathaus Wedding im neuen Glanze

Geht doch! Nach dreijähriger Sanierung durch das Büro Rüthnick Architekten ist der Erweiterungsbau des Rathauses Berlin Wedding nun fit für die nächsten Jahrzehnte. Zwar hat das 1966 fertiggestellte Verwaltungshochhaus seine Waschbetonelemente eingebüßt, doch die neue Dämmfassade übernimmt zumindest die bisherige Streifengestaltung des Hochhauses. Der denkmalgeschützte, aufgeständerte Sitzungssaal konnte sein Äußeres behalten – vor allem aber seine famose Wand- und Deckengestaltung im Inneren. Vorm Abriss gerettet wurde der vorerst verschlossene Übergang von den Alt- in den Neubau, hier wird noch nach einer neuen Nutzung gesucht. Im einstigen Rathaus ist heute das Jobcenter untergebracht.

Architekt der Rathaus-Erweiterung war Fritz Bornemann, der in Berlin unter anderem die Deutsche Oper (1956-61) und das Museumszentrum Dahlem (1965-73, mit Wils Ebert) realisierte. Auch die Universitätsbibliothek Bonn und der Deutsche Pavillon der Weltausstellung 1970 in Osaka zählen zu den Werken Bornemanns, der mit seiner betont sachlichen, am Vorbild Le Corbusier orientierten Architektur das Gesicht West-Berlins mitprägte. Auch der Altbau des Rathauses Wedding zählt zur Moderne: Der genauso sachliche Klinkerbau entstand 1925-30 nach Plänen von Friedrich Hellwig. (db, 20.3.19)

Berlin, Rathaus Wedding (Bild: Rüthnick Architekten/Kevin Fuchs)

Schottergarten (Bild: Gärten des Grauens)

Das Grauen hat einen Namen

Der beste Web-Witz der vergangenen Woche ist seit Freitag auf Facebook zu lesen: „Aufgrund exzessiver Gewaltdarstellung in Beitrag 19.1070 hat Facebook uns bis auf Weiteres gesperrt. Sorry. “ heißt es dort im aktuellsten Beitrag einer Gruppe, die in der Tat aus der Darstellung exzessiver Gewalt besteht. Sie heißt „Gärten des Grauens“, eine Garten-Satire. Ihre Betreiber fotografieren seit 2012 das Entsetzen, das sich seit Jahren nicht nur in der Provinz, den Eigenheimsiedlungen und den Vorstädten der Republik breitmacht: Schottergärten. In Fifty shades of Grey werden Grünflächen rund um Gebäude mit geraspelten Steinen zugekübelt. Gerne mit eingestreuten – pfiffigen, hihi – Mustern, und als Krönung wird das gegen jedes Leben vollversiegelte Areal noch mit einer einsamen Pflanze dekoriert. Gärten des Grauens präsentiert dieses Elend und versieht es mit verdienten Kommentaren.

Sollte die Sperre durch Facebook echt sein und nicht nur ein neuer, genialer Scherz der Betreiber, wäre sie so verdient wie falsch: Die Bilder sind wahrhaftig Dokumente der Gewalt, die die Besitzer der bedauernswerten Immobilien ebenjenen, sich selbst und arglosen Flaneuren antun. Das muss man so oft wie möglich zeigen. Die Gemüter der Schotter-Streuer sind womöglich ebenso verwüstet wie ihre Gärten, man kann nur hoffen, dass sie innerlich nicht noch durch Gabionen (ein weiterer baukultureller Horror der 2010er-Jahre) gesichert sind. Vielleicht sorgt die Präsentation des angerichteten Grauens doch noch für ein Umdenken bei ihnen. Kein Mensch wird als Naturfeind geboren.

Aber sind diese Schottergärten nicht einfach nur konsequent? Die getöteten Flächen findet man oft in „nachverdichteten“ Vierteln. Oder in Neubaugebieten, die nach neuesten städtebaulichen Trends auch dort, wo Platz vorhanden ist, Menschen wie Gebäude so eng wie möglich stapeln. Boden ist unbezahlbar, die Zerstörung jeglicher nicht denkmalgeschützer Bausubstanz scheint nicht mehr aufzuhalten. Wenn dann statt der Fünfziger-Jahre-Villa samt parkähnlichem Garten Eigentumswohnungs-Schuhkartons das Grundstück bis auf den vorletzten Quadratzentimeter füllen, ist es nur folgerichtig, jenen letzten Quadratzentimeter mit Schotter statt Muttererde zu bedecken. Wohnen statt leben. Derartige Anlagen heißen dann gerne „Wasweißich-Gärten“ oder „Keineahnung-Park“. Früher hat man den Grünwuchs mit Waschbetonplatten unterdrückt, heute ist man kreativer. Auch im Kampf gegen seine Gegner auf Facebook, denen lediglich Humor als Waffe dient. Anders ist dieses Steingeschütte auch nicht zu ertragen. (11.3.19)

Daniel Bartetzko

Titelmotiv: Schottergarten (Bild: Gärten des Grauens)

Kiosk K67 (Bild: Museum of Architecture and Design Ljubljana)

In Zürich zum Kiosk gehen

Der 1966 entstandene Kiosk K67 ist mittlerweile eine popmoderne Ikone. Das Mehrzweck-Modul, das vor allem als Kiosk, aber auch als Marktstand, Infotresen, Kassenhäuschen und was auch immer verwendet werden kann, ist ein Entwurf des Architekten, Professors und Produktgestalters Saša J. Mächtig (*1941). Seit den 1960ern prägt es die Straßenlandschaften vieler osteuropäischer Städte. Später fanden sich auch Liebhaber in weslichen Metropolen, in der Sammlung „Design des 20. Jahrhunderts“ des New Yorker Museum of Modern Art steht ebenso eine der Kunststoffboxen. Auch die ETH Zürich erwarb ein K67 der zweiten Generation (ab 1972) und macht dies nun öffentlich zugänglich.

