mehR

Köln, Roncalliplatz und Kurienhaus

von Ralf Liptau

Köln, Kurienhaus, Blick vom Roncalliplatz (Bild: © Raimond Spekking/via wikimedia commons)
Köln, Kurienhaus vom Roncalliplatz (Bild: © Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0 (via wikimedia commons))

Die südöstliche Ecke des Roncalliplatzes am Kölner Dom soll sich verändern: Der viergeschossige Backsteinkubus, der hier seit 1961 zwischen aufrecht nach oben strebenden Betonpfeilern schwebt und sich Kurienhaus nennt, soll nun fallen. Seit fünf Jahren wünschen sich das die Eigentümer, also das Domkapitel und das Erzbistum von Köln. Während sich die Landesdenkmalpflege schon 2012 mit einem Gutachten eindeutig dafür ausgesprochen hatte, den Bau von Willy Weyres und Bernhard Rotterdam unter Denkmalschutz zu stellen, hat die städtische Denkmalpflege gegen die Unterschutzstellung gestimmt. Gleich neben dem Kurienhaus soll auch der Verwaltungsbau des Römisch-Germanischen Museums (RGM) fallen, der 1967-1970 – noch vor dem eigentlichen Museumsbau – entstanden ist. Der 2016 vom Metropolitankapitel der Hohen Domkirche Köln, der Stadt Köln, dem RGM Köln und dem Kölnischen Stadtmuseum durchgeführte Wettbewerb für einen Neubau, der die bisher getrennten Grundstücke zusammenfassen soll, ist inzwischen entschieden. Das Berliner Büro Staab Architekten will hier einen Baukomplex entwickeln. Darin würden das Kurienhaus der Hohen Domkirche mit Archiv und Bibliothek ihren Platz finden genauso wie das Kölnische Stadtmuseum und die Verwaltung des RGM.

 

Denkmalschutz für den Altbau

Köln, Römisch-Germanisches Museum (Bild: © Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))
Köln, Römisch-Germanisches Museum vom Roncalliplatz, links der Dom, rechts das Kurienhaus (Bild: © Raimond Spekking/CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons))

Mit dem neuen Jahr kommt nochmal neue Bewegung in die Causa Kurienhaus/RGM-Verwaltung: Das Römisch-Germanischen Museum, das bis 1974 nach Plänen von Heinz Röcke und Klaus Renner entstanden ist, steht seit dem 29. November 2016 unter Denkmalschutz. Der zugehörige, aber jetzt akut gefährdete Verwaltungsbau, der als eigenständiger Baukörper südlich des Museums steht und mit diesem über eine Brücke verbunden ist, ist ausdrücklich Teil des Denkmals. Würden die Abrisspläne für Kurienhaus und RGM-Verwaltungsbau also verwirklicht, würden im Herzen der Kölner Innenstadt nicht nur zwei hochwertige Bauten aus den 1960er- und 70er-Jahren verschwinden. Es würde auch ein Baudenkmal teilweise vernichtet und entstellt, das gerade einmal seit zwei Monaten auf der Denkmalliste des Landes NRW steht. Die Stadt Köln, die im Neubau ihr Stadtmuseum einrichten will, würde dies auf Kosten eines von ihren eigenen Denkmalpflegern erst kürzlich unter Schutz gestellten Altbaus tun.

Denn auch wenn der Denkmalschutz für das Kurienhaus im Jahr 2012 – gegen das Votum des Landschaftsverbands Rheinland (LVR) – abgeschmettert worden ist: Hätte nicht der Denkmalschutz zumindest bei einer Neuplanung in so unmittelbarer Nähe zum Dom konsultiert und am Wettbewerb beteiligt werden müssen? Das ist offensichtlich nicht passiert, zumindest sind in der Auflistung der Preisrichter keine Denkmalschützer genannt. So haben scheinbar unabhängig voneinander die Denkmalpfleger der Stadt Köln und des LVR den Denkmalschutz für das Museum auf den Weg gebracht, während auf der anderen Seite die gleiche Stadt Köln gemeinsam mit der Kirche und den Museumsverwaltungen an Abriss und Neubau an gleicher Stelle gebastelt haben.

 

Mit unter Schutz: das Verwaltungsgebäude

Köln, Verwaltungsgebäude des Römisch-Germanischen Museums, Blick von Osten (Bild: © Raimond Spekking/via wikimedia commons)
Köln, Verwaltungsgebäude des Römisch-Germanischen Museums von Osten (Bild: © Raimond Spekking/CC BY SA 4.0 (via wikimedia commons))

Der Denkmalwert des Museums-Verwaltungsbaus ist spätestens seit der Eintragung vom vergangenen November unbestritten. In der Begründung für die Unterschutzstellung wird das Gesamtensemble des RGM als innovativer Museumsbau gewürdigt, der für die Kulturvermittlung im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts international Maßstäbe gesetzt habe. Darüber hinaus werden städtebauliche Gründe benannt. Gerade in Verbindung mit dem Verwaltungsbau bilde sich ein „architektonisches Gefüge, das sich durch Allansichtigkeit auszeichnet.“ Der Museumsbau ist also kein quadratischer Solitär, der beziehungslos irgendwo auf dem Roncalliplatz herumsteht. Gerade mit dem Verwaltungsbau und dem davor befindlichen Kurienhaus entsteht aus dem RGM überhaupt erst ein sinnhaltiges urbanes Gefüge.

Vor dem Hintergrund dieser neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse ist jetzt eines unumgänglich: Der Wettbewerb, dessen Ergebnis bisher den Abriss des Verwaltungsbaus vorsieht, muss völlig neu aufgelegt werden. In die Planungen müssen spätestens jetzt Denkmalpfleger der Stadt und des Landschaftsverbands einbezogen werden. Und in diesem Zusammenhang ist auch über das Kurienhaus neu nachzudenken. Denn von dessen denkmalpflegerischem Wert ist zumindest die Landesdenkmalpflege weiterhin überzeugt. Landeskonservatorin Andrea Pufke erklärte noch nach dem Negativbescheid des Kölner Stadtkonservators, dass der Denkmalwert in ihren Augen durchaus bestehe. Sie halte das Gebäude „für ein anschauliches Zeugnis des Wiederaufbaus der Kölner Domumgebung nach dem Zweiten Weltkrieg in modernen, bewusst schlichten Formen“ und lobte die „Bescheidenheit ausstrahlende Bebauung der gesamten Domumgebung.“

 

Kurienhaus als „Schlüsselbauwerk“ der Domplatte

Köln, Verwaltungsgebäude des Römisch-Germanischen Museums, Blick vom "Am Hof" (Bild: © Raimond Spekking/via wikimedia commons)
Köln, Verwaltungsbau des Römisch-Germanischen Museums von Westen, links das Museum (Bild: © Raimond Spekking/CC BY SA 4.0 (via wikimedia commons))

