Jägerzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

FACHBEITRAG: Der Jägerzaun

von Peter Liptau (20/2)

Er ist der VW Golf (besser: der VW Jetta in Goldmetallic) unter den Zäunen: der Jägerzaun. Dabei hat die fast transparente Holzkonstruktion wenig Abwehrhaftes, sie wirkt eher wie ein Rahmen. Heute bietet der Klassiker weder Schutz vor wilden Tieren noch vor menschlichen Eindringlingen. Trotzdem hat sich dieses „deutscheste aller Zaunwerke“ (Irene Lohaus) spätestens seit der Mitte des 20. Jahrhunderts einen festen Platz im kollektiven Gedächtnis gesichert.

Jägerzaun (Bild: Cora Schönemann, 2020)

Jägerzaun (Bild: Cora Schönemann, 2020)

Bäuerlicher Pragmatismus

Die Geschichte des Jägerzauns beginnt in einer Zeit, in der sich Adelige in den Wäldern herrschaftliche Bauten errichten ließen, um dem feudalen Hobby der Jagd nachzugehen. Natürlich legten die Herren viel Wert auf eine große Wildpopulation, um zuverlässig etwas vor die Flinte zu bekommen. Doch Hirsch und Reh zog es bei der Nahrungssuche immer wieder zu den Feldern, Gärten und Höfen der Dorfbewohner.

Die Lösung für dieses Dilemma: Das Volk durfte Holz in den fürstlichen Wäldern schlagen, um sich Zäune zu bauen. An diesem Punkt entwickelte sich aus einem vormodernen „form follows function“-Gedanken heraus der Scheren- oder Kreuzzaun, der später unter dem Namen „Jägerzaun“ Karriere machen sollte. Die Holzkonstruktion besteht aus kreuzförmig angebrachten Latten, ursprünglich meist gespaltenen Ästen, die im System der sog. „Nürnberger Schere“ zusammengenagelt werden – eine Funktionsweise, die (nebenbei bemerkt) bereits aus dem alten China überliefert ist. Verglichen mit der heutigen Bauweise fiel der historische Jägerzaun wohl etwas höher aus, um dem Wildbret sicher den Zugang zum Salat verwehren zu können.

Konstruktion des Hanichelzauns (Bildquelle: Habers, Guido, Der Wohngarten. Seine Raum- und Bauelemente, München 1933)

Eine simple Konstruktion

Der Jägerzaun ist einfach zusammenzuzimmern, falt- und transportierbar. In verbesserten Varianten überdauerte das Nutzobjekt Jahrzehnte und Jahrhunderte, bis es durch den praktischeren, rollbaren Maschendrahtzaun abgelöst wurde. Dessen Herstellung wurde ab Mitte des 19. Jahrhunderts industriell möglich. Bei der Tagung „Zwischen Jägerzaun und Größenwahn – Freiraumgestaltung in Deutschland 1933-1945“ arbeitete die Landschaftsarchitektin Irene Lohaus 2012 heraus: Das Modell kommt in den 1930er Jahren häufig zum Einsatz, aber nicht unbedingt vorrangig. Göring etwa wählte für seinen Landsitz Carinhall keine „Nürnberger Schere“ (wenn auch vom Namen her eigentlich für ihn prädestiniert), sondern einen schnöden Querlattenzaun.

Nach Lohaus entwickelte sich der Jägerzaun-Typus – genannt Scheren-, Diagonal-, Hanichel- Spriegel- oder gekreuzter Waldlattenzaun – im Mittelalter. Seinen heute charakteristischen Namen erhielt er, so Lohaus, jedoch erst in den 1960er Jahren. Die Bauweise findet sich bereits ab 1870 in Publikationen. Im Englischen läuft der deutsche Jägerzaun unter der Bezeichnung „rustic fence“.

Jägerzaun neben Drahtzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

Jägerzaun neben Maschendrahtzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

Eine Gegenreaktion

Möglicherweise als Gegenreaktion auf die kitschigen schmiede- oder gusseisernen Zäune des Historismus erlebt der Jägerzaun im frühen 20. Jahrhundert eine Renaissance. Die Gartenstadtbewegung wendet sich wieder ländlichen Gestaltungsmotiven zu. Mit ihr kommt der Jägerzaun in urbane Gefilde, so zum Beispiel in die Gartenstadt Berlin-Falkenberg des Architekten Bruno Taut. Nur wenig später werden im Dritten Reich Betonmauern oder gar glatte Mauern indiskutabel. Selbst „die übliche Verwendung von Betonpfosten ist unerfreulich“, so ein damaliger Gestaltungsratgeber.

Auch im Heimatschutzstil – einem zuvor schon vorhandenen, aber zu NS-Zeiten eng gefassten und politisch aufgeblähten Begriff – hat der Jägerzaun einen festen Platz: „Je größer der Größenwahn, desto pragmatischer die Mittel im Siedlungsbau“, so Lohaus. In Kleinsiedlungen wie München-Ramersdorf oder Düsseldorf-„Rotes-Haus“ zieht sich der Zaunklassiker entlang der Grundstücksgrenzen. Nicht zu vergessen der vertikale Lattenzaun, der zeitgleich Einzug in die Gärten hält. Bis heute findet man in solchen Siedlungen auf der Schau- oder Straßenseite häufig einen Holzzaun. Entlang der Grundstücksgrenzen wurde hingegen oft nur der schnöde Drahtzaun aufgestellt.

