INTERVIEW: „Ein pervertierter Ordnungswahn“

Ulf Soltau im Gespräch über Schottergärten (20/2)

„Wir hätten gern das Aschgrau!“ Loriot illustrierte den bundesdeutschen Seelenzustand in seinem Film „Ödipussi“ 1988 noch anhand der Farbwahl fürs Sofa. Heute scheint das Grau in Grau in den Vorgärten angekommen zu sein. Die Rede ist von Schottergärten. Vielerorts wirkt es, als wäre ein Gabionen-Laster havariert. Zurück bleibt eine vermeintlich pflegeleichte, aber letztlich tote Steinwüste. Der Jägerzaun, der einst die liebevoll gepflegten Stauden der Häuslebauer vor Eindringlingen schützte, hat ausgedient. Um diesem Wandel etwas entgegenzusetzen, gründete der Berliner Biologe Ulf Soltau die Facebook-Seite „Die Gärten des Grauens“: eine Plattform für humorvoll kommentierte Extrembeispiele jener Schottergartenkunst.

"Gärten des Grauens" 20.1774

„Gärten des Grauens“ 20.1774: Orientalisches Flair genießt man in der „Festung Europa“ bevorzugt ohne Menschen aus entsprechenden Regionen

moderneREGIONAL: Auf allen Kanälen erreichen „Die Gärten des Grauens“ mittlerweile mehrere hunderttausend Follower. Warum haben Sie die Seite 2017 ins Leben gerufen?

Ulf Soltau: Da ich selbst einen Kleingarten habe, bin ich in den sozialen Medien diversen Gartengruppen beigetreten. Dort postete man damals immer noch viele Bilder von Schottergärten. Diese wurden überschwänglich geliked und goutiert, wie schick und ordentlich sie doch seien. Ich fand sie ganz abscheulich und habe dann gerne ironisch kommentiert. So wurde ich aus den Gruppen herausgeworfen und gründete meine eigene Seite. Obwohl ich das Satirische nie gelernt habe, liegt es mir. Für mich macht es vor allem die Kombination von Wort und Bild!

mR: Die „Gärten des Grauens“ sind also aus „Antikräften“ entstanden. Welche Wirkung konnten Sie erzielen?

US: Der größte Coup war die Idee des „Terror Gardening Awards“: ein Schmähpreis für Orte, aus denen besonders viele Bilder kommen. Das führte zu politischen Diskussionen in den entsprechenden Gemeinden. Im Luftkurort Xanten beispielsweise wollte man das nicht auf sich sitzen lassen. Sehr schnell wurde die Bauordnung geändert. Schottergärten sind nun explizit verboten. Das zog einen ganzen Rattenschwanz von Gemeinden nach sich. In solchen Diskussionen taucht immer der Begriff „Gärten des Grauens“ auf. Das hat einen großen Sinneswandel herbeigeführt.

Ich habe mich nie als Politiker oder Macher gesehen. Aber mit einer satirischen Herangehensweise erreiche ich auch unglaublich viel. Im Unterschied zum Dokumentarfilmer Dieter Wieland, der in den 1980ern schon die heimische Gartenkultur stark in die Kritik genommen hat. Seine Reihe „Grün kaputt: Landschaft und Gärten der Deutschen“ ist hoch eloquent, wirkt aber immer ein bisschen moralinsauer. Dadurch ist er leider nicht wirklich durchgedrungen. Die Gärten sind heute noch viel schlimmer als damals.

„Gärten des Grauens“ 20.1760: Ein echtes Ärgernis für Gartenbesitzer*innen ist ein Bachlauf quer durchs eigene Grundstück. Lautstarke Lurche und ausufernde Ufervegetation gilt es nach Möglichkeit schon im Ansatz zu bekämpfen. Doch Obacht: Eine Gabionen-Bretterwand-Kombination verbirgt ihre lustvollen Gartenzüchtigungen nur ungenügend vor linksversifften GdG-Paparazzi

mR: Welche ökologischen Folgen haben die versteinerten Gärten?

US: Die Auswirkungen beschränken sich nicht nur auf die Biodiversität – die Insektenpopulationen und alles was an der Nahrungskette hängt. Ein weiterer Punkt ist das in Mitleidenschaft gezogene urbane Kleinklima. Solche Flächen heizen sich im Sommer auf. Nachts findet keine Abkühlung mehr statt. Bei der Vegetation erleben wir das exakte Gegenteil: Pflanzen transpirieren, was zu einer Hitzeregulation führt. In Wäldern ist es im Hochsommer bis zu zehn Grad kühler als in der Umgebung. Dieser positive Effekt, den wir angesichts des Klimawandels dringend brauchen, wird durch diese Gärten eliminiert. Kritisch ist ebenso die Entsorgung. Der Schotter wird – samt Unkrautvlies und Erdreich – teuer abgetragen. Als sog. Baumischabfall kann er nur noch deponiert werden.

mR: Wie pflegeleicht ist ein Schottergarten wirklich?