LVR-Gutachter Godehard Hoffmann bescheinigte dem Kurienhaus 2013 gar die Rolle als „Schlüsselbauwerk in Bezug auf die erst später vollendete Domplatte.“ Die städtebaulich elegante Vermittlung zwischen der Straßenebene „Am Hof“ und der höher gelegenen Domplatte ist hierbei ein wesentlicher Aspekt. Ein anderer ist die Lösung, einen weitgehend geschlossenen Baukörper über einer zurückgesetzten, gläsern-aufgelösten Fassade auf Platzniveau schweben zu lassen. Das (schlimmstenfalls künftig amputierte) Denkmal Römisch-Germanisches Museum wird an dieser Stelle der Innenstadt weder architekturhistorisch noch städtebaulich lesbar sein, sollten Verwaltungs- und Kurienhaus wirklich fallen. Noch ist Zeit, genau das zu verhindern. (11.1.17)

 

Literatur und Quellen

Römisch-Germanisches Museum wird Baudenkmal – und pfeift aus dem letzten Loch, in: Kölnische Rundschau 10. Januar 2017

Maßstabsetzende Architektur. Römisch-Germanisches Museum soll Baudenkmal werden, auf: koeln.de 9. Januar 2017

Römisch-Germanisches Museum wird zum Baudenkmal, in: Aachener Zeitung 8. Januar 2017

Römisch-Germanisches Museum Köln, Denkmalgutachten (Denkmallistennummer 8795), November 2016

Hoffmann, Godehard, Köln – Das Kurienhaus und der Wiederaufbau der Domumgebung, in: Denkmalpflege im Rheinland 2013, 1, S. 4-13

Kurienhaus – kein Denkmal? Stadtkonservator kann Fachamt nicht überzeugen, hg. von der Pressestelle des LVR Rheinland 5. Juni 2013

Kurienhaus: LVR will nicht weiter streiten, in: Kölnische Rundschau 6. Juni 2013

Kurienhaus nicht unter Denkmalschutz, in: Kölnische Rundschau 16. Mai 2013

Abriss-Zoff am Kölner Dom. Konservator will Denkmalschutz fürs Kurienhaus, in: Express Köln 28. Dezember 2012

Streit um „Kurienhaus“ am Dom, in: Kölnische Rundschau 29. Dezember 2012

Ein Preis für Haus Kuckuk

Bad Honnef, Haus Kuckuck (Bild: Hartmut Witte)
Ein industrieller Fachwerkbau der Nachkriegsmoderne: das Haus Mayer-Kuckuk in Bad Honnef (Bild: Hartmut Witte)

Gute Kunst braucht nicht immer viel Zeit. In Bad Honnef reichten sechs Tage, um einen preiswürdigen Bau der Moderne zu errichten. Im Jahr 1967 entstand das Haus Mayer-Kuckuk nach Entwürfen des Düsseldorfer Architekten Wolfgang Döring als industrieller Fachwerkbau. Doch mit der Zeit zeigte der Holzbau Fäulnis- und andere Schäden. Die Eigentümer, die zugleich auch die Bewohner des Kulturdenkmals sind, entschieden sich gegen einen Abriss oder eine entstellende Sanierung. Stattdessen tauschten sie von 2015 bis 2016, dem ursprünglichen Baugedanken folgend, das Ständerwerk aus.

 

„Diesen zeit- und kraftaufwändigen Einsatz“

Bad Honnef, Haus Kuckuck (Bild: Hartmut Witte)
Nach schweren Holzschäden wurde – im Sinn des ursprünglichen Baugedankens – das Ständerwerk ausgetauscht (Bild: Hartmut Witte)

Für diesen „zeit- und kraftaufwändigen Einsatz“, so Bauminister Michael Groschek Minister Groschek, wurde den Eigentümern nun der Rheinisch-Westfälische Staatspreis für Denkmalpflege 2016 verliehen. Die Auszeichnung wird vom Land Nordrhein-Westfalen, vom Bauministerium und vom Landschaftsverband Rheinland (LVR) mit 7.000 Euro dotiert. „Die Eigentümer Andrea Köhler und Hartmut Witte ermöglichen uns durch ihre Arbeit einen Blick in die Geschichte der Bautechnik und Bauwirtschaft“. Im März 2017 wird Groschek die Auszeichnung im Rahmen eines Festakts überreichen.

Mindestens ebenso vorbildlich ist die Online-Dokumentation, mit der die Eigentümer die Baugeschichte zugänglich machen. So können z. B. originale Grundrisszeichnungen, Ansichten und Schnitte virtuell abgerufen werden. Zudem ist eine Dokumentation der verschiedenen Zustände oder Sanierungen als pdf verlinkt. Hier kann man das Ausmaß der Schäden und deren denkmalgerechte Behebung Schritt für Schritt nachvollziehen – nicht umsonst wurde die Maßnahme von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und dem Land NRW gefördert.

 

Weitere Preisträger der Moderne

Für den Staatspreis waren beim LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland 26 Bewerbungen eingegangen. Voraussetzung für die Teilnahme war, dass Privatleute – teils im Ehrenamt – ihr Baudenkmal innerhalb der vergangenen zwei Jahre instandgesetzt hatten. Über den eigentlichen Staatspreis für das Haus Kuckuk hinaus wurden fünf „undotierte Anerkennungen“ ausgesprochen, darunter auch zwei Highlights der Moderne: Das 2004 aufgegebene Gemeindezentrum in Duisburg-Duissern (Lothar Kallmeyer, 1971) konnte gerettet werden, indem in seinen Räumen ein Kolumbarium entstand. Und Privateigentümer sanierten ihr Wohnhaus Wolfskull 10 (Horst Schmitges, 1975) in Viersen denkmalgerecht. (kb, 17.12.6)

Die Zukunft war grün

Leipzig, Clara-Zetkin-Park, Elefantenrutsche (Bild: Bundesarchiv: Bild 183-C0524-0001-001, CC BY SA 3.0.de, 1964)
Beton und Grün gehörten in der Moderne vielfach zusammen: hier der Leipziger Clara-Zetkin-Park mit seiner legendären Elefantenrutsche im Jahr 1964 (Bild: Bundesarchiv: Bild 183-C0524-0001-001, CC BY SA 3.0.de)

Rund 70 Experten – Fachleute aus Grünverwaltungen und Denkmalinstitutionen, Freiberufler und Hochschulangehörige sowie Ehrenamtliche – konnten am 15. November 2016 in der Orangerie in Kassel gleich zwei Publikationen in Empfang nehmen. Hierin werden die Ergebnisse eines Projekts zugänglich gemacht, das einen „ungehobenen Schatz“ ans Licht der Öffentlichkeit bringen will. Denn deutschlandweit gibt es ein bemerkenswertes Kultur- und Naturerbe aus den 1950er- und 1960er Jahren zu entdecken: Plätze, Parks und Gärten. Die Projektträger – Bund Heimat und Umwelt e. V. (BHU), die Deutsche Gartenamtsleiterkonferenz (GALK e. V.), „Arbeitskreis kommunale Gartendenkmalpflege“ und die Technische Universität Berlin, Institut für Stadt- und Regionalplanung, Fachgebiet Denkmalpflege (gefördert durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU)) – hatten sich im Sommer 2015 ein ehrgeiziges Ziel gesetzt. Sie wollten die Qualitäten des gartenkulturellen Erbes der 1950er und 1960er Jahre bewusst machen und damit zu dessen Erhaltung beitragen.

