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Kirchen an Rhein-Ruhr: Es geht weiter!

Bonn, St. Helena, Symposion "Räume neu denken" (Bild: privat)
Dr. Oliver Meys (LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland) bei seinem Vortrag in der Bonner Kirche St. Helena (Bild: privat)

Ähnlich muss es in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren zugegangen sein, wenn sich Gemeindeglieder zusammentaten, um eine Kirche zu bauen. Da waren viele Interessierte, manche Begeisterte und einige Zupackende – und am Ende kam eine (im besten Falle) sehenswerte Predigtstätte dabei heraus. In Bonn traf sich gestern die Fachgemeinde rund um den stark gebeutelten Kirchenbau in NRW. Der Ort für das Symposion „Räume neu denken“ war denkbar gut gewählt: Die Kirche St. Helena, 1960 nach Entwürfen von Emil Steffann und Nikolaus Rosiny gestaltet, ist selbst seit einigen Jahren Ort einer erweiterten Nutzung. Seit 2007 finden hier keine Gottesdienste mehr statt. Doch, wie Dr. Martin Bredenbeck (Rheinischer Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz) in seiner Begrüßung der Gäste festhielt, profaniert ist dieses Baukunstwerk der Moderne nicht.

 

Irgendwie ist alles miteinander verbunden

Bonn, St. Helena, 2011 (Bidld: Hagman, CC BY SA .0)
Die Straßenfassade von St. Helena wird durch eine Glocke ausgezeichnet (Bild: Hagman, CC BY SA .0)

In Bonn ruht der massive Altarblock im Kirchenraum im Obergeschoss auf einer Stele, die sich bis in die Kapelle im Erdgeschoss und sogar bis in den Heizungskeller fortsetzt. Dies entsprach dem katholischen Kirchbaugedanken der Zeit, dass ein Altar mit dem Erdboden verbunden sein müsse. Und es nutzt dem Kirchenbau heute, da es so unmöglich wird, nur das Obergeschoss zu profanieren. Damit blieb mit der Kapelle im Untergeschoss auch der darüberliegende liturgische Raum geweiht. Dennoch, oder vielleicht gerade deshalb nutzt der Verein „Kreuzung an Sankt Helena“ ihn seit einigen Jahren für besondere Veranstaltungen rund um Kunst und Kultur.

So war der Verein gerne auch Gastgeber des gestrigen Symposions. Hier führten Dr. Christine Kämmerer von StadtBauKultur NRW und Tobias Meier für die sich gründende Initiative „Kirchbauverein der Moderne an Rhein und Ruhr“ gemeinsam mit Dr. Martin Bredenbeck für den Rheinischen Verein als Veranstalter in den Abend ein. Den Impulsvortrag übernahm der Kunsthistoriker Dr. Oliver Meys vom LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland. Er umriss die im letzten Jahr abgeschlossene Überblickserfassung moderner Kirchen in NRW, die 2017 ausgewertet und für die laufende denkmalfachliche Arbeit weiter fruchtbar gemacht werden soll.

 

Der Anfang ist gemacht

Bonn, St. Helena, Symposion "Räume neu denken" (Bild: privat)
Philipp Stoltz (LMU München), Dr. Katja Veil (HS Düsseldorf) und Dr. Karin Berkemann (mR) diskutierten mit den Teilnehmern über die Perspektiven für den Kirchenbau in NRW (Bild: privat)

In der folgenden Diskussionsrunde brachte die Stadtplanerin Dr. Katja Veil (HS Düsseldorf) die Teilnehmer der Veranstaltung ins Gespräch miteinander und mit den Gästen auf dem Podium: der Theologe Philipp Stoltz (LMU München) und die Theologin/Kunsthistorikerin Karin Berkemann (moderneREGIONAL). Rasch herrschte Einigkeit darüber, dass die moderne Kirchenlandschaft an Rhein und Ruhr etwas Besonderes ist. Aber besondere Qualität brauche eben auch besonderes Fingerspitzengefühl, wenn es an Veränderungen geht.

Denn, da ist NRW keine Ausnahme in der bundesweiten Entwicklung, mit der schwindenden Mitglieder- und Finanzstärke der beiden großen Konfessionen stehen vor allem die Kirchen der Moderne zur Disposition. Viele sind schon aufgegeben, umgenutzt und abgerissen worden. Diesem Problem will die sich gründende Initiative „Kirchbauverein der Moderne an Rhein und Ruhr“ Gesprächsangebote und Lösungsmodelle entgegensetzen. Die Bonner Runde jedenfalls wird sich, so hielt es der Stadtplaner Tobias Meier zum Abschluss fest, im Sommer wieder treffen. Man will die aufgenommenen Fäden fester knüpfen und aus dem neuen Netzwerk heraus über eine Vereinsgründung nachdenken. (db, 21.1.17)

Mehr Informationen über die aufgegebenen, umgenutzten und abgerissenen Kirchen der Moderne finden Sie auf unserer neuen virtuellen Karte: invisibilis.

