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Prachatice, Villa Kral heute (Bild: zivavila.cz)

Soll weg: Villa Kral in Prachatice

Das Haus war für einen Abend wieder voller Leben: Die Freitreppe wurde von Gartenlichter erhellt, im Kaminzimmer standen Stühle für die Zuhörer bereit, ein Projektor warf Bilder aus alten Zeiten an die Wand. Im Sommer 2016 lockte der Architekturtag im tschechischen Prachatice (Prachatitz) zahlreiche Besucher in die Villa Kral. Eine Ausstellung zur Masterarbeit von Barbora Staňková informierte über den 1932 fertiggestellten Bau. Dr. Iris Meder, Architekturhistorikerin aus Wien, stellte das Leben und Werk des Architekten Fritz Reichl vor. Und nicht zuletzt erzählte Dr. Hans Kral, der Sohn des Erbauers, vom Mut seines Vaters, ausgerechnet in der Provinz solch ein modernes Haus errichten zu lassen.

 

Der jüdische Architekt Fritz Reichl

Die markante kubische Villa wurde in den Jahren 1931 und 1932 in Prachatice (Prachatitz) nach den Plänen des jüdische Architekt Fritz Reichl (* 2. Februar 1890 in Baden bei Wien, † 1959 in Los Angeles) aus Wien erbaut. Reichl hatte in Wien zunächst an der Kunstgewerbeschule, dann an der Technischen Hochschule Architektur studiert. Ab 1925 machte er sich mit einem eigenen Büro u. a. einen Namen durch repräsentative Einfamilienhäuser, Villen und gehobene Wohnungsausstattungen im Stil des Neuen Bauens.

Fritz Reichl hatte während der letzten Kriegsjahre zunächst das türkische Büro von Clemens Holzmeister in Istanbul und Ankara weitergeführt. 1946 wanderte er in die USA aus, arbeitete dort im Büro von Richard Neutra und verwirklichte als selbständiger Architekt neue Projekte im Geist einer internationalen Moderne. In der Villa Kral sehen manche Forscher den nüchternen Stil eines Peter Behrens aufgegriffen, andere verweisen auf die Wiener Schule unter Adolf Loos. Der Bauherr Johann Nepumuk Kral bewohnte das Anwesen mit seiner Familie bis zum 21. Mai 1945. Danach zog ein amerikanischer General ein, der hier mit einem russischen General das Kriegsende feierte. Im Anschluss diente das Haus als Kinderhort. Nach Auflösung dieser Nutzung stand die Villa leer und verfiel.

 

Studenten trommeln für den Erhalt

Nachdem die Villa Kral lange dem Vandalismus preisgegeben war, etablierte sich in den letzten beiden Jahren eine Initiative zu ihrem Erhalt: Studenten mieteten das Areal und engagierten sich dafür, den Bestand zu sichern sowie den architekturgeschichtlichen und gestalterischen Wert des Bauwerks wieder sichtbar zu machen: In Eigenleistung beseitigten sie den Unrat aus den Zimmern, flickten Scheiben, reparierten die Wasserführung und beräumten das Außengelände.

Den Initiatoren gelang es, mit verschiedenen kulturellen Veranstaltungen in der Villa, das Interesse für den Erhalt des modernen Bauwerks zu wecken. Ein Förderverein unterstützt dieses Vorhaben mit etwa 800 Mitgliedern. Schließlich konnte das Kultusministerium in Prag von der architektonischen Bedeutung des Hauses überzeugt werden: Die Villa Kral wurde unter Denkmalschutz gestellt. Mit dieser Anerkennung werden auch die Aktivitäten der Initiatoren Pavla Zelenková und Barbora Staňková gewürdigt. Der Bürgermeister von Prachatice hat gegen die Entscheidung des Kultusministeriums Einspruch erhoben, um die Villa abzureißen zu können. An ihrer Stelle soll eine neue Straße entstehen. (Beitrag eingereicht durch Dr. Hans Kral, 13.8.17)

 

Prachatice, Villa Kral (Bild: zivavila.cz)

 

Literatur

Meder, I., Offene Welten. Die Wiener Schule im Einfamilienbau 1910 – 1938, Dissertation, Pforzheim, 2004.

Erbanová, E./Šilhan, M./Švácha, R., Berühmte Villen in Südböhmen, Prag 2007.

