Baugeschehen

Virtuelle Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt im Bestand des Jahres 1944 (Bild: Jörg Ott, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Braucht es einen Rekonstruktions-Watch?

Vor vier Wochen schrieb Dr. Stephan Trüby in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über die „Urszene“ der „Neuen Frankfurter Altstadt“. Nach seinen Ausführungen waren es der rechtsradikal gesinnte Autor Dr. Claus Wolfschlag und sein politischer Weggefährte Wolfgang Hübner, die 2005 den Antrag der „Freien Wähler BFF (Bürgerbündnis für Frankfurt)“ formulierten, der in heute 15 rekonstruierte Häuser zwischen Dom und Römer mündete. Trübys Artikel löste einen Shitstorm aus – im Blog „Politically Incorrect“ etwa schrieb Hübner: „Trüby, Luxusantifaschist des Jahrgangs 1970, bekennt sich mit solch wutschnaubender Polemik als überzeugter Anhänger einer aus dem verbreiteten ‚Schuldkult‘ resultierenden ‚Sühnearchitektur‘, die viele deutsche Städten mit Betonbrutalismus und Traditionsverachtung verschandelt.“

Via Online-Petition fordern die ARCH+-Mitherausgeber Dr. Nikolaus Kuhnert und Anh-Linh Ngo daher einen Rekonstruktions-Watch: „Urbane Gesellschaften […] sollten sich künftig genauer darüber informieren, mit wem sie gemeinsame (Stadtbild-)Politik betreiben.“ Denn hinter einer umfassenden Moderneschelte verberge „sich oft genug die Geschichtspolitik von Rechtspopulisten und Rechtsradikalen“. Der Aufruf trägt die Signatur von über 50 namhaften Erstunterzeichnern von Prof. Arno Brandlhuber und Prof. em. Dr. Werner Durth über Oliver Elser und Christian Holl bis hin zu Prof. Dr. Hans-Rudolf Meier und Prof. em. Dr. Karin Wilhelm. (kb, 4.5.18)

Virtuelle Rekonstruktion der Frankfurter Altstadt im Bestand des Jahres 1944 (Bild: Jörg Ott, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Oberhausen, Hl. Familie (Bild: jjm, via mapio.de)

Oberhausen: Kein Geld für die Heilige Familie?

Wenn es so etwas wie eine glückliche Weiternutzung eines Kirchenraums gibt, dann wohl eine wie diese: In die von Rudolf Schwarz und Josef Bernard 1958 gestaltete Heiligen Familie in Oberhausen zog 2007 die örtliche Tafel ein. Nur wenige, reversible Änderungen ließen dem Kulturdenkmal seine Wirkung – und (nicht nur) die Theologen liebten die neue karitative Seite des ehemaligen Gottesdienstraums. Doch im Bistum Essen sind die Gemeinden dazu aufgefordert, ein Konzept für die Jahre bis 2030 zu erstellen. Eines der Ziele ist die Halbierung der Kosten – und damit auch ein kritischer Blick auf den Gebäudebestand.

Die Katholische Pfarrei St. Marien in Oberhausen will von ihren sieben Kirchen mittelfristig zwei behalten: St. Marien und St. Katharina. Die fünf übrigen – Zu unsrer Lieben Frau (1957), St. Johannes Evangelist (1952), Hl. Geist (1958), St. Michael (1929) und die Heilige Familie – sollen in den kommenden Jahren abgegeben oder umgenutzt werden. Die Heilige Familie soll künftig keine Mittel für den Bauunterhalt bekommen. „Wir wollen uns von dem Gebäude trennen, wenn’s geht“, erklärte Pfarrer Thomas Eisenmenger der NRZ. Die Tafel könne beispielsweise in die Kirche St. Michael umziehen. Nun werden die Pläne der Gemeinde beim Bistum eingereicht und geprüft, bevor es dann an die Umsetzung gehen kann. (kb, 3.5.18)

Oberhausen, Hl. Familie (Bild: jjm, via mapio.de)

Demitz-Thumitz, Maris Frieden (Bild: Lydia, CC BY SA 3.0, 2011)

Wohnen mit Turm

Die Presse titelt frech, hier ginge es um „Sachsens größtes Einfamilienhaus“. Möglich. In jedem Fall handelt es sich um ein Wohnhaus mit viel Flair und Turm. Gemeint ist die katholische Kirche Maria Frieden in Demitz-Thumitz. Der 1954 geweihte Bau zeigt nach außen ganz traditionell Turm, Satteldach und Naturstein. 2011 wurde die Kirche geschlossen. In der Folge richtete man einen Teil des Schiffs für die neue Wohnnutzung her: mit einer Trennwand, einer Zwischendecke und einer Versetzung der Orgel.