Friedrich Kiesler und das Endlose Haus

Friedrich Kiesler, New York, Film Guild Cinema, 1929 (Foto: Ruth Bernhard, reproduced with permission of the Ruth Bernhard Archive, Princeton University Art Museum, © Trustees of Princeton University)
Das erste „100 % Cinema“: New York, Film Guild Cinema, Friedrich Kiesler, 1929 (Foto: Ruth Bernhard, reproduced with permission of the Ruth Bernhard Archive, Princeton University Art Museum, © Trustees of Princeton University)

Er hat Vieles auf den Kopf gestellt: Der Architekt Friedrich Kiesler schuf einen Kinosaal, dessen Projektionsflächen sich auch über die Raumdecke erstreckte, ein Büro mit schwebendem Schreibtisch und ergonomische Sesselobjekte. Geboren 1890 in Czernowitz, gestorben 1965 in New York, entfaltete er dies- und jenseits des Atlantiks eine reiche Wirkung als Architekt, Bühnenbildner, Designer, Künstler und Theoretiker. Dieser facettenreichen Künstlerpersönlichkeit widmet man im Martin-Gropius-Bau ab dem 11. März im Rahmen der Berliner Festspiele eine Ausstellung, die bis zum 11. Juni zu sehen sein wird. Anhand wichtiger Projekte, Künstlerfreundschaften und Gemeinschaftsarbeiten will man hier – erstmals in dieser Form in Deutschland – Kieslers Bedeutung für die moderne Architektur- und Kunstgeschichte aufzeigen.

 

Nur ein Bauwerk konnte er verwirklichen

Jerusalem, Schrein des Buches, Friedrich Kiesler/Armand Bartos, 1965: Kuppel mit der Jesajarolle als zentrales Ausstellungsstück (Foto: Ezra Stoller, © Esto)
Jerusalem, Shrine of the Book, Friedrich Kiesler/Armand Bartos, 1965: Kuppel mit der Jesajarolle als zentrales Ausstellungsstück (Foto: Ezra Stoller, © Esto)

Schon 1923 hatte Kieslers elektro-mechanisches Bühnenbild, das er für Karel Čapeks Stück W.U.R. entwickelt hatte, die Berliner Avantgarde begeistert. In New York, wohin er 1926 ausgewandert war, präsentierte man schließlich 1952 seine raumgreifende Skulptur „Rockefeller Galaxy“ im Museum of Modern Art präsentiert.

Im Laufe der 1940er Jahre arbeitet Kiesler an zwei umfangreichen Buchprojekten – seiner Designtheorie des Correalismus und einer Kulturanthropologie „Magic Architecture“. Beide Schriften bleiben unpubliziert. Das einzige Gebäude, das Kiesler wirklich umsetzte, wurde in seinem Todesjahr 1965 in Jerusalem eröffnet: der „Shrine of the Book“, den Kiesler mit Armand Bartos entworfen hatte. Das symbolisch hoch-aufgeladene Bauwerk beherbergt die in Qumran am Toten Meer gefundenen Schriftrollen. Auch de nicht ausgeführte „Grotto for Meditation“ in New Harmony, Indiana zeugt von Kieslers Begeisterung für sakrale Raumkonzepte in seinem Spätwerk.

 

Mit großer Leidenschaft entwickelte er Modelle

Friedrich Kiesler, Space House, Schauraum der Modernage Furniture Company, New York 1933
(Foto: Fay S. Lincoln, © Friedrich Kiesler Stiftung)

1933 errichtete Kiesler in den Schauräumen der Modernage Furniture Company in New York das „Space House“, seine Vision eines Einfamilienhauses, als 1:1 Modell. 1934 begann er nach einer zehnjährigen Unterbrechung auch wieder, für das Theater zu arbeiten. An der Juilliard School of Music schuf in 25-jähriger Lehrtätigkeit an die 60 Ausstattungen.

Kiesler behauptet stets, dass jeder „eine gestalterische Grundidee hätte“ – seine eigene Arbeit könnte wohl am besten mit „Raum“ bezeichnet werden, der endlos fließende Raum. 1950 gestaltete er erstmals ein kleines eiförmiges Modell für ein „Endless House“. Im Laufe der 1950er Jahre verfeinerte er dieses biomorphe Konzept. 1958 erhielt er ein Stipendium, um im Skulpturengarten des MoMA ein 1:1 Modell des „Endless House“ zu formen. Die Umsetzung scheiterte – und dennoch, oder vielleicht gerade deswegen, zählt es unbestritten zu den Ikonen visionärer Architektur des 20. Jahrhunderts.

 

Jetzt ist er selbst Teil einer Ausstellung

Friedrich Kiesler: Arbeit am Maschendrahtmodell für sein Endless House, New York 1959/60 (Foto: unbekannt, © Friedrich Kiesler Stiftung)
Friedrich Kiesler: Maschendrahtmodell des Endless House, New York 1959/60 (Foto: unbekannt, © Friedrich Kiesler Stiftung)

Kieslers visionäre Beiträge wirken bis heute auf die internationale Kunst-, Theater- und Architekturszene. Im Mittelpunkt der Berliner Ausstellung steht Kieslers genreübergreifendes Schaffen in Malerei und Skulptur, Architektur und Design, Theater und Film sowie im Theoriediskurs. Seine Vision einer Wechselbeziehung zwischen Kunstwerk, Raum und Betrachter werden in seinen revolutionären Ausstellungskonzepten sichtbar, wie er es z. B. für Peggy Guggenheims Surrealistische Galerie entwarf. Nun ist er selbst Teil einer Präsentation geworden … (db/kb, 20.2.17)

