Berlin, Spitteleck (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2016)

FACHBEITRAG: DDR-Archigrafie

von Verena Pfeiffer-Kloss und Felix Richter mit Fotos von Martin Maleschka (19/4)

Acht Buchstaben, ein kurzer Bindestrich: Der Coca-Cola-Schriftzug zählt unbestritten zu den zeitlosen Klassikern der westlichen Werbewelt. Schwungvoll und lebendig, geradezu grazil tastet sich die rote Linienführung über den weißen Grund, schwappend leicht wie die echte Limonade in den Händen freudvoller Tänzer. Nach der Wende eroberte das Coca-Cola-Signet auch den Ostteil Berlins: 1991 wurde es großflächig auf das prominente Dach des Spitteleck-Hochhauses in der Leipziger Straße montiert und bildet seitdem eines der identitätsstiftenden Werbebilder des wiedervereinigten Berlins. So harmonisch und vertraut erscheint uns diese Verbindung von Architektur und Schriftzug, von Spitteleck und Coca-Cola heute, dass man meinen könnte, das Signet sei immer schon da gewesen, habe die Grenzen des Eisernen Vorhangs schlichtweg ignoriert.  

Reine Gewöhnung

Berlin, Spitteleck noch ohne Werbezug (Foto: Bernd Sednik, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1985-0921-001, CC BY SA 3.0, 1985)

Berlin, Spitteleck-Hochhaus noch ohne Coca-Cola-Werbung (Foto: Bernd Sednik, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-1985-0921-001, CC BY SA 3.0, 1985)

Diese Wahrnehmung verdankt sich nicht der reinen Gewöhnung an das Bild vom Spitteleck mit seiner roten Leuchtschrift, sondern zeigt deutlich ein wenig beachtetes Merkmal der DDR-Architektur: Sie war immens affin gegenüber baubezogener Schrift, ja baubezogene Schrift gehörte in der DDR, so die These dieses Beitrags, zum Repertoire der baubezogenen Kunst – nicht zuletzt und gerade wegen der sozialistischen Interpretation des Werbeauftrags, die der Archigrafie als einer stilistisch-ästhetischen Verbindung von Architektur und Typografie wiederum neue Möglichkeiten einräumte. Wie diese im DDR-Bauwesen letztlich ausgeschöpft wurden und was die baubezogene Schrift in der DDR besonders macht, dem spürt dieser Beitrag nach. Topografischer Ausgangspunkt für die archigrafische Spurensuche bildet die Ost-Berliner Karl-Marx-Allee, die in mehreren Bauabschnitten zwischen 1949 und 1969 als Prachtboulevard der ostdeutschen Hauptstadt errichtet wurde.  

Ein erster politisch-ideologischer Hintergrund zum Verständnis der Archigrafie in der DDR findet sich in Meyers Neuem Lexikon, das in der Ausgabe von 1977 wie folgt definiert: Werbung ist die „bewußte, zweckgerichtete Beeinflussung von Menschen, die der zielgerichteten Durchsetzung politischer, kultureller und wirtschaftlicher Interessen dient und alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens durchdringt. […] Im Kapitalismus artet die Werbung in marktschreierische, täuschende und kostspielige Reklame aus, die zur bedenkenlosen Konsumentenmanipulierung genutzt wird, rigoros eingesetztes Mittel im Konkurrenzkampf ist und letztlich der Profitsicherung dient. Im Sozialismus muß die Werbung den Erfordernissen und dem realen Leistungsvermögen der Volkswirtschaft entsprechen, die Erfüllung der Volkswirtschaftspläne sichern, in ihrem Aussageinhalt umfassend und wahrheitsgetreu informieren, dem Konsumenten eine zweckmäßige Warenauswahl erleichtern und zur Sicherung sozialistischer Verbrauchsgewohnheiten beitragen.” 

