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Mission impossible?

von Olaf Gisbertz

Zur Verleihung des Frankfurter Adorno-Preises schrieb Jürgen Habermas 1980 ein Essay über „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“. Als damaliger Preisträger war der Philosoph ein Chrono- und Seismograf seiner Zeit, die er in all ihren Facetten als brüchig und widersprüchlich beschrieb. Diese Epoche großer politischer und gesellschaftlicher Spannungen steht seit Jahren im Fokus der Denkmalpflege. Nach einer Reihe von Veröffentlichungen hat nun eine Forschergruppe aus Weimar und Dortmund (um die Herausgeber Wolfgang Sonne, Frank Eckhardt, Ingrid Scheurmann und Hans-Rudolf Meier) ein neues Werk zu eben jener Spätmoderne vorgelegt.

 

Über eine „ungeliebte Epoche“

In der Publikation „Welche Denkmale welcher Moderne?“ werden bisherige Ansätze zusammengefasst und der Blick über die deutschsprachigen Grenzen hinaus geschärft, fehle es doch allenthalben an wissenschaftlichen Kriterien für diese baulichen Zeugnisse. So entstand ein Buch, das wohl in keinem Denkmalpfleger-Regal fehlen wird. Es wird zum Nachdenken über diese jungen Baubestände anregen und die Aneignung dieser vielfach noch „ungeliebten Epoche“ befördern. Dennoch, um es gleich vorweg zu sagen, es wird wohl nicht vor weiteren Verlusten schützen. Nicht weil es nicht sinnige Beiträge enthielte, sondern weil es einen wesentlichen Punkt außer Acht lässt: die Möglichkeiten der Bauwerkserhaltung für junge Baubestände in einer Welt neuer Herausforderungen hinsichtlich Brandschutz, Komfort und Energieeffizienz, seien sie denkmalgeschützt, denkmalwürdig oder aus Gründen gegenwärtiger Nachhaltigkeitskonzepte erhaltenswert.

Dem Buch, das insgesamt 17 Aufsätze zur Spätmoderne der 1960er und 70er Jahre vereint, ging ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstütztes Forschungsprojekt mit einer Fördersumme von rund 750.000 Euro voraus. Es wurde begleitet von einem professionellen Internetauftritt, Ausstellungen und einem breit angelegten Symposium mit internationaler Beteiligung an der TU Dortmund. So konnte Großes erwartet werden, um der Frage „Welche Denkmale welcher Moderne?“ endlich Herr zu werden.

 

Von den Anfängen der Debatte

Nach einer kursorischen Einführung in die jüngste Architekturgeschichte dieser Moderne durch Wolfgang Sonne stehen am Beginn des Bands – gemäß des interdisziplinären Forschungsansatzes – die Ergebnisse der soziologischen Betrachtung: Anhand einer oft vernachlässigten Denkmalgattung, dem Einfamilienhaus, wird das „ABC einer gebauten Sozialontologie“ entfaltet: eine Lehre der An- und Abneigung für Phänomene der Spätmoderne der 1960er und 70er Jahre. Unter 25 alphabetisch sortierten Schlagworten – wie Automobil, Familie, Dichte und Zwischenstadt – finden sich Punkte, wie man sie aus anderen Studien schon kannte. Das Bild der Spätmoderne flackert erneut so „unwirtlich“ auf, wie es einst der Doyen der deutschen Architektursoziologie Alexander Mitscherlich in seiner gleichnamigen Publikation zur „Anstiftung von Unfrieden“ vorgezeichnet hatte. Erneut konstatiert sich hier gleich zu Beginn des Buchs die Unmöglichkeit zu einer vorurteilsfreien und werteneutralen Bewertung des Baubestands jener Jahre.

Die Autoren verweisen ausdrücklich auf das Dilemma einer sich zyklisch wiederholenden Denkmalerfassung und -bewertung, die sich – entgegen einer breiten Ablehnung der Spätmoderne seit dem europäischen Denkmalschutzjahr 1975 – eigentlich ebenso schnell vollziehen müsste wie der gesellschaftliche Wertewandel und die Innovationsschübe des industrialisierten Bauens. Denn angesichts der Fülle von Architekturen, die vielfach mit unzureichend erprobten Baumaterialien auf Nutzen und Verbrauch hin angelegt waren, sprach man schon vor 20 Jahren vom „Denkmal als Altlast“ (Uta Hassler, 1996).

