DW Dreysse (Bild: Peter Paul Schepp) und Le Havre, Rathaus (Bild: Francesco Bandarin, CC BY SA 3.0)

„Monsieur l’Architecte“

Der Architekt DW Dreysse über Grenzerfahrungen (18/3)

DW Dreysse lebt und arbeitet als Architekt in Frankfurt am Main und hat sich hier besonders mit dem Schutz des architektonischen Erbes der 1920er Jahre einen Namen gemacht. In den 1960ern arbeitete er in Paris für das international renommierte Büro von Georges Candilis und unterrichtete anschließend viele Jahre an der Architekturschule in Straßburg. Mit moderneREGIONAL sprach er über seine Erfahrungen als deutsch-französischer „Grenzgänger“.

moderneREGIONAL: Herr Dreysse, Sie kamen 1963 als junger Architekt nach ihrem Studium in Darmstadt nach Paris – ein Kulturschock? 

DW Dreysse: Nein, für mich war es einfach, weil ich relativ wenig praktische Erfahrungen aus Deutschland mitbrachte. Ich hatte nur ein Jahr lang in einem Frankfurter Büro gearbeitet, ein praktisches Jahr zwischen Vor- und Hauptstudium. Einen Kulturschock erlebte eher an der „École des Beaux-Arts“, für die ich ein Stipendium hatte. Dort traf ich auf wilde Kerle, die sich mehr für Musik und Feste interessierten als für das Architekturstudium. Ganz anders als an der Hochschule in Deutschland. An diesem Studium hatte ich wenig Interesse, nach einem Vierteljahr fing ich an, zu arbeiten. Ich begann im Büro von Georges Candilis und blieb dort über sieben Jahre. In dem internationalen Büro arbeiteten 20 bis 30 Mitarbeiter aus allen Nationen – es gab alles, nur erstaunlicherweise keine Franzosen! Vielleicht hatte ich einen Stein im Brett, weil ich aus Frankfurt kam und das Büro gerade einen Entwurf für den Römerberg gemacht hatte. Jedenfalls kam ich gleich an Wettbewerbe, konnte mir Freiheiten erarbeiten und wurde schon nach einem Jahr Projektleiter für städtebauliche und Hochbauprojekte in Südfrankreich.  

mR: Architektur funktionierte also in Frankreich nicht anders als in Frankfurt? 

DWD: Was in Frankreich grundsätzlich anders war und teilweise noch heute ist, ist das Berufsverständnis. Die Architekten selbst betreuen im Wesentlichen die Entwurfsphase. Die ganze Ausführungsphase wird abgegeben. Das übernehmen Ingenieurbüros, die sich um Statik, Haustechnik, Brandschutz und so weiter kümmern. Der planende Architekt hat zwar die gestalterische Oberleitung, aber mit den Details wenig zu tun. Außerdem ist die Architektenszene in Frankreich eine völlig andere als in Deutschland, schon numerisch. Es gibt schlicht wesentlich weniger Architekten, vielleicht ein Zehntel der Anzahl der deutschen Kollegen.  

mR: Warum gibt es so wenige Architekten? Ist die Ausbildung so schwer? 

DWD: Nein, das hängt vor allem mit der traditionellen gesellschaftlichen Stellung des Architekten in Frankreich zusammen. Früher gehörte er zu den Berufen, die im Dienste des Königs tätig waren. Eine ganz besondere Auszeichnung. Lange wurden Architekten nicht mit Namen, sondern mit „Monsieur l‘Architecte“ angesprochen. Herr Architekt! Davon hat sich bis heute etwas erhalten. Die Architektenschaft hat lange wie eine Art Kaste dafür gesorgt, unter sich zu bleiben. Es war eine große Ehre, in die Berufskammer, den „ordre des architectes“, aufgenommen zu werden. Heute ist das alles einfacher, aber es gibt immer noch die Hürde des Diploms. In Deutschland gibt es etwa 75 Architekturschulen, in Frankreich sind es 20. An der Architekturschule in Straßburg, an der ich später lehrte, brauchte man sechs bis sieben, manchmal acht Jahre, bis man das Diplom bekam. Pro Jahr gab es 40 bis 50 Absolventen, nicht mehr. Der Beruf ist also bis heute exklusiv. Und im Gegensatz zu Deutschland gibt es die Kategorie des angestellten Architekten nicht. Ich arbeitete bei Candilis etwa als technischer Zeichner. Ich war zwar Projektleiter, durfte Bauanträge unterzeichnen und hatte viele Kompetenzen, durfte mich aber nicht Architekt nennen. 

mR: Ließ sich dieses spezifische Berufsbild mit dem Wiederaufbau vereinen, als Architekten in ganz Europa sehr gefragt waren? 