Fred Herzog. Modern Color

Fred Herzog, Boat Scrapers 1, 1964 (© Fred Herzog und Equinox Gallery)
Fred Herzog, Boat Scrapers 1, 1964 (© Fred Herzog und Equinox Gallery)

„Ich malte mir aus, wie ich vielleicht fünfzig oder hundert Jahre später den Menschen zeigen müsste, wie die Stadt einmal ausgesehen hat“. Mit diesem dokumentarischen Anspruch durchstreifte der gebürtige Stuttgarter Fred Herzog (*1930) mit der Kamera seine Wahlheimat Kanada. Das Besondere an seinen Aufnahmen der 1950er und 1960er Jahre ist aber nicht nur ihr unbestechlicher Blick für die unverhofft schönen Momente. Herzog nutzte die Farbfotografie, lange bevor sie als Stilmittel anerkannt war. Der 1935 eingeführte Kodachrome-Film galt noch bis in die 1960er Jahre als Amateurprodukt für heimische Dia-Shows.

 

Die „unsichtbare Kamera“

Fred Herzog, Elysium Cleaners, 1958 (© Fred Herzog und Equinox Gallery)
Fred Herzog, Elysium Cleaners, 1958 (© Fred Herzog und Equinox Gallery)

Nicht allein, dass ich die Farbfilme einfach entwickeln ließen. Herzog begeisterte sich auch für die Möglichkeit, Farben, Texturen und Stimmungen detailgetreu abzubilden. Mit einer Kodak Retina I – und später einer Leica M 3 – streifte der deutschstämmige Emigrant durch das städtische Leben der kanadischen Westküste. Ihn interessierten die Motive, die es nicht in Zeitungen schafften: Straßenzüge, Bürgersteige, Schaufenster, Geschäftsauslagen, Werbeplakate, Parkplätze und Hinterhöfe. Er perfektionierte dabei die „unsichtbare Kamera“: Die Menschen, so Herzog, dürften nicht wissen, dass sie aufgenommen würden. Nur so entstünden gute Bilder. Als Künstler sah Herzog seine „Freizeitaufnahmen“ selbst lange Zeit nicht. Den Familienunterhalt verdiente er als Leiter der Foto- und Filmabteilung der University of Britis h Columbia (UBC).

 

„Als Fotograf ein Profi, als Künstler ein Amateur“

Fred Herzog, Red Stockings, 1961 (© Fred Herzog und Equinox Gallery)
Fred Herzog, Red Stockings, 1961 (© Fred Herzog und Equinox Gallery)

„Als Fotograf ein Profi, als Künstler ein Amateur“, so beschreibt Claudius Seidl, Feuilletonchef der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“, den Pionier der Farbfotografie. Erst Ende der 1960er Jahre wurden erste Medien auf Herzog aufmerksam. Heute gilt er, mit seinem Konvolut von über 100.000 Farbaufnahmen, als Impulsgeber der „New-Color-Fotografie“. Die 2016 erschienene Publikation „Fred Herzog. Modern Color“ vereint neben erläuternden Textbeiträgen vor allem mehr als 230 der wichtigsten Aufnahmen, von denen ein Gros nie zuvor veröffentlicht wurde. (kb, 20.2.17)

Fred Herzog. Modern Color, Text(e) von David Campany, Hans-Michael Koetzle, Jeff Wall, Hantje Cantz, Berlin 2016, Deutsch/Englisch, 320 Seiten, 264 Abbildungen, gebunden, 27,00 x 27,30 cm, ISBN 978-3-7757-4181-1.

Ein Baukunstarchiv für NRW

von Ute Reuschenberg

Düsseldorf, Mannesmann-Hochhaus (Bild: Ute Reuschenberg)
Düsseldorf, Mannesmann-Hochhaus (Paul Schneider-Esleben, 1958) (Bild: Ute Reuschenberg)

Stellen Sie sich vor, ein Düsseldorfer Pionier der Nachkriegsmoderne wird mit einer Retrospektive geehrt – und diese findet in Bayern statt. Klingt irgendwie falsch? Stimmt. Und doch war es so: Zu seinem hundertsten Geburtstag würdigte man Paul Schneider-Esleben (1915-2005) zwar auch in seiner Heimatstadt. Aber die maßgebliche Ausstellung war im Architekturmuseum der Technischen Universität München zu sehen. Denn der umfangreiche Nachlass des 1915 geborenen Architekten – Erbauer der Haniel-Garage, des Mannesmann-Hochhauses oder des Flughafens Köln-Bonn, um nur einige Ikonen der späten Moderne NRWs zu nennen – wanderte 2006 mangels hiesiger Möglichkeiten in die bayrische Landeshauptstadt.