Werbebotschaften im öffentlichen Raum der DDR waren meist also abstrakte Hinweise auf Produkte, die man vor Ort erhalten kann. Sie waren aber auch zu verstehen als Verbraucherinformation, die der Steuerung einer konkurrenzlosen Volkswirtschaft mitsamt ihrer Mängel sowie der Erziehung zu einem adäquaten, entbehrenden Konsumverhalten dient. Das entkoppelte zwar die baubezogene Schrift der DDR zu einem großen Teil vom verheißungsvollen Werbeauftrag des Kapitalismus, änderte aber kaum ihre eigentliche Funktion: Buchstaben, am besten noch leuchtende, waren spätestens seit den 1920er Jahren für die Darstellung von Urbanität unerlässlich – jenseits von politisch-agitatorischen Botschaften und lokaler Information. 

Kaffee, Tee und Zierfische

Berlin, Werbezug an der Karl-Marx-Allee (Bild: Martin Maleschka)

Berlin, Werbezug an der Karl-Marx-Allee (Bild: Martin Maleschka)

Die Schriften und Schriftbilder an den Bauten der Berliner Karl-Marx-Allee sind beinahe genauso berühmt wie der Coca-Cola-Werbezug am Spitteleck. „Kaffee und Tee“ steht über dem Caféeingang an einem der Zuckerbäckerbauten am Frankfurter Tor. Harmonisch schmiegen sich die gelben und roten, im Abendlicht orangefarben leuchtenden Buchstaben an die neohistoristische Architektur. Wie mit einer Tortenspritze aufgetragen, ist das Schriftbild zu einer eng geneigten Handschrift geformt. Drei Zeilen, ein leichter Versatz und ein Unterstrich, der in seinem markanten Schwung an das Schriftbild von Kreidetafeln erinnert. Geradezu typisch ist das Unspezifische. Es gibt Kaffee und Tee – nicht Kaffee Hausbrandt oder Jacobs Krönung – und das ist es, was den Werbezug von seinen Pendants im Westen unterscheidet und ihn in die Nähe einer formalen Verbraucherinformation rückt. 

Weiter im Westen der Karl-Marx-Allee zeigt die Moderne ihre Schriftbilder. Anfang der 1960er Jahre entwarf der Grafiker Klaus Wittkugel den Namenszug für Josef Kaisers Café Moskau. Streng geometrisch konstruiert steht die klare Struktur der halbfetten Grotesk im krassen Gegensatz zu den breit liegenden Handschriften im älteren Teil der Allee. Präzise nehmen die weißen Versalien die Genauigkeit des streng rechtwinkligen Baus mit seinen mathematisch-seriell anmutenden Betonstrukturverschattungen auf und bilden damit das typografische Gesicht der DDR-Architektur der Moderne. Dazu passt der ebenfalls serifenlose Versalienzug am Kino International, gleich gegenüber, der weit spationiert geradezu sinnbildlich für eine neue Leichtigkeit der DDR-Archigrafie steht. 

Berlin, Buchstabenmuseum, "Die Zierfische" (Bild: Martin Maleschka)

Berlin, Buchstabenmuseum, „Zierfische“ (Bild: Martin Maleschka)

Ungeachtet der hohen Bedeutung, welche die Grotesk-Schrift auch in der Spätphase der DDR innehatte, zeigen die 1970er und 1980er Jahre wieder vermehrt Bezugnahmen auf das archigrafische Bild der 1950er. Ein wiederum berühmtes Beispiel dafür ist der Zierfische-Schriftzug, der sich ebenfalls am Frankfurter Tor, gegenüber von „Kaffee und Tee“ befand. Er beruht auf der Handschrift des Schrift- und Reklamemalers Manfred Gensicke, der ihn entwickelte, und besticht durch die Verbindung von traditioneller Schreibschrift und stilprägender Neongrafik. Mittelblau am Tag und leuchtend Gelb in der Nacht passt die geschwungene Typo farblich wie formal zu den Bauten der Allee. Mit den bunten Neon-Fischen, die in comicartiger Manier an der Hausecke schwimmen, verschmilzt der Schriftzug spielerisch zu einer augenzwinkernd bildhaften Komposition, mit einem großen „Z“, das selbst an einen Zierfisch erinnert.  