 

Was es alles so gibt …

Das Kölner Rheinparkcafé (Bild: Owi)
Eine der modernen Gartenschönheiten samt dazugehöriger Architektur: der Kölner Rheinpark aus dem Jahr 1957 mit dem in der Renovierung stehenden Café (Bild: Owi)

Anhand einer breitangelegten Erfassung konnte ein Überblick über die kommunalen Grünanlagen der Nachkriegsmoderne Deutschlands gewonnen werden. Die erkannten Qualitäten wurden mit verschiedenen Tagungen und Workshops in der Fachwelt kommuniziert, um das Bewusstsein für einen pfleglichen Umgang mit diesen zu wecken bzw. zu schärfen. Nun liegen die Ergebnisse dieses gemeinsamen Prozesses in zwei Publikationen vor. Zunächst dokumentiert der Forschungsbericht das Konzept und die Erfahrungen bei der Beteiligung Ehrenamtlicher. Anschließend werden die Ergebnisse der Recherche in Fachzeitschriften der 1950er und 1960er Jahre dargelegt.

Der Bericht bietet nicht nur Empfehlungen für Fördermöglichkeiten und einen Blick auf internationale Vergleichsbeispiele. Das Herzstück der Publikation bilden die mehr als 200 von Ehrenamtlichen erfassten Anlagen, die überblicksartig in ihren Eckdaten vorgestellt und mit Fotografien dokumentiert werden. Ausführlichere Informationen zu den erfassten Grünanlagen finden Sie darüber hinaus auf der Online-Plattform KLEKs. Diese wird auch nach Abschluss des Forschungsvorhabens weiter gepflegt. Die Liste der bisher noch „ungehobenen Schätze“, d. h. der noch nicht erfassten Grünanlagen, die den Projektbericht abschließt, lädt zu weiteren Entdeckungstouren ein.

 

… und was man alles damit machen kann

Wien, Partygarten der WIG 74 (Bild: Stefan Blaufelder-Bredenbeck)
Randsteine im Wiener „Partygarten“ der WIG 74, die bis heute den Eindruck der Grünanlagen prägen (Bild: Stefan Blaufelder-Bredenbeck)

Als zweiter Baustein der Ergebnissicherung will ein kurzgefasster Leitfaden zum Erkennen von Grünanlagen der Zeit anregen. Vorgestellt werden ihre typischen Gestaltmerkmale, geordnet nach Kategorien wie Raumstruktur, bauliche Elemente, Bodenbeläge und Pflanzen in kurzen Texten und Fotos. Damit bleibt, sich für alle Leser dieser beiden lohnenden Publikationen einfach den Wünschen der Herausgeber anzuschließen: „Wir freuen uns auf und über eine intensive Nutzung dieses kleinen Büchleins. Möge es als Taschenbuch im wahren Wortsinne bei der Erkundung des öffentlichen Grüns der Nachkriegsmoderne gute Dienste leisten!“ (kb, 15.12.16)

 

Mehr?

Die Publikationen können kostenfrei/gegen Spende angefordert werden (Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU), Bundesverband für Kultur, Natur und Heimat, Adenauerallee 68, 53113 Bonn, bhu@bhu.de) oder online eingesehen/heruntergeladen werden im Repositorium des Universitätsverlages der TU Berlin (Projektbericht und Leitfaden).

Im Osten was Neues?

von Kirsten Angermann

"Alles Platte oder was?" (Bild: Landesenkmalamt Mecklenburg-Vorpommern)Veranstaltungen zur Nachkriegs- und Ostmoderne haben Konjunktur. In diese illustre Riege gehört auch die Rostocker Tagung „Alles Platte oder was? Architektur im Norden der DDR als kulturelles Erbe“. Sie fand vom 20. bis 22. Oktober 2016 auf Einladung des Landesamts für Kultur und Denkmalpflege Mecklenburg-Vorpommern und des Amts für Kultur, Denkmalpflege und Museen der Hansestadt Rostock statt. Im Mittelpunkt stand das baukulturelle Erbe der DDR in den ehemaligen Nordbezirken Rostock, Schwerin und Neubrandenburg. Neben verschiedenen Vorträgen gaben auch organisierte Führungen durch den Tagungsort Gelegenheit, über Denkmalwert, Erhaltungschancen und charakteristische Eigenart dieser Bauten konkret ins Gespräch zu kommen. Aus den vielen Impulsen und Diskussionen rund um die Veranstaltung gibt es Neues zur Ostmoderne-Forschung zu berichten. Schließlich war die Rostocker Tagung die erste von einem Landesdenkmalamt und einer kommunalen Denkmalschutzbehörde organisierte Konferenz, die sich explizit der Inventarisation und Erhaltung von Denkmalen der DDR-Architektur widmete.

 

Gut erfasst in der Stadt, noch Bedarf auf dem Land

Rostock, Lange Straße, 1963 (Foto: Karnitzki, Bild: Bundesarchiv Bild 183-B0821-0003-001, CC BY SA 3.0)
Schon unter Schutz: die neotraditionalistischen Bauten der Langen Straße in Rostock, hier im Jahr 1963 (Foto: Karnitzki, Bild: Bundesarchiv Bild 183-B0821-0003-001, CC BY SA 3.0)

Im Norden sieht es bei der Erfassung des DDR-zeitlichen Kulturerbes bereits sehr gut aus, wie eingangs Peter Writschan für die Stadt Rostock betonte. Dort sind von neotraditionellen Bauten der 1950er Jahre, etwa entlang der Langen Straße, bis hin zu innerstädtischen Projekten der 1980 Jahre, etwa dem Fünf-Giebel-Haus am Universitätsplatz, bereits Vertreter aller Jahrzehnte unter Schutz. Im ländlichen Raum hingegen steht es schlechter um die Inventarisation dieser Bauepoche, wie im Beitrag von Alexander Schacht zum Landkreis Rostock deutlich wurde. Die Erfassung der Ostmoderne hat sich also bislang auf die Städte konzentriert. Daraus ergibt sich ein klarer Auftrag an die Inventarisation in Mecklenburg-Vorpommern und den anderen neuen Bundesländern.