Die Ausstellung „Kiosk K67. Metamorphoses of a System“ (basierend auf der von Špela Šubic und Maja Vardjan kuratierten Mächtig-Retrospektive am Museum für Architektur und Design MAO in Ljubljana) zeigt nicht nur das restaurierte K67, sondern beschäftigt sich insbesondere mit dem interdisziplinären Werk Mächtigs. Der ehedem an der Akademie für bildende Kunst und Design in Ljubljana Lehrende verknüpft unterschiedliche Ansätze vom Industriedesign über Städtebau bis zur Gestaltung öffentlicher Räume. Sein Schaffensprozess von der Grundidee über die Forschung im öffentlichen Raum bis zur Vermarktung wird veranschaulicht. Zu sehen ist die Schau bis zum 5. April an der ETH Zürich am Hönggerberg (Wolfgang-Pauli-Strasse, 8049 Zürich). (db, 7.3.19)

Kiosk K67 (Bild: Museum MAO Ljubljana)

Duisburg, Friedrich-Ebert-Straße (Bild: Youtube-Still)

Weißer Riese fällt jetzt wirklich

Zigfach angekündigt, scheint es nun ernst zu werden: Am 24. März macht es bumm! Dann wird der „Weiße Riese“ in der Duisburger Friedrich-Ebert-Straße gesprengt. Eigentlich hätte das Wohnhochhaus schon im September 2017 mit einem Knall in sich zusammenstürzen sollen, doch dann wurden Asbestrückstände in Decken und Wänden gefunden. Diese sind mittlerweile beseitigt, sodass nun zur Tat geschritten werden kann. Die zuständige Firma und die Stadt haben auf einer Infoveranstaltung Anfang Februar Details zum Ablauf bekannt gegeben: Zwei Sperrzonen, eine Evakuierungszone und eine Sicherheitszone, werden eingerichtet. Ab acht Uhr werden die Anwohner evakuiert, dann wird die No-Go-Area ausgeweitet. Um zwölf Uhr Mittags soll die Sprengung erfolgen.

Das 60 Meter hohe Scheibenhochhaus ist Teil des Wohnparks Hochheide, der auf dem Areal der einstigen Arbeitersiedlung Rheinpreußen errichtet wurde. Von 1970 bis 1974 entstanden sechs Punkthochhäuser mit je 20 Stockwerken und insgesamt 1.432 Wohnungen. Das Projekt zählt zu den am schnellsten gescheiterten Großsiedlungen in NRW, schon in den 1980ern entwickelte sich der Park zum sozialen Brennpunkt. 2010 wurden mehrere Gebäude wegen Sicherheitsmängeln geräumt, die kleineren Hochhäuser saniert. Sie werden nun unter dem Spitznamen „Roter Riese“ als Mehrgenrationenhäuser genutzt. Die verfallenden „Weißen Riesen“ hat die Stadt Duisburg ab 2015 aufgekauft, um sie abzureißen. (db, 6.3.19)

Duisburg, Friedrich-Ebert-Straße (Bild: Youtube-Still)

Detroit, S. S. Kresge World Headquarters (Bild: Andrew Jameson, CC BY SA 3.0)

Albert Kahn in Mainz

Die Industriearchitektur des 20. Jahrhunderts ist ohne Albert Kahn (1869-1942) kaum vorstellbar. Sein 1895 gegründetes Büro Albert Kahn Associates zählte schnell zu den Größten der USA. Insbesondere im emporstrebenden Automobil-Bundesstaat Michigan schuf er teils gigantische Konzernsitze und Fabriken wie die Ford River Rouge in Dearborn, das General Motors Building und das Packard-Werk in Detroit. In der damaligen Sowjetunion baute Kahn ebenfalls: Hier plante er zu Beginn der 1930er Jahre mehr als 500 Fabriken, die meisten als Stahlbeton-Skelettbau nach dem „Kahn-System“ – entwickelt zusammen mit seinem Bruder Julius Kahn. Geboren wurde der Baumeister, von dessen über 2000 realisierten Bauwerken kein einziges in Deutschland steht, in Rhauen im Hunsrück. 1880 wanderte seine Familie in die USA aus.

Das Mainzer Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz nimmt den 150. Geburtstag Albert Kahns zum Anlass, den Vorreiter der modernen Industriearchitektur mit einer umfangreichen Ausstellung zu würdigen – Untertitel: „von Rhaunen nach Detroit“. Und in der Tat gibt es einen Blick auf die Bedeutung des Architekten für seine Geburtsstadt sowie sein Einfluss auf das Bauen des 20. Jahrhunderts. Zu sehen ist die Schau noch bis 14. März 2019 im Zentrum Baukultur (Im Brückenturm, Rheinstraße 55, 55116 Mainz). (db, 5.3.19)

oben: Detroit, S. S. Kresge World Headquarters (Bild: Andrew Jameson, CC BY SA 3.0); unten:
Mainz, Albert-Kahn-Ausstellung im Zentrum Baukultur Rheinland-Pfalz (Bild: Kristina Schäfer, Mainz)