 

Eine Sache des Ortes

Dortmund, Baukunstarchiv, Ansicht Ostwall (Bild: Podehl Foto Design)
Dortmund, Ostwall 7: Leonie Reygers, Gründerin des Museums am Ostwall, bewahrte die Segmentbogenfenster als Erinnerung an das alte Oberbergamt (Bild: Podehl Foto Design)

Derartige Verluste soll das Baukunstarchiv NRW künftig verhindern, da sind die berufsständischen Vereinigungen des Landes NRW, die Stadt Dortmund und die Technische Universität Dortmund einig. Mit Unterstützung des Landes NRW stemmen sie dieses Projekt gemeinsam. Architektur ist eine Sache des Ortes, eng mit der lokalen Baugeschichte verknüpft und nur in diesen Zusammenhängen wirklich zu verstehen und zu erschließen. Daher will das Baukunstarchiv, das seine Pforten schon nächstes Jahr im ehemaligen Museum am Ostwall in Dortmund öffnen wird, zur Aufgabe gemacht, Nachlässe einflussreicher und regional bedeutsamer Bauschaffender aus ganz NRW sichern und zugänglich machen. Den Grundstock wird das „Archiv für Architektur und Ingenieurbaukunst“, kurz A:AI, der TU Dortmund bilden. In seiner Obhut befinden sich zahlreiche Nachlässe einflussreicher Architekten, die mit der Nachkriegsmoderne im bauintensivsten Bundesland eng verbunden sind. Zu nennen sind hier etwa Harald Deilmann, Eckhard Gerber, Bruno Lambart oder Eckhard Schulze-Fielitz.

 

Die Rettung des Museumsbaus am Ostwall

Dortmund, Baukunstarchiv, Erker (Bild: Podehl Foto Design)
Dortmund, Ostwall 7: Im Bereich des ehemaligen Kupferstichkabinetts von 1956 öffnet das Haus zur Stadt (Bild: Podehl Foto Design)

Seit Mitte Januar 2017 laufen am Dortmunder Ostwall nun die Umbauarbeiten. Nach dem Umzug des dort bis dato ansässigen Kunstmuseums in das Dortmunder U – das Gebäude der ehemaligen Dortmunder Union Brauerei – stand der Altbau leer. 2013 wurde er von der Stadt als Eigentümerin quasi zum Abriss freigeben, ein Investor lockte bereits mit einem lukrativen Neubauprojekt. Doch in der Dortmunder Bürgerschaft regte sich Widerstand. Die Abrisspläne konnten am Ende gestoppt werden, die Nutzung als Baukunstarchiv setzte sich durch. Durch diese glückliche Fügung erhält NRW endlich sein Gedächtnis der Bauschaffenden. Gleichzeitig bekommen die Studierenden der Campus-Uni Dortmund einen Lernort mitten in der City und die Dortmunder zusätzlichen Ort des kulturellen Lebens. Und ihnen bleibt ein vertrautes und liebgewonnenes Bauwerk mit Geschichte und Charisma erhalten, ein Bau, der letztlich den Genius Loci bewahrt. Tatsächlich lassen sich in dessen heutiger Gestalt noch immer die verschiedenen Phasen seines langen Lebens ablesen.

 

Vom Königlichen Oberbergamt zum Baukunstarchiv

Dortmund, Baukunstarchiv, Lichthof (Bild: Podehl Foto Design)
Dortmund, Ostwall 7: Der zweigeschossigen Lichthof entstammt dem Umbau des ehemaligen Oberbergamts zum Museum für Kunst und Gewerbe im Jahre 1911 (Bild: Podehl Foto Design)

So würdevoll-bescheiden der ehemalige Museumbau mit dem großzügigen zentralen Lichthof daherkommt, so überraschend und wechselvoll ist seine Geschichte. 1872-75 vom Berliner Architekten Gustav Knoblauch als Königliches Oberbergamt im Stil des Historismus erbaut, wurde das älteste Profangebäude der Stadt bereits 1911 zum städtischen Museum umgebaut. Das „Museum für Kunst und Gewerbe“ entstand unter der Federführung des Dortmunder Stadtbaurats Friedrich Kullrich. Diese frühe kulturelle Nutzung belegt den Wandel Dortmunds zur selbstbewussten Großstadt. Den Zweiten Weltkrieg hat das Gebäude erstaunlich gut überstanden. Dennoch wurde es zugunsten der Oberlichtsäle auf zwei Geschosse reduziert. An diesen Umgestaltungen der 1950er Jahre hatte die damalige, auch in baulichen Dingen sehr engagierte Museumsdirektorin Leonie Reygers einen hohen Anteil. Die schlichten Formen der Nachkriegsfassung entsprechen dabei durchaus der damaligen puristischen Bescheidenheitsästhetik. Die Segmentbogenfenster verraten dabei dennoch den Ursprungsbau. Das Dortmunder Museum war bundesweit eines der ersten, das die zuvor von den Nazis verfemte Kunst der Moderne ab 1949 wieder zugänglich machte. Bis 2009 war der Ostwall 7 eine DER Adressen für Gegenwartskunst. Von der bildenden Kunst geht es nun zur Baukunst.

