von Daniel Bartetzko (24/2)

Vor 25 Jahren war die Bonner Republik endgültig Geschichte: 1999 zog das Parlament in die neue, alte Bundeshauptstadt Berlin. Die historische Einordnung der abgeschlossenen Ära des “Alten Westdeutschlands” ist heute längst im Gange, und sie beinhaltet natürlich auch ihre Bauten. Der bewertende (Rück-) Blick von Historiker:innen, Denkmalämtern, Investor:innen, neuen Besitzer:innen auf das westdeutsche Bauen ist aus dem Zeitabstand von mindestens 35 Jahren folgerichtig. Doch wie sah sich die Bonner Republik eigentlich architektonisch selbst? Das Buch “Bauten des Bundes 1965–1980” von Wolfgang Leuschner, Herausgegeben vom damaligen Bundesministerium für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, legt Zeugnis über die mittleren BRD-Jahre ab. Es war die Zeit nach dem Mauerbau, der die Deutsche Teilung 1961 verfestigte und dem Ende der Ära des ersten Bundeskanzlers Konrad Adenauer 1963. Das Povisorium Bonn als Bundeshauptstadt schien zur Dauerlösung zu werden, entsprechend nahm die Bautätigkeit des Bundes zu. Über 80 Gebäude, dazu Kunstwerke, Wettbewerbsentwürfe sowie Reden und Rezensionen werden in “Bauten des Bundes 1965–1980” vorgestellt: im Bild dokumentarisch, in der Beschreibung sachlich und reflektiert. Und es sind nicht nur Leuchtturmprojekte wie das Bonner Abgeordnetenhochhaus von Egon Eiermann zu sehen. Gezeigt werden auch die Bundesanstalt für Milchforschung in Kiel (Architekt Otto Christophersen) oder die Bundesgrenzschutz-Unterkunft Swisttal-Heimerzheim (Ing. Gesellschaft Denzinger KG). Wer kennt sie?

links: Bonn, Heinrich-Brüning-Straße 20, ehemals Presseclub (Bild Eckhard Henkel, via Wikipedia, CC BY SA 3.0); rechts: Kiel, Neubau Hochhaus der Bundesanstalt für Milchforschung (BAfM), 1976 (Bild: Friedrich Magnusson, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0)

links: Bonn, Heinrich-Brüning-Straße 20, ehemals Presseclub (Bild: Eckhard Henkel, via Wikimedia Commons, CC BY-SA 3.0); rechts: Kiel, Neubau Hochhaus der Bundesanstalt für Milchforschung (BAfM), 1976 (Bild: Friedrich Magnusson, Stadtarchiv Kiel, CC BY-SA 3.0)

Fast zwangsläufig fand “Bauten des Bundes 1965–1980” den Weg ins Bücherregal meines Großvaters: Er war als Abteilungsleiter beim Statistischen Bundesamt quasi selbst Teil der Bonner Republik, verbrachte auf Kongressen, Empfängen und Tagungen viel Zeit in etlichen der vorgestellten Bauten. Anlässlich seines Ruhestands 1982 erhielt er den Band als Geschenk, nach dem Tod meiner Großeltern fand er den Weg zu mir. Heute bekommt man dieses Kompendium für unter zehn Euro antiquarisch. Für Historiker:innen und Denkmalpfleger:innen ist es unbezahlbar. Und es ist einer der Beweggründe, dieses moderneREGIONAL-Heft “Bonner Republik” zu produzieren!

“Keine Namen!”

Herausgeber des Buchs war der SPD-Politiker Dieter Haack (*1934). Namentlich taucht er nicht auf, unter seinem Vorwort steht nur “Der Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau”. Es geht um Gebäude, nicht um Personen, die Linie ist deutlich. “Die vorliegende Dokumentation will (…) zeigen, wie sich diejenigen, die institutionelle öffentliche Verantwortung tragen, mit ihrer Bauaufgabe auseinandersetzen”, schreibt Haack. Es ist wohl Autor Wolfgang Leuschner, der in der ebenfalls nicht mit Namen gezeichneten Einleitung etwas sperrig sagt, es sei “eine Bestandsaufnahme daraus geworden, gleichzeitig eine Standortbestimmung des Bundes als Bauherr und der Bauverwaltungen als der für die Baumaßnahmen zuständigen Behörde”. Zwangsläufig ist eine solche Sammlung auch eine Leistungsschau, doch ebenso stellt sich das Ministerium der Debatte und der Bewertung der Projekte durch Dritte. Von Hochglanzbildern keine Spur, nur wenige Gebäude sind in Farbe dargestellt. So das Münchener Olympiagelände (heute UNESCO-Welterbe) und ein poppiger Spätmoderne-Traum: das von 1977 bis 1979 errichtete Kasino und Sitzungsgebäude des Bundesinnenministeriums in Bonn (Planung und Bauleitung: Bundesbaudirektion). Außer einigen Luftbildern ist von diesem noch immer genutztem Gebäude kein aktuelles Foto zu finden. Ob sein Seventies-Interieur überlebt hat?