Magdeburg, Ausstellung mit Gartenlaube des VEG Holzbau Leipzig, 1957 (Foto: Biscan, Bild: Bundesarchiv Bild 183-47667-0002, CC BY SA 3.0)

Zurückhaltung

Ernst Neufert benennt schon 1936 in seiner Erstausgabe der „Bauentwurfslehre“ den Jägerzaun als mögliches Gestaltungsmerkmal. Hier wird die Bezeichnung „Rundstengelzaun“ gewählt, was erneut die ursprünglich rustikale (ungeschliffene) Gestaltung der Latten belegt. In verschiedenen Publikationen jener Jahre wird klar definiert, wie die Holzkonstruktion aufzustellen sei: Hinter dem Zaun liegen die Pfosten, die ihn an Höhe nicht übertrumpfen sollen. Ziel ist ein „vornehmes und zurückhaltendes Bild entlang der Straße“. Diese einheitliche Linie könne höchstens durch gemauerte Pfosten für Einfahrten und Grundstückszugänge unterbrochen werden.

Noch 1950 werden die Zaun-Beispiele im Neuffert-Ratgeber unverändert abgedruckt. In vielen Nachkriegssiedlungen kommen hingegen vermehrt Stahl- und Drahtzäune zum Einsatz. Beliebt ist hier beispielsweise – zwischen Betonpfosten, auf Betonsockelmäuerchen – ein Rundrohrrahmen mit einem gewellten Eisendrahtgeflecht. Oder eben gestaltete Elemente mit Fischen oder Blümchen aus Stahl.

Jägerzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

Jägerzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

Symbol der Spießigkeit

1960 eröffnet mit dem „BAUHAUS“ in Mannheim der erste deutsche Baumarkt. Für den Jägerzaun herrschten damals ähnlich gute Bedingungen wie noch im Mittelalter: Kostengünstig, transportabel, variabel passte er zunächst ins Nachkriegsvehikel und dann zwischen jede Fertiggarage und jedes Eingangstörchen. Eine neue Ära des Jägerzaunes beginnt, der vermutlich erst zu diesem Zeitpunkt auch so genannt wird. Woher diese Bezeichnung stammt, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Heute hat der Jägerzaun seine eigentliche Schutzfunktion größtenteils eingebüßt. Aufgrund seiner Funktionslosigkeit ist er evolutionär geschrumpft. Wo es keinen Nutzgarten mehr zu verteidigen gibt, scheint der Zaun zu sagen: Weg da, das hier ist alles meins! Eine leicht sonderbare Abwehrhaltung ist in einem Gartenratgeber der späten 1960er Jahre zu erkennen: Gegen darübersteigende Kinder wird empfohlen, auf der Zaunrückseite – entlang der Spitzen – einen Stacheldraht aufzunageln. 

Ulm, Stadthaus, Ausstellung "Unser Leben – Süßsauer serviert", Heike Sauer, 2020 (Foto: Peter Liptau)

Ulm, Stadthaus, Ausstellung „Unser Leben – Süßsauer serviert“, Heike Sauer, 2020 (Bild: Peter Liptau)

Im „Jodlerstil“

Die Massenverwendung hat den Jägerzaun in absurde Formen gepresst: Zwischen gemauerten Pfosten wird das ursprünglich transportable Schutzgerät ad absurdum geführt. Gleiches widerfährt übrigens dem Maschendrahtzaun. Der Dokumentarfilmer Dieter Wieland spricht in seinem Bericht „Bauen und Bewahren“ 1984 vom „Jodlerstil“: Unsere Siedlungen bilden demnach ein Gewirr aus Einzelinteressen. Hier ist der Zaun sowohl Statussymbol als auch Abbild des individuellen Geschmacks. Er trägt das ersehnte Jägerzimmer im Gelsenkirchener Barock-Stil oder den röhrenden Hirsch nach außen. Es sind sogar neue Entwicklungsformen des Klassikers entstanden: als nicht mehr faltbare Plastikversionen, als Rankhilfe und Rosenbogen, als Umfassung im Geranienkasten oder Lückenbüßer zwischen Gabionenwänden.

Auch in den Galerien und Museen hat der Jägerzaun Einzug gehalten. So zeigt der Künstler HAWOLI auf einer Wiese eine Jägerzaun-Spirale – sie wächst, schraubt sich aus dem Boden oder in ihn hinein. Der Zaun bleibt Schwellensituation. Die Künstlerin Heike Sauer, deren Ausstellung im Frühjahr 2020 im Stadthaus Ulm zu sehen war, sammelt gern Kitschiges aus dem Alltagsleben und kombiniert es neu. Mit einem schmiedeeisernen Kerzenleuchter und einem Warnschild, das deutscher kaum sein kann, behauptet der Jägerzaun hier seine Zugehörigkeit zum Spießertum.

Jägerzaun für den Modellbau (Bild: Vollmer)

Anti-Bambi-Bollwerk

Irgendwie war der Jägerzaun immer schon da, irgendwie noch nie ernst gemeint oder ernst genommen. Mal Anti-Bambi-Bollwerk, dann Nazi, auf einmal stilsicherer Klassiker des Spießbürgertums und später aus Kunststoff. Aber seit mindestens hundert Jahren ist er kontinuierlich erhältlich. Auch als Modellbau-Utensil gibt es ihn seit Jahrzehnten für die hauseigene Tischeisenbahn zu kaufen. Daher zum Schluss eine Empfehlung: Versuchen Sie es im Kleinen, kaufen Sie sich die Miniaturversion und ein Usambaraveilchen! Vielleicht hält er, gemäß seiner historischen Bestimmung, die Läuse fern.

Titelmotiv: Jägerzaun (Bild: Jürgen Schölch, 2020)

Frühjahr 2020: Gabionenfrei

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