 

Förderverein als wichtiger „Stützpfeiler“

Dortmund, Baukunstarchiv, Stufen (Bild: Copyright Spital-Frenking + Schwarz)
Dortmund, Ostwall 7: Symbolische Grundsteinlegung zum künftigen Baukunstarchiv NRW im Januar 2017 (Bild: Copyright Spital-Frenking + Schwarz)

Einen zentralen „Stützpfeiler“ des entstehenden Baukunstarchivs bildet das bürgerschaftliche Engagement, gebündelt im Förderverein für das Baukunstarchiv NRW. Dieser hat sich verpflichtet, einen Teil der jährlichen Betriebskosten des künftigen Baukunstarchivs aufzubringen. Um dieses dauerhaft gewährleisten zu können, sind weitere Mitglieder, Unterstützer und Förderer dringend erwünscht. Denn so sehr, wie dieser Dortmunder Glücksfall nun Gestalt annimmt, so sehr werden auch seine weiteren Geschicke vom Engagement Vieler abhängen! (14.2.17)


Literatur

Rose, Christof, Baumaßnahmen zum „Baukunstarchiv NRW“ starten, in: DAB Regional, Ausgabe 02, 2017, S.7.

Sonne, Wolfgang/Wittmann, Regina, Baukunst im Archiv, Das Potential des Archivs für Architektur und Ingenieurbaukunst NRW (A:AI) für Lehre, Forschung und Kultur, in: Sonne, Wolfgang/Welzel, Barbara (Hg.), St. Reinoldi in Dortmund, Dortmund 2016, S.45-49.

Hnilica, Sonja, Das alte Museum am Ostwall. Das Haus und seine Geschichte, Essen 2014.

Timm Thaler als Architekturkritik?

"Timm Thaler oderdas verkaufte Lachen" (Foto: Copyright Constantin Film/Gordon Mühle)
Das Kapital blickt begehrlich auf die Stadt: „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“, Szene (Arved Friese, Justus von Dohnányi) aus der Neuverfilmung (Foto: Copyright Constantin Film/Gordon Mühle)

Diese Geschichte ist Systemkritik aus einer Zeit, als man noch an die Macht einer guten Geschichte glaubte. 1962, die beiden Blöcke sahen sich gerade nur über eine Mauer hinweg an, veröffentlichte James Krüss den Roman „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“: Boy, das Alter Ego des Autors, trifft im Zug eben jenen Timm, der ihm aus seinem Leben erzählt. Ein mysteriöser Fremder will Boy kurz darauf bestechen, dies niemals aufzuschreiben. Die Versuchung entpuppt sich als Baron Lefuet, an dessen Namen man nicht viel buchstabenrätseln muss, um den Leibhaftigen zu entdecken. Boy widersteht und erzählt die ewige Geschichte von den wirklich wichtigen Dingen und wie dunkle Kräfte danach greifen. Gestern nun kam eine neue Verfilmung „Timm Thalers“ in die Kinos, die den Stoff in einer bonbonfarbenen 1920er-Jahre-Kulisse inszeniert. Als das ZDF mit dem Roman 1979 seine erste Weihnachtsserie auflegte, wurde die Geschichte in die damalige Gegenwart versetzt. Und dabei spielte – neben einem strahlenden Thomas Ohrner und einem unfassbar beängstigenden Horst Frank – die Architekturmoderne eine symbolträchtige Rolle.

 

Der stylishe Sehnsuchtsort

Mirador del Rio (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Auf dem Bildschirm wurde aus dem Aussichtspunkt Mirador del Río auf Lanzarote einfach die Vulkaninsel Aravanadi (Bild: Frank Vincentz, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Durch einen tragischen Unfall verliert Timm Thaler seinen Vater, ihm bleibt sein mitreißendes Lachen. Dieses will sich der Baron für dunkle Geschäfte zu Nutze machen will. Diabolisch bindet er Timm mit einem Vertrag, der ihn jede Wette gewinnen lässt. Und er lockt mit dem Glanz einer mondänen Welt, in der schon Teenager Polyesteranzug und Krawatte tragen. Im ZDF-Mehrteiler inszenierte man dafür die Vulkaninsel Aravanadi als Sehnsuchtsort. Die geheime Machtzentrale des Barons wurde auf der Kanareninsel Lanzarote gedreht, hier zumeist im Mirador del Río. Kurz zuvor, von 1973 bis 1974, hatte der spanische Architekt und Allrounder César Manrique (1919-92) diesen Aussichtspunkt mit Jesús Soto und Eduardo Caceres in die Vulkanlandschaft gefügt. Manrique arbeitete seit den 1960ern daran, den traditionellen Stil der Insel behutsam in die Moderne zu überführen. Für Timm Thaler wurde daraus das stylishe Versteck des Erzbösen, wie es eines James-Bond-Films würdig gewesen wäre. Dem Seemann und der Nonne hingegen, die Timm bald die Flucht ermöglichen sollten, folgte die Kamera zu historischen Bauten und malerischen Dorfstraßen.

