Stuttgart, Weißenhof-Siedlung, Haus Le Corubsier (Bild: Andreas Praefcke, CC BY 3.0)

LEITARTIKEL: Über das Neue Bauen hinaus

von Thomas Danzl und Andreas Putz (20/1)

Das Konsumverhalten eines ganzen Jahrhunderts fasste Le Corbusier in kurze Sätze: „On jette aux ferrailles le vieil outil […]; on jette, on remplace.“ Spätestens in den frühen 1960er Jahren aber wurde offenkundig, dass die Hinterlassenschaften der Moderne nicht in ewiger Jugend verharren. Angesichts des Zustands des Dessauer Bauhausgebäudes sprach der Architekturhistoriker Leonardo Benevolo 1960 von einem „jammervollen Trümmerhaufen“. Dessen Wiederherstellung (1974-76) geriet zu einer der ersten Rekonstruktionen der Moderne. 20 Jahre später, als 1996 eine weitere Generalsanierung anstand, ging es auch methodisch um einen Paradigmenwechsel: von einer wenig befundorientierten, teils spekulativen Wiederherstellung zu einer substanzschonenden Instandsetzung. Im gleichen Jahr hielt die ICOMOS-Tagung „Konservierung der Moderne?“ in Leipzig fest: Die Bauten der Moderne sind so zu behandeln wie jedes andere Denkmal.

Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Haus Scharoun (Bild: Runner1928, CC BY SA 3.0)

Stuttgart, Weißenhofsiedlung, Haus Scharoun (Bild: Runner1928, CC BY SA 3.0)

Erinnerung vor Substanz?

Bezeichnenderweise spielte die Erhaltung von modernen Oberflächen, von Putz und Farbe, in der Fachdiskussion lange nur eine untergeordnete Rolle. Noch das ICOMOS-Seminar zum Erbe des 20. Jahrhunderts in Helsinki betonte 1995 vor allem den Erinnerungswert – und vernachlässigte dabei das Material. Nur war damals die erneuernde Instandsetzung der Weißenhofsiedlung Stuttgart (1981-87) bereits warnendes Beispiel. Nicht nur der erhebliche Verlust von Originalsubstanz, sondern die geradezu mythische Suche nach dem Urzustand weckte internationale Kritik. Ebenso wirkt die allgemeine Vorstellung nach, die Moderne sei eine Abfolge kurzzeitiger Moden. Bis heute werden allzu oft Nachbildungen, Neuinterpretationen und irreversible „Nachbesserungen“ damit begründet, dass moderne Bauweisen und -stoffe kurzlebig und unzulänglich seien. Aber auch die Architektur der Moderne besteht nicht in einer entstofflichten Ästhetik bloßer Formen.

Vermeintlich langlebig

Von der Mitte der 1970er bis zum Ende der 1990er Jahre hatte sich der Gegensatz zwischen „Bild“-Denkmalpflege und „geschichtsdidaktischer“ Denkmalpflege verstärkt. Die Vorstellung einer immer jungen Moderne, die keine Runzeln verträgt, wurde erst im neuen Jahrtausend ersetzt durch eine neue Praxis: Nachhaltigkeit, Authentizität, Reparatur, Pflege, Wartung und Monitoring. Daher lohnt ein kurzer Blick auf die Wurzeln unseres Denkmalverständnisses, in den Katalog zur Wanderausstellung „Eine Zukunft für unsere Vergangenheit“ von 1975. Saskia Durian-Ress schildert dort in ihrem Beitrag „Klassische Denkmalpflege“ bereits zwei mehr denn je gültige Strategien: Zum einen sieht sie das Denkmal als Datenspeicher, der Schutz für seine gesamte Lebensgeschichte einfordert. Zum anderen sollten fachliche wie außerfachliche Vertreter dabei mithelfen, zu erklären, zu beraten und zu vermitteln.

Dessau, Atelierhaus (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Dessau, Atelierhaus (Bild: Spyrosdrakopoulos, CC BY SA 4.0, 2014)

Bereits in den 1970er Jahren wurden viele Denkmäler musealisiert – Befunde präsentierten sich als Präparate, als Palimpseste, die nur wenige Eingeweihte lesen konnten. In der Tradition der „Gestaltenden Denkmalpflege“ konzentrierte man sich auf das ästhetische Bild des Denkmals. Das Mittel zu diesem Zweck waren vermeintlich überlegene, weil „moderne“ Industrieprodukte. Seither ist auch diesseits der Alpen die operative Kunstkritik eines Cesare Brandis in die Baudenkmalpflege eingesickert. Diese begreift Kunst- und Bauwerk als historisch-ästhetisches Zeugnis in seiner Materialität und in seinem überkommenen Zustand. Jeglicher Eingriff sollte umsichtig, behutsam und wiederholbar sein. Alle Wertungen zum Material, zu seiner Geschichte und Ästhetik sind letztlich aufeinander zu beziehen.