Am ersten Konferenztag gaben eingeladene Wissenschaftler aus ganz Deutschland einen Überblick über den derzeitigen Forschungsstand. Am Folgetag kamen vor allem lokale Akteure aus den Behörden, der denkmalpflegerischen Praxis und von bürgerschaftlichen Initiativen zu Wort. Dass bewusst auf Zeitzeugen und damalige Akteure verzichtet wurde, verhalf den einzelnen Referaten zur nötigen historischen Distanz. Stattdessen erhielten die Zeitgenossen, darunter der ehemalige Rostocker Stadtarchitekt Michael Bräuer, auf der Abendveranstaltung der Architektenkammer Mecklenburg-Vorpommern ein Podium.

 

Neue Forschung von großer Dynamik

Die futuristische Rettungsstation auf Rügen ist einer der bekanntesten Bauten Müthers (Bild: Kra)
Vorgestellt wurde u. a. ein Forschungsprojekt zum Betonschalenbau Ulrich Müthers: die Rettungsstation auf Rügen ist eines seiner bekanntesten Projekte (Bild: Kra)

Nicht nur abgeschlossene Forschungen wurden vorgestellt (wie etwa die Arbeit zu Ulrich Müthers Betonschalen von Tanja Seeböck), sondern explizit auch sich aktuell sehr dynamisch entwickelnde laufende Projekte. Somit konnten neue Erkenntnisse zum lange vernachlässigten Industriebau (Jessica Hänsel), zur Ferienarchitektur (Daniela Spiegel), zur regionalen Anwendung von Großtafelbauserien (Roman Hillmann) und zur postmodernen Architektur (Kirsten Angermann) diskutiert werden. Dabei kamen teils Besonderheiten der ehemaligen Nordbezirke und insbesondere des Bezirks Rostock zur Sprache: bautechnische und ästhetische Innovationen ebenso wie die Anknüpfung an Architekturtraditionen des Ostseeraums.

Die Veranstalter scheuten nicht die Auseinandersetzung mit dem „unbequemen“ Erbe der DDR-Zeit, den Zeugnissen von Teilung, Repression und Staatsgewalt: vom Bericht (Jana Frank) zu den Relikten der innerdeutschen Grenzanlagen, die nunmehr mit archäologischen Instrumenten untersucht werden, bis zum Beitrag (Stefan Wolter) über die DDR-zeitliche Kasernennutzung des im Dritten Reich geplanten KdF-Seebads in Prora.

 

Ohne bürgerschaftliches Engagement geht es nicht

Schwerin-Lankow, Schwimmhalle (Bild: Annette Jawi)
Engagierte kämpfen für ihren Erhalt: die ostmoderne Schwimmhalle in Schwerin-Lankow (Bild: Annette Jawi)

Die folgenden Berichte von Initiativen (z. B. zur Rettung der Volksschwimmhalle Lankow von Annette Jawi und Gottreich Albrecht sowie zum Kulturhaus Mestlin von Claudia Stauß) unterstrichen die bedeutende Rolle von bürgerschaftlichem Engagement für die Erhaltung von Denkmalen, unabhängig von der Bauepoche. Die Beiträge zum denkmalpflegerischen Umgang mit den Bauten der DDR-Zeit (etwa der Sanierung der Schiffbaufakultät an der Universität Rostock aus den 1950er Jahren von Ehrenfried Kebe) machten ergänzend deutlich, dass (potentielle) Denkmale nicht per se ein Erhaltungsproblem darstellen. Häufiger geht es um Vermittlungsprobleme. So darf man sich schon gespannt auf die Tagungspublikation freuen, die aktuell in Vorbereitung ist.

Schwerte: Burg in Falten

von Martin Bredenbeck

Schwerte, Katholische Akademie (Bild: Katholische Akademie Schwerte)
Die Katholische Akademie in Schwerte (Bild: Katholische Akademie Schwerte)

Um 1970 beschäftigte die neue Katholische Akademie Schwerte immer wieder die Fantasie der Journalisten: Vom „Westfalenblatt“ bis zur „Welt“ wetteiferte die schreibende Zunft um ein treffendes Bild für das nach außen hochgeschlossene, nach innen um einen Hof gruppierte Baukunstwerk von Hans Haas. Die „Schwerter Zeitung“ sprach von einem „Römischen Atrium“, die „Ruhr-Nachrichten“ von einer „Festung“ und das „Evangelische Sonntagsblatt“ gar von einer „Burg“. Bei Haas selbst jedoch findet sich keine derartige Metapher für die Katholische Akademie Schwerte. Am nächsten käme vielleicht ein Vergleich, den er 1968 für ein imaginäres Gotteshaus wählte: ein „faltenreicher Mantel“, der „die Vielzahl der Gläubigen zu der Einheit der Gemeinde“ formt. Klingen hier die geknickten Backsteinflächen der Akademie und ihrer Kapelle an?

 

Im Netz des rheinischen Kirchenbaus

Schwerte, Katholische Akademie (Bild: Katholische Akademie Schwerte)
1970 eingeweiht, 2000 bis 2002 nochmals durchgreifend renoviert: Die Katholische Akademie Schwerte dient als Haus für die Erwachsenenbildung des Erzbistums Paderborn (Bild: Katholische Akademie Schwerte)

Die Akademie wurde vom Architekten Hans Haas (1931-89), der in Aachen ein Büro und auch später eine Professur unterhielt, als Haus für die Erwachsenenbildung des Erzbistums Paderborn gestaltet. Die Grundsteinlegung feierte man am 28. September 1968, die Einweihung im Mai 1970. Durch seine Ausbildung in Aachen stand Haas früh in Verbindung mit bedeutenden rheinischen Architekten wie Hans Schwippert, Willy Weyres oder Rudolf Schwarz. Spätestens die Bekanntschaft mit Hans Schilling, Emil Steffann und Fritz Schaller verband Haas mit einem einflussreichen Kirchbaunetzwerk. Über seinen Lehrer Rudolf Steinbach am Aachener Lehrstuhl für Baukonstruktion, wo Haas 1958 Hauptassistent wurde, war er vertraut mit dem organischen Bauen eines Hans Scharoun und mit der Internationalen Moderne von Le Corbusier oder Ludwig Mies van der Rohe.

Haas machte sich in erster Linie durch Profanbauten wie die Aachener Wohn- und Geschäftshäuser „Krämerstraße“ und „Am Bädersteig“ einen Namen. Doch verwirklichte er auch prägnante Sakralbauten wie St. Pius in Lippstadt (1969, mit Josef Rüenauver), die „Kirche zum verklärten Christus“ (1968) in Bad Driburg oder Christkönig (1992) in Kempen. Für die Katholische Akademie Schwerte fällt als Parallele vor allem das von Haas zeitgleich umgesetzte Düsseldorfer Servitinnenkloster mit der Jugendbildungsstätte St. Swidbert ins Auge. Als Vorbild für Schwerte kann ebenso der Backsteinbau der Benediktinerabtei Königsmünster (1964 von Hans Schilling) herangezogen werden wie die „Beton-Kristalle“ Gottfried Böhm (z. B. Köln, St. Gertrud, 1967).