 

Das heimische Hochglanzkapital

Hamburg, HEW-Zentrale (Bild: Staro1, GFDL oder CC BY SA 3.0)
Eleganter geht nicht: Die Hamburger HEW-Zentrale (1969, Arne Jacobsen und Otto Weitling) wurde zum Firmensitz des Barons (Bild: Staro1, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Doch nicht nur auf der fernen Vulkaninsel, auch in Timms Heimatstadt wird der skrupellose Kapitalist Lefuet mit einer Ikone der Nachkriegsmoderne verknüpft: mit der damaligen Hamburger HEW-Zentrale, die kein Geringerer als der dänische Architekt und Designpapst Arne Jacobsen (1902-71) mit Otto Weitling 1969 als elegantes Vierscheibenhaus fertigstelle. Das finale Rennen um Timms Lachen startete am Hotel (1970-73, Jost Schramm/Gert Pempelfort) am Congress Centrum (später Center), vor dessen Hochhausfassade der Regisseur zeichenhaft Anzug- und Sonnenbrillenträger postierte. Zuletzt gewinnt Timm sein Lachen durch eine Wette wieder. Doch das Ende bringt ihn nicht einfach aus der faszinierenden Stahl- und Glaskälte des Kapitalismus (womit aus der Systemkritik zeittypisch auch Architekturkritik wird) zurück ins warme sattelbedachte Einfamilienhäuschen seiner Kindheit. Timm erobert sich mit neu gewonnenen Freunden den öffentlichen Raum, in der Schlussszene ist es die Wasserkunst am Hamburger Amtsgericht. Für die Generation, die sich mit diesen Bildern 1979 gen Weihnachten gruselte, lohnt nun der vergleichende Weg ins Kino. Verlegen Sie diesen Besuch doch einfach nach Hamburg und schauen selbst nach, welche Hände heute nach den einstigen Drehorten der Moderne greifen. Oder doch lieber Lanzarote? (kb, 3.2.17)


Robert Doisneau in Berlin

Robert Doisneau, Le Baiser de l’Hôtel de Ville (© Atelier Robert Doisneau, 2016)
Sowas von Ikone: Robert Doisneau, Le Baiser de l’Hôtel de Ville, 1950 (© Atelier Robert Doisneau, 2016)

Es ist ein wenig wie mit Van Goghs „Sonnenblumen“. Man ist ihnen schon auf zu vielen Kunstdrucken, Stickbildern und Fußmatten begegnet, um sie unumwunden schön zu nennen. Und dann gibt es doch diesen Moment, wenn einen die kulturbürgerliche Pflicht in den Louvre vor das Original treibt und einem vor Bewunderung die Luft wegbleibt. Gut Kunst ist eben doch einfach gut – und von all dem Marketing nicht kaputt zu kriegen. Dem französischen Fotografen Robert Doisneau (1912-94) wünscht man viele solche unbefangenen Wiederentdeckungen. Mit seinem 1950 in der Rue de Rivoli aufgenommenen Motiv „Le Baiser de l’Hôtel de Ville“ hat er sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Dieses Schwarzweiß-Foto steht für Paris als „Stadt der Liebe“, für die Sehnsucht nach der Unbeschwertheit vergangener Zeiten und einem Kurzurlaub mit Croissant inkl. Nebenbeiflirt.

 

Mit der Rolleiflex durch Paris

Robert Doisneau, Mademoiselle Anita, 1951 (© Atelier Robert Doisneau, 2016)
„Meine Fotos gefallen den Leuten, weil sie darin wiedererkennen, was sie sehen würden, wenn sie aufhören würden sich abzuhetzen. Wenn sie sich Zeit nehmen würden, um die Stadt zu genießen“ (Robert Doisneau, hier seine Aufnahme: Mademoiselle Anita, 1951, © Atelier Robert Doisneau, 2016)

Doch Doisneaus Œuvre, das rund 350.000 Fotografien umfasst, hat mehr zu bieten als diese eine ikonische Aufnahme. Als Bildjournalist arbeitete er für die großen Magazine wie Vogue, Paris Match, Le Point und LIFE. In seiner freien Zeit ging er mit der Rolleiflex in Paris auf Spurensuche. Diese betrieb er weniger systematisch als sein großes Vorbild Eugène Atget (1857-1927), der Straßenzug um Straßenzug mit der Großformatkamera katalogisierte. Doisneau hingegen ging es um die Atmosphäre. Er hielt Pariser Häuserfronten, Innenräume, Quais, spielende Kinder, Passanten, Hochzeitspaare und Augenblicke in stimmungsvollem Schwarzweiß fest.

Doisneau befreundete sich auf seinen Streifzügen mit Intellektuellen, Journalisten und Poeten wie Robert Giraud (1921-97), Jacques Prévert (1900-77) und Blaise Cendrars (1887-1961). Sie nahmen ihn mit in Bars und Varietés der damals führenden Kunstmetropole. Fotografen wie Henri Cartier-Bresson, Brassaï, André Kertész, Martin Munkácsi oder Germaine Krull nutzen hier die technischen Errungenschaften einer Kamera mit kurzer Belichtungszeit. Sie rückten den Menschen in den Mittelpunkt und machten so das Private, Intime und Persönliche öffentlich. Auch Doisneau fand so um 1950 seine Nische, die er zu Meisterschaft entwickelte.

 

Selbst ein Kind der Banlieu

Robert Doisneau, La mariée chez Gégène, 1946 (© Atelier Robert Doisneau, 2016)
Unübersehbar ungebändigte Lebenslust, ein Jahr nach Kriegsende: Robert Doisneau, La mariée chez Gégène, 1946 (© Atelier Robert Doisneau, 2016)

Doisneau wurde 1912 selbst in der Banlieue, im kleinen Ort Gentilly, im Südwesten von Paris geboren. 1928 schoss er sein Studium an der Ecole Estienne in Paris mit einem Diplom für Lithografie und Gravur ab. Nach 1931 arbeitete er zunächst als Assistent des Fotografen und Herausgebers der „Encyclopédie photographique de l’art“, André Vigneau (1882-1968), von 1934 bis 1939 als Werkfotograf bei Renault, um schließlich bei der Agentur Rapho als selbständiger Bildjournalist unterwegs zu sein.