Förderverein zum Erhalt der Villa Kral

Hans Haacke, Fotonotizen zur documenta II, 1959, ausgestellt 2017 auf der documenta XIV

Irgendwas bleibt immer hängen

Da waren jene Italienurlaube in den 1970er Jahren, als der Vater vor romanischen Kirchen die große Baukunst erklärte. Als der Sohn derweil mit dem Micky-Maus-Heft in eine nochmals andere Welt abtauchte. Die Begeisterung für Architektur sprang zwischen den Sprechblasen dann doch irgendwie über. Später. Ähnliche Szenen fotografierte Hans Haacke 1959 in Kassel auf documenta II: Ein Junge versinkt vor einem abstrakten Gemälde in seiner Comic-Lektüre, ein Mädchen ist mehr von seiner Plüschkatze fasziniert als vom Pollock-Dripping, eine Nonne sucht im Ausstellungsführer verzweifelt nach dem tieferen Sinn der vor ihr aufgebauten Plastik. Jene Fotografien werden aktuell auf der documenta XIV gezeigt. Hier blicken viele zeitgenössische Künstler zurück auf die Entstehungsjahre der documenta, als Kassel selbst gerade wiederaufgebaut wurde. So ist es nur konsequent, dass sie ihre Werke dort auch an außergewöhnlichen Orten der Architekturmoderne zeigen.

 

Kommen und Bleiben

Kassel kämpft noch immer mit dem Image der „hässlichen“, der kriegszerstörten Stadt. Doch dieses Mal präsentiert sich die nordhessische Metropole auch von ihrer nachkriegsmodernen Seite: Das Kuratorenteam hat die Kunstschau über das ganze Stadtgebiet (und streng genommen auch das von Athen) verteilt. Damit kommen auch einige sonst verschlossene Räume zu neuer Geltung. Der einstige Hauptbahnhof z. B. wird seit der Eröffnung des ICE-Halts Kassel-Wilhelmshöhe noch als Nahverkehrsknotenpunkt und „Kulturbahnhof“ bespielt. Doch die dazugehörige U-Bahn-Station, 1968 mit urbaner Geste eröffnet, verlor völlig ihre Funktion und wurde 2005 geschlossen. Zur documenta öffnete man den Zugang wieder und ließ einige Künstler dort ihre Arbeiten inszenieren: Der in Kalkutta geborene Nikhil Chopra schlug als Teil seiner Performance ein Zelt auf, das auf einer Wanderung nach Kassel mit Landschaftsmotiven ausgemalt worden war. Und der Grieche Zafos Xagoraris verwies mit seinem Willkommensschild „Chairete“ (Seid gegrüßt!) an den Gleisen auf die deutsche Kriegsgefangenschaft seiner Landsleute im Jahr 1916.

 

Die Verlockung der Worte

An solchen documenta-Orten rückt die ausgestellte Kunst für manche Besucher fast in den Hintergrund. Zu groß ist die Entdeckerfreude, sei es über das Betonglasmosaik (1968, Dieter von Andrian) im unterirdischen Bahnhof oder die brutalistische Weite der zur „Neuen Neuen Galerie“ umfunktionierten Neuen Hauptpost (1975). So lohnt auch ein Abstecher in die zeitgleich geöffneten kirchlichen Ausstellungsprojekte: St. Elisabeth (Armin Dietrich, 1960) am Friedrichsplatz und die Karlskirche (1710, Paul du Ry, 1957 wiederaufgebaut) an der Frankfurter Straße. In St. Elisabeth hatte Stephan Balkenhol schon zur letzten documenta XII mit seinen Holzskulpturen für Gesprächsstoff gesorgt. 2017 spannt Anne Gathmann unter dem Titel „Statik der Resonanz“ einen weiten Bogen aus Aluminium-Elementen durch den Nachkriegsraum. In der Karlskirche inszeniert Thomas Kilpper den Glockenturm als „Leuchtturm für Lampedusa!“. Und im Inneren verarbeitet die indische Künstlerin Shilpa Gupta die wortorientierte, die hugenottische Tradition des Kirchenbaus: Eine riesige Traube aus Mikrofonen strahlt die Klangfolge „I keep falling at you“ in den Raum.

