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Hannover, Medizinische Hochschule (Bild: Christopher Falbe)

Buch sucht Stütze

Es gehört zu den Ungerechtigkeiten eines Akademikerlebens, dass einem erst das Geld und dann die Wohnung ausgeht für all die Bücher, die man gerne besitzen möchte. Nicht nur leihen oder kopieren oder downloaden, sondern besitzen, lesen, wieder hervorholen und um sich haben. Für die Publikation „Architekturen des Gebrauchs“, mit der Christopher und Dina Dorothea Falbe im Weimarer Verlag Mbooks sechs öffentliche Bauten der 1960er und 1970er Jahre aus Ost- und Westdeutschland vorstellen, habe ich freudig einen meiner wenigen Rest-Stellplätze hergegeben. Hier bekommt der geneigte Leser viel Buch für sein Geld. Doch lassen Sie sich nicht von der äußerst gelungenen Verpackung täuschen – der Inhalt hat es in sich.

 

Alles eine Frage der Perspektive

„Gebäude sind nicht in ihrer Substanz politisch, sondern werden es durch die gesellschaftliche Wahrnehmung – und die verändert sich mit der Zeit“, so die beiden Herausgeber in ihrem Vorwort. Damit weist die Architektin und Architekturjournalistin Dina Dorothea Falbe dem Nutzer und Betrachter einen aktiven Part zu. So wichtig es ihr ist, die Urspungsideen der Erbauer darzulegen, so stark macht sie auf der anderen Seite die Formen und Spuren der heutigen Aneignung. Denn, egal wie allumfassend der Ewigkeitsanspruch so mancher Architekturtheorie der Nachkriegsjahrzehnte gewesen sein mag: Die Räume waren für den Gebrauch gedacht und haben sich durch diesen Gebrauch verändert. (Und es bleibt der Wunsch, dass sich dieser Prozess auch in den folgenden Jahrzehnten fortsetzen darf.) So ist es nur konsequent, dass die beiden Herausgeber nicht allein ihren eigenen Blick auf die ausgewählten Bauten in Text (Dina Dorothea Falbe) und Bild (Christopher Falbe) darlegen. Bei fünf der sechs Objekte werden diese ergänzt um Beiträge weiterer Autoren und um Interviews mit Vertretern der Erbauergeneration.

 

Deutschlandreise

Die Auswahl der porträtierten Objekte – sechs aus ungezählt vielen öffentlichen Bauten der 1960er und 1970er Jahre in den ehemals beiden deutschen Staaten – wird nicht groß begründet, sie wird gesetzt. Sie ist naturgemäß ebenso eine subjektive wie es jede Wertung durch den Leser ist: Das direkte Umfeld der beiden Herausgeber zeigt sich mit dem Flughafen Schönefeld und der FH Potsdam gut vertreten. Der Süden wird mit der Alten Parteischule Erfurt und dem Hauptbahnhof Ludwigshafen leicht touchiert, der Norden über das Rathaus Elmshorn vorgestellt und Hannover mit einem seiner Betonschätze, mit der Medizinischen Hochschule, gewürdigt. Gemeinsam ist diesen öffentlichen Bauten, dass sie gerade inmitten des zur These des Buchs ausgerufenen Wahrnehmungswandels stehen. In einer der von Thomas Köchlin so treffend gestalteten Infografiken wird greifbar: Als das Buch in den Druck ging, war die Mehrzahl der ausgewählten Beispiele bereits mit einem Fragezeichen (Abriss, Neubauwettbewerb u. a.) versehen. Manches davon hat das Erscheinen des Buchs nur noch knapp erlebt, bevor die Demontage begann.