Im Umgang mit dem Erbe der Moderne bedarf es der Vorsicht und des Respektes, auch vor späteren Veränderungen. Ein derart „historisch gewachsener Zustand“ bringt unterschiedlich starke Verluste der Substanz und der äußeren Erscheinung mit sich. Dabei können durchaus neue Materialien und neue Werte hinzukommen, die das ursprüngliche Bild überformen, ja auslöschen. Eine Bestandsaufnahme und -kritik muss daher zunächst drei Punkte neutral darstellen: Material – Geschichte – Ästhetik. Anschließend sollten fächerübergreifend und gemeinschaftlich die möglichen Eingriffe und Verluste eingeschätzt und kritisch abgewogen werden.

Brünn, Haus Tugendhat, Modell (Bild: Christian Michelides, CC0 1.0, 2013)

Brünn, Haus Tugendhat, Modell (Bild: Christian Michelides, CC0 1.0, 2013)

Nachjustieren

Während der erneuten Instandsetzung des Dessauer Bauhausgebäudes (1998-2006) präzisierte man die historische Form. Endlich wurde die elegante Raffinesse des Farbkonzeptes erforscht und wiederhergestellt. Erst mit der restauratorisch-materialkundlichen Untersuchung erkannte man: Bei den von der Bauhaus-Wandmalereiklasse geprägten Farbflächen handelte es sich nicht um Kunsthandwerk, sondern um eine zeitgemäße Variante der monumentalen Wandmalerei. Lediglich Schweizer Beispiele ließen ahnen, dass die Farbgestaltungen repariert und wiederhergestellt werden konnten – in höchster, am Bestand orientierter Qualität. Dieses Konzept konnte man zwischen 2001 und 2003, unter der Bauherrschaft der Wüstenrot Stiftung, am Meisterhaus Muche-Schlemmer umsetzen. Die Lehren daraus ließen sich später nicht nur für die Bauhausbauten in Dessau übertragen.

Die neueste Wiederherstellung am Bauhaus in Dessau (1998-2006) erhebt jedoch keinen Absolutheitsanspruch. Stattdessen geht es um work in process, um die dynamische Wiederaneignung des Wissens von farbiger Flächengestaltung – mit Nachuntersuchungen, Korrekturen und Feinjustierungen, mit verfeinerten materialkundlichen Untersuchungsmethoden, mit Teilreparaturen und Erneuerungszyklen.

Offene Prozesse

Was im Umgang mit dem hochwertigen Erbe der Moderne gelernt wurde, ist letztlich auf die gesamte Epoche zu übertragen: Baudenkmalpflege und Restaurierung stellen nicht einen einzigartigen, „ursprünglichen“ Zustand (wieder) her. Stattdessen geht es um bewusste Eingriffe innerhalb der ständigen Veränderung am Denkmal. Diese sind weniger abgeschlossene Objekte, als vielmehr offene Prozesse. Daher muss eine architektonische Lehre und Diskussion umdenken, die weiterhin stark auf endgültige Bilder, auf unveränderliche Ergebnisse fokussiert ist. Immer wieder sollte über frühere Eingriffe, Transformationen und Erhaltungsbemühungen gesprochen werden. Und damit auch über frühere Wertzuschreibungen und Betrachtungen – gerade bei Denkmälern, über die scheinbar schon alles (oder vieles) bekannt ist. Eine offene Einladung zu diesem Austausch über das Erbe der Moderne stellt die TUM-Vortragsreihe „über das neue bauen hinaus“ dar, und auch die Beiträge des vorliegenden Online-Heftes sind so zu verstehen.

Potsdam, Einsteinturm (Bild: Coenen, CC BY SA 3.0)

Literatur

Benevolo, Leonardo, Geschichte der Architektur des 19. und 20. Jahrhunderts, München 1964 [italienische Origiginalausgabe: Bari 1960].

Denkmalpflege der Moderne. Konzepte für ein junges Architekturerbe, hg. von der Wüstenrot Stiftung, Stuttgart/Zürich 2011.

Eine Zukunft für unsere Vergangenheit, Katalog zur Wanderausstellung 1975-76 im Auftrag des Deutschen Nationalkomitees für das Europäische Denkmalschutzjahr, vorbereitet vom Bayerischen Landesamt für Denkmalpflege, München 1975.

Le Corbusier, Vers une architecture. 2. Auflage., Paris 1925.

Nägele, Hermann, Die Restaurierung der Weißenhofsiedlung 1981–87, Stuttgart 1992.

Petzet, Michael/Schmidt, Hartwig (Hg.), Konservierung der Moderne? Über den Umgang mit Zeugnissen der Architekturgeschichte des 20. Jahrhunderts (ICOMOS, Heft des Deutschen Nationalkomitees 24), München 1998.

Wohlleben, Marion/Meier, Hans-Rudolf (Hg.), Nachhaltigkeit und Denkmalpflege. Beiträge zu einer Kultur der Umsicht. Zürich 2003.

Titelmotiv: Stuttgart, Weißenhof-Siedlung, Haus Le Corubsier (Bild: Andreas Praefcke, CC BY 3.0)

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