Bonn, Kasino- und Sitzungssaalgebäude des Bundesministerium des Innern 1979 (Bild: Buchfoto, Daniel Bartetzko)

Drei Seiten widmet das Buch dem von 1973 bis 1976 errichteten Bundeskanzleramt (Planungsgruppe Stieldorf). Der eher strenge, flache Baukörper wurde schon zu seiner Bauzeit hart kritisiert. So von Heinrich Klotz, versierter wie wortstarker Kritiker der Bonner Staatsarchitektur (“Wiedergutmachungsmoderne”). In seinem Essay “Ikonologie einer Hauptstadt – Bonner Staatsarchitektur” polemisierte er 1978 kunstvoll: „Da jedoch die Architekten darauf achteten, daß die Ausdrucksschwere keinerlei Aufhellung durch differenzierte Mannigfaltigkeit des Details findet, daß auch jede Stütze und jedes Brüstungsband à la Mies van der Rohe in größter Simplizität zum Ausrutschen glatt gehalten ist, kommt es dem Besucher so vor, als müsse der gesamte stählerne Raumkäfig in schwärzester Seriosität eine anhaltende Schwermut ausbrüten, als zöge ein Begräbnis vorbei: – ein schwarzer Tripelkatafalk.“ Eine der versöhnlichsten (nur minimal vergifteten) Einschätzungen kam von Manfred Sack. In der “Zeit” schrieb er, das Gebäude sei “eins der letzten, mit Verve probierten Beispiele des sogenannten ,internationalen Stils’, der die Architektur reduziert auf Material und Proportion: Sie will selbst nichts ausdrücken, sie will nur das Gehäuse sein, das seinen Benutzern (politischen) Ausdruck erlaubt.” Und was schrieb Wolfgang Leuschner im Bundes-Buch 1980? “Von Anfang an stand der Neubau wegen seiner Gestaltung in der öffentlichen Kritik. Anerkannt wird die Erfüllung der funktionellen Anforderungen (…) Dagegen werden die städtebauliche Eingliederung und die architektonische Gestaltung nicht positiv bewertet”. Selbstbeweihräucherung klingt anders. Helmut Schmidt, 1976 Kanzler und der erste Hausherr, soll das Gebäude leidenschaftlich gehasst haben. Heute steht es unter Denkmalschutz.

Bonn, Ex-Bundeskanzleramt, heute Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung; ehem. Kanzler-Arbeitszimmer. (Bild: Sir James, CC BY-SA 3.0)

Eine Generation tritt ab

Wie sehr eine ganze Gebäude-Generation heute durch neue Sicherheits- und Energievorschriften bedroht wird, und auch, wie sehr sich tatsächlich die Nuntzungsanforderungen geändert haben, zeigt unter anderem das Beispiel der Bundeswehrfachschule Karlsruhe (1976–1979, Staatliches Hochbauamt Karlsruhe). Wolfgang Leuschner gönnte dem gerasterten Betonskelettbau nur eine Beschreibung der Funktionen und der technischen Ausführung. An diesem Ort, einer Kombination aus Wohnheim und Schulgebäude, konnten Bundeswehrangehörige dienstzeitbegleitend (höhere) Schulabschlüsse nachholen. 40 Jahre blieb das Gebäude in Nutzung, dann zog die Bundeswehr in einen (lange geplanten) Neubau, der Altbau liebt seitdem brach. Eine Studentin des Karlsruher Institut für Technologie (KIT) hat 2022 ein Konzept zur Umnutzung als Wohngebäude vorgelegt: “Um dem Bedarf von bezahlbaren Wohnungen und einer langfristigen Sicherheit dieser zu gewährleisten, wird die zweite Nutzung, die Umnutzung zu Wohnen in einer Genossenschaftsform angestrebt. Wohnfläche wird als wertvolle Ressource angesehen und so effizient wie möglich eingesetzt, um der aktuellen Bewegung der größer werdenden Wohnfläche pro Person entgegenzuwirken”, schreibt Paula Josefine Holtmann, die den Bau upcyclen möchte und die Graue Energie dort belässt, wo sie hingehört. Der Betonstaub vieler anderer Beispiele des Buchs wurde hingegen längst in die Atmosphäre geblasen. Darunter die Hamburger Zollbauten oder das Funkhaus am Raderberggürtel in Köln, von 2019 bis 2021 abgerissen. Wie so viele Bundesbauten war es ein Werk der Planungsgruppe Stieldorf.

