Der Lichtkünstler Frank Oehring (Bild: privat)

INTERVIEW: „Gehirnscheiben“

Der Lichtkünstler Frank Oehring über das ICC-Leitsystem (19/4)

Das Internationale Congress Centrum (ICC) in Berlin (1975-79) von Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte ist ein Paradebeispiel für einen Großbau der 1970er Jahre: 313 Meter lang, 89 Meter breit und 40 Meter hoch. In 80 Sälen finden rund 20.000 Menschen auf 200.000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche Platz. Die konstruktionsbetonte Aluminiumfassade des ICC schwebt über der West-Berliner Autobahn, das Innere des Baus ist bis ins Kleinste seiner Aufgabe – Kongresse und Großveranstaltungen – verschrieben. Der Berliner Künstler Frank Oehring schuf dafür ein ästhetisch und funktional klares Informations- und Leitsystem, dessen zentrale Lichtplastik als das Herz des technischen Riesen erscheint. Verena Pfeiffer-Kloss traf Frank Oehring in seinem Kreuzberger Atelier oehringlux und sprach mit ihm über Technologie, Organik und komplexe Reduktion in der Großstruktur.

Verena Pfeiffer-Kloss: Herr Oehring, hat die berühmte zentrale Lichtplastik im ICC eigentlich einen Namen?

Frank Oehring: Eigentlich heißt sie „Das Gehirn“. Aber das ist den meisten Leuten zu direkt gewesen, deshalb haben wir es bei „Großer Lichtplastik“ belassen.

VPK: Was ist die Aufgabe der Lichtplastik?

FO: Die Lichtplastik selber ist ein reines Kunstobjekt, aber sie ist der Höhepunkt des sichtbaren Informations- und Leitsystems. Sie hängt direkt mit der gläsernen Leitwarte zusammen, in die man vom „Boulevard“ des Gebäudes hineinsehen kann. Die Lichtplastik ist das Symbol für diese Leitwarte, von der aus die gesamte Haustechnik gesteuert wird. An die Lichtplastik schließen elektronische Nervenstränge an, die sich durch das ganze Gebäude ziehen. Der Gedanke hinter der Lichtplastik ist, dass geistige Aktivität das Gebäude durchströmt, auch symbolisiert in Licht.

Frank Oehring, Modell der Großen Lichtplastik im ICC Berlin im Maßstab 1:20

Frank Oehring, Modell der Großen Lichtplastik im ICC Berlin im Maßstab 1:20, Aluminium (Bild: Copyright: Frank Oehring)

VPK: Sie arbeiteten dabei mit Neonlicht. Was ist das Faszinierende daran?

FO: Mich hat fasziniert, dass man eine leuchtende Linie im Raum erzeugen konnte. Und je nachdem, wie man diese in den Raum hängt, frei oder dicht an der Wand, gibt es andere Möglichkeiten, mit Licht im Raum zu zeichnen. Lichtkunst gab es damals ja noch gar nicht so lange. Ich glaube, ich war damals einer der ersten Lichtkünstler in Deutschland.

VPK: Welche Rolle spielte für Sie Künstliche Intelligenz oder Science Fiction?

FO: Von Science-Fiction waren wir damals ständig berührt, aber Science-Fiction als solche hat mich weniger fasziniert. Was mich fasziniert hat, ist das Gehirn als Zentrum des Menschen. Dass das als Science-Fiction interpretiert wird, liegt meines Erachtens an der Materialwahl und den damals neuen Darstellungsformen in der Kunst.

Frank Oehring, Gehirnplastik, ca. 1974: Eine Lichtpartitur steuert das Aufleuchten der einzelnen „Gehirnscheiben“ (Bilder: Copyright: Frank Oehring)

VPK: Waren Sie immer schon am menschlichen Gehirn interessiert oder kam das durch das ICC?

FO: Immer schon! Bewegung, Phänomene des Sehens und des Lichts sind interessant. Man fragt sich, wie nehmen wir das überhaupt wahr, was passiert, wenn man beginnt zu malen. Ich war mit einen Pathologen befreundet, der begeisterter Hobbymaler war und mit dem ich heimlich am Wochenende in der Pathologie war. Als dann die Arbeit am ICC anfing, fragte ich ihn nach Gehirnstrukturen und den Abläufen, die unbewusst und bewusst stattfinden. Da hat er mich mitgenommen und wir haben Gehirne seziert. Vorher hatte ich zwar schon Bilder von Hirnen studiert, aber da hatte ich die Gelegenheit, die Strukturen in natura zu sehen.

VPK: Hatten Sie von Anfang an den Auftrag sowohl für die Lichtplastik als auch für das Leitsystem?

FO: Eigentlich war von Anfang an nur das Leitsystem mein Auftrag. Damit bin ich beauftragt worden, da ich ein, zwei Jahre vorher, um 1972, zusammen mit dem Architekten Ludwig Leo an einem Wettbewerb für das Leitsystem des Flughafens Tegel gearbeitet habe. Daraus ist nichts geworden, aber ich hatte diese Vorerfahrung und das wusste der Senat. So kam man auf mich, als ich damals gerade erst drei Jahre zuvor die Universität beendet hatte.

Das Umklappen der Falltafeln ist für Frank Oehring „reinste Musik“. Die Klappen konnten als farbige Bilder eingestellt werden, eine der vielen künstlerischen Interventionsmöglichkeiten, die das Leitsystem für das ICC Berlin bot (Bild: Copyright: Frank Oehring)

VPK: Ihr Ausgangspunkt war also gar nicht das Gehirn, sondern das Leitsystem?