 

Alles um einen Hof

Schwerte, Katholische Akademie (Bild: Katholische Akademie Schwerte)
Der umlaufende Gang erschließt alle wichtigen Funktionen – eine davon unten rechts die Akademiekapelle (Bild: Katholische Akademie Schwerte)

Der kompakte, vielgestaltige und vielansichtige Bau entwickelt sich auf einem unregelmäßig-polygonalen Grundriss. Die Räume sind um einen langrechteckigen Innenhof angeordnet, auf der vorderen Schmalseite befinden sich Foyer und Garderobe, rechts zurückgesetzt Rezeption und Kapelle, links folgt die zweigeschossige Große Halle. Im Uhrzeigersinn reihen sich an der linken Längsseite der Speiseraum sowie zwei Säle auf, die rückwärtige Schmalseite nimmt der Clubraum ein, auf der rechten Längsseite folgen Fernsehraum, Bibliothek und Zeitschriftenraum. Der Zugang zu diesen beiden erfolgt über einen kleinen Vorraum, von dem ein Gang nach rechts zu den Dienstzimmern der Referenten und Räumen für Verwaltung und Leitung abzweigt. Der Verwaltungsflur mündet neben der Kapelle in den großen Umgang. Besonders auffallend sind Halle und Kapelle: Beide erheben sich jeweils auf einem unregelmäßigen achteckigen Grundriss und verlaufen über zwei Geschosse.

Die Konstruktion des Akademiegebäudes besteht aus armiertem, teils sichtbar belassenen Beton für die – auch optisch – tragenden Teile. Die Backsteine, das zweite bestimmende Material, folgen dem „Wilden Verband“. Als dritter Baustoff ist das Glas bei belebt-unregelmäßig verteilten hochrechteckigen Fenstern und großzügigen Glasflächen hervorzuheben. Die Kapelle erscheint als eigenständigster Bauteil wie in den Sockel des Eingangsplateaus eingeschoben. Die Struktur ihrer über die gesamte Gebäudehöhe laufenden, sie in der Frontansicht übersteigenden Backsteinflächen ist von Faltungen geprägt, die durch die Wandhöhe monumental ausfallen. Der Besucher der Akademie wird im Umgang subtil geführt, indem sich z. B. an der Betondecke bereichsweise die Richtung der Schalungsbretter-Abdrücke wechselt.

 

Ein ganzes „sakrales“ Ensemble

Schwerte, Katholische Akademie (Bild: Katholische Akademie Schwerte)
Vom Kapellenraum her wurde das ganze Ensemble gedacht (Bild: Katholische Akademie Schwerte)

Der Kapellenraum wird durch hohe Backsteinwände geprägt, die einzelne Betonsichtflächen durchziehen und die eine regelmäßige, nach unten gewölbte Holzdecke überfängt. Vorgerückt im Raum steht der Altar, von drei Seiten durch Stuhlblöcke gerahmt. Links hinter dem Altar nimmt eine Wandwölbung den Tabernakelschrank mit Marmortür im Blumenrelief auf, das die Bildhauerin Liesel Bellmann ebenso gestaltete wie zwei Bronzeleuchter im Altarraum und vor der Kapelle. Das an der Altarwand angebrachte Kruzifix ergänzte der Künstler Bernd Terhorst 1978. Die Wand links des Altars trägt den Kreuzweg, eine 1968 von der Künstlerin Elsbieta Szczodrowska gefertigte und 1986 von der Akademie erworbene Arbeit. Den Raum prägt entscheidend der bauzeitliche Fensterzyklus von Wilhelm Buschulte: 13 Fenster zeigen teils abstrakte, größtenteils aber biblische Motive vor allem aus den vier Evangelien. Das Beispiel Schwerte zeigt somit, dass Haas die Bauaufgabe der kirchlichen Akademien nicht nur funktional von der Kapelle her gedacht hat, sondern auch gestalterisch: Er hat einen formalen und bautechnischen Aufwand, der sonst eher Sakralbauten vorbehalten ist, auf den gesamten Bau ausgedehnt und diese damit aufgewertet. (7.12.16)

 

Literatur und Links

Homepage der Katholischen Akademie Schwerte.

Hoffmann, Gretl, Reiseführer zur modernen Architektur, Stuttgart 1968, 67-68.

Rüenauver, Josef, Neue Kirchen im Erzbistum Paderborn, in: Alte und neue Kunst 17/18, 1969/1970, 41-68.

Rüenauver, Josef, Neue Kirchen im Erzbistum Paderborn, in: Alte und Neue Kunst 19/20, 1971/72, 51-67.

Vennebusch, Joachim, Katholische Akademie Schwerte, in: Erwachsenenbildung 1, 1971, 29-32.

Bollenbeck, Karl Josef , Transformationen – 10 Kirchen von Hans Haas, in: Das Münster 2, 1992, 89-112.

Otten, Heinrich, Der Kirchenbau im Erzbistum Paderborn 1930-1975, Paderborn 2009 .

Habig, Inge/Stoffels Michaela (Hg.), Räume und Zwischen-Räume. Die dritte Dimension der Katholischen Akademie Schwerte, Schwerte 2010.

Architektur im Alltag: der Vitsoe 620

Kronberg, Roter Hang (Bild: K. Berkemann)
Eine „Ikone des Möbeldesigns“: der Vitsoe 620 im Kronberger Eigenheim seines Erfinders Dieter Rams (Bild: K. Berkemann)

Manchmal sagt ein Gebrauchsgegenstand mehr über einen Bau als eine lange kunsthistorische Beschreibung. Spiegelt er doch, mit welchem Leben die Menschen hier den hehren Architektenentwurf füllen, ob sie ihren Platz im Raum gefunden haben. Im diesem Fall geht es um einen Sessel, der es rasch zum Designklassiker geschafft hat: der Vitsoe 620, ein Werk des langjährigen Braun-Designers Dieter Rams (* 1932). Viele seiner Entwürfe – wie das Audiomöbel „Phonosuper SK4“, der sog. Schneewittchensarg – sind längst Kult. Seine Designphilosophie wird heute an den Hochschulen gelehrt, seine  klaren Formen werden von internationalen Marken wie Apple zitiert. Auch mit renommierten Herstellern wie Vitsoe (+ Zapf) oder FSB entwickelte Rams allerlei Funktionales und Formschönes für den Alltag: darunter der legendäre Vitsoe-Sessel 620 aus dem Jahr 1962, der aktuell im Vitra Design Museum zu bestaunen ist. Oder man wirft einen Blick in Rams Eigenheim, das er mit Eigenentwürfen ausgestattet hat.

