Saarbrücken, Bungalow Camus-Dietsch (Bild: Marco Kany)

Plattenbau à la française

von Carsten Diez (18/3)

Das zerstörte Saarland war nach Kriegsende für Architekten und Stadtplaner eine „Terre Promise“ – ein gelobtes Land – des neuen Bauens. Auch der Konstrukteur Jean Prouvé wurde von der Aussicht gelockt, hier seine Metallhaus-Ideen im großen Stile umsetzen zu können. Auf seine Empfehlung an die französische Militärregierung hin kam ebenso sein Freund, der Architekt G. H. Pingusson. Für beide standen im Saarland alle Türen offen: Prouvé wollte in Zusammenarbeit mit der Dillinger Hütte tausende Metallhäuser bauen. Pingusson träumte von einer modernen Stadt, wie Le Corbusier sie zu Beginn der 1920er Jahren entwickelt hatte.

 

Die Metallhäuser des Jean Prouvé

Wie nach dem Ersten Weltkrieg beflügelte auch 1945 die Kraft zum Utopischen erneut die Innovation. Doch war dies mit einem Metallbau vereinbar, einem Leichtbau, bei dem schon die Konstruktion eine mögliche Mobilität aufzeigt? Nach dem Krieg hatten viele Menschen dagegen das Bedürfnis nach Stabilität und Bodenbeständigkeit – Werte, die nur der Massivbau aus Beton und Stein garantieren konnte. Daher musste Prouvés ehrgeiziger Plan der „Maison Sarre“ von 1946 wohl scheitern. Ein 1947 in den Saarbrücker Saaranlagen errichtete Musterhaus trug zwar noch Prouvés Handschrift (mit Pierre Lefèvre), entsprach aber nicht seinen Ansprüchen. Zurückgekehrt nach Frankreich, entwickelte Prouvé aus der „Maison Sarre“ neue Varianten.

Jean Prouvés Bewunderung für die Automobilindustrie, insbesondere für André Citroën, war bestimmend für sein Schaffen. Er sah das Auto als perfektes Gehäuse und Vorbild seiner Häuser. So entwickelte er ein Gebäude namens „la Maison Citroën“, das 1951 in Paris ausgestellt wurde. Prouvé hoffte, dass die Mitarbeiter der Firma Citroën darin wohnen würden. Daraus wurde zwar nichts, doch die Idee war nicht aufzuhalten – allerdings nahm sie durch Raymond Camus nun den gegenläufigen Weg.

 

Raymond Camus setzt auf Beton

Camus, ein ehemaliger Citroën-Ingenieur, übertrug die in der Automobilindustrie erprobten Rationalisierungsmethoden auf den Hochbau. Der Anstoß kam vom Wiederaufbauministerium, das in der Betonvorfertigung die Lösung der enormen Wohnungsnot sah, besonders unter dem Druck der Zement-Lobby. Befördert wurde dies durch Le Corbusier, der mit dem Bau der ersten „Unité d’Habitation“ in Marseille (1947-52) den Beweis erbracht hatte, dass dem Beton in Frankreich die Zukunft gehörte.

Raymond Camus ließ sich sein Plattenbausystem patentieren und verschrieb sich der Aufgabe, der Wohnungsnot mit einer industriellen Bauweise zu begegnen. Sein erster Auftraggeber waren die verstaatlichten lothringischen Kohleminen. Die Bergmannsfamilien, bislang notdürftig in Baracken untergebracht, sollten künftig in modernen Cités wohnen. Zu diesem Zweck gründete Camus mit dem örtlichen Bauunternehmen Dietsch ein Fertigteilwerk in Marienau-les-Forbach, im Osten Frankreichs nahe der der deutschen Grenze. In zehn Jahren konnten insgesamt 6.000 Wohnungen im lothringischen Kohlerevier errichtet werden. Seit den 1960er Jahre wurden Lizenzen des Camus-Systems in viele europäische Länder verkauft, vornehmlich in den damaligen Ostblock. Die Sowjetunion wiederum entwickelte die Bauweise auf Basis der Camus-Patente weiter und exportierte die Großtafelbauweise später in die DDR zurück.

 

Die Lösung der Wohnungsfrage

Noch in den frühen 1960er Jahren herrschte im Saarland große Wohnungsnot, vor allem in den Ballungsgebieten. Angesichts des erwarteten Zuzugs von DDR-Flüchtlingen einerseits und von Arbeitskräften für die wachsende Montanindustrie anderseits musste sich die Planungsstrategie grundlegend ändern. Die im Saarland weit verbreitete Eigenheimförderung reichte nicht aus, genügend Wohnungen bereitzustellen. Auf französischer Seite, wo man sich mit ähnlichen Entwicklungen konfrontiert sah, wurden bereits Mitte der 1950er Jahren industrielle Methoden im Wohnungsbau angewandt. In Farébersviller wurde etwa nach Plänen von G. H. Pingusson in fünf Jahren mit dem Fertigteilsystem der Fa. Camus-Dietsch eine Cité mit 1.678 Wohneinheiten (WE) aus dem Boden gestampft. Andere Großsiedlungen im Département Moselle wie Behren-les-Forbach (2.640 WE) und Freyming-La Chapelle (1.068 WE) folgten.