 

Zu kompliziert für einfache Lösungen

Ein Rezept gegen dieses „Auswahl- und Bewertungsdilemma“ sucht man indes vergeblich, denn, so die Herausgeber: „Die pluralistische Welt ist kompliziert und verschließt sich einfachen Lösungen.“ (S. 264) Nichtsdestotrotz bleibt das Buch lesenswert, fragt es doch ausführlich nach dem Denkmalkriterium des „Besonderen im Allgemeinen“ oder einer Unterschutzstellung trotz der „Gleichwertigkeit aller Objekte“. Diese „Qual der (Aus-)Wahl“ (Bianka Trötschel-Daniels) der „Moderne im Bewertungsprozess“ (Torben Kiepke) bleibt eine Mammutaufgabe: ob „Von Top Monumenten bis Tentativlisten“ (Katja Hasche) oder vom Blick in die Niederlande nach Polen und England. Dabei reflektiert man stets die „Großstrukturen der Nachkriegsmoderne“ (Sonja Hnilica) bis hin zu modernen Denkmälern in Gesellschaftsprozessen gegenwärtiger Migration (Carsten Müller). Redundanzen werden auch in der weiterführenden Debatte nicht ausbleiben, ist doch eine allgemeine Strategie noch in weiter Ferne. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Kurzfristig werden es  wohl nur GIS-gestützte Verfahren und eine angewandte Forschung erlauben, dem Massenphänomen des „Seriellen Bauens“ der 1960er und 70er Jahre Hilfe und Schutz zu gewähren. Es braucht weitere Aushandlungsprozesse der Denkmalpflege, von denen vor allem auch zukünftige Denkmaleigentümer und -nutzer profitieren können. (22.6.17)

 

Zum vorgestellten Buch

Eckardt, Frank/Meier, Hans-Rudolf/Scheurmann, Ingrid/Sonne, Wolfgang (Hg.), Welche Denkmale welcher Moderne? – Zum Umgang mit Bauten der 1960er und 70er Jahre, Jovis Verlag, Berlin 2017, Hardcover, 19,5 x 24 cm, 324 Seiten, ca. 165 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Deutsch, ISBN 978-3-86859-443-0.

Titelmotiv: Welche Denkmale welcher Moderne? (Bild: Buchcover, Jovis Verlag)

"Denkmalpflege als kulturelle Praxis" (Plakat der VDL-Tagung 2017 in Oldenburg)

Was sieht John Lennon in Oldenburg?

Denkmalpflege ist Pop, so versprach es zumindest das charmante Plakatmotiv zur diesjährigen Jahrestagung der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VDL): ein bärtiger Berlin-Mitte-Hippster, der frappierend an den Beatles-Zerstörer erinnerte (bitte keine Leserzuschriften, dies ist nur eine von vielen möglichen Meinungen zu den Auflösungsgründen). Das John-Lennon-Lookalike schaute durch eine rosagetönte Nickelbrille auf die Welt und den – erstaunlich modernedurchzogenen – Veranstaltungsort Oldenburg. Sein neugieriger, aber zugleich fachlich gefärbter Blick stand für das Veranstaltungsmotto: „Denkmalpflege als kulturelle Praxis“.

 

„Zwischen Wirklichkeit und Anspruch“

Vom 18. bis 21. Juni 2017 hatte sich die VDL zusammengetan mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) und der Stadt Oldenburg. Die Veranstalter einigten sich vorab auf die These: „Die Denkmalpflege, die unter den von Menschen geschaffenen materiellen Geschichtszeugnissen die Denkmale erkennt und bewahrt, ist unzweifelhaft Teil der Kultur.“ Die im Programm als maßstabslos bezeichnete Modernisierung der 1970er Jahre habe den Siegeszug des Denkmalschutzes befördert. Heute müssten sich Denkmalpfleger einem neuen Modernisierungsschub stellen: den Folgen von Wiedervereinigung, demographischem Wandel und digitaler Revolution. Folgerichtig suchten die Vorträge und Exkursionen, Sektionen und Podien nach Antworten für die regionale und länderübergreifende Denkmalpflege. Am Montag führten Prof. Aleida Assmann (Konstanz) und Prof. Winfried Nerdinger (NS-Dokumentationszentrum München) ins Thema ein, diskutierten die Fachleute anschließend unter der Moderation von Prof. Arnold Bartetzky (Leipzig).