Während des Zweiten Weltkrieges dokumentierte Doisneau den Alltag im besetzten und später befreiten Paris. Damit sind seine Fotografien nicht nur Ausdruck seines handwerklichen Könnens und künstlerischen Anspruchs, sondern auch ein Dokument der Zeit, vielleicht sogar eine ästhetisch verkleidete politische Aussage: Wir in Paris haben uns nicht unterkriegen lassen, wir lachen, lieben und heiraten weiter! Die Ausstellung „Robert Doisneau – vom Handwerk zur Kunst“ gibt nun mit rund 100 ausgewählten Arbeiten – zum Großteil entstanden in den 1940er und 50er Jahren – Einblick in eben jenes vielschichtige fotografische Werk. Im Rahmen der Berliner Festspiele ist die Schau noch bis zum 5. März 2017 im Martin-Gropius-Bau zu sehen. (kb, 25.1.17)

Köln, Roncalliplatz und Kurienhaus

von Ralf Liptau

Köln, Kurienhaus, Blick vom Roncalliplatz (Bild: © Raimond Spekking/via wikimedia commons)
Köln, Kurienhaus vom Roncalliplatz (Bild: © Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0 (via wikimedia commons))

Die südöstliche Ecke des Roncalliplatzes am Kölner Dom soll sich verändern: Der viergeschossige Backsteinkubus, der hier seit 1961 zwischen aufrecht nach oben strebenden Betonpfeilern schwebt und sich Kurienhaus nennt, soll nun fallen. Seit fünf Jahren wünschen sich das die Eigentümer, also das Domkapitel und das Erzbistum von Köln. Während sich die Landesdenkmalpflege schon 2012 mit einem Gutachten eindeutig dafür ausgesprochen hatte, den Bau von Willy Weyres und Bernhard Rotterdam unter Denkmalschutz zu stellen, hat die städtische Denkmalpflege gegen die Unterschutzstellung gestimmt. Gleich neben dem Kurienhaus soll auch der Verwaltungsbau des Römisch-Germanischen Museums (RGM) fallen, der 1967-1970 – noch vor dem eigentlichen Museumsbau – entstanden ist. Der 2016 vom Metropolitankapitel der Hohen Domkirche Köln, der Stadt Köln, dem RGM Köln und dem Kölnischen Stadtmuseum durchgeführte Wettbewerb für einen Neubau, der die bisher getrennten Grundstücke zusammenfassen soll, ist inzwischen entschieden. Das Berliner Büro Staab Architekten will hier einen Baukomplex entwickeln. Darin würden das Kurienhaus der Hohen Domkirche mit Archiv und Bibliothek ihren Platz finden genauso wie das Kölnische Stadtmuseum und die Verwaltung des RGM.

 

Denkmalschutz für den Altbau

Köln, Römisch-Germanisches Museum (Bild: © Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))
Köln, Römisch-Germanisches Museum vom Roncalliplatz, links der Dom, rechts das Kurienhaus (Bild: © Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))

Mit dem neuen Jahr kommt nochmal neue Bewegung in die Causa Kurienhaus/RGM-Verwaltung: Das Römisch-Germanischen Museum, das bis 1974 nach Plänen von Heinz Röcke und Klaus Renner entstanden ist, steht seit dem 29. November 2016 unter Denkmalschutz. Der zugehörige, aber jetzt akut gefährdete Verwaltungsbau, der als eigenständiger Baukörper südlich des Museums steht und mit diesem über eine Brücke verbunden ist, ist ausdrücklich Teil des Denkmals. Würden die Abrisspläne für Kurienhaus und RGM-Verwaltungsbau also verwirklicht, würden im Herzen der Kölner Innenstadt nicht nur zwei hochwertige Bauten aus den 1960er- und 70er-Jahren verschwinden. Es würde auch ein Baudenkmal teilweise vernichtet und entstellt, das gerade einmal seit zwei Monaten auf der Denkmalliste des Landes NRW steht. Die Stadt Köln, die im Neubau ihr Stadtmuseum einrichten will, würde dies auf Kosten eines von ihren eigenen Denkmalpflegern erst kürzlich unter Schutz gestellten Altbaus tun.

Denn auch wenn der Denkmalschutz für das Kurienhaus im Jahr 2012 – gegen das Votum des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) – abgeschmettert worden ist: Hätte nicht der Denkmalschutz zumindest bei einer Neuplanung in so unmittelbarer Nähe zum Dom konsultiert und am Wettbewerb beteiligt werden müssen? Das ist offensichtlich nicht passiert, zumindest sind in der Auflistung der Preisrichter keine Denkmalschützer genannt. So haben scheinbar unabhängig voneinander die Denkmalpfleger der Stadt Köln und des LVR den Denkmalschutz für das Museum auf den Weg gebracht, während auf der anderen Seite die gleiche Stadt Köln gemeinsam mit der Kirche und den Museumsverwaltungen an Abriss und Neubau an gleicher Stelle gebastelt haben.