 

Räume neu besetzen

Die Installationen in der Kasseler Karlskirche gehören zum umfassenden Ausstellungsprojekt „Luther und die Avantgarde“, das in Kassel, Berlin und Wittenberg zum Reformationsjubiläum zeitgenössische Kunst präsentiert. Gerade in der Lutherstadt kommen dabei unerwartet moderne Orte zum Tragen: das Alte Gefängnis und die Exerzierhalle. Beide Jahrhundertwendebauten am Rand der vielbesuchten Altstadt wurden für kulturelle Anlässe hergerichtet. Im Alten Gefängnis zeigt u. a. der kunstvoll überdrehte Jonathan Meese sein Werk „Die 95 Thesen des Teufels“. Und am überzeugendsten wurde das etwas übergroß angelegte Reformationsjubiläum, wo die Aktionen mit Handfestem, mit Architekturprojekten verbunden wurden. In der Exerzierhalle zeigten das Marburger Kirchbauinstitut und die Wüstenrotstiftung Beispiele und studentische Entwürfe rund um die Kirchennutzung. Einige Studierende nahmen sich zudem leerstehender Ladenlokale (wovon es in Wittenberg erschreckend viele gibt) an. Die studentische Aktion ist mit der (tief Luft holen) „Woche der Spiritualität“ zwar abgeschossen, aber die von einer Publikation begleitete allgemeine Ausstellung läuft noch bis zum 5. September 2017. Alle übrigen beschriebenen Installationen können noch bis zum 17. September bewundert werden. (db/kb, 24.7.17)

Titelmotiv: Hans Haacke, Fotonotizen zur documenta II, 1959, ausgestellt 2017 auf der documenta XIV

Berlin, DGB-Haus, 2017 (Bild: Uli Borgert)

„Eine Stätte freien Menschentums“

„Ein besonderes Haus, eine Stätte freien und unerschrockenen Menschentums“, mit diesen Worten soll der oberste Gewerkschaftler Ludwig Rosenberg das Berliner DGB-Haus eröffnet haben. Am 5. Mai 1964 wurde der damals 6 Millionen DM teure Bau im Stadtteil Schöneberg an der Ecke Kleist- und Keithstraße feierlich an seine neuen Nutzer übergeben. Eigentlich hatte die Düsseldorfer Zentrale des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) den Wunsch der Berliner nach einem eigenen Verwaltungsgebäude schon abgelehnt. Doch in den frühen 1960er Jahren wuchs dem Plan mit dem Mauerbau eine politische Dimension zu. Nun entschied man sich mit voller Emphase dafür, dem Kommunismus in Berlin ein „Bollwerk“ des freien Gewerkschaftlertums direkt vor Augen (bzw. die Nase) zu stellen.

 

Neun Geschosse Aluminiumfassade

Das Hamburger Architekturbüros Wunsch & Mollenhauer hatte den neungeschossigen Stahlskelettbau von 1962 bis 1964 mit einer hochmodernen Aluminium-Vorhangfassade versehen. Besonders die drei „Eck-Balkone“ markierten das neue Gewerkschaftshaus stolz zur Ecke Kleiststraße/An der Urania. Noch dazu erhielt der Bau einen aufgeständerten zweigeschossigen Nebentrakt und ein eingeschossiges „Jugendzentrum“. Wohl in den 1980er Jahren wurde das Äußere stark verändert, womit die Fassade viel von ihrer modernen Klarheit einbüßte. So findet sich der DGB-Bau auch nicht auf der Denkmalliste der Stadt.

 

Eine gute Investition?

Doch leid tut es einem schon, wenn man vom bevorstehenden Abriss des DGB-Hauses hört. Stattdessen erhielt das Büro Ortner & Ortner nach einem Wettbewerb den Zuschlag, unweit des Wittenberger Platzes einen neuen Gewerkschaftssitz zu errichten. Dieser soll ab „den frühen 2020er Jahren“ als Zentrale nicht allein die berlin-brandenburgischen Mitarbeiter, sondern auch die bundesweit zuständige Belegschaft aufnehmen. Die sind aktuell noch am Hackeschen Markt untergebracht – der Neubau soll Miete sparen und zugleich im boomenden Berlin eine gute Kapitalanlage bieten. So zumindest die Argumentation für den Neubau, der zwischen 60 und 80 Millionen Euro kosten soll. Der Abriss der dann ehemaligen DGB-Zentrale wird für 2018 angekündigt. Die dort bislang untergebrachten Gewerkschaftler sollen vorübergehend in ein Ausweichquartier ziehen.

