ESSAY: Heimat Beton

von Martin Bredenbeck (Foto-Spezial 16)

Martin Bredenbeck nebst Schwester 1984/85: "Der Bungalow steht in Oostkapelle, Halbinsel Walcheren, südliche Niederlande. Da waren wir regelmäßig im Urlaub. Es war eine ganze Siedlung aus solchen Bungalows, super für uns Kinder mit all den Hecken und Gärten dazwischen. Im Haus stand eine afrikanische Trommel, die wir zur Freude der Eltern und Nachbarn eifrig betätigt haben. Der Bungalow heißt bei uns bis heute 'Trommelhaus'." (Bild: privat)
Martin Bredenbeck nebst Schwester 1984/85 in Oostkapelle: „Es war eine ganze Feriensiedlung aus solchen Bungalows. Im Haus stand eine afrikanische Trommel, die wir zur Freude der Eltern eifrig betätigt haben. Der Bungalow heißt bei uns bis heute ‚Trommelhaus‘.“

„Suchst Du mir bitte ein paar Kinderfotos vor der Johanniskirche raus?“ So die Anfrage an meine Mutter, um diesen Beitrag bebildern zu können. Aus den Kinderjahren in der evangelischen Johanniskirchengemeinde in Mülheim an der Ruhr musste es solche Aufnahmen geben, da war ich ganz sicher. Wie viele (Kinder-)Gottesdienste, Gemeindefeste, Frauenhilfsnachmittage und Bastelstunden hatten wir dort nicht als Pfarrfamilie erlebt! Aber leider fand sich in den Alben daheim kein einziges Foto, das mich und die Kirche gemeinsam zeigte. Es fand sich kaum eines, das überhaupt die Kirche zeigte. Hatten meine Eltern das Zentrum eines ganzen Lebensabschnittes so zurückhaltend fotografiert? Um nun nicht collagieren zu müssen, eingedenk früherer Bastelstunden, änderten wir die Suchstrategie: „irgendwas mit mir und moderner Architektur“. So lassen sich daran nun doch schöne Geschichten erzählen über meine Kindheit in und mit der Nachkriegsmoderne.

 

Bungalowbild nebst Mutter

Martin Bredenbeck nebst Mutter 1978/79 und 2016: „Unser Mülheimer Pfarrbungalow ist wegen der Hanglage zur Rückseite – was man hier auf den Fotos zur Straßenseite nicht sieht – zweigeschossig: ein ferner Nachhall der Villa Tugendhat.“

Das „Original“ zeigt Mutter und Sohn Bredenbeck (Jahrgang 1977) 1978/79 auf den Stufen zum Pfarrhaus. Anfang Oktober 1976 zogen die Eltern dort ein, denn für Horst Bredenbeck begann damals seine Verpflichtung als Pfarrer in Mülheim an der Ruhr. Johanniskirche und Pfarrhaus waren damals ziemlich junge Bauten. Umso mehr Beton die 1965 eingeweihte Kirche enthält, umso weniger das Pfarrhaus: Es handelt sich um einen wenige Jahre nach der Kirche errichteten Metallfertigteilbau mit Gipskartonplatten. Die Gemeinde kaufte damals übrigens direkt zwei Exemplare, aber nicht „auf Vorrat“, sondern beide wurden gleichzeitig für zwei Gemeindeteile aufgebaut und sind bis heute vorhanden.

Aus Beton besteht die Unterkonstruktion (insbesondere habe ich die große Sicherheitswanne für den Heizölbehälter in Erinnerung), aber dieses Material tritt ansonsten nicht in Erscheinung. Die Ästhetik wird geprägt durch Metall, Glas und Backstein sowie durch klare und nüchterne Formen. Wohl das aufwendigste Gestaltungselement ist der Eingang, durch das Vordach mit seinen recht feingliedrigen Metallprofilen, die passende Tür und die offenen Treppenstufen. Die Backsteinhülle des Bungalows war übrigens ein Extra, das sich die Gemeinde damals geleistet hat.