 

Funktioniert

Die mit viel persönlicher Liebe ausgewählten und porträtierten Bauten wurden nicht nur zwischen zwei wohlgestaltete Buchdeckel, sondern auch zwischen zwei rahmende Beiträge von Dina Dorothea Falbe gepackt. Darin wagt sie den weiten Blick darauf, warum Menschen wie bauen, was das über sie damals und uns heute aussagt und warum das alles für morgen unverzichtbar ist. Da laufen mal eben rasch die großen Theoretiker von Plato bis Walter Benjamin durchs Bild. Das kann man lesen und mögen, man kann das Buch aber auch einfach so genießen – den formidablen Baubeschreibungen folgen, die wundervoll aufgeräumten Bilder wirken lassen und in die charmant-informativen Interviews abtauchen. Die Einzelteile, die einem sehr großen Gedanken folgen sollen, funktionieren auch sehr gut einzeln – und das spricht ausdrücklich nicht gegen, sondern für dieses schöne Buch. Kommen Sie, so viel Regalplatz haben Sie sicher noch! (kb, 16.3.18)

Titelmotiv: Hannover, Medizinische Hochschule (Bild: Christopher Falbe)

Falbe, Dina Dorothea Falbe und Christopher (Hg.), Architekturen des Gebrauchs. Die Moderne beider deutscher Staaten 1960-1979, mit Texten von Dina Dorothea Falbe, Anika Gründer, Florian Kirfel, Anne Klinnert, Cor Wagenaar und Arne Winkelmann, mit Fotografien von Christopher Falbe, Verlag Mbooks, Weimar 2017, 236 Seiten, Hardcover, ISBN 978-3-944425-05-4.

Potsdam, Restaurant "Minsk" (Bildquelle: Architektur der DDR 28, 1979, 10)

Ein letzter Blick gen Minsk?

Es ist ein Abschied auf Raten: „Die Rettungsversuche für das in den 1970er Jahren errichtete Terrassenrestaurant ‚Minsk‘ am Potsdamer Brauhausberg waren vergebens.“ So meldet schon im Sommer 2015 die „Märkische Allgemeine“. Gemeint war das moderne Terrassenrestaurant, das 1977 – zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution – am Potsdamer Brauhausberg eröffnet wurde. Mit dem gestaffelten Flachdachbau ergänzte der Architekt Karl-Heinz Birkholz (mit W. Müller) die ebenfalls von ihm geplante geschwungene Schwimmhalle aus dem Jahr 1971. Die Innengestaltung des „Folklorerestaurants“ Minsk wurde mit Künstlern der russischen Partnerstadt umgesetzt (Künstlerischer Leiter/Innenarchitektur: W. Stellmaschonok; Künstlerische Innengestaltung: Künstlerkollektiv der Stadt Minsk (W. Stellmaschonok, J. Charlamow, W. Dowgalo, S. Bandalewitsch).

 

Hin und her

Doch auf dem Gelände sollten eine neue Schwimmhalle und „Stadtvillen“ entstehen. Die Initiative „Pro Brauhausberg“ hatte sich 2011 verstärkt für den Erhalt und eine Unterschutzstellung des gesamten DDR-Ensembles engagiert. Der Landessportbund Brandenburg plante, das Restaurant zur „bewegungs- und gesundheitsorientierte[n] Kindertagesstätte“ umzugestalten. In den folgenden Monaten gingen die Meldungen, Gerüchte und Alternativvorschläge hin und her und wieder hin. 2016 schickte der Förderverein des Potsdam Museums gar mit der Nachricht in den 1. April, das Terrassenrestaurant werde als zentrales Depot für das Museum genutzt.

 

Der Abriss könnte im März beginnen

Nun scheint der Abschied endgültig besiegelt. Wie Dina Dorothea Falbe im Baunetz meldet, muss die Stadtverordnetenversammlung dieser Tage über einen Abrissantrag für das Minsk entscheiden. „Wenn sie diesem zustimmt, soll der Abbruch im März beginnen.“ Falbe blickt auf die umfassende Bedrohung ostmoderner Baukunst in Potsdam – vom barock anmutenden Neubau des Landtags bis zum laufenden Abriss der FH. Sie kommt zu dem Schluss: „Die Stadt Potsdam macht es den Initiativen nicht leicht – man könnte sogar behaupten: besonders schwer – wirksame Strategien zu finden, die einen Erhalt der ostmodernen Baukultur ermöglichen.“ Da passe es gut ins Konzept, dass die einstige Schönheit der Außenanlage des abrissbedrohte Minsk kaum noch zu erahnen sei. (kb, 3.3.18)

Die Berliner Passerelle in den "Tributen von Panem" (Bild: youtube-Still, The Hunger Games)