Die fünf im Schwerpunkt von den NLD-Mitarbeitern vorbereiteten Sektionen behandelten am Dienstag zunächst Teilaspekte des Tagungsthemas: Inventarisieren (Was machen wir mit der „Stadtreparatur“ der 1970er und 1980er Jahre?), Forschen an Denkmalen (Was wissen wir, was brauchen wir und wie können wir es teilen?), Praktische Denkmalpflege (Wie erhalten wir die Achitekturmoderne?), Umgang mit Spannungen (Was ist außer Denkmalpflege sonst noch wichtig?) sowie Netzwerke (Wie publizieren wir gut über unsere guten Inhalte? Hier war auch moderneREGIONAL eingeladen, seine Arbeit vorzustellen!). Am Nachmittag setzte Prof. Jörg Haspel (Landesdenkmalamt Berlin) mit seinem Impulsreferat das Thema der folgenden, von Prof. Sigrid Brandt (Salzburg) moderierten Podiumsdiskussion: Muss sich Europa auf einen Denkmalbegriff einigen, um nicht von Wirtschaft und Politik an den Rand gedrängt zu werden?

 

Wie viel Denkmal braucht Europa?

Am Ende von so viel Austausch standen keine fertigen Antworten. Die hatte wohl auch keiner erwartet. Aber es war unübersehbar, dass gerade mit Macht eine neue Generation von Denkmalen und sie Pflegenden nach vorne drängt. Es wäre zu wünschen, dass dieser Wechsel ebenso stil- und respektvoll von statten geht, wie Prof. Stefan Winghart zum Abschluss der Veranstaltung die NLD-Präsidentschaft ruhestandsbedingt an Dr.-Ing. Christina Krafczyk übergab. Das Ende der diesjährigen VDL-Tagung war also ein versöhnliches, ist doch das Oldenburger Land berüchtigt für fetthaltige Gerichte als Grundlage für alkoholhaltige Getränke. Beides dürfte beim heutigen „gemütlichen Ausklang“, der gemeinsamen Grillkulturpflege nach den Tagesexkursionen, sicher nicht zu kurz gekommen sein. Gastfreundschaft können die in Oldenburg. (db/kb, 21.6.17)

Titelmotiv: Plakat der VDL-Jahrestagung 2017, Grafik-Design und Foto: Elke Behrens NLD

Los Angeles, PAN AM Experience, um 2016 (Bild: Daniel Sliwa)

Nur Fliegen war schöner

Versprochen wird nicht weniger als eine Reise ins Goldene Zeitalter der Luftfahrt, als die Piloten noch umschwärmt, die Stewardessen noch bezaubernd und die Drinks noch eisgekühlt waren. Ein leidenschaftlicher Sammler und ein findiger Unternehmer haben in Los Angeles das Innenleben eines jener legendären Boeing-Jets nachbauen lassen, um darin Gäste auf Nostalgiesuche zu bewirten. Das Event-Lokal mit dem Namen „PAN AM Experience“ will das internationale Lebensgefühl der späten 1960er und frühen 1970er Jahre wieder aufleben lassen und erfreut sich damit aktuell größter Beliebtheit.