 

Wohnzimmer nebst Keramikananassen

Martin Bredenbeck 1984/85 vor einem hölzernen Kunstding: "Das müsste der Skulpturenpark in Willebadessen sein. In der Gegend waren wir oft im Urlaub." (Bild: privat)
Martin Bredenbeck nebst Kletterarchitektur 1984/85: „Das müsste der Skulpturenpark in Willebadessen sein. In der Gegend waren wir oft im Urlaub.“

Was kann ich über das Innere sagen, was ausstattungsgeschichtlich (klingt wie im Dehio!) relevant wäre … In der Diele gab es eine grüne Textiltapete und Wandlampen mit verspiegelten Glühbirnen. Zwischen Küche und Essbereich bestand die Wand aus beidseitig zu öffnenden Schränken (Resopalplatten?) und einer eingebauten Durchreiche. Die hintere Diele – Verteiler zu den Schlafzimmern – hatte eine Kunststoff-Lichtkuppel und das Elternbad moosgrüne Wandfliesen. Das Beste war das Wohnzimmer mit Grastapete und dunkelbraunen Cordsofas. Die gibt’s leider nicht mehr, aber die Kirschholzmöbel sind geblieben.

Die Einrichtung enthielt auch einige ältere Stücke aus dem 19. Jahrhundert, darunter ein raumhoher Wandspiegel im Flur, kleine Beistelltische mit goldgeprägter Lederoberfläche im Wohnzimmer, irgendwo eine Blumensäule und eine ehrfurchtgebietende Wanduhr (ein Geschenk von einem Männergesangsverein). Das alles war, wie ich mir das heute erschließe, eine um 1975 durchaus typische Mischung: einerseits Modernität (gemäßigt, gar nicht futuristisch oder schrill), andererseits das Wiederentdecken des Historismus durch Flohmärkte und Erbstücke. Besonders kurios waren die Lampen, die meine Eltern Anfang der 1970er für besagte Beistelltische erworben hatten: Für teures Geld und daher im Abstand von zwei Jahren kamen aus Italien zwei niegelnagelneue Keramikananasse (Welch seltene Gelegenheit für diesen Plural!), die aber irgendwie so schon 1875 hätten gemacht worden sein können.

 

Kirchturm nebst Kegelbahn

Mülheim, Johanniskirche im Jahr 2016 (Bild: Horst Bredenbeck)
Turm nebst Deutungsebene 2016: „Der Campanile der Johanniskirche zitiert den 1966 fertiggestellten, denkmalgeschützten Stadtwerketurm im nahen Duisburg – allgemein wollte die nachkriegsmodernen Sakralarchitektur gleichsam Erinnerung an die Alltagswelt sein, aber in künstlerisch überhöhter Form.“

Umso moderner war die zugehörige Kirche: Die Evangelische Johanniskirchengemeinde war ein Kind der Expansion des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, ausgepfarrt aus der Altstadtgemeinde mit ihrem historischen Kirchenbau. An der bergauf nach Essen führenden Aktienstraße hatte die Gemeinde 1913 eine neuromanische Kirche mit Werksteinfassade errichtet. Als der Zweite Weltkrieg endete, war dieser Bau kaum 30 Jahre alt und doch stilistisch veraltet. Zudem hatte ein Bombenangriff 1943 starke Schäden verursacht. Für einen zeitgemäßen Neubau war zunächst kein Geld da, aber bald nach 1960 wurde das Projekt in Angriff genommen. Vom ruinösen Altbau hat man sich wohl leichten Herzens getrennt, den stattlichen Neubau aus Glas, Stahl und Beton am 19. September 1965 eingeweiht. Der Entwurf des Architekten H. Stumpf beruht auf Dreiecksformen, vom straßenbildprägenden hohen Zeltdach bis zum weithin sichtbaren Campanile.

Das alte Gemeindehaus wurde in den 1980er Jahren abgerissen für einen zeittypischen Neubau, dessen polygonal gebrochener Grundriss und der in Einzelkompartimente zerlegte Baukörper überaus zeittypisch sind. Wenn ich an die vielen Extras denke, die man sich damals leistete: Kaminzimmer, Kellerbar, bewegliche Sonnensegel und Kegelbahn! All das ist mittlerweile längst „ad acta“ gelegt, außer Funktion und teilweise ausgebaut. In der Euphorie eines echten Gemeinde-Zentrums geplant, konnte das Haus nicht dauerhaft mit genug Leben gefüllt werden. Oder anders: In Bars geht man immer noch, man kegelt und feiert Familienfeste, aber eben nicht in Gemeindezentren. So ist das ja auch mit den Kirchen. Die Menschen sind 2016 wahrscheinlich nicht „spiritueller“ als 1965, 1975 oder 1985, aber sie haben dafür andere Wege gefunden. Und wenn wir in „spiritueller Stimmung“ sind, wollen wir das Andere, das Besondere erleben.