Die Farbe der Angst ist Orange

Der Moment, als die Unterführung dicht hinter den Flüchtenden explodiert, ist nur filmische Fiktion. Noch, denn die Passerelle am Berliner Messedamm soll bald geschlossen werden. Eine Machbarkeitsstudie für den Knotenpunkt Messedamm/Masurenallee/Neue Kantstraße wurde just von der Verkehrsverwaltung ausgeschrieben. Von deren Ergebnis will man die Zukunft des Fußgängertunnels abhängig machen. Zwar sei die 1975 fertiggestellte Anlage gut in Schuss, aber ihr Konzept überholt und der Unterhalt unbezahlbar. Für Cineasten aber hat die orange gekachelte Passerelle, spätestens mit ihrem explosiven Auftritt in „Die Tribute von Panem“, längst Kultcharakter erlangt. Was also tun mit dem „Tunnel des Grauens“ (Tagesspiegel)?

 

Adieu Autogerechte Stadt?

Viel unterirdische Moderne verschwindet in den letzten Jahren, nicht nur in Berlin. Hier waren es z. B. der Straßentunnel vor dem Bikinihaus oder die Unterführung unter dem Alex. Dabei wurden sie einst mit großem Fachwissen erdacht, um die wachsenden Verkehrsströme zu entflechten. Mitte der 1970er Jahre forderte der ICC-Standort zwischen Messedamm und S-Bahngelände die Planer heraus. Da beim entstehenden Internationalen Congress Centrum (ICC) mit zahlreichen „verkehrserzeugenden Veranstaltungen“ zu rechnen war, wollte man es an die S-Bahn anschließen, die nahen Straßenkreuzungen funktional verbessern und ein „EDV-gesteuertes Wegweisungssystem“ einsetzen. Am Ende der überlegten Planungen stand ein vernetztes System aus ober- und unterirdischen Verkehrswegen. Busse sollten oberirdisch zum ICC oder zum nahen Omnibusbahnhof gelangen, Privatwagen ihr Ziel eine Ebene tiefer erreichen. Und für die Fußgänger war ein eigenes Zwischengeschoss vorgesehen.

Ab 1973 wurden die bisherigen Fußgängertunnel unter der Masurenallee und dem Messedamm sowie zwei Spannbetonbrücken zum damaligen Messekreisel abgebrochen, um Platz zu schaffen für neue Versorgungsleitungen und das Parkhaus Süd. 1974 errichtete man eine Stützwand, 1974/75 den Autotunnel zum ICC in Form eines „Hockeyschlägers“, von 1974 bis 1976 die Ausfahrt vom Parkhaus Süd, von 1975 bis 1977 Ausfahrbauwerke aus dem ICC und zuletzt das Treppenhaus zur Bushaltestelle. Am aufwändigsten gestalteten sich 1974/75 die Arbeiten für die Passerelle, das Fußgängerzwischengeschoss unter Messedamm, Masurenallee und Neuer Kantstraße. Damit sah man sich bestens vorbereitet für die Eröffnung des ICC im Jahr 1979.

 

So war es gedacht

Am Ende stand eine Unterführung mit sechs Zugängen, diversen (Roll-)Treppen und Aufzügen sowie einer „Bedürfnisanstalt“. Darüber verliefen die Auto-Verkehrsstraßen Messedamm/Masurenallee/Neue Kantstraße, darunter die Röhre für die U 3. Die Passerelle erhielt einen direkten Zugang zum ICC, Rundstützen, runde braune Deckenleuchten und durchgängig orangefarbene Kacheln. Die anspruchsvolle Stahlbetonkonstruktion musste nach den damals geltenden U-Bahnbaurichtlinien abgedichtet werden. Man ging bis in 16 Meter Tiefe, rechnete wegen des darüber verlaufenden Schwerlastverkehrs mit Belastungen von bis zu 150 Tonnen. Gestalterisch bewegt sich das Fußgängerzwischengeschoss an der Grenze zwischen den ICC-Architekten Ralf Schüler/Ursulina Schüler-Witte und der städtischen Bauverwaltung unter der Leitung von Rainer G. Rümmler. Die Baumaßnahme wurde durchgeführt mit der Bietergemeinschaft Berger-Bauboag/Baresel/Huta-Hegerfeld und kostete insgesamt 16,7 Millionen DM. Grundsätzlich war die Anlage offen für spätere Läden und Kioske, sollte auch bei einem Ausbau der U-Bahn funktionieren – beide Optionen wurden bis heute nicht wahrgenommen.