DWD: Die Vichy-Regierung hatte schon 1942 eine Kommission für den Wiederaufbau eingerichtet. Sie verfügte über ausgezeichnete Kontakte zu einzelnen profilierten Architekten. Die wurden dann ziemlich schnell beauftragt, Wiederaufbaupläne zu entwickeln und umzusetzen, also nicht nur ein Team zusammenzustellen, sondern die gesamte Planung in die Hand zu nehmen. Bevorzugt beauftragt wurden Architekten, die nachweislich über städtebauliche Kompetenzen verfügten. Auguste Perret beispielsweise hatte 1930 utopische städtebauliche Entwürfe für Paris vorgelegt. Das war seine Referenz, um mit dem Wiederaufbau von Le Havre beauftragt zu werden. Wie die meisten seiner Kollegen, die als Hochschullehrer tätig waren, verfügte er über ein sogenanntes Atelier, seine Studierendenklasse an der „École des Beaux-Arts“. Sie folgte ihrem Meister bedingungslos und musste seine Wünsche an den Lippen ablesen können. Eine eingeschworene Gemeinschaft. Für die konkrete Arbeit vor Ort wurden die Schüler in die Pflicht genommen, während Perret selbst seine Projekte in Paris politisch vertrat und nur hin und wieder in Le Havre auftauchte. Auch andere Wiederaufbauprojekte liefen ähnlich ab. 

mR: Was bedeutete das für die deutschen Städte in der französischen Besatzungszone? 

DWD: Auch hier sind solche Großmeister mit den Planungen beauftragt worden. Diese Teams und Ateliers waren mit allen notwendigen Vollmachten ausgestattet, schon von der Struktur völlig anders als in Deutschland. Beim Wiederaufbau haben sie versucht, die städtebaulichen Ideale umzusetzen, die sie in den 1920er und 1930er Jahren entwickelt hatten, ohne Rücksicht auf die Geschichte der Stadt zu nehmen. Eine Radikalität, die typisch ist für die französischen Architekten dieser Zeit. In Frankreich ging man mit einer aus heutiger Sicht bewundernswerten Radikalität ans Werk. In Deutschland ist das übrigens damals kaum wahrgenommen worden. Dabei war Frankreich viel weiter, abgesehen von Ausnahmen wie dem Berliner Hansaviertel. 

mR: Wann wagten die deutschen Architekten den Blick über den Tellerrand? 

DWD: Erst in den 1960er Jahren. Nachdem die ersten großen Wohnsiedlungen in Frankreich gebaut worden waren, die „Grands Ensembles“. Das hat viele deutsche Architekten inspiriert, Trabantenstädte wie Neuperlach in München oder Kranichstein in Darmstadt sind ohne die „Grands Ensembles“ undenkbar. Auch die Industrialisierung im Bauwesen ist eine französische Errungenschaft. Sie hat ihren Ursprung zwar in Deutschland, wo etwa Ernst May als Pionier auf diesem Gebiet tätig war, wurde aber hier nicht weitergeführt. Das erste Beispiel der Vorfabrikation im großen Stil liegt in Straßburg, die „Cité Rotterdam“. Die Siedlung war ein Pilotprojekt für ganz Frankreich, hier wurden seit dem Ende der 1940er Jahre verschiedene Methoden der Vorfabrikation sowie ganz unterschiedliche Gebäudetypen getestet. Entsprechende Siedlungen haben im ganzen Land Schule gemacht, in den 1970er Jahren uferte der Trend jedoch aus. Die Planungen wurden riesenhaft und entwickelten sich oft zu Brennpunkten. Wenn eine so große Anzahl von Menschen neu zusammengewürfelt wird, hat das soziale Folgen. Eine bittere Erfahrung in Frankreich wie in Deutschland.  

mR: Gab es auch Dinge, die sich die französischen Architekten von ihren deutschen Kollegen abschauten? 

DWD: Da gab es wenig abzugucken. Abgesehen vom Bauhaus natürlich. Das Bauhaus hatte in den 1920er Jahren einen großen Einfluss in Frankreich, der sich gehalten hat. Im Gegensatz zu Deutschland, wo das Bauhaus erst ab den 1960ern wieder als Referenz dienen konnte.

Das Gespräch führte C. Julius Reinsberg.

Titelmotiv: DW Dreysse (Bild: Peter Paul Schepp) und Le Havre, Rathaus (Bild: Francesco Bandarin, CC BY SA 3.0)