 

Dass es auch anders geht …

Dass es auch anders geht, zeigt der Umgang mit einem anderen Werk aus dem Büro Wunsch & Mollenhauer: In Düsseldorf wurde das 1968 eingeweihte Hans-Böckler-Haus unter Denkmalschutz gestellt. Von 2011 bis 2012 sanierte man die stilvollen Gewerkschaftsscheiben „im laufenden Betrieb“ – mit viele Rücksicht auf die prägende moderne Fassade. In Berlin geht man einen anderen Weg. Und dass an der Berliner Kreuzung Kleiststraße/Martin-Luther-Straße/Tauentzienstraße/An der Urania/Lietzenburger Straße nach den 1999 veröffentlichten Planungen mit weiteren Eingriffen in den Nachkriegsbestand zu rechnen ist, lässt städtebaulich nicht unbedingt hoffen. (kb, 13.7.17)

 

Literatur und Quellen

Der DGB in Düsseldorf, in: Bauwelt 1964, 24, S. 677.

In Berlin Schöneberg …, in: Die Quelle 15, 1964, 6, S. 276.

Weber, Klaus K. u. a. (Bearb.), Berlin und seine Bauten. Teil IX. Industriebauten Bürohäuser, Berlin u. a. 1971, S. 212.

Reif für den Abriss. Der Deutsche Gewerkschaftsbund trennt sich von seinem Berliner Sitz und baut neu. Das Gebäude in Schöneberg soll in ein paar Jahren bezugsfertig sein, in: Der Tagesspiegel 22. Mai 2017.

Frese, Alfons, Neues Haus für den DGB. An der Stelle des Berliner Domizils in der Nähe des KaDeWe entsteht die Bundeszentrale, in: Der Tagesspiegel 5. Juli 2017.

Sportpark Nord, Bonn, Südsüdost (Bild: Eckhard Henkel, CC-BY-SA 3.0)

Bonn: Fußball und Sichtbeton

„Tor in Bonn!“ – diesen Satz hört man in der Sportschau nur sehr selten. 2017 ertönte er nach langer Zeit aber einmal wieder: Die Konferenz zum Finaltag der Amateure schaltete sich in das Fußballstadion im Norden der Stadt, wo der Regionalligist Bonner SC gerade das 1:0 gegen den haushohen Favoriten Fortuna Köln geschossen hatte. Der Underdog schaffte es, die Führung über die Zeit zu bringen und steht damit in der ersten Runde des DFB-Pokals – zum ersten Mal seit 40 Jahren. Neben dem ambitionierten Fußballverein steht damit demnächst auch ein außergewöhnliches Stadion im Fokus der Sportwelt: Der Bonner Sportpark Nord.

 

Stadion zur Stadtaufwertung

Der Baubeginn des Sportkomplexes jährt sich in diesem Jahr zum 50. Mal. 1965 hatte die damalige Bundeshauptstadt das alte, nahe dem Regierungsviertel gelegene Gronaustadion an den Bund verkauft, heute steht an dieser Stelle der Post Tower. Bonn investierte das Geld in die Aufwertung seiner nördlichen Stadtteile. Neben einem neuen Wohnviertel sollte hier eine moderne Sport- und Freizeitanlage entstehen: der Sportpark Nord. Den entsprechenden Wettbewerb gewannen der Gartenarchitekt Wolfgang Darius und Ernst van Dorp, dessen Bauten Bonn bis heute prägen. Van Dorp plante unter anderem das ZDF-Hauptstadtstudio,die Niederländische Botschaft und war maßgeblich an der Gestaltung der Rheinauen zur Bundesgartenschau 1979 beteiligt. 1967 begannen die Bauarbeiten im Bonner Norden.