 

Warum eigentlich nicht?

Nun scheint der einstige Stolz der Verkehrsplaner nicht mehr zeitgemäß. Die Argumente sind die bekannten: Barrierefreiheit, Brandschutz und Fußgängersicherheit. Die Passerelle beruhe „auf den überkommenen Planungsphilosophien der autogerechten Stadt“, werde regelmäßig von Urin und Graffitis verschmutzt und verschlinge jährlich 340.000 Euro Unterhaltskosten. Behalten will man den vorbereiteten, aktuell als musealer Lagerraum genutzten U-Tunnel für eine mögliche Verlängerung von „Uhlandstraße“ bis zum Theodor-Heuss-Platz. Die Passerelle könnte umgebaut, „rückgebaut“ oder „verkehrssicher“ geschlossen werden. Eine letzte Option wird kaum diskutiert – die Weiternutzung zu anderen Zwecken. Der Charlottenburger Baustadtrat Oliver Schruoffeneger (Grüne) brachte eine Öffnung für die „Jugendkultur“ ins Spiel: für Dinge wie Skat, Tischtennis oder Skaten (gegen größere Veranstaltungen spreche der Brandschutz). Und welcher in der Jugendarbeit Aktive hätte sich nicht schon einmal einen nachbarschaftsfreien, vollständig abwaschbaren Raum gewünscht? Hier wäre er, noch dazu in wundervollstem Orange! (kb, 16.2.18)

Titelmotiv: Die Berliner Passerelle in den „Tributen von Panem“ (Bild: youtube-Still, The Hunger Games)

 

 

Literaturauswahl

Dollezal, E./Herrmann, H.-R., Verkehrs- und Tiefbaumaßnahmen zur Erschließung des Internationalen Congress Centrum Berlin (ICC), in: Berliner Bauwirtschaft 28, 177, 18, S. 441-447.

Kurpjuweit, Klaus, Schicht am Ende des Tunnels, in: Der Tagesspiegel 18. Januar 2018.

Kurpjuweit, Klaus, Berlin Charlottenburg-Wilmersdorf. Unterführung am Messegelände wird geschlossen, in: Der Tagesspiegel 18. Januar 2018. 

Machbarkeitsuntersuchung zur Schließung der Passerelle im Knoten Messedamm/ Masurenallee – Neue Kantstraße einschließlich Umgestaltung des Knotenpunktes, hg. von der Senatsverwaltung für Umwelt, Verkehr und Klimaschutz, Berlin, 15. Januar 2018 (Leistungsbeschreibung mit Anlagen).

Hamburg, Haltestelle "Alter Teichweg", Entwurfscollage von Fritz Trautwein, 1962, Haltestellenwärterkanzel (Bestand: Hamburgisches Architekturarchiv)

Verloren in Hamburgs zweiter Ebene

von Sabine Kock

Eigentlich sollte sie heute so legendär sein wie die alte Ringlinie. Aber anders als ihr historischer Vorgänger von 1912 werden die Stationen der „Wandsbeker Linie“ von Fritz Trautwein (1911-93) nicht sensibel erhalten oder denkmalgerecht saniert. Im Gegenteil – Renovierungen und vermeintlich moderne Umgestaltungen verhindern ein jüngeres historisches Bewusstsein. Das 25. Todesjahr des Architekten mahnt nun zum Umdenken.

 

Ein Flaggschiff

Als 1955 die Erweiterung des U-Bahnnetzes an der Endhaltestelle „Jungfernstieg“ startete, wollte Hamburg Zeichen setzen. Zehn Jahre nach Kriegsende war die Stadt im Aufbruch und in den Wiederaufbauplänen spielte Mobilität eine entscheidende Rolle. Mit der ersten U-Bahn-Streckenerweiterung nach dem Krieg sollte die „Wandsbeker Linie“ ausgebaut werden: Man wollte die bestehenden Bahnhöfe „Jungfernstieg“ und „Wandsbek Gartenstadt“ mit 11 neuen Haltestellen verbinden. Die Linie war das Flaggschiff der Hamburger U-Bahn in Wirtschaftswunderzeiten. Bewusst beauftragte man freie Architekten und verteilte die Haltestellen an die Büros Schramm + Elingius, Rübcke, Sandtmann + Grundmann und Trautwein. An die Stelle von Historismus, Jugendstil und Klassischer Moderne sollte ein neuer Geist, ein neues Lebensgefühl treten.

