Ausstellungen

Schnatterinchen liest

"Schnatterinchens Puppenecke" (Motiv der Leipziger Ausstellung)
„Schnatterinchens Puppenecke“ (Motiv der Leipziger Ausstellung)

Am 1. Juni 1949 (Internationaler Kindertag) gegründet, wuchs der KinderbuchVerlag Berlin unter Leitung von Günther Schmidt schnell zum zentralen Organ dieses Genres heran. Durch die Zusammenarbeit mit namenhaften Illustratoren gewannen die Veröffentlichungen regelmäßig Preise als „Schönste Bücher der DDR“. Insgesamt prägte der Verlag 44 Editionsformen, vom Taschen- bis zum Maxibuch.

Eine der bekanntesten Reihen waren Illustrierte Geschichten in einem dünnen Hard-Cover-Buchformat von 27 x 18,5 Zentimeter. Die Leipziger Ausstellung „Schnatterinchens Puppenecke“ versteht sich als Streifzug durch die bis 1990 gedruckte Edition. Für durchschnittliche 5,40 M wurden die unterschiedlichsten Kinderwelten reich illustriert. Eine minimalistische Typografiegestaltung und wiederkehrenden Illustrationsstile verliehen den Büchern einen hohen Wiedererkennungswert. Vom 19. März bis zum 1. April 2017 ist die Präsentation im „N‘OSTALGIE-Museum“ Leipzig (Nikolaistraße 28) zu sehen. (kb, 23.2.17)

„Det is der Berliner Westen!“

Ausstellungsprojekt "Seh’n se, det is der Berliner Westen!" im Europa-Center Berlin (Bild: MASKE + SUHREN Architekten)
Ausstellungsprojekt „Seh’n se, det is der Berliner Westen!“ im Europa-Center Berlin (Bild: MASKE + SUHREN Architekten)

Es war ein kleines Stück Bundesrepublik, dem nach dem Krieg eine große politische Bedeutung zuwuchs: Als Westberlin nach der deutschen Teilung, spätestens nach dem Mauerbau zur symbolträchtigen Insel wurde, mussten auch viele Neu- und Wiederaufbauten diesem hohen Anspruch gerecht werden. Diesem Thema widmet das Berliner Architekturbüro MASKE + SUHREN (kuratiert von Ulrich Borgert) nun die kleine öffentliche Ausstellung auf den typischen Berliner Litfaßsäulen „Seh’n se, det is der Berliner Westen!“, die noch bis zum 1. März im Berliner Europa-Center (Tauentzienstraße 9-12, 10789 Berlin) zu sehen ist.

Die Ausstellung gibt einen Rückblick auf Geschichte und Entwicklung des Kernbereichs der City West rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und bietet einen Ausblick auf das sich wandelnde Quartier mit seinen aktuellen Projekten. Eine englischsprachige Version der Ausstellung war im Rahmen der Architekturbiennale in Venedig, eine deutschsprachige vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu sehen. Jetzt bietet sich noch einmal die Chance, damals und heute am Ort des Geschehens zu vergleichen. (kb, 16.2.17)

Das neue Heft ist da: Vernetzt

Werner Durth nennt sie im mR-Interview die „unterirdische Stadt“, die oft den eigentlichen Reichtum der Moderne darstellt: hier die Berliner Luftschutzanlage im U-Bahnhof Gesundbrunnen (Bild: Frieder Salm)

Es sind die Stiefkinder der Architektur: Straßen, Tunnel und Versorgungsbauten. Dabei ginge ohne die Orte der Infrastruktur (nicht nur) in der modernen Stadt gar nichts. Denn viele dieser Zeugnisse der Moderne sind uns erst aufgefallen, als sie ausgefallen sind. Und nun stellt sich die Frage nach ihrer Erhaltung. Grund genug, diesem verborgenen Nervensystem ein eigenes mR-Themenheft (Redaktion: Julius Reinsberg) zu widmen.