 

Umzug nebst Zeitsprung

Mülheim/Ruhr, Vorgängerbau der Johanniskirche (historische Aufnahme)
Vorgängerbau nebst Stilmix um 1913: „Die erste Mülheimer Johanneskirche entstand in einer ganz späten Neuromanik, mit einem Einschlag von Jugendstil und Reformarchitektur.“

Während die Johanniskirche im wesentlichen so dasteht wie 1965 und in meiner Erinnerung und mittlerweile vorsorglich vom Amt für Denkmalpflege im Rheinland begutachtet wurde, hat sich der Pfarrbungalow verändert. Viele Möbel wurden schon zu meiner Zeit, in der zweiten Hälfte der 1980er Jahren, gegen neue ausgetauscht. Die braunen Cordsofas, die heute wahrscheinlich ein Vermögen wert wären, wanderten von dannen, fröhlich pastellfarbene Veloursofas traten an ihre Stelle. Neue Wandverkleidungen wurden gespannt und ins Elternbadezimmer zog – natürlich – eine Hewi-Ausstattung ein.

Wir selber zogen 1989 in einen anderen Stadtteil um, wo fortan ein Wohnhaus aus der Zeit um 1910 und eine neugotische Kirche von 1883 unsere Ankerpunkte wurden. Es wäre spannend, darüber nachzudenken, in welche Richtung die Sozialisation unkomplizierter war: Es war für uns wohl leichter, von 1970 zu 1880 zu wechseln als umgekehrt. Von Anfang an im Altbau aufgewachsen und gebetet, da hätte ich mich wohl schwerer getan mit einem modernen Pfarrhaus und einer modernen Kirche. Das liegt auch daran, dass es die Moderne irgendwann seit den späten 1970er Jahren allgemein zunehmend schwerer hatte. Schon das neue Gemeindehaus der 1980er Jahre war ja ein Kind eben jener Veränderung: kein bewusst querstehender Solitär, sondern geprägt durch Einfügung, Maßstäblichkeit und angepasste Materialität (Backstein …).

 

Erinnerung nebst Realitätsabgleich

Mülheim/Ruhr, ehemaliger Pfarrerbungalow Bredenbeck im Jahr 2016 (Foto: Horst Bredenbeck)
Pfarrbungalow nebst Wärmedämmverbundsystem: „Neu ist z. B. das Türblatt – von modern zu postmodern – und die Außendämmung mit hellcremigem Farbanstrich sowie einer verschieferten Traufkante.“

Nach unserem Weggang aus der Gemeinde 1989 verloren wir den Bungalow jahrelang aus den Augen. Beim Wiedersehen 2016 ist die äußere Grundstruktur gleich geblieben, ja, der ganze Treppenvorbau ist nahezu unverändert. Verändert haben sich indes viele Details. Wenn ich die Bilder vergleiche, kommt mir der alte Zustand gestalterisch konsequenter vor, irgendwie stimmiger. Der neue Zustand hat auch sein Recht, einmal wärmetechnisch, einmal ästhetisch. Der alte jedoch war es, mit dem ich aufwuchs und der mich geprägt hat.

Diese Erinnerung ist die Heimat, weniger das heute ja immer noch stehende Gebäude. Bei der Kirche gibt es diese Diskrepanz nicht – aber der persönliche Bezug zum Pfarrbungalow und zum Gemeindezentrum war insgesamt stärker als zur Kirche, einem Sonderbau. Auch wenn wir Pfarrerkinder die Kirche natürlich in- und auswendig kannten: Vielleicht wird man eines Tages dort die Orgel ausbauen (wenn, dann hoffentlich wegen Renovierung, nicht wegen Schließung). Dann wird man in ihrem Innenleben einen Flummi wiederfinden, den meine Schwester und ich in Kindertagen im spielerischen Ungestüm hineinmanövriert haben. Falls der Kunststoff die Jahrzehnte überstanden haben sollte, muss ich mir diesen Flummi zurückholen – er ist auch ein Baustein aus der Heimat.

Wir danken dem Vater, Pfarrer i. R. Horst Bredenbeck, und der Mutter, Christa Bredenbeck, für die aktuellen Aufnahmen.