 

PAN AM als Lebensgefühl

Gäste dieses ungewöhnlichen Lokals müssen sich ein wenig fühlen, als wären sie in die Dreharbeiten zur TV-Serie „Mad Men“ oder zum Kinofilm „Catch Me If You Can“ hereingestolpert. Tatsächlich wurde das Innere einer Boeing 747-200, die 1969 zu ihrem ersten Flug ansetzte, in einem südkalifornischen Filmstudio nachgebaut. Schon 2007 hatte der PAN-AM-Sammler Anthony Toth in seiner Garage (Klischee as Klischee can) eine stilvolle Illusion als Partykulisse geschaffen. Die Idee wechselte anschließend zweimal ihren Standort, bis Toth sie 2014 gemeinsam mit dem Unternehmer Talaat Captan im großen Rahmen aufzog. Die detailverliebten Betreiber lassen eigens Schauspielerinnen durch „Original-Stewardessen“ schulen, um das alte Service-Flair zu erzeugen.

Als Projektionsfläche für kollektive Sehnsüchte eignet sich die Marke „PAN AM“ (Pan American World Airways) bestens, steht sie doch gerade bei US-Bürgern für das unbeschwerte Reisen, die internationale Leichtigkeit der Zeit um 1970. Im Jahr 1927 begründet, landete die Fluggesellschaft 1955 ihren „Jet Coup“: Sie orderte 45 brandneue Maschinen, darunter erste Boeings, und eroberte damit den wachsenden Markt der transkontinentalen Strecken. Doch nicht nur die Route, vor allem der Komfort überzeugte die Kunden. Das blassblaue Logo, die futuristisch durchgestylten Passagierräume, die eigens designten Stewardessen-Uniformen und die – durchaus auch alkoholisch orientierte – Bewirtung an Bord setzten neue Maßstäbe.

 

Eine Zeitkapsel der späten 1960er

Nun hatte das (durch PAN AM verkörperte und in Los Angeles kunstvoll neu beschworene) „Jet-Zeitalter“ inzwischen längst zur Bruchlandung angesetzt. PAN AM wurde 1991 aufgekauft – und mit den Röcken der Stewardessen wurde auch die Liste der Bedenkenträger wieder länger: Klimaschutz, Boeing-Unfälle und Terrorangst, um hier nur einige Punkte anzudeuten. Im sicheren Schutz der bodennahen Flugzeugkulisse können vorausbuchende Gruppen in Los Angeles aber all diese Hemmnisse hinter sich lassen. Grübeln Sie also nicht weiter über die Rolle der Frau oder die Risiken der Luftfahrt und genießen Sie einfach den Flug! Ein Martini gefällig? (kb, 17.6.17)

Titelmotiv: Los Angeles, PAN AM Experience, um 2016 (Bild: Daniel Sliwa)

Köln, Café im Funkhaus (Bild: funkhaus-koeln.de)

Happy Birthday, funky Funkhaus!

von Ute Reuschenberg

Wer heute im stylischen Funkhaus-Café am Kölner Wallrafplatz an seinem Aperol Spritz nippt, ahnt meist nicht, dass er dies im ersten großen Kulturbau der Stadt nach dem Krieg tut. Als Bundespräsident Theodor Heuss das Funkhaus des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) vor 65 Jahren am 21. Juni 1952 feierlich eröffnete, sorgte es als modernstes Rundfunkgebäude Europas für Schlagzeilen. Dabei glich Köln damals immer noch einem Trümmerhaufen. Bereits im April 1948 war mit dem Bau begonnen worden – noch vor der Währungsreform und trotz der Bausperre der britischen Besatzer. Dies zeigt die große Bedeutung, die dem Rundfunk nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ im Dienste von Re-Education und Demokratisierung zukam.

 

Ein Ort der Begegnung

Dabei fing alles ganz klein an: Das alte provisorische Funkhaus der Westdeutschen Rundfunk AG (WERAG) in der Dagobertstraße sollte eine nahegelegene Dependance erhalten. Die Wahl fiel auf ein Ruinengrundstück am Wallrafplatz. Schnell hatten die Beteiligten aber erkannt, dass größer gedacht werden musste. Ein richtiges Funkhaus mit ausreichend Platz musste her. Das Grundstück schien perfekt, doch seine Lage im Herzen der Domstadt rief Rudolf Schwarz als Leiter des Kölner Wiederaufbaus auf den Plan. Es war vor allem der seit 1947 amtierende Kölner Intendant Hanns Hartmann, der sich Schwarz‘ Vorstellungen einer stillen Zone um den Dom entgegenstellte und das Funkhaus-Projekt am Ende durchsetzte. Denn nach seinen Vorstellungen sollte ein solches Haus nicht nur dem Sendebetrieb dienen, sondern – im Kontrast zum Nationalsozialismus – auch dem kulturellen Austausch und der Begegnung mit dem Publikum. Bereits am 19. Oktober 1951 konnte der dringend benötigte große Sendesaal als erster Konzertsaal Kölns eröffnet werden.