US: Durch das Kunststoffvlies, das unter die Steinmassen kommt, hat man erstmal zwei Jahre Ruhe. Allerdings legt sich im Laufe der Zeit verrottendes Herbstlaub darüber, dann kommt Flugsaat. Spätestens dann hat man wieder mit Unkraut zu kämpfen. Wer geht dann in den Schotterhaufen und pult alles mit der Hand heraus? Stattdessen greift man zur Giftspritze. Glyphosat ist zwar verboten – aber wo kein Kläger, da kein Richter.

mR: Seit wann gibt es den Schottergarten?

US: Meine Eltern hatten eine Drogerie. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden Reinigungsmittel und Pestizide großen Absatz. Alle wollten den Dreck der Vergangenheit loswerden – das war ein riesengroßes Geschäft. Ich vermute, dass diese Mentalität Eingang in die Gartengestaltung gefunden hat. Die Leute wollten saubere Gärten: Es wurde geharkt, gezupft und gespritzt. Wildwuchs war nicht mehr zugelassen. Der Schottergarten ist die Steigerung eines pervertieren Ordnungswahns, der unsere Wohnzimmer nie hätte verlassen dürfen.

„Gärten des Grauens“ 20.1732: Während sich unsere Ahnen aus der Jungsteinzeit mit imposanten Steinbauten wie den nordeuropäischen Hünengräbern, den Steinreihen von Carnac oder Stonehenge als MEGALITHKULTUR in die Kulturhistorie der Menschheit einschrieben, so wird unsere heutige Ära wohl nur einen dünnen Schotterhorizont in den archäologischen Bodenprofilen der Zukunft hinterlassen und als sog. MIKROLITHKULTUR Zeugnis der letzten und kürzesten aller erdgeschichtlichen Epochen ablegen – dem Ende des Anthropozäns

mR: Die meisten Bilder kommen aus der Vorstadt oder aus dem ländlichen Raum – woran könnte das liegen?

US: Ich weiß es nicht, was psychologisch dazu führt. Hier in Berlin, generell größeren Städten, zeigt sich eher ein gegenläufiger Trend: Urban oder Guerilla Gardening. Der Ordnungsdrang war, glaube ich, auf dem Land schon immer deutlicher ausgeprägt. Ich bin z. B. Hamburger. Wer den Kiez kennt, der weiß: Schmuddel und Bürgertum existieren nebeneinander, das gehört zusammen. Auf dem Land, da möchte man es einfach ordentlich haben. Dahinter steht sicher eine konservative Grundhaltung.

mR: Aus welchen Regionen kommen besonders viele Einsendungen für „Die Gärten des Grauens“?

US: Ehrlich gesagt, erreichen mich wenige Bilder aus Ostdeutschland. Ich würde sagen: 80 Prozent kommen aus dem Westen. Die meisten Bilder erhalte ich interessanterweise aus dem Saarland und vor allem aus Nordrhein-Westfalen. Letzteres kann daran liegen, dass es dort extrem viele Schottergärten gibt. Oder die Menschen haben in Nordrhein-Westfalen mehr Naturverständnis und es fällt ihnen eher auf. Eine verlässliche Statistik kann man so aber nicht machen.

mR: Ist der Schottergarten eher ein deutsches Phänomen?

US: Ich denke schon. Solche Gärten kennt man natürlich schon länger im mediterranen Raum oder in trockenen Gebieten. Dort haben sie aber nie diese Virulenz an den Tag gelegt wie in Deutschland, wo inzwischen 15 Prozent aller Vorgärten geschottert sind. Die Schotteranbieter haben eine Umsatzsteigerung von 20 Prozent jährlich. Der Schotter selbst wird größtenteils in Deutschland gewonnen, als Nebenprodukt des Bergbaus. Früher war das Müll, der teuer deponiert wurde. Dann kam man – vermutlich zusammen mit den Baumärkten – auf die Idee, den Abfall als mediterranen Garten zu verkaufen.

mR: Welche Zukunft hat der Schottergarten?

US: Ich würde mir wünschen, dass sich Gartenbauer und Unternehmen Alternativen überlegen. Existierende Schottergärten lassen sich auch renaturieren, indem das Unkrautvlies entfernt wird. Dann könnten die Flächen ökologisch sogar sinnvoll werden. Wenn man die Ansiedelung von Pflanzen zuließe, die sich von sich aus an diese Umgebung natürlicherweise angepasst haben. Im Berliner Gleisdreieckspark gibt es sog. Ökoschotterflächen. Diese unwegsamen Areale betreten weder Mensch noch Tier. Dort entwickelt sich, selbst in einem besuchsintensiven Park, eine unglaubliche Artenvielfalt. Doch es mangelt leider an guten Vorbildern für die Nachnutzung. Vielleicht wäre das ja ein Zukunftsprojekt für mich: positive Beispiele sichtbar machen.

Das Gespräch führte Johannes Medebach.

"Gärten des Grauens" 20.1754

„Gärten des Grauens“ 20.1754: Frühling lässt sein graues Band wieder flattern durch die Lüfte …

Ulf Soltau arbeitete als studierter Biologe u. a. im Podocarpus-Nationalpark in Ecuador. Mit seiner Facebook-Seite „Gärten des Grauens“ prangert er die Verödung der deutschen Vorgärten an. Die besten Beiträge hat er in einem gleichnamigen Buch im Eichborn-Verlag versammelt.

Titelbild: Ulf Soltau (Bild: Copyright Ulf Soltau)

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