Saarbrücken, Habitat am Stockenbruch (Bild: Marco Kany)

Ein Habitat für Beamte

von Axel Böcker (18/3)

Im Saarbrücker Stadtteil St. Arnual entstand nach Planungen des elsässischen Architekten Jean Schoffit einer der frühesten Hochhausbauten in Deutschland. Schoffit lebte 1948/49 in Saarbrücken und war als stellvertretender technischer Leiter des Wiederaufbauamts der Landesregierung vor allem für die Abwicklung öffentlicher Ausschreibungen zuständig. Das Beamtenwohnhaus im Stockenbruch ist das einzige Bauwerk, das seiner Autorenschaft zugeordnet werden kann. Zusammen mit dem Bauingenieur Walter Wundrack, der ebenfalls dem Mitarbeiterstab des Wiederaufbauamtes angehörte, entwickelte er das halbrunde Wohngebäude in Betonskelettbauweise, das als Typenbau relativ standortunabhängig war (Der Standort des Gebäudes im Stockenbruch im Stadtteil St. Arnual geht im Wesentlichen auf die Tatsache zurück, dass die öffentliche Hand dort über passendes Bauland verfügte).

 

Ein Kindergarten auf dem Dach

Die äußere Form des Baus steht in auffälligem Gegensatz zu den Hochhausscheiben, die der französische Architekt Georges-Henri Pingusson als „Architecte en chef“ der französischen Militärregierung an der Saar für den Wiederaufbau und die Neukonzeption der zerstörten Bereiche der Stadt Saarbrücken vorgesehen hatte. Der Architekt Schoffit war sich dieses Gegensatzes durchaus bewusst. Gegenüber Pingusson und dessen Planungsstab trat er durchaus selbstsicher auf, nachdem Ministerpräsident Johannes Hoffmann sich ausdrücklich für das „Projekt Schoffit“ entschieden hatte, dessen Realisierung durch einen Alternativentwurf des im Referat „Architektur“ des Wiederaufbauamts tätigen Architekt Friedrich-Karl Rheinstädter in Frage gestellt worden war.

Auf acht Geschossen weist der Musterbau Wohnungen in unterschiedlichen Größen auf, in denen einzelne Baudetails wie abgerundete Türlaibungen an die halbrunde Form des Gesamtbauwerks erinnern. Die vertikale Erschließung erfolgte durch drei Treppenhäuser sowie zwei Fahrstühle im Zentrum des Gebäudes. Die Treppenhäuser sind über laubengangartige Flure miteinander verbunden. Ähnliche Gänge finden sich auch in den Architekturen der Moderne der 1920/30er Jahre in Frankreich (so beispielsweise im Hotel Latitude 43 von Georges-Henri Pingusson). Auch die mit Glasbausteinen versehenen halbrunden Abschlüsse der Seitentreppenhäuser verweisen auf diese Vorbilder.

Ein weiteres emblematisches Motiv in der Architektur der Nachkriegsmoderne ist der Kindergarten, der auf der Dachterrasse des Gebäudes geplant war, jedoch zu keinem Zeitpunkt entsprechend genutzt wurde. Hier liegt der Bezug jedoch nicht in der Art und Weise der Ausführung, sondern in der Positionierung der Funktion auf die Dachterrasse. Dies ist mehr als deutlich als Hommage an die Unité d’Habitation von Le Corbusier in Marseille zu verstehen.

Beide Elemente, die Erschließung mittels Aufzügen und der geplante Kindergarten, verdeutlichen den gehobenen Anspruch an die Ausstattung des Gebäudes und repräsentieren mithin den Anspruch des Architekten, den Forderungen der Moderne nach wesentlichen Verbesserungen der Lebensbedingungen der Bevölkerung.

 

Ein streitbarer Architekt

Für den Architekten Jean Schoffit war das Wiederaufbauamt des Saarlandes lediglich eine Etappe in seinem Arbeitsleben. Er war am 25. November 1948 rückwirkend zum 1. Mai 1948 eingestellt worden. Am 30. Sept. 1950 erfolgte sein endgültiges Ausscheiden aus dem Dienst, nachdem er bereits am 13. Januar 1950 von seinen Dienstpflichten entbunden worden war.