 

Eine Ruine prägt den Neubau

Architekt P. F. Schneider, Behrens-Schüler und einst Mitarbeiter, später Partner des Essener Architekten Edmund Körner, hatte beim ehrgeizigen Funkhausbau viele Hürden zu nehmen. Zum einen waren die öffentlichen und internen Funktionen so zu verbinden, dass ein störungsfreier Sendebetrieb möglich wurde. Zum anderen war die auf dem Grundstück gelegene ausgebrannte Ruine des Hotels Monopol-Metropol in den Neubau zu integrieren, um Kosten und Material zu sparen. So kam es, dass die Hotel-Ruine zum Ausgangspunkt der Gestaltung wurde: Sie gab nicht nur Geschosshöhe und die Lage des Haupteingangs zum Platz, sondern auch die großzügig geöffnete Sockelzone im Erdgeschoss vor. Bis heute bewahrt die Funkhaus-Gastronomie die Erinnerung an das einst im gründerzeitlichen Vorgängerbau befindliche Künstlercafé Monopol.

 

Eine Hommage an Peter Behrens

Äußeres Leitmotiv war die durch unterschiedliche Fenstergruppierungen rhythmisierte, horizontale Entwicklung des Baublocks, die bewusst Rücksicht nahm auf die städtebauliche Situation. In der zu über 90 Prozent zerstörten Innenstadt war vor allem die – durch die Trümmerwüste damals noch gegebene – direkte Nachbarschaft zum Dom ausschlaggebend. Proportion und Maßstäblichkeit sollten dem Gebäudekomplex bewusst Wucht und Massivität nehmen. Eine durchgehende Travertinverblendung schließt den dreiteiligen Baublock zur Einheit zusammen. Die enggestellten, bänderartig gereihten Attika-Fenster des vierten Obergeschosses lassen die Ordnungsprinzipien der Klassik aufscheinen. In der Tat ist das Funkhaus trotz aller Sachlichkeit von den Idealen der bald vorherrschenden Bauhausmoderne weit entfernt. Schneider fühlte sich weniger dem „form follows function“-Prinzip verpflichtet als einer harmonischen proportionalen Gestaltung im Sinne von Peter Behrens. Auch in Köln nahm man z. B. lieber konstruktive Mängel in Kauf, als vom Primat der Form gegenüber dem Zweck abzuweichen.

 

Viel Gies und ein Meistermann

Ist der Außenbau vergleichsweise sachlich aufgefasst, so dominieren innen die organischen oder asymmetrischen Linienführungen, wie sie für die 1950er Jahre typisch waren. Nach skandinavischem Vorbild wurden vor allem in den beiden Sendesälen und ihren dazugehörigen Foyers warme Hölzer verarbeitet: gestäbte oder glatt verblendete Birnbaum-, Birke- oder Rotbuche-Wände oder Garderobentische. Das Büro Schneider entwarf dazu fast die gesamte Ausstattung – von der Tütenlampe bis zur Türklinke. Ein regelrechter Erfolgsschlager wurden die „Spaghetti-Stühle“ für die Dachterrassen des Funkhauses, die bald einen Siegeszug durch die Gärten und Parks antraten.