 

Beton trifft Botanik

Der 160 000 Quadratmeter große Sportkomplex wird durch die Autobahn 565 in zwei Teile zerschnitten. Auf der nördlichen Seite finden sich mehrere Ascheplätze und eine Bogenschießanlage. Die Verbindung stellt eine geschwungene Betonbrücke sicher, die die Autobahn in hohem Bogen überspannt. Als Bauland für das Stadion diente eine ehemalige Müllkippe in Süden des Areals. Van Dorp nutzte den nach der Auskiesung entstandenen Trichter, um ein ovales Mehrzweckstadion mit Fußballfeld anzulegen. Dabei verband er gekonnt Beton und Botanik: auf den Langseiten schmiegen sich die Zuschauerränge an den Hügel, Nord- und Südkurve sind unbebaut und durch dichte Hecken begrünt. Die Haupttribüne wird von einem scheinbar schwerelosen, weit überkragenden Betondach vor Regen geschützt, die Gegengerade bilden unüberdachte Stehblöcke. Im Süden blickt ein geschwungener Betonbau mit Terrasse in den Stadiontrichter. Das hier beheimatete Sporthallenzentrum bietet Platz für sämtliche olympische Hallensportarten und verfügt im Tiefgeschoss über ein Schwimmbad mit 50-Meter Becken.

 

Bonner Ambitionen

Der Bonner SC bezog die neue Spielstätte im Jahr 1970. Der Verein war fünf Jahre zuvor aus der Fusion der Traditionsclubs Bonner FV und Tura Bonn entstanden und sollte das neue Selbstbewusstsein der jungen Hauptstadt auch in den Profifußball tragen. Tatsächlich besiegten die Bonner 1967 den FC Bayern München mit 3:1, 1977 spielten sie sogar für eine Saison in der Zweiten Bundesliga und im DFB-Pokal. Der Höhenflug währte jedoch kurz, es folgten wirtschaftliche Probleme, Zwangsabstiege und die Insolvenz 2010. In den letzten Jahren ging es jedoch wieder aufwärts beim BSC, die Mannschaft stieg nach dem Neuanfang in der 7. Liga mehrfach auf, Höhepunkt der jüngeren Vereinsgeschichte ist die aktuelle Qualifikation für den DFB-Pokal. Auch das Stadion spiegelt diesen Aufwärtstrend wider. 2011/12 wurde es saniert und mit Anzeigetafel und Flutlichtanlage ausgestattet. Die vier charakteristisch geneigten Masten nehmen die Trichterform auf und überragen das Stadion wie überdimensionale Schreibtischlampen. Für den Entwurf zeichnete Jan van Dorp, der Sohn des Stadionarchitekten, verantwortlich. Wer den Bau in Gebrauch erleben möchte, dem bietet sich am 13. August eine gute Gelegenheit: zur ersten Runde des DFB-Pokals kommt Hannover 96 in den Sportpark Nord. Wer es nicht in die Bundesstadt schafft, kann zumindest auf den seltenen Torruf in der Fernsehkonferenz und eine Schalte in den Sportpark hoffen. (jr, 18.7.17)

Titelmotiv: Blick in den Sportpark Nord von der Terrasse des Sporthallenzentrums (Bild: Eckhard Henkel, CC BY SA 3.0)

Berlin, Studentendorf Schlachtensee (Foto: Wolfgang Reuss, Bild aus: "Leben im Denkmal", Gebrüder Mann Verlag)

Moderne Schatzsuche

von Dina Dorothea Falbe

Wie wohnt es sich in Haus und Garten der Dadaistin Hannah Höch? Wie in der Stalinallee oder der Berliner Unité d’habitation? Insgesamt 79 denkmalgeschützte Bauten und Gärten in ganz Berlin porträtiert das Buch in Schwarzweiß-Aufnahmen von Wolfgang Reuss und Beschreibungen vom Denkmalpfleger Dietrich Worbs. Gemäß dem Titel „Leben im Denkmal“ geht es dabei nicht nur um die Architektur selbst, sondern auch um die Menschen in ihr, denn „die Denkmale dokumentieren als steinernes oder grünes Archiv die Lebensläufe der Bauherren, Architekten, Bewohner und Nutzer“.

 

Wem der Bau etwas bedeutet

Die im Buch gezeigten und kommentierten Fotografien entstanden zwischen 2003 und 2015 und sind teilweise selbst bereits zu Zeitdokumenten geworden. Anstelle des inzwischen neugebauten Bahnhofs Ostkreuz befand sich beispielsweise eine angenehm schlicht und filigran gestaltete Anlage, entstanden zwischen 1900 und 1914. Auch in die 2011/12 abgerissene Deutschlandhalle kann der Leser durch die Linse von Wolfgang Reuss einen letzten Blick werfen. Manche Orte werden die meisten nie betreten und können sie hier sehen: so der Tresorraum in der ehemaligen Reichbank – entstanden nach einem Wettbewerb der Nazis, später Finanzministerium der DDR, heute nach Umbauten von Kollhoff und anderen das Archiv der Auswärtigen Amtes. Andere Orte, wie das Strandbad Wannsee, scheinen im kollektiven Gedächtnis eine größere Rolle zu spielen als im heutigen Alltag.