Dieser wohl mehr Erinnerungen als neue Erkenntnisse hervorrufende Spaziergang in der Karl-Marx-Allee zeigt, dass die baubezogenen Schriftzüge – ja vielmehr Schriftbilder – Bestandteil der baubezogenen Kunst in der DDR waren und zugleich eine nicht zu unterschätzende Bedeutung für die urbane und speziell auch stadtbildlich-harmoniestiftende Signatur des Boulevards besaßen, die weit über die Ästhetisierung des Einzelbaus hinausgeht. 

Im typografischen Zentrum

Dresden, "Dresden grüßt seine Gäste" (Bild: Martin Maleschka, 2011)

Dresden, Freiberger Straße, Hochhaus mit Leuchtschriftzug „Dresden grüßt seine Gäste“ (Bild: Martin Maleschka, 2011)

Der Schriftgussbetrieb VEB Typoart Dresden prägte maßgeblich die Typografie in der DDR. Grafiker und Schriftsetzer wie Gert Wunderlich, Herbert Tannhaeuser, Albert Kapr oder Franz Ehrlich entwarfen hier Schriften, die auf nahezu allen ostdeutschen Druck- und Werbeerzeugnissen zu finden waren und heute zum lebendigen, gestalterischen Erbe der DDR gehören. Mitunter wurden die hier entwickelten Schriftbilder auch gezielt als Alternativen zu westlichen Typografien gezeichnet. So Arno Dreschers Super Grotesk, die von der Futura beeinflusst war und letztlich zur meistgenutzten Schrift der DDR avancierte. Ein weiteres Beispiel ist Gert Wunderlichs Maxima, die als humanistische Groteskvariante mit niedriger Mittellänge und weit laufender Spationierung als sachlich leichtes Pendant der Helvetica Max Miedingers gesehen werden kann. 

Auch wenn diese Typoart-Schriften nur selten eins zu eins in baubezogene Schriften und Schriftbilder umgesetzt wurden, so war doch ihr Einfluss auf die Archigrafie der DDR unverkennbar. In den 1960er Jahren waren es vor allem die oben genannten Gebrauchsschriften Super Grotesk und Maxima, die das Design der mehrheitlich unikat gefertigten Schriftzüge prägten. Ebenso finden sich in dieser Dekade bildhafte und plastische Anleihen an Auszeichnungsschriften wie die für die Werbung hergestellte Quadro von Erhard Kaiser, beispielsweise an der Markthalle Berlin oder an der „Teetasse“ am Berliner Haus der Statistik. 

In den baubezogenen Schriften der 1970er und 1980er Jahre lassen sich mit der Renaissance der handschriftlichen Signatur wiederum vermehrt Anleihen an serifenbetonte Antiquaschriften beobachten. Stilprägend wirkte hier in besonderer Weise Albert Kaprs Leipziger Antiqua, die gerade in den halbfetten und fetten Garnituren „ihre Herkunft aus dem Schreiben mit der Breitfeder nicht verleugnen“ wollte. So wurde die Leipziger Antiqua auch als Schrift gesehen, die „etwas vom Wollen und der Größe und der Zuversicht der Gegenwart in die Formenwelt“ der Typografie einbringen kann und die mit der ihr innewohnenden Zitation des Art Déco geradezu prädestiniert erschien, in ihrer Vorbildwirkung auch die baubezogenen Schriftzüge für die gesamtgesellschaftlichen Sehnsüchte nach Urbanität, Vitalität sowie zugleich Kiez und Intimität zu sensibilisieren.  

Und die DDR leuchtet doch! 

Dresden, Milchbar Pinguin (Bild: Martin Maleschka)

Dresden, Milchbar Pinguin – Albert Kaprs Leipziger Antiqua war Vorbild für viele Schriftbilder (Bild: Martin Maleschka)

Aller typografischer Signets zum Trotz, wirklich urban im klassischen Sinne wird Schrift erst, wenn sie leuchtet. Neonleuchten, also unter Zugabe von Elektrizität aus sich selbst heraus leuchtende Gasröhren, wurden in den 1920er Jahren zu Zauberstäben der Großstadt. Und die gab es auch in der DDR, wenn auch aufgrund der hohen Kosten in weit geringer Zahl als im Westen. Zentral für das Leuchten in der DDR war ebenfalls Dresden, denn dort wirkt seit 1926 und bis heute die Firma Neon-Müller. Ihr Gründer, der Elektromeister und Kunstschlosser Fritz Müller, erkannte das Potential des gerade entdeckten Gases und begann in den späten 1920er Jahren, für zahlreiche Unternehmen in und um Dresden Leuchtwerbungen zu installieren.

