Baugeschehen

Bitterfeld_Kulturpalast (Bild Joeb07, CC By SA 3.0)

Bitterfeld: Kulturpalast vor dem Aus

In Bitterfeld droht einem bedeutenden Zeugnis der DDR-Architektur der Abriss. Der Kulturpalast aus dem Jahr 1954, der seinerzeit einer der größten Bühnen des Landes Platz bot, könnte bald der Vergangenheit angehören. Da sich seit 2015 kein Mieter mehr für den sozialistisch-klassizistischen Prestigebau findet, will der derzeitige Eigentümer nicht weiter für die laufenden Unterhaltskosten des Gebäudes aufkommen. Auch die Stadt ist angesichts leerer Kassen nicht bereit, in die Bresche zu springen. Trotz Initiativen für den Erhalt ist der Palast daher akut abrissbedroht.

Der Bau ist nicht nur architektonisch interessant, sondern auch kulturhistorisch bedeutend. Als die SED-Führung in den 1960er Jahren versuchte, eine eigenständige „Nationalkultur“ der DDR zu etablieren, entwickelten Künstler und Funktionäre hier den sogenannten „Bitterfelder Weg“. Ziel war eine enge Verknüpfung von Laien- und professionierten Künstlern, die Partei gab dazu die Parole „Greif zur Feder, Kumpel, die sozialistische deutsche Nationalkultur braucht dich!“ aus. Da sich der Erfolg der Kampagne in Grenzen hielt, wurde sie wenige Jahre später wieder aufgegeben. (jr, 1.2.18)

Bitterfeld, Kulturpalast (Bild: Joeb07, CC BY SA 3.0)

Wolfsburg, Hl. Geist (Bild: Zahlenmonster, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2005)

Aalto-Kirche in neuem Glanz

Der finnische Alleskönner Alvar Aalto (1898-1976) – Städteplaner, Architekt, Möbelgestalter und Designer – hat in Deutschland nur sechs Mal seinen stilsicheren Fußabdruck hinterlassen. Die meisten seiner Bauten finden sich in Wolfsburg, vom Kulturhaus bis zum Stephanus-Gemeindezentrum. Besonders eindrücklich holte Aalte für die 1962 eingeweihte Hl.-Geist-Kirche zum Schwung aus: Nach außen zeigt sich der Bau organisch geformt, im Inneren überfängt eine hölzerne Akustikdecke den Altarbereich.

Das Schmuckstück im wurde über fünf Monate hinweg sorgfältig renoviert und konnte zur Jahreswende wieder in Nutzung genommen werden. Die Sanierungsmaßnahmen waren umfangreich: die Fenster wurden renoviert und die Fassade neu gestrichen. An der Kirchenrückseite konnte man sogar wieder ein Stück der Entwurfsidee zurückgewinnen, indem man den Putz der 1990er Jahre beseitigte und wieder eine Schlämme auftrug. Ein Sponsor machte eine Vitrine möglich, in der man nun Hl. Geist als Modell im Maßstab 1:50 bewundern kann. Gegenüber der Wolfsburger Allgemeinen äußerte sich Kirchenvorsteher Sven-Ulf Weilharter begeistert vom runderneuerten Baukunstwerk: „Die Kirche strahlt wie eine Perle.“ Nun wartet die, ebenfalls von Aalto gestaltete, Kindertagesstätte der Gemeinde drängend auf eine Sanierung. (kb, 29.1.18)

Wolfsburg, Hl. Geist (Bild: Zahlenmonster, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2005)

Kramer-Handtasche (Bild TSATSAS)

Kramer zum Umhängen

Ferdinand Kramer verbindet man in erster Linie mit den nüchtern-modernen Universitätsbauten, die er beim Wiederaufbau der Frankfurter Goethe-Universität in den 1950er und 1960er Jahren baute. Dabei beschränkte er sich nicht auf die Planung der Gebäude, sondern entwarf in vielen Fälle auch gleich das passende Mobiliar dazu. Nun erfährt eine Arbeit Kramers aus einer ganz anderen Richtung eine Wiederauflage: eine Handtasche, die der Architekt 1963 entworfen hatte.