Fritz Trautwein war im Architekten-Netzwerk der Stadt fest verankert. 1956 wurde er als Architekturprofessor für Entwerfen an die Hochschule für Bildende Künste in Hamburg berufen. Mit Hans Loop war er schon mit einem großmaßstäblichen Vorentwurf für die wichtige Haltestelle „Landungsbrücken“ und für angrenzende Hafenrandgebäude beauftragt. Umgesetzt wurde dann 1959 zwar nur eine Wiederaufbauversion der Haltestelle, aber Trautweins ungewöhnlich kühne kupferne Gesamthülle der neuen Schalterhalle und ihre stadträumliche Einbindung fanden viel öffentliches Lob.

 

Im Zwischengeschoss

So erhielt Fritz Trautwein den Auftrag für drei Haltestellen der „Wandsbeker Linie“. Alle an der Strecke beteiligten Architekten konnten über den Ausbau der Tunnel und Bahnsteige hinaus schon früh mit den Ingenieuren zusammenarbeiten. Das bot ungewöhnliche Möglichkeiten, auch am Rohbau mitzugestalten, auch das Raumprofil, die Stützenformen und Grundrisse der Zwischenebenen zu beeinflussen. Die Schalterhallen wurden meist in ein Zwischengeschoss unter die Erde gelegt, um die oberirdischen Verkehrsstraßen und Kreuzungen vom Fußgängerverkehr freizuhalten. Ausgestattet mit Vitrinen und Läden, sollten diese unterirdischen Räume zu attraktiven Passagen werden. Der Bahnsteig selbst erhielt abgehängte Decken und die Haltestellen unterschiedliche Farben.

 

Grün, blau, rot, schwarz

Mit diesen Vorgaben verwirklichte Trautwein 1961/62 die Haltestellen „Lohmühlenstraße“ und „Wandsbeker Chaussee“. Die keramischen Wandbekleidungen der Tunnelröhre waren einfarbig, die „Lohmühlenstraße“ in lichtem Grün und die „Wandsbeker Chaussee“ in lichtem Blau. Die weißen Decken, in Längs- oder Querrichtung gefaltet, überdehnten die Bahnsteig-Länge oder suchten diese optisch zu verkürzen. Die Stützen wurden sechseckig geformt und dem Farbklang der Wand angepasst. Im grundsätzlich gleichen Raumprofil hatte Trautwein die Möglichkeiten von Farbe, Fläche, Punkt und Linie konsequent durchgespielt und bis ins Detail ausgearbeitet. Die eigentlich rechteckige Schalterhalle formte er im Ausbau zu einem schwingenden Raumfluss, der von den Sperranlagen gegliedert wurde.

Aufgrund der besonderen Geländebedingungen und der vorgegebenen Anordnung der Seitenbahnsteige gelang Trautwein mit der Haltestelle „Alter Teichweg“ etwas Besonderes: Die Decke der Zwischenebene wurde über die gesamte Bahnsteig-Länge fortgeführt, sodass der Tunnel höher war als üblich. Durch die stumpf gegen die Decke geführte, schlanke Mittelstützenreihe und die aufgebrochene abgehängte Decke wird die übergroße Halle voll ausgespielt. Die Farben wirken dramatischer, wechseln zwischen kräftigem Türkis, sattem Schwarz und tiefem Rot. Den Höhepunkt bildet die aufgeständerte Haltestellenwärterkanzel: Sie kommt mit einem Steg von der Schalterebene, ruht auf einer Stütze und schwebt zuletzt im Luftraum der Halle.