 

Mit unter Schutz: das Verwaltungsgebäude

Köln, Verwaltungsgebäude des Römisch-Germanischen Museums, Blick von Osten (Bild: © Raimond Spekking/via wikimedia commons)
Köln, Verwaltungsgebäude des Römisch-Germanischen Museums von Osten (Bild: © Raimond Spekking/CC BY SA 4.0 (via wikimedia commons))

Der Denkmalwert des Museums-Verwaltungsbaus ist spätestens seit der Eintragung vom vergangenen November unbestritten. In der Begründung für die Unterschutzstellung wird das Gesamtensemble des RGM als innovativer Museumsbau gewürdigt, der für die Kulturvermittlung im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts international Maßstäbe gesetzt habe. Darüber hinaus werden städtebauliche Gründe benannt. Gerade in Verbindung mit dem Verwaltungsbau bilde sich ein „architektonisches Gefüge, das sich durch Allansichtigkeit auszeichnet.“ Der Museumsbau ist also kein quadratischer Solitär, der beziehungslos irgendwo auf dem Roncalliplatz herumsteht. Gerade mit dem Verwaltungsbau und dem davor befindlichen Kurienhaus entsteht aus dem RGM überhaupt erst ein sinnhaltiges urbanes Gefüge.

Vor dem Hintergrund dieser neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse ist jetzt eines unumgänglich: Der Wettbewerb, dessen Ergebnis bisher den Abriss des Verwaltungsbaus vorsieht, muss völlig neu aufgelegt werden. In die Planungen müssen spätestens jetzt Denkmalpfleger der Stadt und des Landschaftsverbands einbezogen werden. Und in diesem Zusammenhang ist auch über das Kurienhaus neu nachzudenken. Denn von dessen denkmalpflegerischem Wert ist zumindest die Landesdenkmalpflege weiterhin überzeugt. Landeskonservatorin Andrea Pufke erklärte noch nach dem Negativbescheid des Kölner Stadtkonservators, dass der Denkmalwert in ihren Augen durchaus bestehe. Sie halte das Gebäude „für ein anschauliches Zeugnis des Wiederaufbaus der Kölner Domumgebung nach dem Zweiten Weltkrieg in modernen, bewusst schlichten Formen“ und lobte die „Bescheidenheit ausstrahlende Bebauung der gesamten Domumgebung.“

 

Kurienhaus als „Schlüsselbauwerk“ der Domplatte

Köln, Verwaltungsgebäude des Römisch-Germanischen Museums, Blick vom "Am Hof" (Bild: © Raimond Spekking/via wikimedia commons)
Köln, Verwaltungsbau des Römisch-Germanischen Museums von Westen, links das Museum (Bild: © Raimond Spekking/CC BY SA 4.0 (via wikimedia commons))

LVR-Gutachter Godehard Hoffmann bescheinigte dem Kurienhaus 2013 gar die Rolle als „Schlüsselbauwerk in Bezug auf die erst später vollendete Domplatte.“ Die städtebaulich elegante Vermittlung zwischen der Straßenebene „Am Hof“ und der höher gelegenen Domplatte ist hierbei ein wesentlicher Aspekt. Ein anderer ist die Lösung, einen weitgehend geschlossenen Baukörper über einer zurückgesetzten, gläsern-aufgelösten Fassade auf Platzniveau schweben zu lassen. Das (schlimmstenfalls künftig amputierte) Denkmal Römisch-Germanisches Museum wird an dieser Stelle der Innenstadt weder architekturhistorisch noch städtebaulich lesbar sein, sollten Verwaltungs- und Kurienhaus wirklich fallen. Noch ist Zeit, genau das zu verhindern. (11.1.17)

 

Literatur und Quellen

Römisch-Germanisches Museum wird Baudenkmal – und pfeift aus dem letzten Loch, in: Kölnische Rundschau 10. Januar 2017

Maßstabsetzende Architektur. Römisch-Germanisches Museum soll Baudenkmal werden, auf: koeln.de 9. Januar 2017

Römisch-Germanisches Museum wird zum Baudenkmal, in: Aachener Zeitung 8. Januar 2017

Römisch-Germanisches Museum Köln, Denkmalgutachten (Denkmallistennummer 8795), November 2016

Hoffmann, Godehard, Köln – Das Kurienhaus und der Wiederaufbau der Domumgebung, in: Denkmalpflege im Rheinland 2013, 1, S. 4-13

Kurienhaus – kein Denkmal? Stadtkonservator kann Fachamt nicht überzeugen, hg. von der Pressestelle des LVR Rheinland 5. Juni 2013

Kurienhaus: LVR will nicht weiter streiten, in: Kölnische Rundschau 6. Juni 2013

Kurienhaus nicht unter Denkmalschutz, in: Kölnische Rundschau 16. Mai 2013

Abriss-Zoff am Kölner Dom. Konservator will Denkmalschutz fürs Kurienhaus, in: Express Köln 28. Dezember 2012

Streit um „Kurienhaus“ am Dom, in: Kölnische Rundschau 29. Dezember 2012