FO: Genau. Das Gehirn habe ich später vorgeschlagen. An das Gehirn hab ich noch gar nicht gedacht, nur immer geliebäugelt mit einer Plastik im Kern des Systems. Dann wurde die Leitwarte in den Boulevard in die Mitte des Gebäudes integriert – sie sollte ursprünglich woanders sein – damit war das Gehirn ja eigentlich schon da und so kam ich auf diese Idee.

VPK: VPK: Wie stehen Sie eigentlich zum Gebäude ICC?

FO: Ich habe einen ganz engen Bezug, ich habe den Entstehungsprozess von Beginn an miterlebt. Habe die Euphorie von manchen Leuten erlebt und auch die Kritik. Die stärkste Kritik war der Vorwurf, wir seien technologiehörig. Das haben wir überhaupt nicht so empfunden. Wir hatten die Absicht, ein funktionsfähiges und in Anbetracht des Centre Pompidou in Paris adäquates Gebäude zu schaffen, das der kommenden Entwicklung entsprechen und standhalten sollte. Und es ist noch heute makellos, es sieht immer noch aus wie neu.

VPK: Wie lief die Zusammenarbeit mit den Architekten Schüler/Schüler-Witte?

FO: Ich saß zum Glück nicht im Marschallhaus mit dem riesigen, 100-köpfigen Architektenteam der Schüler/Schüler-Wittes zusammen, sondern hatte einen Partner, Helge Sypereck, den mir Schüler/Schüler-Witte zur Seite gestellt hatten. Er hatte ein kleines Architekturbüro mit vier Leuten, und wir arbeiteten zusammen am Leitsystem. Eigentlich müsste nicht nur mein Name unter dem Leitsystem stehen, sondern auch Helge Sypereck. Schüler/Schüler-Witte hatten ein enormes Vertrauen in uns. Wir haben anfangs parallel gearbeitet, die Architekten am Entwurf des Gebäudes, wir am Leitsystem. Die Architekten haben von mir die Zeichnungen für das Leitsystem bekommen und diese dann in ihre Pläne umgesetzt. Als der Rohbau stand, konnten wir eins zu eins Modelle aufhängen, um die Proportionen zu prüfen.

Frank Oehring, Modell einer Leitspur (Detail) in Blau … und in Rot mit charakteristischer großer Ziffer (Bilder: Copyright: Frank Oehring)

VPK: Haben Sie dem ICC ein Herz oder ein Nervensystem gegeben?

FO: Ja, Nervensystem ist der richtige Ausdruck dafür. Man muss sich das vorstellen, das Gebäude fasst ja bis zu 20.000 Personen in über 80 Sälen. Die Leute müssen ihre Orte finden, in der ganzen Hektik des Kongresses. Dafür ein System zu finden ist schon nah an dem, was im zentralen Nervensystem eines Menschen stattfindet. Es ist ähnlich dem, was unterbewusst in uns stattfindet. Daher müssen die Leute eigentlich auch unbewusst geführt werden. Mich hat die Frage herausgefordert, was eigentlich in uns stattfindet, im Denken, ein bisschen auch im Fühlen – die kalte Seite und die warme Seite – menschliche Neigungen und zum Beispiel Reaktionen auf Farben spielen eine Rolle. Das war eine ziemliche Herausforderung. Daher gab es die Arbeitsgruppe für das Informations- und Leitsystem.

VPK: Wer war an dieser Arbeitsgruppe beteiligt?

FO: Mitglied in der Arbeitsgruppe waren Schüler und Schüler-Witte, der bereits erwähnte Architekt Helge Sypereck, der Psychologie-Professor Otto W. Haseloff, Heinz Hnizdo als Kongressfachmann und ich.

Frank Oehring, Schalt-Plan für die Lichtplastik im ICC Berlin

Frank Oehring, Schalt-Plan für die Lichtplastik im ICC Berlin (Bild: Copyright: Frank Oehring)

VPK: Was ist ein beispielhaftes Ergebnis dieser Zusammenarbeit?

FO: Wir hatten ursprünglich die Idee, die Wegeführung in vielen Farben zu gestalten, mindestens sechs. Gott sei Dank hatten wir die Hilfe des Psychologen, der uns erklärte, dass die meisten Menschen gar nicht in der Lage sind, in komplexen Situationen mehr als drei Farben zu differenzieren. Also haben wir auf zwei Farben reduziert. Ein weiterer Grund für die Zweifarbigkeit war, dass es sich um ein lineares Gebäude handelt. Der Boulevard, also die zentrale Verkehrsfläche im ICC, ist 180 Meter lang. Es gibt eine rechte und eine linke Seite, die beide eigentlich gleich aussehen. Wenn man sich in einem solchen Gebäude mehrmals dreht, hat man keine Orientierung mehr. Daher zwei Farben: Rot für die linke und Blau für die rechte Seite. Es gab damit ein binäres System. Man wurde von einem Punkt zum nächsten geführt und musste meist nur eine einzige einfache Entscheidung treffen: Rot oder Blau.

Das Gespräch führte Verena Pfeiffer-Kloss.

Das Interview ist Teil des zum 9. September 2019 online gehenden mR-Themenhefts „Zeichen und Wunder“ (Redaktion: Verena Pfeiffer-Kloss).

Titelmotiv: Der Lichtkünster Frank Oehring (Bild: privat)

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