Das Unikat entstand ursprünglich aus einer privaten Verlegenheit: Als Kramer kein passendes Geschenk für seine Ehefrau finden konnte, entwarf er kurzerhand selbst Handtasche und Abendkleid für die Gattin. Das Frankfurter Label Tsatsas nahm den schlicht-eleganten Entwurf nun zur Vorlage einer kleinen Handtaschenkollektion. Die ursprüngliche Handtasche wurde dabei nur leicht verändert, da die zeitlose Form bis heute modern wirkt. Die Handtasche ist nicht die erste Wiederauflage eines Kramermodells. So hat die Firma e15 seit 2013 verschiedene Möbel nach Entwurf des Architekten im Sortiment. (jr, 26.1.18)

Kramer-Handtasche (Bild: TSATSAS)

Wohnen für alle (Bild: DAM)

Neues Frankfurt 2018

Der soziale Wohnungsbau war eines der Hauptanliegen des Bauprojekts „Das Neue Frankfurt“. In den 1920er Jahren entstanden in der Stadt am Main unter der Ägide ihres Stadtbaurats Ernst May um die 15 000 Wohneinheiten. Flankiert wurde die Bautätigkeit von einer umfassenden Kampagne zu kultureller und ästhetischer Neugestaltung, die europaweite Resonanz erregte. Diesem Vorbild folgt der jüngst ausgelobte Preis „Wohnen für alle – Neues Franfurt 2018“.

Anders als sein Idol aus den 1920er soll das Neue Frankfurt 2018 weniger Ideengeber, sondern Rezipient und Realisator sein. Die Initiatoren, d.i. das Dezernat für Planen und Wohnen der Stadt Frankfurt am Main, das Deutsche Architekturmuseum und die Wohnbaugesellschaft ABG, rufen Architekturbüros aus ganz Europa auf, realisierte Beispiele des bezahlbaren Wohnungsbaus aus den letzten vier Jahren einzureichen. Alle Projekte werden in einer Ausstellung und einem Katalog dokumentiert, eine internationale Jury prämiert bis zu 10 Preisträger. Der besondere Reiz: In einer zweiten Phase haben die prämierten Preisträger die Chance, ein bauliches Konzept für bezahlbaren Wohnungsbau im Frankfurter  Frankfurter Hilgenfeld-Areal vorzulegen. Aus diesen Beiträgen wählt die Jury bis zu drei Arbeiten aus, die anschließend 1:1 realisiert werden. Projekte können noch bis zum 16.2.2018 eingereicht werden. (jr, 24.1.18)

Todendorf, Ev. Kirche (Bild: Hanns-Hoffmann.de)

Abschied von der Kapelle in Todendorf

Gedacht war eigentlich eine Autobahnkirche, nur wurde das dazugehörige Autobahnkreuz nie gebaut. Doch die protestantische Gemeinde wollte ihr Provisorium in der örtlichen Schule verlassen. So errichtete der Architekt Hanns Hoffmann (1930-2014) die evangelische Kirche in Todendorf im Rahmen des Kapellenbauprogramms („viele kleine Kirche“ für Nordelbien) im Kreis Stormarn. Es entstand ein maßstäblicher klinkerverkleideter Stahlbetonbau mit kupfergedecktem Zeltdach.

50 Jahre später erklärte der Kirchenkreis den Bau, gemeinsam mit vielen weiteren, für „nicht förderfähig“. Schon 2016 hatte die Gemeinde den Abriss der Kirche beantragt. Dieser wurde kirchlicherseits genehmigt und 2016 auch der letzte Gottesdienst gefeiert. Der Baugrund (hier war früher einmal ein Teich) hatte sich schon Mitte der 1960er Jahre als schwierig erwiesen, die Kirche musste auf 17 Betonpfeiler gestützt werden. In den 1980er Jahren war die erste (Beton-)Sanierung notwendig. Am 18. Januar diesen Jahres nun wurde die Kirche in einem offiziellen Akt entwidmet. Grund ist der laufende Verkauf an die weltliche Gemeinde, in deren Besitz die Kirche mit Grundstück am 1. Februar übergehen wird. Die Kommune will hier nach dem Abriss des Kirchengebäudes eine neue Feuerwache errichten. (kb, 23.1.18)

Todendorf, Ev. Kirche (Bild: Hanns-Hoffmann.de)