 

Zerfallen in Stückwerk

Soweit zum Original – nach 55 Jahren sich wandelnder stadträumlicher, funktionaler und wirtschaftlicher Anforderungen haben Rück- und Umbauten die Haltestellen stark verändert. Während die zeitgenössische Fachpresse 1963 die Architektenleistungen bei den Tunnelstationen würdigte, verlieren sich heute deren Spuren durch jahrelange Renovierungen und Überarbeitungen. Dass die in sich individuellen Haltestellen der „Wandsbeker Linie“ ursprünglich einem gemeinsamen Gestaltungskanon entsprachen, war einmalig. Doch längst ist die Linie ein Stückwerk, zerfallen durch die vielen Eingriffe unterschiedlicher Renovierungsphasen.

Trautwein war weiterhin für die Hochbahn tätig: Ab 1968 wurde der Schnellbahnknoten „Jungfernstieg“ ausgebaut, wieder ein Prestigeprojekt der Stadt. Neben der vorhandenen U-Bahnlinie sollten zwei weitere angebunden werden, dazu noch der neue City-Tunnel der S-Bahn, alles über fünf Ebenen unter der Alster geführt. Eine gewaltige und vielbeachtete Bauaufgabe, für die Trautwein bis 1975 die neuen Haltestellen der Tiefebenen gestaltete. Er änderte die Farbpalette, setzte am S-Bahnsteig sein Motiv der gefalteten Decken fort und fand mit sich spreizenden Trapezformen am Deckenrand einen gelungenen Wandanschluss für die stark gekrümmte Röhre. Fast beschwingt glitten die Züge entlang an weißen und grauen Kreisen auf kräftigen Farbfeldern. Der neue U-Bahnhof und die Verteilerebenen führten den Farbklang weiter, waren aber insgesamt sachlicher. Das Konzept ist heute in den Untergeschossen amputiert: Die Deutsche Bahn erneuerte den S-Bahn-City-Tunnel vollständig. Im November letzten Jahres wurden die Wand- und Stützenverkleidungen, die letzten Reste der alten Haltestelle, zu Stahlschrott.

 

Ein Denkmal?

Die Haltestelle „Burgstrasse“ erreicht man auf einer anderen Linie in Richtung Osten der Stadt. In ihrem oberirdischen Bauwerk übersetzte Trautwein das Motiv der gefalteten Decke auch in das Dach. „Burgstrasse“ und „Jungfernstieg“ wurde von der Hochbahn in die 1980er Jahre gerne in Publikationen vorgezeigt. Zum 100-jährigen Jubiläum 2006 veröffentlichte das Unternehmen eine mehrbändige Buchreihe – darin war von Trautwein keine Spur. Dabei ist die Haltestelle „Alter Teichweg“ bis heute gut erhalten. Die Kriterien eines Denkmals sind allemal erfüllt, aber eine Unterschutzstellung gibt es trotzdem nicht.Vor 50 Jahren schuf Trautwein mit Fritz Leonhardt den Fernsehturm der Hansestadt. Seiner ursprünglichen Nutzung ist er längst beraubt, aber verschwinden wird dieses Hamburger Wahrzeichen zum Glück wohl nicht. (12.2.18)

Titelmotiv: Hamburg, Haltestelle „Alter Teichweg“, Entwurfscollage von Fritz Trautwein, 1962, Haltestellenwärterkanzel (Bestand: Hamburgisches Architekturarchiv)

 

Literaturauswahl

Moldrings, Frank (Hg.), Stationen Hamburger Architektur. Die Hochbahn setzt Zeichen. Seit 100 Jahren. Hamburger Hochbahn AG,  Hamburg 2008.

Frühauf, Anne, „Die Bauwerke des Schienenverkehrs in Hamburg“ (Themen-Reihe 5), hg. von der Kulturbehörde/Denkmalschutzamt Hamburg. Hamburg 1994.

„Hamburg und seine Bauten 1969-1984“, hg. vom Architekten- und Ingenieurverein Hamburg, von der Hamburgischen Gesellschaft zur Beförderung der Künste und nützlichen Gewerbe und von der Patriotischen Gesellschaft von 1765, Hamburg 1984.

Mandel, Georg/Kühne, Günther, in: Bauwelt 31, 1963, S. 881-889.