Vor Ort träumte man einige Zeit von einer kulturellen Teilnutzung der Kirche. Doch als zeitgleich von staatlicher Seite das Erlebnismuseums „Alte Steinsäge“ aus der Taufe gehoben wurde, reduzierte sich die künftige Funktion von Maria Frieden auf reines Wohnen. Einige Räume wurden auch als Ferienwohnung angeboten. Nun ziehen die jetzigen Bewohner um – und suchen einen neuen Käufer für die ehemalige Kirche. Der Preis soll sich auf 259.000 Euro für das Gebäude und das 2.630 Quadratmeter große Grundstück belaufen. Die neuen Eigentümer könnten auch die Orgel übernehmen. (kb, 30.4.18)

Demitz-Thumitz, Maria Frieden (Bild: Lydia, CC BY SA 3.0, 2011)

Connecticut, ehem. Pirelli-Gebäude (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2014)

Das Marcel-Breuer-Ikea

Vorbei die Zeiten, als IKEA für eine helle Fichteselbstbauästhetik stand? In New Haven in Connecticut jedenfalls hat der schwedische Möbelriese seit 2003 ein brutalistisches Gebäude par excellence in Besitz: der ehemalige Sitz von Armstrong Rubber/Pirelli Reifen, gestaltet 1968/69 nach Entwürfen von Marcel Breuer & Robert F. Gatje. Zunächst wollte IKEA die Räume für eigene Zwecke als Ladengeschäft nutzen.

Doch nun stehen für diese sperrige Immobilie neue Nutzungspläne im Raum zu stehen. Der „New Haven Independent“ meldet, dass IKEA über die Einrichtung eines Hotels im Betonbau nachdenke. Man habe zuvor andere Ideen von Büro- bis Wohnkomplex erwogen – und wieder verworfen. IKEA hält sich noch bedeckt: Die Hotel-Pläne werden weder bestätigt noch verneint. Wahrscheinlich sucht man noch nach dem passenden schwedischen Produktnamen für die ersten Betonregale. Wie wäre es mit Brutal Bjørn? (kb, 29.4.18)

New Haven/Connecticut, ehem. Pirelli-Gebäude (Bild: Gunnar Klack, CC BY SA 4.0, 2014)

Schwangere Auster (Bild: Farbkontrast, CC by SA 3.0)

60 Jahre Schwangerschaft

In Berlin feiert dieser Tage eine der Ikonen der Nachkriegsmoderne ihren 60. Geburtstag: die Kongresshalle im Tiergarten, besser bekannt als Schwangere Auster. 1957 von Hugh Stubbins zur Interbau erriechtet, wurde sie 1958 ihrer Bestimmung übergeben und war Schauplatz zahlreicher Tagungen, eines Kennedy-Besuchs und einer Bundestagssitzung. Nahe der Grenze zur DDR gelegen fungierte der Bau während des Kalten Krieges als Schaufenster Westberlins. Als Geschenk der USA an die Stadt symbolisierte sie auch die Anbindung der Bundesrepublik an die Vereinigten Staaten.

Besonders das außergewöhnliche Dach aus Spannbeton verhalf dem Bau in kurzer Zeit zu internationaler Bekanntheit. Die elegant geschwungene Konstruktion war zur Bauzeit in Europa revolutionär, später machte sie in Ost und West Schule. 1980 stand der Bau jedoch vor dem Aus: nachdem Teile des Außendaches eingestürzt waren, stand der Abriss im Raum, zumal der Kongresshalle mit dem ICC eine übermächtige innerstädtische Konkurrenz erwachsen war. Die Politik entschloss sich letztlich aber für den Wiederaufbau und die Umwidmung zum Haus der Kulturen der Welt. mR wünscht alles Gute! (jr, 28.4.18)

Berlin, Schwangere Auster (Bild: Farbkontrast, CC BY SA 3.0)