München, Marienplatz, Schriftzug von Franz Hart am Juwelier Bley (Bild: Tobias Köhler, Fakultät für Architektur, TU München)

FACHBEITRAG: Typewalk

von Tobias Köhler (19/4)

Am Ende ist alles Design: Architektur, Typografie und alle weiteren gestaltenden Künste. Bei einem städtebaulichen Entwurf, beim Entwurf eines Gebäudes, eines Stuhls oder einer Schrifttype besteht kein großer Unterschied, lässt man Dimension und Funktion einmal außer Acht. Das Werk des Münchner Architekten Franz Hart ist hierfür ein gutes Beispiel – in seiner Heimatstadt führt ein „Typewalk“ zu seinen typografischen Arbeiten.

Zunächst ein wenig Grammatik

München, Lokalbeschriftung (Bild: Tobias Köhler, Fakultät für Architektur, TU München)

München, Marienplatz, Schriftzug von Franz Hart am Ratskeller (Bild: Tobias Köhler, Fakultät für Architektur, TU München)

Egal um welchen Schrifttyp und welche Zeit es sich handelt, die Basis ist – zumindest bei den Großbuchstaben – immer die lateinische Antiquaschrift. Aus dem Phönizischen in stetiger Vereinfachung über das Griechische entwickelt, hat sie eine Erfolgsgeschichte vorzuweisen: Im Gegensatz zu den sogenannten Bilderschriften handelt es sich nur um 24 Zeichen. Diese lassen sich ausnahmslos aus einem mittig senkrecht und waagerecht geteilten Quadrat mit den Diagonalen und einem einbeschriebenen Kreis ableiten. Daraus ergeben sich Zeichen ganzer Breite wie das „O“ und Zeichen halber Breite wie das „D“. Lediglich bei der Schreibmaschinenschrift und verwandten Schrifttypen sind die Zeichen gleich breit.

Die Grundfigur des Quadrats kann zu einem stehenden oder liegenden Rechteck „konjugiert“ werden. Auch ein Parallelogramm ist möglich: So erhält man die „Kursive“, wobei sich der einbeschriebene Kreis zu einer Ellipse verformt. Mit dieser grafischen Grammatik lässt sich aus zwei bis drei Zeichen das restliche Alphabet rekonstruieren. Hinzu kommen dann teilweise noch besondere Elemente wie Serifen oder Verzierungen. Ähnlich lässt sich hochwertige Architektur auf einige wenige Grundelemente reduzieren.

Eine Frage der Haltung

München, Schriftzug an der Pinakothek (Bild: Tobias Köhler, Fakultät für Architektur, TU München)

München, Schriftzug von Franz Hart im Foyer der Neuen Pinakothek (Bild: Tobias Köhler, Fakultät für Architektur, TU München)

Die Geschichte der Architektur ist von der Geschichte der Typografie nicht zu trennen. So sehen wir in der Romanik, in der Ära der karolingischen Minuskeln, vorherrschend runde Bauformen. In der Gotik mit ihren Spitzbögen hingegen findet sich die Frakturschrift, in der selbst eine rein runde Type wie das „O“ zu einer vierfach gebrochenen Form abgewandelt wird. Auch ein Buchtitel aus der Zeit des Historismus oder des Jugendstils lässt präzise die damalige Architektur bis hin zu den Möbeln erahnen. Vereinfacht gesagt: Jede Typografie ermöglicht Rückschlüsse auf ihre Entstehungszeit samt Architektur – und umgekehrt.

Zudem ist jede gute Typografie in ihrer Haltung abgestimmt auf die zugehörige Sprache. Das Lateinische etwa zeigt wesentlich mehr Zeichen mit Rundungen (also „C“, „D“ und „O“) als das Deutsche, bei dem das beliebte „E“ ein hartes Schriftbild erzeugt. Um diesen „Konflikt“ auszugleichen, verwendete z. B. Peter Behrens bei seinen Inschriften gerne das „runde E“ und näherte sich damit dem lateinischen Schriftbild.

Schrift-Bau-Meister

München, Ladenbeschriftung (Bild: Tobias Köhler, Fakultät für Architektur, TU München)

München, Schriftzug von Franz Hart am Lederwarengeschäft Marstaller (Bild: Tobias Köhler, Fakultät für Architektur, TU München)

Unter den Architekten hat sich eben jener Peter Behrens besonders um die Typografie verdient gemacht. Für die Firma AEG hat er neben den Gebäuden auch die Schrift, das Produktdesign und die Werbung gestaltet. Eine ebenso umfassende Wirkung entfaltete er bei den Farbwerken Höchst: Nahe Frankfurt entwarf er die weltberühmte Eingangshalle und leitete gleich noch das Medikamentenlogo von der Silhouette seines dortigen Verwaltungsgebäudes ab. Selbst Behrens Schriftzug und Logo für Bahlsen Kekse sind bis heute unverändert in Gebrauch.