Im Leitartikel zeichnet Dirk van Laak das unsichtbare Nervensystem der Moderne nach, das aus Schienensträngen, Autobahnen, Stromtrassen und Abwassernetzen gebildet wird. Julius Reinsberg braust über die Stadtautobahnen der Republik, die lange Zeit als prestigeträchtige Fortschrittssymbole gehandelt wurden. Benjamin Brendel erklimmt mit dem Staudamm einen trotz seiner Ausmaße selten beachteten Großbau. Elisa Lecointe zeigt auf, wie Adolf Meyer der Stadt Frankfurt mit Funktionsbauten seinen Stempel aufdrückte. Paul Zalewski lädt zum Rundgang ins Hannover der Nachkriegszeit, die wohl autogerechteste Stadt Deutschlands. Im Interview spricht Julius Reinsberg mit dem Architekturhistoriker Werner Durth über die Infrastruktur der unterirdischen Stadt, die nach 1945 oft maßgeblich für den Wiederaufbau war. Im Porträt besucht Daniel Bartetzko den Berliner Rundlokschuppen. Und in der Fotostrecke präsentiert der Verein Berliner Unterwelten e.V. schließlich exklusive Einblicke in den Bauch der Hauptstadt. Hier gehts zum neuen Heft… (db/kb/jr, 13.2.17)

Der obskure Charme des großen Plans

EVOL, Der Blaue Engel (Günter & Christiane F.) 2015, Spraypaint on multipurpose plastic bag M1/10, 65 x 45 cm (80 x 60 cm framed)
Evol, Der Blaue Engel (Günter & Christiane F.), 2015, Spraypaint on multipurpose plastic bag M1/10, 65 x 45 cm (80 x 60 cm framed)

Es geht um die Architektur der 1960er und frühen 1970er Jahre, eine Zeit der brutalistischen Ästhetik von Sichtbeton und der metabolistischen Großentwürfe. Architekturdenker wie Le Corbusier wollten die „alte Stadt“ auslöschen und die neue, die „Strahlenden Stadt“ mit einem Raster von Hochhäusern überziehen. Auch in monumentalen Trabantenstädten wie dem Berliner Märkischen Viertel oder der Gropiusstadt wurden neue Formen des sozialen Miteinanders entwickelt und Urbanität als bewohnbare Skulptur gedacht. Durch das Verschwinden der Moderne aus unserer Umwelt löst sich auch ihr einstiges utopisches Versprechen auf.

Die Gruppenausstellung „Der obskure Charme des großen Plans“ (Gastkurator: Alekos Hofstetter) findet Antworten – mit Arbeiten der Künstler Matias Bechtold, Evol, Alekos Hofstetter, Peter K. Koch und Oliver van den Berg. Im Begleitprogramm sind zwei Vorträge vorgesehen: 11. März, 18 Uhr, „Böcklin in Minsk“, Wolfgang Kil; 17. März, 19 Uhr, „Die Verräumlichung der Zukunft“, Dr. Michael Ostheimer. Die Vernissage findet am 9. Februar von 19 bis 22 Uhr statt. Im Anschluss ist die Ausstellung in der Galerie „LAGE EGAL – RAUM FÜR AKTUELLE KUNST“ (Danziger Str. 145, 10407 Berlin) zu sehen bis zum 17. März (Ausstellungspause vom 16. Februar bis 3. März). (kb, 8.2.17)

gern modern?

Werbeprospekt der Firma Georg Haydvogel für Ringsitzhocker Eduard Ludwig, um 1955 (Foto: Armin Herrmann, Bild: Werkbundarchiv – Museum der Dinge Berlin)
Werbeprospekt der Firma Georg Haydvogel für Ringsitzhocker Eduard Ludwig, um 1955 (Foto: Armin Herrmann, Bild: Werkbundarchiv – Museum der Dinge Berlin)

„Wie werden wir wohnen?“ Das war in Berlin nach 1945 die Frage der Stunde. Das Ausstellungsprojekt „gern modern?“ des Museums der Dinge/Werkbundarchiv (Oranienstraße 25, 10999 Berlin) untersucht Ideen und Konzepte für ein „Sich-Einrichten“, die von Akteuren des Deutschen Werkbunds in der kriegszerstörten Stadt entwickelt wurden. Zum Teil unbekannte Objekte und Dokumente aus den eigenen Sammlungen sowie zahlreiche Leihgaben vermitteln ein facettenreiches Bild der Werkbund-Initiativen zum Wohnen bis in die späten 1950er Jahre.