Die kulturelle Bedeutung des Funkhauses wurde durch die Einbindung der Künste unterstrichen: So wirkte Ludwig Gies, mit dem schon Behrens und Körner arbeiteten, u. a. im großen Sendesaal mit: Seine kunstvoll geschnitzten Abschlusskanten der gestaffelten Wandvorlagen tragen noch heute entscheidend zur Raumwirkung bei. Den innovativsten Beitrag aber lieferte Georg Meistermann: Seine leuchtende Farbverglasung des Haupttreppenhauses in der abstrakten Formensprache des aufkommenden Informel machte den Künstler über Nacht bekannt. Während dieses Werk leider nicht öffentlich zugänglich ist, können sich heute alle Cafégäste an den Wandmalereien Anton Wolffs in der ehemaligen Teestube erfreuen. Ob mit Latte Macchiato oder Aperol: Hier lässt sich tatsächlich auch nach 65 Jahren noch der Genius Loci erspüren. Prosit, Funkhaus! (1.6.17)

Titelmotiv: Köln, Café im Funkhaus (Bild: funkhaus-koeln.de)

 

Literatur

Franz Berger, Das Funkhaus in Köln und seine Gestaltung, Stuttgart o. J. [1954].

Alexander Keller, Das Kölner Funkhaus 1945-1960 – Probleme und Kontroversen. Zur politischen Geschichte eines Massenmediums, Münster u. a. 2002.

Ute Reuschenberg, Das Funkhaus des NWDR als programmatische Architektur des „Gesamtkünstlerischen“. Zum Nachwirken von Peter Behrens in der frühen Nachkriegsmoderne Kölns, in: Tino Mager/Bianka Trötschel-Daniels (Hg), BetonSalon. Neue Positionen zur Architektur der späten Moderne, Berlin 2017, S. 69-83.

 

Zur gastronomischen Nacharbeit

Funkhaus – Café / Bar / Restaurant, Wallrafplatz 5, 50667 Köln

Dieburg, FH, Posttasse (Bild: K. Berkemann, 2016/17)

Architektur im Alltag: die Posttasse

Manchmal sagt ein Gegenstand aus der alltäglichen Nutzung mehr über einen Bau als eine lange kunsthistorische Beschreibung. Spiegelt er doch, mit welchem Leben die Menschen hier den hehren Architektenentwurf füllen. Ob sie sich fremd fühlen oder heimisch, wie sehr sie noch vom Erbe ihrer Vorgänger zehren. Im südhessischen Dieburg schuf der Altmeister Herbert Rimpl bis 1971 ein Ensemble von klassischer Eleganz: die Ingenieurakademie der Deutschen Bundespost. Heute gehört die Fachhochschule (FH) zur Hochschule Darmstadt – und hütet im Keller noch Geschirr aus der Zeit, als die Post eine Behörde war.

 

Beatkonzerte und zu wenig Parkplätze

„Wenn tausend junge Männer zwischen achtzehn und fünfundzwanzig in eine Stadt mit 12.000 Einwohnern einziehen, kommen so manche Gleichgewichte ins Schwanken.“ Der Journalist vom Darmstädter Echo traf den atmosphärischen Nagel 1971 auf den Kopf. In Dieburg war die FH gerade erst fertiggestellt worden. Der Architekt Herbert Rimpl und der Landschaftsarchitekt Hermann Mattern hatten eine weitläufige Anlage mit Aula, Verwaltungsriegel, durch „Glasgänge“ vernetzten Lehrgebäuden, Wohnheimhochhäusern, Sportanlage und dazwischen viel Grün geschaffen. Der Hauptkritikpunkt der Studenten: zu wenig Parkplätze, um die Autos für die kleinen Fluchten ins nahe Darmstadt abzustellen.

In der FH wies man 1971 das das Image einer schnöden „Beamtenschmiede“ weit von sich. Immerhin konnten die Frauen hier seit 1972 mitstudieren – und besagter Journalist lobte die bunten Seiten des Dieburger Hochschullebens: „Man darf […] Beatveranstaltungen ausrichten.“ Welches Geschirr für das (gemeinsame) Frühstück danach zum Einsatz kam, können wir nur vermuten. Doch in einem holzvertäfelten Sozialraum werden in Dieburg noch einige Teller und Tassen der Bauzeit aufbewahrt: stapelbares Porzellan in kompromisslosem Weiß mit dem schwarzen Schriftzug „Post“, auf der Unterseite der Firmenstempel „Schönwald. Germany. 2298. Fabrik Dekor“. Dahinter verbirgt sich das preisgekörnte Rastergeschirr von Hans Theodor Baumann von 1971, dem Einweihungsjahr der FH.  Wer vermisst da noch seinen laktosefreien Latte mit Karamell-Aroma aus dem Pappbecher.

