Schallschutzmauerelement mit Dackel (Bild: RIchard Huber, CC BY SA 3.0, 2013)

PORTRÄT: Schallschutz mit Dackel

von Karin Berkemann (20/2)

Wir müssen geschützt werden – vor Viren und Geräuschen. Bei „Lärm“ (oder politisch korrekter „Schall“) handelt es sich keineswegs um ein Exklusivproblem der Nachkriegsmoderne. Auch Pferdefuhrwerke und Dampflokomotiven waren laut, sogar lauter als viele Fortbewegungsmittel heute. Aber sie waren weniger und wir hatten weder Zeit noch Wahl, uns groß darüber aufzuregen. Doch spätestens seit den 1960er Jahren rücken uns die Dinge da draußen gefühlt immer dichter auf die Pelle. Dagegen bauen wir Schutzwälle, die wir mal ironisch, mal liebevoll mit viel Grün dahinter und niedlichen Tieren davor ablichten.

Goldbach, Einhausung der B 3 (Bild: Maulaff, CC BY SA 3.0, 2006)

Die letzten Brutalisten

Eine Lärmschutzwand will nicht mehr sein, als sie ist: ein notwendiges Übel. In Zeiten farbdekorierter Wärmedämmfassaden hat der umgebungsignorante Brutalismus hier seine letzte Zuflucht gefunden. Egal wie hässlich man die Betoneinhausung einer Autobahn finden mag, Krach ist hässlicher. Beim Durchfahren des schallschluckenden Tunnels ist es eh dunkel. Und die anschließenden Lärmschutzwände stehen im Niemandsland zwischen Verkehrsweg und Gebüsch. Kaum einer schaut wirklich hin. Architektur ist damit endlich frei von der Last, für etwas (ein)stehen zu müssen. Kein Schauwert, kein Zeichenwert, sondern pure Funktion. Mehr Moderne geht nicht.

Erst im zweiten Schritt lebt sich das Dekobedürfnis auch an Schallschutzwänden aus. Harmlos sind noch Wilder Wein und kränkelnder Efeu, die nicht nur für Schallminderung sorgen. Sie täuschen zugleich einen grünen Schutzwall vor: Eigentlich fahren wir durch einen Wald. Und was wir nicht sehen, kann uns nicht stören. Auch modisches Colour-Blocking in landschaftsimitierenden Grüntönen versendet sich im Vorbeifahren rasch. Schwierig wird es bei figurativen Versuchen, die an gutmeinende Fingermalereien auf Kindergartenzäunen erinnern. Wo schon die 1980er Jahre den Beton grün wegstreichen wollten, wird jetzt die Schutzwand mit Bienchen und Blümchen eingeschönt.

Lärmschutzwand in Ungarn (Bild: Globetrotter19, CC BY SA 3.0, 2018)

Lärmschutzwand in Ungarn (Bild: Globetrotter19, CC BY SA 3.0, 2018)

Einmal quer durch

In der Schallschutzwand lebt vergleichsweise unbeschadet das Lieblingsfeindbild der Denkmalschutzbewegung der 1970er und 1980er Jahre weiter: das schonungslose Durchschneiden von Landschaften. Hier werden Autobahnen und Bundesstraßen unübersehbar in die dritte Dimension verlängert. Immer wieder rennt der schweifende Blick gegen Wände. Was die Ohren schützen soll, beschneidet das Auge. Selbst das beim Straßenbau aufgehäufte Erdreich stört das Bild. Ein begrünter Wall braucht viel Platz bei wenig Wirkung. Was am Ende fehlt ist – ob Auto oder Bahn – der freie Blick. Das gilt dies- und jenseits der Mauer, da helfen auch Glaseinsätze wenig. Zwischen zwei Wänden bewegt man sich fort, erst im weiten Raum wird die Fahrt zur Reise.

Freiburg im Breisgau, Turmcafé (Bild: Hagen Stier)

Tankstelle in Aspik: das Freiburger Turmcafé mit Biergarten hinter ein Lärmschutzwand (Bild: Hagen Stier)

Gelegentlich werden Häuserzeilen bereits vorab als Schallschutz geplant. Das funktioniert, doch nur selten für die Bewohner eben jener Gebäude. Lärm kann an der Quelle selbst reduziert werden: leisere Motoren und Bremsen, reibungsarmer Straßenbelag, sorgfältige Schienenpflege, weniger geräuschintensive Stopps im Stadtverkehr. Selbst Hausfassaden können als Schallreflektoren eingesetzt werden. Zuletzt bleibt das Trostpflaster Lärmschutzwand. Wo wir als Bewohner schon nicht gegen die Übermacht von Mobilitätszwang und Schwerlastverkehr ankomme (und den Kampf nie wirklich aufgenommen habe), da möchten wir zumindest eine kleine bauliche Wiedergutmachung sehen. Dass wir uns damit selbst ins Ghetto verbannen, ist die Kehrseite der Medaille.

Vorbeifahr-Kunst

Natürlich, es gibt sie, die kunsthandwerklich gestaltete Betonoberfläche, die ornamental gemusterte Holzwand, das spät-postmoderne Aussichtstürmchen zwischen Metallpaneelen. Doch sie bleiben die Ausnahme. Zur Regel werden traurige Eigenheimanhäufungen hinter Erdwällen. Von der Ausbreitung der Gabionen schweigen wir der Höflichkeit halber. Am Ende helfen sie dabei, die verborgene Schönheit der nachkriegsmodernen Lärmdämmung zu sehen. All die liebevoll hilflosen Versuche der 1980er Jahre, irgendwie irgendeine gestalterische Geste auszuführen. All die Betonformsteine und Metallprofile der 1990er Jahre, die dem Wort Monotonie eine neue Dimension verleihen. Vielleicht liegt hier der eigentliche Wert dieser verkannten grauen Architektur. Genießen wir einfach die Gestaltungsfreiheit und Gleichförmigkeit unverzweckter Fläche. Das beruhigt, zumindest die Augen.

Etelsen, Lärmschutzwand (Bild: JoachimKohlerBremen, CC BY SA 4.0, 2019)

Etelsen, Lärmschutzwand (Bild: Joachim Kohler, Bremen, CC BY SA 4.0, 2019)

Lärmschutzwand bei Prag (Bild: ŠJů, CC BY SA 3.0, 2012)

Lärmschutzwand bei Prag (Bild: ŠJů, CC BY SA 3.0, 2012)

Lärmschutzwand in Portugal (Bild: Antero Pires, CC BY SA 3.0, 2010)

Lärmschutzwand in Portugal (Bild: Antero Pires, CC BY SA 3.0, 2010)

Dallgow-Döberitz, Lärmschutzwand (Bild: global-fish, CC BY SA 3.0, 2012)

Dallgow-Döberitz, Lärmschutzwand (Bild: global-fish, CC BY SA 3.0, 2012)

Lärmschutzwand (Bild: StromBer, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2009)

Lärmschutzwand (Bild: StromBer, CC BY SA 3.0 oder GFDL, 2009)

Lärmschutzwand in China (Bild: Hat600, CC BY SA 3.0, 2013)

Lärmschutzwand in China (Bild: Hat600, CC BY SA 3.0, 2013)

Titelmotiv: Schallschutz-Mauer-Element mit Dackel (Bild: Richard Huber, CC BY SA 3.0, 2013)

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