Schoffit scheint ein streitbarer Architekt gewesen zu sein, wie aus seiner Rede zum Richtfest des Beamtenwohnhauses hervorgeht, in der er die geübte Praxis der Bauaufsichtsbehörden beklagt, wie die Neuerungen wie beispielsweise die gotische Architektur des Straßburger Münsters sicher nicht genehmigt hätten.

 

Lücken im Lebenslauf

Über die Person Schoffits können zweifelsfrei gesicherte biografische Daten nur bis zu seinem Weggang aus Saarbrücken ermittelt werden. Am 16.3.1911 wurde er in Colmar als erstes Kind der Eheleute Christian und Marie Louise Schoffit geboren. Jean Schoffit heiratete 1934 in Paris Marie Jeanne Guelle (1904-58), die aus Morhange (Mörchingen) in Lothringen stammte. Sein Vater Christian Schoffit (1875-1944) stammte aus einer alteingesessenen Colmarer Familie und arbeitete spätestens seit 1904 als Architekt.

Jean Schoffit absolvierte seine Ausbildung zum Architekt 1934/35 an der Architekturhochschule in Straßburg, die 1922 unter dem Namen École régionale d’architecture als Dépendance der École des Beaux-Arts in Paris gegründet worden war. Von 1945 bis 1948 setzte er seine Studien in Paris fort, ohne dass aus den bislang ausgewerteten Unterlagen der Hochschule hervorgehen würde, dass er dort ein Diplom erlangt hätte.

Für das Jahr 1960 ist ein Jean Schoffit als technischer Mitarbeiter der UNESCO überliefert. Zu diesem Zeitpunkt wohnte er im Großraum Paris und unternahm für seinen Arbeitgeber eine Reise nach Südamerika und in die USA. Möglicherweise ist er identisch mit dem Jean Christian Schoffit, der 1960 Hélène Schoffit heiratete.

 

Verhindertes Modellprojekt

Das halbrunde Wohnhaus – in der Literatur bisweilen als Habitat Stockenbruch bezeichnet – ist ein sehr frühes Zeugnis für die Umsetzung des Gedankenguts der klassischen Moderne in der frühen Nachkriegszeit. Es hätte als Modellprojekt Vorbild für mehrere weitere Wohnblocks sein können. Schoffit verließ das Saarland etwa zeitgleich mit Pingusson, dessen weitreichende Wiederaufbaupläne für Saarbrücken nicht über das Konzeptstadium hinaus fanden.

Das Gebäude ist seit 1990 als Denkmal der Nachkriegsarchitektur in der Denkmalliste des Saarlandes verzeichnet. Es ist in einem guten Gesamtzustand. Zahlreiche Baudetails sind weiterhin authentisch überliefert. Zur Zeit wird der Außenbau des Beamtenwohnhauses umfassend instandgesetzt. Insbesondere wird eine Betonsanierung durchgeführt. Im Rahmen der Befunduntersuchung durch einen Restaurator wurde dabei festgestellt, dass die ursprüngliche Farbfassung das Skelett mit einem dunkleren Farbton betonte, während die Flächen einen hellen Farbton aufwiesen. Es ist geplant, die Fassade nach Abschluss der Sanierungsarbeiten am Beton entsprechend diesem Befund farblich zu fassen.

 

Literatur

Bilke-Perkams, Miriam, Habitat Stockenbruch Saarbrücken St. Arnual, in: Kunstlexikon Saar. Architektur und Raum. Saarbrücken 2014.

Der Autor bedankt sich bei Wilfred Helmlinger (Strasbourg) und Herr Dr. Rupert Schreiber (Saarbrücken) für die intensive Unterstützung bei der Recherche nach biografischen Hinweisen zur Herkunft Schoffits und zu dessen Verbleib nach 1949/50.