 

Eleganz in der Bungalowsiedlung

Rams schuf ein so vielgestaltiges Werk („Gutes Design umfasst doch das ganze Leben.“), dass er sein Domizil problemlos mit eigenen Entwürfen ausstatten konnte. An den Hängen der Taunusstadt Kronberg, in der Neubausiedlung Roter Hang, liegt sein modernes Wohn- und Atelierhaus aus dem Jahr 1971. An der Idee zur Neubausiedlung „Roter Hang“, dessen Vorbild u. a. in der schweizerischen Siedlung Halen (Aterlier 5, 1962) liegt, hat Rams prägenden Anteil – ausgeführt wurde sie vom Königsteiner Architekten Rudolf Kramer mit dem Bauträger Polensky & Zöllner.

Die Siedlung am Hang umfasst – zwischen an den Rand gesetzten Doppel- und Mehrfamilienhäusern – vor allem Einzelbungalows. Ineinandergefügt umfangen sie geschützte „Intimhöfe“, für jede Familie einen. Die Garagen wurden ursprünglich am Eingang zur Siedlung zusammengefasst, im Inneren blieben die Wege und Treppen zwischen den Häusern ohne Autoverkehr. Für sein eigenes Domizil am oberen Rand des Roten Hangs verband Rams zwei Standard-Bungalows: im Norden das Wohnhaus, am Hang nach Süden das Atelier mit Büro und Werkstatt. Mit zwei kleinen Ausnahmen von der übrigen Siedlung, einem Carport und einem Pool („Für meinen Rücken muss ich viel schwimmen.“).

 

Gemütlichkeit in „der Molkerei“

Das Haus Rams trug in der Siedlung rasch den Spitznamen „Molkerei“, wegen der weiß gefliesten Böden. Im Wohnbereich kombiniert er Design-Klassiker wie Thonet-Stühle mit Eigenentwürfen. Ob im Wohn- oder Arbeitsbereich (eine freie Stufe markiert den Übergang), alles entspricht dem Rams-Ethos („Less but better.“).  Er lernte die (Möbel-)Schreinerei als Kind in der Werkstatt seines Großvaters kennen. Nach dem Krieg studierte Rams an der Werkkunstschule Wiesbaden, arbeitete im Anschluss kurz im Frankfurter Architekturbüro Otto Apel , um schließlich seine Lebensaufgabe als Designer für Braun zu finden.

Der Vitsoe-Showroom in Frankfurt, ca. 1971 (Foto: Ingeborg Kracht Rams)
Das Sesselprogramm 620 im Jahr 1971, im Jahr der Fertigstellung des Rams-Bugnalows in Kronberg, im Vitsoe-Showroom in Frankfurt am Main (Foto: Ingeborg Kracht Rams)

Für Vitsoe (damals Vitsoe & Zapf) entwarf Rams ab 1960 Regal (606), Tisch (621) und besagten Sessel. Sie sind als System kombinier- und ausbaubar, so kann man z. B. zwei 620 zu einem Sofa verbinden. Der Original-Sessel bestand aus einer fiberglasverstärkten Kunststoffschale mit Sprungfederkern für die Sitzkissen. Wer den 620 selbst be-sitzen mag, kann ihn (für eine vierstellige Summe) in der überarbeiteten Neuauflage erwerben: die Außenschale aus gefrästem Birkensperrholz, die Sprungfedern mit einer „latexierter Kokosfasermatte“ abgedeckt, die Kissen in Anillin-Vollleder gehüllt. Doch die Schale wird weiterhin in den Originalformen hergestellt, ist also nach wie vor mit den ersten Stücken der Möbelserie kompatibel. In Kronberg soll aktuell die Siedlung „Roter Hang“ mitsamt Rams-Doppelbungalow unter Denkmalschutz gestellt werden – und der berühmte Sessel mittendrin. (kb, 18.11.16)

 

Mehr?

Lesen Sie das ausführliche Interview, das mR mit Dieter Rams 2014 in seinem Kronberger Domizil führen konnte, blättern Sie durch „Less but better“ von Jo Klatt oder besuchen Sie die Ausstellung „Dieter Rams. Modular World“, die noch bis zum 12. März 2017 im Vitra Museum zu sehen ist.

Urban Diaries

von Katharina Sebold

Eka Bugianishvili: leeres Haus (Foto: © Eka Bugianishvili)
Eka Bugianishvili: leeres Haus (© E. Bugianishvili)

In Tbilisi wurde Anfang Oktober in der neuen Galerie „Artaeria“ eine Fotoausstellung eröffnet: Vier junge georgische Kunstschaffende haben sich mit den städtebaulichen Veränderungen ihres Landes in den letzten 25 Jahren auseinandergesetzt. Dabei ging es ihnen um das Besondere der georgischen Stadtlandschaft, die den allgemeinen Problemen der postindustriellen bzw. informationsorientierten Stadt- und Regionalentwicklung ausgeliefert ist. Bereits der Titel der Ausstellung „Urban Diaries“ verweist neben dem dokumentarischen auf den persönlichen Aspekt der Arbeiten. Die Fotografinnen und Fotografen nähern sich der Vielfalt ihrer Städte als Eingeweihte, als Vertraute. Damit gleichen ihre Bilder persönlichen Tagebüchern, die auch aktuelle politische, wirtschaftliche und städtebauliche Entwicklung einfangen.

 

Erinnerungen

Eka Bugianishvili: Plattenkiosk (Foto: © Eka Bugianishvili)
Eka Bugianishvili: Plattenkiosk (© E. Bugianishvili)

Die ausgestellten Lichtbilder zeigen die vielschichtigen Strukturen gebauter und meist menschenleerer Landschaften. Irakli Andguladze, Eka Bugianishvili, Zuka Chachanidze und Magda Lobjanidze begaben sich in ihren Motiven auf die Spur städtischer Gestaltung der Sowjetzeit und der Umwälzungen der nachfolgenden Jahre. Doch ihre Aufnahmen sind ganz auf das Jetzt ausgerichtet. Aus dieser Position heraus thematisieren die Fotografien, wie Wirklichkeit, Erfahrungen und Erinnerungen erschaffen, symbolisch gedeutet und materiell umgedeutet wurden. Erinnerungen, wie sie in städtischen Räumen und Landschaften gespeichert sind.

Die Lichtbilder zeigen die flimmernde materielle Veränderung in ihrer unfassbaren Ungleichzeitigkeit. Dabei werfen sie die Frage auf, wie sich Macht und Machtstreben in Objekten wiederspiegeln, wie sie sich visuell politische Geltung verschaffen und zu sozialer Wirklichkeit werden. So wird sichtbar, wie die sowjetische Vergangenheit und der darauf folgende Bürgerkrieg in manchen Stadträumen erstaunlich nachhaltig greifbar ist. Hier bleibt das Neue stecken. Stattdessen  nagt die Zeit Stück für Stück aus der Wand der Zukunft und hinterlässt Fotomotive von großer Kraft.