Während der DDR blieb das Unternehmen in den Händen des Sohnes, Frank R. Müller, der mit seinen Mitarbeitern eine Vielzahl von Leuchtbildern im gesamten Land realisierte, sodenn man diese nicht – sei es aus Kosten-, Überproduktion oder Qualitätsgründen – aus der VR Polen importierte. Für seine Heimatstadt gestaltete Neon-Müller die Leuchtschrift „Dresden grüßt seine Gäste“, die unter Denkmalschutz stehende Werbung für das „prickelnd frische“ Margonwasser – eine der wenigen Branding-Kampagnen der DDR – sowie das Schriftbild „Der Sozialismus siegt“, das zwischen 1968 und 1987 (!) vom Hochhaus am Pirnaischen Platz aus in die dunkle Stadt strahlte. Daneben finden sich zahlreiche kleinere Schriftzüge aus dem Hause Neon-Müller, die den Alltag der Stadt zum Teil bis heute erhellen.  

Museumsleuchten 

Chemnitz, Buchstaben fürs Museum, einst Teil des Schriftzugs Edeka am Alten Tor (Bild: Anna Galda)

Chemnitz, Buchstaben fürs Museum, einst Teil des Schriftzugs Edeka am Alten Tor (Bild: Anna Galda)

Andere DDR-Archigrafien sind auf dem Weg ins Museum oder bereits dort angekommen. Die Zierfische beispielsweise mussten einer Sanierung weichen und sind daher seit gut zehn Jahren ein Kernstück des Berliner Buchstabenmuseums. Die Schriftzüge des auf seinen Abriss wartenden Leipziger Bowlingtreffs wollte bislang auch niemand wegwerfen. Und in Chemnitz, wo der öffentliche Raum langsam auch seiner historischen Buchstaben beraubt wird, hat das Institut für Ostmoderne diesen Sommer mit der Rettung von Buchstaben aus der DDR begonnen. Das Fragment aus der Leuchtwerbung „Edeka am alten Stadttor“ ist vom 23. bis zum 31. Oktober 2019 in einer Ausstellung des Instituts für Ostmoderne im Open Space des Gunzenhauser Museums in Chemnitz zu sehen. Neben institutionellen Initiativen zeugen nicht zuletzt auch ambitionierte typografische Projekte von einem stetig wachsenden Interesse an den Schriftzügen der DDR: Erst in den letzten Jahren wurden die Buchstaben der Zierfische und des Café Moskaus zu den Schriften Gensicke ZF bzw. Moskau Grotesk ausgebaut.  

Literatur

Bergner, Walter, Entwurf und Herstellung von Schrifttypen in Ostdeutschland, in: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 6, 1996, S. 405-436. 

Kapr, Albert/Schäfer, Detlef, Fotosatzschriften, Itzehoe 1989, S. 95. 

Maleschka, Martin, DDR. Baubezogene Kunst. Kunst im öffentlichen Raum 1950 bis 1990, Berlin 2019.

Meyers Neues Lexikon, 2., völlig neu erarbeitete Auflage in 18 Bänden, Bd. 15, Leipzig 1977, S. 149, sv. “Werbung”.

Titelmotiv: Berlin, Spitteleck-Hochhaus mit Coca-Cola-Werbung (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2016).

Rundgang

Die baubezogene Schrift aus der DDR-Zeit ist ebenso im Verschwinden begriffen wie die Kunst am Bau dieser Zeit und die Bauten selbst. Martin Maleschka hat ein paar Ikonen und einige weniger bekannte Beispiele für die Archigrafie in der DDR für diese Fotostrecke zusammengestellt. Aus den Metropolen des verschwundenen Landes ebenso wie von den Dörfern, von traditionsbewusster Handschrift bis zur Neongroteske.

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Inhalt

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FACHBEITRAG: DDR-Archigrafie

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