Einer seiner Meisterschüler war der Münchner Architekt Hans Döllgast (1891-1974): Dieser war 1912 beteiligt an Behrens Bau der Deutschen Botschaft in St. Petersburg. Ebenso zeichnete er – gemeinsam mit seinem Lehrer – für den Entwurf der Monumentalschrift auf dem Berliner Reichstag („DEM DEUTSCHEN VOLKE“) verantwortlich. Wie sensibel die beiden Architekten im Umgang mit der Typografie waren, erkennt man hier an den ungewöhnlichen, aus der ottonischen Zeit der Völkerwanderung stammenden „runden E“s.

Hans Döllgast selbst machte sich als Typograf (z. B. für die Titelschrift der „Süddeutschen Zeitung“) und als Baumeister vor allem durch seine „Reparaturarchitektur“ einen Namen: In München hat er unzählige beschädigte Gebäude mit den einfachsten Nachkriegsmitteln und einer reduzierten Formensprache nicht nur gerettet, sondern zu einer Synthese aus Alt und Neu geführt.

Architekt und Typograf

München, Mensa der TU (Bild: Tobias Köhler, Faktultät für Architektur, TU München)

München, Mensa der TU, Franz Hart (Bild: Tobias Köhler, Faktultät für Architektur, TU München)

Auf den Spuren des Döllgast-Schülers Franz Hart wurde für die „Typographische Gesellschaft München“ ein Themenweg zusammengestellt. Ein „Typewalk“ führt durch die Münchner Innenstadt vorbei an zwei Bauten von Franz Hart (Salvatorparkhaus an der Stadtmauer und TU Mensa) zu einer Auswahl aus seinem typografischen Werk.

Franz Hart (1910-96), in München geboren und aufgewachsen, studierte Architektur an der dortigen Technischen Hochschule. Neben seiner Tätigkeit als Architekt bewährte er sich in verschiedenen Bereichen. Zunächst arbeitete er als Statiker und berechnete unter anderem die Gleishalle des Münchner Hauptbahnhofs. Als Architekt entwarf er z. B. die Mensa der Technischen Universität München, Neubauteile des Deutschen Museums und das Patentamt an der Zweibrückenstraße. Daneben arbeitete er als Hochschullehrer und Publizist, veröffentlichte etwa ein Lehrbuch für Baukonstruktion und Architektur. Seine eigentliche Liebe aber galt der Typografie.

Losspaziert!

München, Beschriftung (Bild: Tobias Köhler, Faktultät für Architektur, TU München)

München, Lehrstuhl für Massivbau, Schriftzug von Franz Hart (Bild: Tobias Köhler, Faktultät für Architektur, TU München)

Von den 1960er bis in die 1990er Jahre prägte Hart mit seinen typografischen Entwürfen den öffentlichen Raum seiner Heimatstadt. Das Spektrum reicht von Werbe- und Ladeninschriften über den typografischen Bereich mehrerer Geldinstitute und viele Gedenk- bzw. Grabtafeln bis hin zu Schriften an der Technischen Universität. Das im Krieg beschädigte Münchner Siegestor, von Josef Wiedeman im Döllgast’schen Sinne reduziert repariert, erhielt von Franz Hart einen bedeutungsvollen Schriftzug: „DEM SIEG GEWEIHT . VOM KRIEG ZERSTÖRT . ZUM FRIEDEN MAHNEND“ – anstelle des kriegszerstörten Architravs. Schrift ersetzt hier Architektur.

Die meisten Schriften entwarf Franz Hart freihändig an der Tafel und optimierte sie anschließend. Daher bilden seine Arbeiten durch die unverkennbare Handschrift und weitere persönliche Details eine Einheit. Die fließende Form war eines seiner Geheimnisse, egal ob es sich um klassische Antiquaschriften, serifenlose Groteskschriften oder frei geformte Schrifttypen handelte. Daneben entwickelte er die Gestaltung auch aus handwerklicher Sicht mit sinnvoll sparsamem Materialeinsatz, so z. B. bei der Prähistorischen Staatssammlung oder am Lehrstuhl für Massivbau. Eine typografische Vielfalt, die Architekturfreunde in München entlag des „Typowalks“ für sich entdecken können.

München, Typewalk (Bild: Tobias Köhler, Faktultät für Architektur, TU München)

München, Übersicht über einen Typewalk zum Architkten Franz Hart (Bild: Tobias Köhler, Faktultät für Architektur, TU München)

Titelmotiv: München, Marienplatz, Schriftzug von Franz Hart am Juwelier Bley (Bild: Tobias Köhler, Fakultät für Architektur, TU München)

Rundgang

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