Wegen des Rückgliederungsprozesses in die Bundesrepublik setzte der Siegeszug der Platte im Saarland erst 1962 ein. Zuerst wurden bis 1965 auf der Folsterhöhe am Saarbrücker Stadtrand fast 1.000 Wohnungen im Camus-Dietsch-Verfahren errichtet. Parallel dazu entstand zwischen 1962 und 1964 auf dem Eschberg ein neuer Stadtteil mit 1.518 Wohneinheiten. Hier finden sich Vertreter aller Typologien: vom Punkthochhaus über mehrgeschossige Wohnzeilen bis zum Einfamilienreihenhaus. Dies war auch für die Folsterhöhe vorgesehen, aber als die geplante Nachverdichtung mit Reihenhäusern nicht kam, blieb ein isoliertes Ensemble aus hohen Zeilenbauten. In der Folgezeit entstanden im Saarland weitere Großsiedlungen in Fertigteilbauweise. Zwischen 1964 und 1968 wurden nach einem Konzept des Stadtplaners Ernst May die Siedlung Winterfloß (711 WE) im Neunkircher Stadtteil Wellersweiler errichtet, wie beim Eschberg in gemischter Bauweise. Daneben entstanden mit dem Camus-System weitere großmaßstäbliche Gebäudeensembles als Nachverdichtungen in bestehenden Strukturen, so z. B. im Saarbrücker Stadtteil Rodenhof und in Saarlouis.

 

Verdichtete Flachbauweise

Während beim Massenwohnungsbau im Saarland das Camus-System dominierte, experimentierten die französischen Nachbarn mit neuen Bautechniken und Siedlungsformen. Zwischen 1960 und 1972 plante der Architekt Émile Aillaud in Forbach die Cité Le Wiesberg nach organisch-künstlerischen Prinzipien und wendete beim Bau der 1.228 Wohneinheiten das neuartige Gleitschalungssystem an, das im Gegensatz zur starren Großtafel freiere Bauformen erlaubte.

Eine gänzlich andere Form der Großsiedlung findet sich in der Wohnstadt Überherrn. Das Demonstrativbauvorhaben des Bundes wurde ab 1959 unmittelbar an der deutsch-französischen Grenze als neue Stadt für 20.000 Einwohner konzipiert, die den Zuwanderungsdruck abfedern sollte. Da infolge des Berliner Mauerbaus 1961 der Zuzug von Flüchtlingen ausblieb, zudem noch die Kohlekrise einsetzte, wurde in den Jahren 1963 bis 1968 mit 509 Wohneinheiten nur ein kleiner Teil des ursprünglichen Plans verwirklicht. In verdichteter, ein- und zweigeschossiger Flachbauweise entstanden abwechselnde Gruppierungen aus Hof-, Winkel- und Reihenhäusern. Trotz Verzicht auf Fertigteile konnten durch die Beschränkung auf vier einheitliche Gebäudetypen dennoch niedrige Baukosten erzielt werden.

 

Mit der Platte zum Bungalow

Als der Erfolg der Großtafelbauweise in Westeuropa langsam nachließ, wollte die Firma Camus-Dietsch ab Mitte der 1960er Jahre mit angepassten und individualisierbaren Systemen stattdessen neue Märkte erschließen. Wieder diente das Saarland als Testmarkt. Den Startpunkt setzte die Fertighausausstellung 1964 auf dem Saarbrücker Eschberg. In Saarbrücken wurde eine Tochtergesellschaft gegründet, die bis in die 1980er Jahre beiderseits der Grenze viele Fertigteilbauten verwirklichte: von Bungalows über Doppel- und Reihenhäuser bis hin zu Wohnheimen. In einem zweisprachigen, vom Schweizer Grafiker und Leiter der Saarbrücker Werkkunstschule Robert Sessler gestalteten Katalog konnte man sich sein Wunscheigenheim zusammenstellen. Die Planung übernahm ein auf das Camus-Verfahren spezialisiertes Team bekannter Saarbrücker Architekten, aus dem später die Gesellschaft für Bauplanung und internationale Cooperation (INCOPA) hervorging. Bis zur Schlüsselübergabe war das französische Unternehmen aus Marienau in Kooperation mit deutschen Firmen zuständig. Trotz breiter Konkurrenz (auch und gerade aus der Bundesrepublik) galt das französische System im Saarland als Inbegriff für günstiges, fortschrittliches und schnelles Bauen – nicht nur für große Bauträger, sondern auch für das private Eigenheim. Trotz dieser Erfolge musste die Firma Camus-Dietsch 1982 Insolvenz anmelden. Im gleichen Jahr wurde die Produktion eingestellt. Damit endete nicht nur ein bedeutendes Kapitel der industriellen Systembauweise, sondern auch ein erfolgreicher Abschnitt des grenzüberschreitenden Planens und Bauens.

Titelmotiv: Saarbrücken, Bungalow Camus-Dietsch (Bild: Marco Kany)