Saarbrücken, ehemalige Französische Botschaft (Bild: Marco Kany)

Mit großer Geste

von Marco Kany (18/3)

Peter Behrens und Le Corbusier stehen für zwei Fäden der Moderne, die in der deutsch-französischen Nachkriegsarchitektur im Saarland zusammentreffen: Hier das geschickte Multi-Talent, das über die Industrie auf allen Maßstabsebenen entscheidende Impulse gibt. Dort der romanisch geprägte Künstler-Architekt, der die großen Pflöcke einschlägt, entlang derer die Moderne zum weltweiten Erfolg wird – und halbnackt in seinem Cabanon am Strand Muscheln sammelt und die Wände bemalt. Diese beiden Pole – hier mit dickem Pinsel und grob vereinfachend karikiert – unterscheiden die Pfade der Moderne in Deutschland und Frankreich und prägen auch das Bauen im Saarland nach dem Zweiten Weltkrieg.

 

In Deutschland

Ihre Auftaktimpulse erhielt die Architekturmoderne in Deutschland durch die Industrie. Für deren neue Bauaufgaben wurde das klassizistische Repertoire monumental übersteigert und/oder expressiv überhöht. Die Gleichzeitigkeit von expressionistischer und funktionalistischer Architektur ist für Deutschland kennzeichnend. Die nationalsozialistische Herrschaft bedeutete architektonisch bekanntlich einen Wechsel hin zum historisierend-pathetischen Größenwahn, die Moderne kam allenfalls bei Industriebauten zum Zug. Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die Bundesrepublik an die „weiße Moderne“ anknüpfen, allerdings waren die besten Architekten dieses Stils tot oder emigriert. Beim Wiederaufbau der zerstörten Städte gab es zwei Lager: Die einen wollten den Vorkriegszustand wiederherstellen – die anderen einen Neuanfang im Sinne der Architekturmoderne mit Grün- und Freiräumen und einer autogerechten, funktionsentmischten Stadt („Ville Contemporaine“).

 

Comme en France

In Frankreich gab es diesen Bruch so nicht und folglich auch keine Wieder-Anknüpfung. Auf dem Humus der Académie des Beaux-Arts und des Art déco erschlossen stattdessen Architekten wie Le Corbusier den Stahlbeton für die Moderne. Die Absolventen der École des Beaux Arts entwarfen Leitlinien für den Ausbau der Metropolen, um die neuen Erfordernisse des Verkehrs mit der Umgestaltung der Stadt in Einklang zu bringen. Sie hatten republikanisch-sozialistische Ziele, die auf privaten Grundbesitz kaum Rücksicht nahmen.

Le Corbusier hatte 1920 im „L’Esprit Nouveau“ die Prinzipien formuliert, die nach dem Zweiten Weltkrieg auch auf Saarbrücken und andere Städte im Saarland angewandt wurden. Georges-Henri Pingusson, die zentrale Figur beim Wiederaufbau in Saarbrücken und einer der prominentesten Vertreter des „Mouvement Moderne“, hatte seine Karriere mit dem Hotel Latitude 42 in Saint Tropez begonnen, das mit der Binnen-Erschließung des französischen Südens für den Massentourismus entstanden war. Der autoritäre „État français“ sah überall staatliche Interventionen in den Städtebau vor. Schon während des Zweiten Weltkriegs hatte die Vichy-Regierung für den Wiederaufbau der französischen Städte geplant, was später auch auf das Saarland angewandt wurde. Der Wiederaufbau Saarbrückens bezog sich direkt auf den Wiederaufbau von Le Havre (von Perret), Maubeuge und Sotteville-les-Rouens. Diese enge Verbindung französischer und deutscher Planungsprozesse zeichnet in diesem Heft das Interview mit dem Architekten DW Dreysse nach.

 

Ein neuer Geist

Die ersten bahnbrechenden Nachkriegsbauten im Saarland dienten als Symbole und Boten einer neuen, an Frankreich orientierten und demokratischen Zeit. Die saarländischen Städte sollten dem „Esprit Nouveau“ folgen, das Leben ihrer Bewohner erleichtern und die französische Hegemonialmacht sichern. Die beiden Traditionslinien, die sich in der Nachkriegsarchitektur des Saarlands zeigen, sind eng miteinander verbunden. So hatte nicht nur Le Corbusier selbst bei seinem Aufenthalt im Atelier von Peter Behrens in Potsdam-Neubabelsberg bei Berlin (1910-11) entscheidende Impulse erfahren. Auch einer seiner ersten entscheidenden Bauaufträge für die Mustersiedlung Weißenhof in Stuttgart (1927) war nach den programmatischen „Fünf Punkten zu einer neuen Architektur“ entworfen.