Ursulina Schüler-Witte beim Zeichnen im Büro von Bernhard Hermkes. Foto 1963 (Foto: 1963, Bildquelle: Schüler-Witte, Ursulina, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC, Berlin 2015, S. 29)

Pop-tech-ture!

Der Berliner Architektin Ursulina Schüler-Witte zum 85. Geburtstag

von Ralf Liptau und Frank Schmitz

Wann sind Sie das letzte Mal mit dem Auto oder der Bahn am Internationalen Congress Centrum (ICC) in Berlin vorbeigefahren? Oder, ebenfalls über eine Stadtautobahn, am Turmrestaurant im Süden Berlins, dem „Bierpinsel“? Wenn Sie dorthin die U-Bahn nehmen, können Sie auch direkt ins Gebäude fahren und steigen sozusagen im Untergeschoss, im U-Bahnhof Schloßstraße, aus. Wer sich in Berlin durch die Stadt bewegt, dem stechen immer wieder die ikonischen Bauten des Architektenpaars Ursulina Witte (später Schüler-Witte) und Ralf Schüler ins Auge. Das West-Berlin der 70er ist Pop! Und daran hatten die beiden erheblichen Anteil: Die Bedeutung von ICC, Bierpinsel und Co für ein „hippes“ Berlin fand zuletzt Eingang in den aktuellen Berlin-Tatort vom vergangenen Dezember, in dem alle drei Bauten prominent auftauchen.

 

15 Studenten, davon zwei Mädchen

Aber erstmal musste Ursulina Witte – 1933 in Berlin geboren – in den 1950er Jahren Architektin werden: Sie studierte an der Technischen Universität Berlin bei Bernhard Hermkes. „Wir waren“, so schreibt sie rückblickend, „in unserem Semester nur fünfzehn Studenten, davon zwei Mädchen. Da ich eigentlich sehr schüchtern war, gab ich mich, um dies zu überspielen, im Seminar immer recht burschikos. Ich ‚kloppte‘ mit meinen Kommilitonen Skat […] und gab mir alle Mühe, als ‚trinkfest‘ zu gelten.“ Als Frau in den Nachkriegsjahren an einer Technischen Hochschule zu studieren – Architektur zu studieren –, das war nicht einfach. Und es war vor allem nichts Selbstverständliches. Trotzdem ging es nach Wittes Diplomprüfung im Jahr 1960 bald los: Sie wurde Mitarbeiterin im Architekturbüro von Hermkes – genau wie ihr späterer Mann Ralf Schüler. Gemeinsam erarbeiteten sich die beiden den ersten eigenen Auftrag für den Entwurf des U-Bahnhofs Schloßstraße und die darüber liegende, mehrspurige Straßenbrücke. Sie erweiterten das komplexe, aus ober- und unterirdischen Teilen bestehende Bauwerk durch einen stadtbildprägenden, knallroten Turmbau mit Restaurant in den oberen Stockwerken („Bierpinsel“), der heute als Wahrzeichen von Steglitz gilt.

 

Ein Stadtbauwerk

Mit dem neuartigen Erscheinungsbild von Bierpinsel und U-Bahnhof verabschiedeten sich die Architekt_innen früh vom (nachkriegs-)modernen Ideal rationalistischer Planungen mit ihren strengen Rasterfassaden. Unter internationalen Einflüssen etwa durch die aufkommende „High-Tech-Architektur“ haben sie ein für die Zeit neuartiges Verständnis von architektonischer Gestaltung aufgegriffen und innovativ mit einem als „Pop-Architektur“ bezeichneten Ansatz verknüpft: Sie zeigten sich offen für die Möglichkeiten neuartiger Baustoffe, etwa als sie für den U-Bahnhof Schloßstraße plastische Schriftelemente aus knallblauem Kunststoff entwarfen und der Station damit ihren unverwechselbaren, spielzeughaften Charakter verliehen. Ziel ihrer Gestaltung war es, die separaten Funktionen von U-Bahnstation, Läden, Brücke und Turm in ein „polyfunktionales, vielen öffentlichen Bedürfnissen dienendes Stadtbauwerk“ umzuwandeln. Tatsächlich ist es Ursulina Schüler-Witte und Ralf Schüler gelungen, mit dem 1976 eröffneten Ensemble eine mit der vorhandenen Stadt verflochtene Struktur zu schaffen. Hier vermischen und kreuzen sich eine Vielzahl unterschiedlicher, gebündelter Nutzungen sowohl innerhalb des Bauwerks als auch zwischen Bau und Stadt.