 

Spuren

Zuka Chachanidze: Fassade (Foto: © Zuka Chachanidze)
Zuka Chachanidze: Wand (© Z. Chachanidze)

Menschliche Errungenschaften stehen in der Bildkomposition oft im Kontrast zum vermeintlich natürlichen Hintergrund und heben sich deutlich von diesem ab. Vor allem Zuka Chachanidze visualisiert diese Spannung zwischen Menschen und Natur, zwischen Stadt und Landschaft, indem er architektonische Formen abstrahiert. Damit lassen sich seine Fotografien lesen als Atlanten der materiellen menschlichen Anwesenheit, obwohl sie auf jede menschliche Anwesenheit verzichten.

Auch hinter der Kamera begegnet man stets diesem „sich wundernden Blick“. In ihrer realistischen Darstellung spiegeln die fotografischen Arbeiten zugleich deren Erschaffungs- und Wahrnehmungsprozess, rücken die Bildproduktion selbst in den Fokus. Die Aufnahmen entlarven sich als Konstruktion, weil sie das Fotografieren selbst offenlegen: Viele Motive werden durch Zäune, dreckige Scheiben oder Autofenster in leichter Unschärfe „geschossen“. In dieser Darstellung des vermeintlich Gewöhnlichen wirken die analog erstellten Fotografien ehrlich und real.

 

Poesie

Irakli Andguladze: Aussicht (Foto: © EIrakli Andguladze)
Irakli Andguladze: Aussicht (© I. Andguladze)

Leise, wundersam und teils sehr melancholisch ist dieser entfremdende Blick auf das Eigentümliche. Als Studien einer unvollkommenen räumlichen Identität zeigen sie städtische Veränderungsprozesse auch mittels Licht. Sind es verbaute Ausblicke oder doch Möglichkeitsträume? Die Bilder umspielen die Momente des Übergangs zutiefst poetisch. In Westeuropa blickt man einerseits auf das Skurrile sozialistischer Architektur, andererseits schaudert man kollektiv vor den Wohnmaschinen der „Schlafstädte“. Doch die georgischen Künstler zeigen unprätentiös die Normalität jenseits dieser Stereotype. Gleichwohl sind ihre Motive voll geistreicher Irrationalismen. Faszinierend machen sie vielschichtige städtische Veränderungen durch Bilder verständlich – über alle Sprachgrenzen hinweg. Ihre Fotografien sind daher eine willkommene poetische Ergänzung zur bereits vorliegenden Literatur. Sie laden ein zu „Kopfreisen“ zu den versickerten Modernitätsströmen Georgiens. (14.11.16)

Wir haben noch ein Plakat in Leipzig

leipzig_denkmalmesse_2016_bild_k_berkemann
Auch analog ein Hingucker: moderneREGIONAL auf der denkmal-Messe in Leipzig (Foto: K. Berkemann)

Alle zwei Jahre treffen sich Architekten und Handwerker, Denkmalschützer und Denkmalnutzer in Leipzig. Die Fachmesse „denkmal“ fand hier vom 10. bis 12. November bereits zum zwölften Mal statt – und hat in diesem Jahr gemeinsam mit der zeitgleichen MUTEC (Fachmesse für Museums- und Ausstellungstechnik) knapp 14.000 Menschen an die Stände und in die Begleitveranstaltungen gelockt. Von den großen Denkmalschutzverbänden bis zu kleinen Restaurierungsbetrieben, viele der Netzwerker rund um die historische Baukultur waren in Halle 2 mit einem Stand vertreten. Da war es nur konsequent, dass auch moderneREGIONAL – im Kleinen – mit von der Partie war.

 

Digitale Denkmalpflege

Anlass für die analoge Stippvisite war zum einen das aktuelle Foto-Spezial „Generation Beton“, das in Kooperation mit dem Bund Heimat und Umwelt (BHU) pünktlich zur „denkmal“-Messe online ging. Zum anderen war mR Gast beim Workshop „Neue Wege – Neue Medien. Chancen digitaler Vermittlungswege für Baukultur und Denkmalpflege“, mit dem der BHU gemeinsam mit dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalpflege (DNK) die virtuelle Seite der Baukultur auslotete. Auf Grußworte der Veranstalter folgten Kurzreferate über geplante oder bereits umgesetzte Aktivitäten.

Zu Beginn präsentierte Björn Bernat vom DNK die Ideen des Verbands für Kinder und Jugendliche zum anstehenden Europäischen Kulturerbejahr 2018 „Sharing Heritage“. Dirk Gotzmann und Anne Segbers von BHU umrissen ihre Pläne für die App „1001 Denkmal“, die ebenso viele Objekte aus der Bundesförderung digital präsentieren will. Dr. Martin Bredenbeck vom Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz ermunterte die Teilnehmer dazu, sich der kurzweiligen Präsentationsform Pecha-Kucha zu bedienen: 20 Bilder x 20 Sekunden. Den ersten Tagungsblock schloss Dörthe Hellmuth vom Landesdenkmalamt Berlin ab, die von Chancen (mehr Menschen erreichen) und Grenzen (knappe personelle Ressourcen in den Ämtern) der Sozialen Medien zu berichten wusste.

 

Bilder, Blogs und belegte Brötchen

Die neue mR-Fotopostkarte
Die neue mR-Fotopostkarte (gibt es nicht zu kaufen, nur geschenkt): Kinderfoto mit Trecker aus dem Jahr 1979 – auf der Rückseite wartet als Überraschung dasselbe Motiv, neu aufgenommen im Jahr 2016

Im zweiten Tagungsblock standen bereits online abrufbare Angebote im Vordergrund. Nachdem Dr. Karin Berkemann das Profil von moderneREGIONAL erläutert hatte, eröffnete Kornelia Panek vom LVR-Industriemuseum St-Antony-Hütte die Chancen der „Augmented Reality“ anhand virtueller Simulationen der Bau- und Nutzungsgeschichte. Josefine Puppe vom Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege bot den Teilnehmern einen Preview zum Denkmal-Blog ihres Hauses, der zum 1. Dezember online gehen soll. Und nicht zuletzt illustrierte Sandro Halank für Wikipedia anhand der Aktion „Wiki Loves Monuments“ das Engagement der gemeinfreien Foto- und Mediendatenbank. Im Anschluss waren die informativen Gespräche bei belegten Brötchen, darunter die Mitstreiter von ostmodern.org, eine willkommene Ergänzung zu den Keks-Kontakten an den Ständen. Und, auch wenn wir keinen eigenen Stand hatten, ein Plakat zu unserem aktuellen Foto-Spezial konnten wir freundlicherweise am Stand des BHU präsentieren, samt unseren neuen Fotopostkarten. (db, 12.11.16)

Unser neues Foto-Spezial „Generation Beton“ ist online – mit den Gewinnern des Foto-Wettbewerbs!