Noch wichtiger für das Saarland ist die Charta von Athen, die auf dem IV. CIAM-Kongress unter Federführung Le Corbusiers formuliert wurde. In Saarbrücken berief die französische Militärregierung Georges-Henri Pingusson, der mit der „Equipe des Urbanistes de la Sarre“ einen Wiederaufbauplan mit breiten Straßen und riesigen Wohnblocks vorlegte. Die Umsetzung scheiterte, da man massive Enteignungen hätte durchführen und das unterirdische Infrastrukturnetz aufgeben müssen. Das Saarland wurde 1957 mit der „Kleinen Wiedervereinigung“ politisch und 1959 wirtschaftlich der Bundesrepublik angeschlossen. Der französischen Bau- und Planungskultur blieb keine Zeit, sich nachhaltig zu verankern. Wohl aber stellte sie wichtige Weichen und drückte dem Saarland ihren Stempel auf. Viele Bauten zeugen bis heute von der historisch eigenständigen Nachkriegsmoderne dieses Bundeslands.

 

Zum Beispiel: Bildungsbauten

Die KZ-Gedenkstätte „Neue Bremm“ in Saarbrücken, entworfen von André Sive 1947, ist das naheliegendste Symbol für den französischen Beitrag zum Sieg über den Nationalsozialismus. Schon 1947 weihte der französische Militärgouverneur die Gedenkstätte ein. Sive leitete zusammen mit Marcel Roux das Team der „Section urbanisme et Reconstruction“ im Saarland. Auch die „Marschall-Ney-Schule“ (heute Deutsch-Französisches Gymnasium), 1949 bis 1954 von Pierre Lefèvre in Saarbrücken gebaut, hat einen hohen Zeichenwert: Auf dem Gelände der ehemaligen Ulanenkasernen trat die Bildung sinnfällig an die Stelle des Militärs. Darüber hinaus war das Gymnasium nicht nur der erste saarländische Neubau einer Schule nach dem Krieg, sondern auch einer der ersten Stahlbetonbauten im Land. Vor diesem Hintergrund wirft die Fotostrecke in diesem Heft einen lohnenden Blick auf die Saarbrücker Schulen der 1950er Jahre.

 

Zum Beispiel: Wohnbauten

Die „Grands Ensembles“ der französischen Nachkriegsstädte befeuerten das industrialisierte Bauen, das sich auch auf das Saarland auswirkte: Das Beamtenwohnhaus Habitat am Stockenbruch von Jean Schoffit aus dem Jahr 1953 wurde als achtgeschossiger Stahlbetonbau mit 48 Wohnungen errichtet. Auch die beiden fünfgeschossigen Professoren-Wohnhäuser in Saarbrücken-St. Johann (Bruchwiese) vom Pariser Architekten Marcel Roux entstanden 1951 nach den Vorgaben des Pingusson-Plans von 1947. Dem Weg des industrialisierten Bauens folgt in diesem Heft der Fachbeitrag von Carsten Diez am Beispiel des französischen Plattenbausystems Camus-Dietsch.

 

Zum Beispiel: Prestigebauten

Kaum ein Gebäude verdichtet den Wiederaufbau des Saarlands so sehr wie die (ehemalige) Französische Botschaft in Saarbrücken von Georges-Henri Pingusson (mit Bernhard Schultheis und Hans Bert Baur) aus dem Jahre 1954. Der Komplex setzt sich aus einem schmalen Verwaltungshochhaus und einem Flachbau zusammen. Französisches Sendungsbewusstsein im wahrsten Sinne des Wortes zeigt die avantgardistische Sendehalle des Senders „Europe 1“ in Überherrn-Berus, die Jean-François Guédy und Bernard Laffaille (später Eugène Freyssinet) 1955 entworfen haben. Die Spannbetonkonstruktion ohne Stützpfeiler war der weltweit erste Großbau mit einem aus Beton gegossenen Dach, das auf vorgespannten Seilen hängt. Am Beispiel beider Bauten porträtiert C. Julius Reinsberg in diesem Heft, wie sich gerade bei den scheinbar unwichtigen Details der Innenausstattung eine besondere Mischung aus technischer Innovation und „Élégance“ herausbildete.

 

Zum Beispiel: Kirchenbauten

Nicht zuletzt war es die rheinische Kirchenarchitektur, die der saarländischen Nachkriegsmoderne eine neue Richtung gab. Dominikus und Gottfried Böhms schufen beispielsweise für St. Albertus Magnus in Saarbrücken 1954 einen eiförmigen Bau aus 70.000 Ziegeln der Vorgängerkirche. Für Maria Königin verband Rudolf Schwarz ebenfalls in Saarbrücken 1959 rotbraunen Sandstein mit einem aufsehenerregenden Stahlbeton-Gerüst. Neben solchen anerkannten Inkunabeln schlummern an der Saar weitere bedrohte, veränderte oder bereits verlorene Kirchbauschönheiten. Deren Spuren folgt Karin Berkemann in diesem Heft – und wirft damit einen Blick auf die nachfranzösischen Jahre.

Titelmotiv: Saarbrücken, ehemalige Französische Botschaft (Bild: Marco Kany)