 

Auf allen Ebenen

„Begegnung und Kommunikation auf allen Ebenen“ – so könnte der Slogan für den Steglitzer Bau also heißen. In Wahrheit handelt es sich dabei aber um einen aus dem Jahr 1999 stammenden Werbespruch für das Internationale Congress Centrum. Mit dem ICC, das 1979 neben dem Messegelände und dem Funkturm eröffnet wurde, haben sich Schüler-Witte und Schüler endgültig in das Berliner Stadtbild und in die europäische Architekturgeschichte der Nachkriegszeit eingeschrieben. „Flexibel in Raum und Zeit, Technik und Service“, „Auf Knopfdruck vom Tagungsraum zum Ballsaal“, „Mittendrin in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft“ heißen die anderen beschreibenden Slogans, mit denen das ICC in der Broschüre noch 20 Jahre nach Eröffnung beworben wurde. Natürlich sind dies werbende Formulierungen. Dennoch zeigen sie, dass es auch in den späten 1990er-Jahren noch genau die Stichworte waren, die sich mit dem Konzept des „polyfunktionalen Stadtbauwerks“ zusammenfassen lassen.

 

Ein ikonischer Superbau

Seit seiner vorübergehenden Schließung 2014 und der darauffolgenden Diskussion über Umbau, Erhalt oder gar Abriss ist das ICC immer wieder als ästhetisches und funktionales Gesamtkonzept hoch gelobt worden. Als futuristischer, ikonischer Superbau ist er beschrieben worden, als Meisterwerk eines architektonischen Technizismus, der seine prominenteste Realisierung mit dem – übrigens später entworfenen – Centre Pompidou in Paris gefunden hat. Mit einer teils bis heute einzigartigen Raum- und Bühnentechnik, mit unterschiedlichsten Raumangeboten, mit nutzungsoffenen Lobbybereichen, mit der Einbindung sämtlicher Verkehrs- und Erschließungskanäle in das Gebäude und mit dem gestalterischen Bezug auf den Funkturm erfüllt das ICC genau diejenigen Eigenschaften des „polyfunktionalen Stadtbauwerks“, die Schüler-Witte/Schüler bereits an ihrem Steglitzer Erstlingswerk erprobt hatten.

 

Arbeit im Duo

Die komplexen Lösungen gingen aus der Arbeit im Duo hervor, wie Ursulina Schüler-Witte betont: „Ralf war der geniale, äußerst innovative und kreative Architekt und der detailsichere Konstrukteur, während ich ihn oft mit meinen unkonventionellen und phantasievollen Einfällen überraschte.“ Einfälle, die das Werk des Architekt_innenpaars für Berlin zu dem gemacht haben, was es ist. Und das ist übrigens auch heute wieder gefragt: Über die Zukunft des ICC wird in der Berliner Landesregierung heftig diskutiert, die Unterschutzstellung ist nur eine der dort erwogenen Möglichkeiten. Unterdessen ist der Bierpinsel mitsamt Straßenbrücke und U-Bahnhof Schloßstraße im vergangenen Jahr in die Denkmalliste eingetragen worden. Kurz zuvor hatten die Berliner Verkehrsbetriebe den U-Bahnhof unter Missachtung des Urheberrechts noch weitgehend entkernt, seitdem drücken sie sich vor der geforderten Wiederherstellung. In die Debatte um ihre Bauten hat sich Ursulina Schüler-Witte in den vergangenen Jahren wiederholt eingebracht. Am heutigen 2. Februar feiert sie in Berlin ihren 85. Geburtstag. (2.2.18)

 

Unbedingt Lesenswert

Ursulina Schüler-Witte, Ralf Schüler und Ursulina Schüler-Witte. Eine werkorientierte Biographie der Architekten des ICC, Lukas-Verlag, Berlin 2015, 227 Seiten, 175 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Hardcover, ISBN 978-3-86732-212-6.