Gerichtlich genehmigter Abriss

Während moderneREGIONAL weiterhin an einem Überblick zur Baukunst der 1990er Jahre arbeitet, zeigt sich (wieder einmal), wie drängend dieses Vorhaben ist: Das Landgericht Potsdam hat geurteilt, dass das Terrassenhaus der Mitte der 1990er Jahre entworfenen und bis 2002 errichteten Potsdamer Nutheschlange abgerissen werden darf. Das Hauptargument des Gerichts für den Abriss liegt in der Aufgabe der kommunalen Wohnungsbaugesellschaft: Die Schaffung von Sozialwohnungen, die in einem deutlich dichter ausgeführten Neubau in größerer Zahl vorhanden wären als im sanierungsbedürftigen Bestandsgebäude. Der baukulturelle Wert und damit auch die Ungewöhnlichkeit der Nutheschlange als Gesamtkomposition scheint bei der Urteilsfindung keine größere Rolle gespielt zu haben, das Urheberrecht der Architekt:innen wird nach Ansicht des Gerichts durch die in der Kommunalverfassung festgehaltene Aufgabe des sozialen Wohnungsbaus ausgehebelt. Ein möglicher Denkmalwert wurde erst gar nicht in Betracht gezogen nachdem das zuständige Landesamt 2021 einen solchen nicht vermochte festzustellen.

Der jahrelange Kampf zwischen Wohnungsbaugesellschaft ProPotsdam (pro Abriss) und den Architekten Doris und Hinrich Baller sowie der von Bewohner:innen und Architekturfreund:innen getragenen Initiative Nutheschlange ist aber damit nicht zu Ende. Denn noch steht das Gebäude. Und sowohl die Initiative, die sich seit Jahren für den Erhalt und die Sanierung des Gebäudes einsetzt, als auch die Architekt:innen wollen weiter für den Erhalt des markanten Kopfbaus kämpfen. Auch haben Hinrich und Doris Baller als Streitpartei noch die Möglichkeit, gegen das Urteil in Berufung zu gehen. moderneREGIONAL hat die Nutheschlange vorsichtshalber aber schon einmal porträtiert: Im 2021 erschienenen Buch “Das Ende der Moderne?” geht Christian Kloss intensiv auf die “Balleresken” Architekturen der 1990er Jahre ein. (fs, 19.6.22)

Potsdam, Nutheschlange (Bild: Initiative Nutheschlange)

Der unbekannte Bauhäusler

Nach dem hundertjährigen Bauhaus-Jubiläum und zahlreichen Begleitveranstaltungen fühlte man sich eigentlich, als wüsste man alles über die Designschule. Oder würde zumindest ihre bedeutendsten Gestalter:innen dem Namen nach kennen. Dass dies nicht so ist und manche Namen zwischen Gropius, Breuer und Brandt im Rückblick fast untergegangen sind, beweist nun eine Ausstellung im Berliner Kunstgewerbemuseum: Erstmals seit über 30 Jahren wurde dort dem Möbelgestalter und Bauhäusler Erich Dieckmann (1896–1944) eine große Einzelausstellung gewidmet. Rund 120 Möbel, Grafiken, Entwürfe und Zeichnungen sowie zeitgenössischen Positionen sind zu sehen – alles dreht sich um Dieckmanns gestalterische Ansätze.

Denn ebenso wie Marcel Breuer war er ein visionärer Designer, der in streng geometrischer Manier mit Formen und Materialien experimentierte und umfangreiche Typenmöbelprogramme erstellte. Letztere entwickelte er um 1930 für Einrichtungskonzepte, die darauf ausgelegt waren, ganze Räume, wie Arbeits-, Wohn- und Schlafzimmer auszustatten. Möglich wird die Ausstellung, die zuerst in Halle zu sehen war und nun bis zum 14. August in Berlin gastiert, unter anderem durch den Ankauf und die anschließende Erschließung von Dieckmanns zeichnerischem Nachlass durch die Berliner Kunstbibliothek. (fs, 26.05.2022)

Erich Dieckmann, Sessel Nr. 8139 (Bild: Galerie Fiedler)

Architekturgeschichte der Ukraine

Während wir täglich Bilder vom Krieg in der Ukraine, von Toten und Verletzten, zerschossenen Gebäuden und zerstörten und gefährdeten Denkmalen und Kulturgütern sehen, wissen die meisten von uns nur sehr wenig über die Kunst- und Architekturgeschichte der Ukraine. Das zu ändern haben sich verschiedene Institute der TU Berlin unter Federführung des Fachgebiets Städtebauliche Denkmalpflege und urbanes Kulturerbe (Prof. Dr. i.R. Gabi Dolff-Bonekämper) in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Nationalkomitee von ICOMOS vorgenommen.

Gemeinsam laden sie zu einer Ringvorlesung ein, im Rahmen derer Wissenschaftler:innen und Künstler:innen aus der Ukraine jeden Freitag über die Kunst- und Architekturgeschichte ihres Landes sprechen werden. Die erste Veranstaltung findet bereits an diesem Freitag, dem 6. Mai ab 16.00 Uhr statt. Sprechen wird die Architekturhistorikerin Svitlana Smolenska zum Thema “Modernist Architecture and Architectural Heritage in Kharkiv”. Die Zugangsdaten zum Zoom-Meeting sowie alle weiteren Referent:innen und deren Themen und Termine sind hier zu finden. (fs, 5.5.2022)

Kiew, Markthalle Rey, 1980 (Bild: robert at made-by-architects.com, CC BY NC-ND 4.0)