Architektur im Alltag: Die Gerippte

Frankfurt am Main-Nieder-Erlenbach, Gemeindezentrum "Jesus Christus - Der Gute Hirte", Glühbirne (Bild: Karin Berkemann)
Für die Jüngeren unter Ihnen: Das ist eine Glühbirne, noch dazu in einer seltenen Ausführung mit geriffelter Oberfläche (Bild: Karin Berkemann)

Manchmal sagt ein Gebrauchsgegenstand mehr über einen Bau als eine lange kunsthistorische Beschreibung. Spiegelt er doch, mit welchem Leben die Menschen hier den hehren Architektenentwurf füllen, in welchem Licht sie den Bau sehen. Im diesem Fall geht es um eine Glühbirne mit besonderer Oberfläche. Sie belichtet die Nebenräume eines Ensembles, das schon jetzt klassischer wirkt als es ist: das im Jahr 2000 geweihte Gemeindezentrum „Jesus Christus – Der Gute Hirte“ in Frankfurt-Niedererlenbach.

Hier, am äußersten Rand von Frankfurt, ist es wie mit jeder Architektur. Man mag die vielen Details nicht sehen, aber man spürt sie: Ob der Schreiner die Entwürfe mit Liebe um gesetzt hat, die Treppenstufen gut zu den Füßen passen und die Lampen genau das richtige Licht spenden. Wenn eine solch große Architektur in die Jahre kommt, dann steckt der Teufel manchmal im Detail. Im dörflichen Frankfurter Stadtteil Nieder-Erlenbach hat der Architekt Günter Pfeifer sorgsam auf jede Kleinigkeit geachtet. Seine Kirche sollte – im besten Wortsinn – einfach sein. Und diese gekonnte Einfachheit machte viel Arbeit. Intensiv suchte er mit der Gemeinde nach Materialien, die gut aussehen, lange halten und bei all dem nicht viel kosten.

 

Harte Schale …

Das Ensemble, das seine liturgischen und gemeindlichen Räume wie ein Gehöft zusammenbindet, wird nach außen von den Baustoffen Beton und Holz bestimmt. Kein Turm, nur ein turmähnlicher Dachaufbau weist auf den kirchlichen Standort hin. Doch die glatten hochgeschlossenen Wände machen beim Nähertreten deutlich: Hier geht es um etwas Besonderes. Dieser Eindruck vertieft sich an der Eingangstür zum Kirchentür, wo der erste Blick auf eine Buchstabenwand trifft. Aus blauen Plastiklettern formte Pfeifer Bibelworte zum Thema „Guter Hirte“. In ihren Zwischenräumen geben die Schriftzeichen Durchblicke in den dahinterliegenden Kirchenraum frei.

Mit wenigen gekonnten Handgriffen setzte Pfeifer hier die liturgischen Orte ins rechte Licht: Die Altarwand betonen zwei schmale Fensterschlitze, die sich zum Kreuz verbinden. Der von Glas umfangene Tabernakel scheint in einem Strahlenkranz zu schweben. Und allein die zehn Meter hohe Taufkapelle erhält von oben ungefiltertes Tageslicht. In der Sakristei, in den Gemeinderäumen, in den Toiletten hingegen schraubte Pfeifer „nackte“ Glühbirnen unter die Betondecke. Sie stecken in schweren weißen Porzellanfassungen – wie in einer Fabrikhalle im Bauhausstil der 1920er Jahre. Einfach edel.

 

… warmer Kern

Genau diese Glühbirnen machen dem Küster in Nieder-Erlenbach seitdem Kopfzerbrechen. Sie müssen bruchfest sein, damit sie ohne Lampenschirm verwendet werden dürfen. Zudem hatte der Architekt ein spezielles „geripptes“ Exemplar ausgesucht, das besonders weiches Licht in den Raum streut. Nur begann kurz darauf das Glühbirnensterben: Eine gute neue Lampe läuft mit Energiesparbirnen oder gleich mit LED-Lichtern. Zum Glück entdeckte die Gemeinde noch einen Posten bruchfester Leuchten – nur leider mit glatter Oberfläche. Aber wirklich kompliziert wird es, wenn eine der Birnen an den entlegenen hohen Stellen der Kirchendecke kaputt geht. Dann muss schon mal die Freiwillige Feuerwehr mit dem Hubsteiger anrücken. Dann sorgt eine ganze Gemeinde liebevoll dafür, dass bei der großen Architektur auch die kleinen Dinge funktionieren. (kb, 6.11.16)

 

Mehr?

Analog in der Ausstellung „AUF EWIG. Moderne Kirchen im Bistum Mainz“ (kuratiert von Karin Berkemann im Auftrag der „Straße der Moderne“ in Zusammenarbeit mit dem Dommuseum Mainz), online bei Günter Pfeifer oder viele Vergleichsbeispiele auf der „Straße der Moderne“ oder für den Bücherschrank der Bildband „Gottes neue Häuser“ von Matthias Ludwig und Reinhard Mawick (antiquarischer Kauf).

Der Dresdner Kulturpalast im Bild

Der Dresdener Kulturpalast zu seiner Einweihung 1969 auf einer Briefmarke
Dem Dresdner Kulturpalast wurde zu seiner Einweihung 1969 eine eigene Briefmarke gewidmet

1969 wurde der vom Architekten Wolfgang Hänsch entworfene Kulturpalast in Dresden eröffnet. Vor den Ruinen von Schloss und Frauenkirche markierte der klare Glas-Beton-Bau ein deutliches Bekenntnis zur Moderne. Hänsch verband mit der Multifunktionshalle Raum für kulturelle und politische Veranstaltungen unter einem Dach. Ob Dixieland-Festival, TV-Übertragungen von „Ein Kessel Buntes“, Theatervorstellungen oder Konzerte der Dresdner Philharmonie – seit fast 50 Jahren war und ist der „Kulti“ ein zentraler Punkt im geistig-kulturellen Leben Dresdens. Seit 2008 steht das Gebäude unter Denkmalschutz, seit 2012 wird er zum modernen Konzertsaal für die Dresdner Philharmonie umgebaut, 2017 soll u. a. das Kabarett „Die Herkuleskeule“ einziehen. Mit ihrer neu erschienenen Publikation bietet nun Bettina Klemm, Vorsitzende des Presseclubs Dresden e. V. und langjährige Redakteurin der Sächsischen Zeitung, eine Geschichte dieses ostmodernen Vorzeigebaus (die Autorin liest am 3. November in Dresden aus Ihrem Buch). Für mR ein willkommener Anlass, die Wartezeit – solange der Kulturpalast noch runderneuert wird – mit historischen Aufnahmen von Ulrich Link, Richard Peter, Ulrich Häßler u. a. zu versüßen. (db, 30.10.16)