Gerne wurden jene Menschen, denen der Bau etwas bedeutet, gemeinsam mit dem Denkmal porträtiert. Dietrich Worbs, der lange im Landesdenkmalamt arbeitete und auch heute noch im freiwilligen Denkmalbeirat des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf tätig ist, schreibt in seinem Vorwort: „Das vorliegende Werk ist ein Dank an all diejenigen die sich als Eigentümer, Bewohner, Nutzer oder einfach als Bürger dieser Stadt dafür eingesetzt haben und sich weiterhin dafür einsetzen, daß diese Welt der Denkmale in einer sich schnell und radikal verändernden Umwelt für die nächsten Generationen erhalten bleibt.“ Der Denkmalpfleger berichtet von gescheiterten, aber auch von erfolgreichen Erhaltungsinitiativen – gerade wo es um „Bauten der klassischen Moderne“ oder „der Nachkriegsmoderne“ geht, wie die Kapitelüberschriften lauten. Beispielsweise konnte der Umlauftank von Ludwig Leo aus den Sechziger-/Siebzigerjahren durch Engagement der TU Berlin und der Wüstenrot Stiftung gerettet werden. Bürgerinitiativen setzten sich erfolgreich für den Erhalt der Kant-Garagen von 1929/30, sowie des Studentendorfes Schlachtensee aus den späten Fünfzigern/frühen Sechzigern ein.

 

Leben im Denkmal

Manche Umnutzungen überraschen: Im ehemaligen Reichsmilitärgericht, wo zur NS-Zeit das Reichskriegsgericht tagte, gibt es heute keine öffentliche Gedenkstätte, stattdessen wird dort luxuriös gewohnt. Umgekehrt sind gerade auch die Bauten, die zur privaten Nutzung dienen sollten, von öffentlichem Interesse – besonders dann, wenn sie von bekannten Architekten stammen: Das Haus Lemke ist das letzte Werk von Mies van der Rohe vor seiner Emigration in die USA. Nach fachkundiger Sanierung ist es heute als Kunstgalerie zugänglich. Zur Interbau 1957 entwarf Alvar Aalto ein Mehrfamilienhaus im Hansaviertel, das auch heute noch beliebt ist. Ebenfalls zur Interbau entstand Le Corbusiers Unité d’habitation Typ Berlin an der Flatowallee. Dort richtete eine kleine Initiativgruppe der Eigentümergemeinschaft eine Musterwohnung her, die 2007/08 für ein Jahr besichtigt werden konnte.

Wer sich in diese Berichte, in die vielen kleinen Geschichten einliest, wird feststellen: In diesem Buch steckt nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Herzblut. Alle vorgestellten Denkmale, privat oder öffentlich, bekannt oder unbekannt, egal aus welcher Zeit sie stammen – sie alle treten gleichwertig auf. Mit diesem Buch kann man auf Schatzsuche gehen, es taugt als Reiseführer, nicht nur für Touristen, sondern besonders für Berliner. Die Stadt ist groß und wunderbar, manche gut versteckte Kleinode lassen sich nur erkennen, wenn man ihre Geschichte kennt. Diese Geschichten erzählt Dietrich Worbs in seinen Texten. Nicht immer sind die wichtigsten Informationen auf den ersten Blick zu erfassen. Vielleicht würde eine gesonderte Bildunterschrift sie zugänglicher machen. Die Denkmale sind wie dieses Buch: Man muss sich auf sie einlassen – es lohnt sich, dies zu tun! (12.7.17)

Reuss, Wolfgang/Worbs, Dietrich, Leben im Denkmal – Berliner Bauten, Gärten und ihre Geschichten, Gebrüber Mann Verlag, Berlin 2016, 186 Seiten, 79 Schwarzweiß-Abbildungen, 24 x 24 cm, Hardcover, ISBN 978-3-7861-2775-8.

Titelmotiv: Berlin, Studentendorf Schlachtensee (Foto: Wolfgang Reuss, Bild aus: „Leben im Denkmal“, Gebrüder Mann Verlag)