 

Glasgänge und ein schalltoter Raum

Herbert Rimpl (1902-78), der Architekt der Dieburger FH, hatte sich in den 1930er Jahren als Werksarchitekt der (Ernst-)Heinkel-Flugzeugwerke etabliert. Es folgten Großaufträge in der (Rüstungs-)Industrie, der Doktoren- und Professorengrad und die Mitgliedschaft in Albert Speers Wiederaufbau-Stab. Nach 1945 schuf Rimpl mit seinem Wiesbadener Büro öffentliche Bauten in strenger Rasterung, teils aufgelockert durch Schalenkonstruktionen, die sprichwörtliche „Rimplwelle“. Sein Spätwerk umfasst drei behördennahe Bildungseinrichtungen: die Staatliche Ingenieurschule Gauß in Berlin (bis 1964), das Berufsbildungszentrum der Oberpostdirektion in Bremen (bis 1974) – und Dieburg.

Erst wollte die Post die FH Dieburg in der eigenen Bauverwaltung planen, doch dann entschied sie sich für Rimpls professionell durchorgansiertes Büro. Zwischen 1964 und 1971 verband dieser das große Bauvolumen durch konsequente Details zu einer Einheit: von den Natursteinverkleidungen über die aufgeständerten Obergeschossen bis zu den transparenten Gängen. Nur ein Teil der wohl ausbalancierten Anlage hat den um 2000 angebahnten Wechsel zur Hochschule Darmstadt überlebt, z. B. wurden die Studentenwohntürme niedergelegt. Umso kostbarer sind heute die technischen Relikte der Post-Ära – die (zur Besenkammer oder zum Getränkelager umfunktionierten) Telefonzellen auf den Gängen oder der bestens isolierte Schalltote Raum für Tonexperimente.

 

Der wahre Luxus

1971 verwies das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 1971 auf Besucherstimmen von „italienischem Marmor“, von „Lüster[n] aus Muranoglas“, sprach von der Aula als einem „Luxusbau“. Heute wirkt die Kunst angenehm zurückhaltend auf den jeweiligen Bau bezogen und alte Plakate sprechen von einem eher bodenständigen Kulturprogramm. Fachleute schätzen die FH wieder als (Bremen dazugerechnet) „Letztwerk“ eines  – bei allen geschichtlich-politischen Fragezeichen – baukünstlerischen Könners. In Dieburg schuf Rimpl ein Ensemble von großer Formenklarheit und Materialkonsequenz. Denn manchmal braucht es nicht mehr als vier schwarze Buchstaben auf weißem Porzellan.

 

Literatur und Quellen (Auswahl)

Bundespost. Marmor fürs Auge, in: Der Spiegel 1971, 45, 73-74.

Koppe, Holger, Wenn die Hochschule aufs Land geht… 1000 Post-Ingenieurschüler in Dieburg – Ohne Behördenlook – Mitbestimmungsforderungen, in: Darmstädter Echo 29. Januar 1971, S. 17.

Rimpl, Herbert, Verwaltungsbauten. Organisation, Entwurf, Konstruktion, Ausgeführte Bauten und Projekte, Berlin 1959.

Sollich, Jo, Herbert Rimpl (1902-1978). Architekturkonzern unter Hermann Göring und Albert Speer. Architekt des deutschen Wiederaufbaus. Bauten und Projekte, Berlin 2013 [zugl. Diss., Berlin, 2011].

Archive: Bundesarchiv Koblenz; Fachhochschule (FH) Dieburg, heute Teil der Hochschule Darmstadt ; Landesamt für Denkmapflege Hessen, Wiesbaden; Landkreis Darmstadt Dieburg, Bauberatung/-betreuung, Untere Denkmalschutzbehörde; Telefoninterview mit Heinz Krochmeyer durch die Verfasserin, 23. Dezember 2016.