Gezeigt Architekturmodelle und Möbel, Plakate, Pläne und Zeichnungen, historische Fotos und Filme sowie Schulkisten und ein Baukasten aus der Berliner Wohnberatungsstelle. Mit dieser Tiefenbohrung in die Geschichte des Berliner Werkbunds fragt die Ausstellung nach der Bedeutung des historischen Themas für die Gegenwart. Die Plattform „D.I.Y. Wohnberatungsstelle“ lädt Besucher mit einem vielfältigen Programm ein, an Thema und Gestalt der Ausstellung zu partizipieren. Die Vernissage wird am 9. Februar 2017 um 19 Uhr begangen. Im Anschluss ist die Präsentation bis zum 26. Juni 2017 zu sehen. (kb, 7.2.17)

Erwin Gutkind. Neu Jerusalem

Berlin, Neu Jerusalem (Bild: Abenteurer Morane, CC0)
Berlin, Neu Jerusalem, Heerstraße (Bild: Abenteurer Morane, CC0)

Am äußersten Ende von Berlin liegt „Neu Jerusalem“. Die Siedlung aus markant flachgedeckten Doppelwohnhäusern wurde vom Berliner Architekten Erwin Gutkind zwischen 1923 und 1925 für die Mitarbeiter des Luftfahrtschiffhafens Staaken errichtet. „Neu Jerusalem“ lag, nach 1945 als Territorium der DDR beansprucht, jahrzehntelang im Sperrgebiet. Gebäude und Freiflächen sind in keinem guten Zustand. Und die stark befahrene Heerstraße zu überqueren, die durch die Siedlung führt, ist auch „nicht ohne Risiko.

Erwin Gutkind gehörte zu den Architekten des Neuen Bauens, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft Deutschland 1933 verlassen mussten. Zwischen 1923 und 1933 errichtete er in Berlin zahlreiche Wohnanlagen, publizierte über die Geschichte der Stadtplanung, war Absolvent der TH Charlottenburg, der Vorgängereinrichtung der TU Berlin, und promovierte hier über Raum und Materie. Das Studienprojekt „Erwin Gutkind – Radikal Modern“ würdigt den leider in Vergessenheit geratenen Künstler nun mit einer Ausstellung zu würdigen. Mit einen Schwerpunkt auf den avantgardistischen Wohnhäuser von Neu Jerusalem gibt die Ausstellung „Neu Jerusalem. Erwin Gutkind und das Neue Bauen in Berlin“ Einblicke in sein radikal modernes Werk. Die Präsentation ist noch bis zum 2. März in der Galerie der TU Berlin zu sehen. (kb, 30.1.17)

Bonn aus smarter Perspektive

Look up - Bonn (Bild: Michèle Lichte)
Ungewohnte Perspektive auf eine Bonner Landmarke (Bild: Michèle Lichte)

Nur der architekturhistorische Gourmet wird das Motiv auf dem Foto sofort verorten können: es zeigt ein Detail der Fassade des Bonner Stadthauses. Der raumgreifende Verwaltungsbau wurde in den 1970er Jahren nach Plänen des Büros Heinle, Wischer und Partner erbaut und sollte seinerzeit ein städtisches Gegengewicht zur Architektur der Bundesbehörden darstellen. Diesem und anderen Bauten aus Bonns jüngerer Architekturgeschichte widmet sich die Ausstellung „Look up – Bonn“, die Arbeiten der Hobbyfotografin und Bonn-Bloggerin Michèle Lichte versammelt. Ihr Blick ist stets himmelwärts gerichtet, Bauten wie die Bundeskunsthalle oder der Posttower erscheinen so in einer neuen Perspektive und offenbaren ihre Identität auch dem Bonnkenner erst auf den zweiten Blick.

Außergewöhnlich ist das Arbeitsgerät, mit dem die schönen Schwarz-Weiß-Aufnahmen entstanden sind. Lichte ließ die Spiegel-Reflex-Kamera für ihre fotografischen Streifzüge durch die Bundesstadt bewusst zu Hause und fotografierte ausschließlich mit dem Smartphone. Auch wenn mancher nun die Nase rümpfen wird: das Ergebnis weiß zu überzeugen. Die Ausstellung ist bis zum 27. Januar im Foyer des Stadthauses (Berliner Platz 2, 53111 Bonn) zu sehen. (jr, 21.1.17)