Tristesse de Luxe (Bild: Uta Winterhager, Köln, Deutsche Welle)

Köln, Deutsche-Welle-Hochhaus 2015, links das 1980 eingeweihte Deutschlandfunk-Haus von Gerhard Weber, seit 2024 unter Denkmalschutz (Bild: Uta Winterhager)

Weitere Kapitel widmet Wolfgang Leuschner der Kunst am und im Bau, denkmalgerechten Umgestaltungen sowie Modellen und Entwürfen: Der “Städtebauliche Ideenwettbewerb zur Integration der Bauten des Bundes in die Stadt Bonn” bietet alles, was man an der 1970er-Jahre-Moderne lieben wie auch hassen kann: Mehrere Entwürfe für einen neuen Parlamentssitz rund ums neue Abgeordnetenhochhaus hätten Bonn wahlweise zu Manhattan, zur Frankfurter Nordweststadt oder zum deutschen Brasilia gemacht. “Die Neubauten sollen die Bundesrepublik würdig, nicht in Gigantismus, sondern als Monument repräsentieren, wobei zwischen Bescheidenheit und Schäbigkeit ein Unterschied besteht. Die Bauten für den Staat sind letztlich ein Ausdruck der Selbstachtung der Demokratie”, wird in der Kapiteleinleitung Carlo Schmid zitiert, der einer der Preisrichter war. Die Frage stand seit 1945 immer im Raum: Wie Bauen nach dem Nationalsozialismus? Die längst abgeräumte Neugestaltung des Reichstagsgebäudes (Architekt Paul Baumgarten, 1964–1969) war Zeugnis demokratisch gesinnter Zurückhaltung. Wolfgang Leuschner wird in der Erläuterung dieses symbolträchtigen Orts deutscher Geschichte dagegen geradezu euphorisch: “Der Besucher hat nirgends das Gefühl der Bedrückung. Die Großzügigkeit der fließenden Räume, mit ihrer Durchsichtigkeit und Weite ist eindrucksvoll (…)” es werde “der Grundgedanke des Entwurfs deutlich, nämlich durch Zurücknahme der Formen im Inneren, die Architektur des Wallot-Baus von außen her einfließen zu lassen.” Drei Jahrzehnte später war diese Geste – die auch den Verzicht der zentralen Kuppel bedeutete – nicht mehr kraftvoll genug: Von 1995 bis 1999 entstand in der historischen Hülle ein komplett neuer Parlamentsbau, der mit seiner Einweihung die Bonner Republik auch geographisch beendete.

Bauten des Bundes 1965–1980, Buchfoto (Bild: Daniel Bartetzko)

Früh überholt

Was bleibt von “Bauten des Bundes”? Nachdenklich ist der Ton, die angehängten Redemanuskripte und die Pressestimmen nicht frei von Kritik und Selbstkritik. Statt Hurrastil schien architektonisch eher das Zerreden bis ins Detail – oder besser: bis in die Detaillosigkeit – vorgeherrscht zu haben. Und auch, wenn der betrachtete Zeitraum von 15 Jahren durchaus weit gefasst ist, war das Buch schon zur Wiedervereinigung 1990, als es kaum zehn Jahre alt war, überholt. Überholt von der Architekturentwicklung und erst recht von der Geschichte. Die Postmoderne, die Zitierfreude, Humor und auch mal große Geste der Zurückhaltung vorzog, beherrschte die Formensprache der späteren 1980er. Viele vorgestellte Bundesbauten galten schon als öde und technokratisch. Und das Provisorium Bonn, das dann doch kein Provisorium mehr sein sollte, geriet schließlich wieder zu einem: Der dortige neue Parlamentssaal, 20 Jahre geplant und vier Jahre gebaut, wurde 1992 eingeweiht. Da war der Bau von Günter Behnisch bereits obsolet: 1991 bereits fiel der Beschluss, den Regierungs- und Parlamentssitz nach Berlin zu verlegen. Am 7. Dezember 2000 wurde der Saal als jüngstes Bonner Baudenkmal mit Zustimmung der Baukommission des Bundestages in die geschützte Gesamtanlage Bundeshaus einbezogen.

Bauten des Bundes 1965-1980 (Bild: Daniel Bartetzko)

Wir bauen am Bund: Bauten des Bundes 1965–1980 (Bild: Daniel Bartetzko)

“irre ich mich in der Meinung, daß Bauen sich ereignet als die Vision eines Künftigen, das in der Geschichte zur Gegenwart wird?”, fragte der Sozialdemokrat Adolf Arndt 1965 in einem Vortrag an der Berliner Akademie der Künste. Er findet sich auch in diesem Buch, das noch immer viele Antworten gibt, erst recht für Leser:innen mit dem Wissensstand von heute. Zu gerne würde man heute darin stilgerecht in der plüschigen Atmosphäre im Bonner Presseclub darin schmökern, in der Hand einen Cognacschwenker mit Scharlachberg Meisterbrand. Den gibt es noch. Der Presseclub ist aber auch längst Geschichte …

Literatur

Leuschner, Wolfgang (Hg.), Bauten des Bundes 1965–1980, hg. vom Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, Karlsruhe 1980.


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