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Kassel, Eckis Videothek (Bild: Randfilm e. V.)

Rettet die „älteste Videothek der Welt“

Das Guiness-Buch der Rekorde ist sich sicher: Dieser Kasseler Film-Shop ist „die älteste Videothek der Welt“. Hier ging bei Eckhard „Ecki“ Baum 1975 der erste Verleihfilm über die Theke. Danach ist quasi eine ganze Generation von Filmfans in der Videothek aufgewachsen. Über 20.000 Titel umfasst Eckis Filmarchiv, davon sind viele weder als Internet-Download noch im Stream, manche noch nicht einmal auf DVD verfügbar. Am 1. September 2017 soll in Kassel der Ausverkauf beginnen, am 31. Oktober wäre dann endgültig Schluss. Inhaber Eckhard Baum geht in Rente. Doch was wird dann aus seiner Videothek?

 

Eine Heimat für Filmliebhaber

Zu Beginn hieß das Projekt von Eckhard Baum „Videotheke“, weil hier die Filme über den Thresen gingen wie Bier in einer Kneipe. Eigentlich war der gelernte Schriftsetzer leidenschaftlicher Super-8-Sammler. Also verlieh er zunehmend auch an Interessierte, gegen Gebühr. Als der Laden wider Erwarten bestens lief, zog Baum vom Wolfanger in die Erzberger Straße. Rasch eröffneten „Nachahmer“ ähliche Shops und nannten sie „Videothek“ – ohne „e“, man wollte ja keine eventuellen Namensrechte verletzen. Im Interview mit dem Literaturhaus Hessen zeigte sich Baum gelassen. Ob er denn wirklich der erste Mensch mit dieser Idee gewesen sei? „Ja! Ja … irgendeiner muss es ja sein, oder?“

Bis vor wenigen Jahren führte Baum auch eine Agentur. Hier hatte er Schauspieler wie Zachi Novy unter Vertrag, besser bekannt als der (sorry) „Dicke“ aus der Filmserie „Eis am Stiel“. Und er richtete Musikveranstaltungen aus, holte z. B. Fats Domino nach Kassel. Zuletzt betrieb Baum die Videothek nur noch als Hobby, der große Boom seines Genres hatte sich längst zugunsten von Kino und Internet aufgelöst. Doch aufgeben wollte er lange nicht, war sein Laden doch für ihn ein Stück Kulturerbe. Inzwischen war er selbst zur Kultfigur geworden: Der Regisseur Olaf Saumer widmete ihm den Dokumentarfilm „Eckis Welt“.

 

Promis trommeln für Eckis Videothek

Nun steht Eckis Welt vor der Nachfolgefrage. Engagierte Filmfans will mit der Kasseler Videothek ein Stück wertvoller Zeit- und Kulturgeschichte vor dem Verschwinden retten: Randfilm e. V., ein gemeinnütziger Verein zur Förderung der abseitigen Filmkultur, der u. a. seit 2014 jährlich das Randfilmfest organisiert. Eckis Videothek soll weiterleben als gemeinnützige kulturelle Begegnungsstätte mit Cafe, Veranstaltungsort, Museum und Verleihstätte. Hierfür will Randiflm ganz konkret Mietvertrag, Ladenlokal und Bestand übernehmen und um Gastronomie, Veranstaltungs- und Screeningraum sowie ein Videothekenmuseum erweitern.

Per Crowdfunding wollen die Engagierten dafür 29.000 Euro zusammensammeln. Die Beträge können von 5 bis 1.500 Euro gestaffelt werden, die „Dankeschöns“ reichen vom Zachi-Noy-Autogramm bis zum exklusiven Randfilmfest-Wochenende. Die Teilnahme ist noch bis zum 14. September 2017 möglich. Sie wären damit in guter Gesellschaft, finden doch im Videoshop schon erste Kulturevents statt. Künstler wie Dominik Graf, Jörg Buttgereit, Prof. Dr. Marcus Stiglegger, Wolfgang M. Schmitt jr. oder Casio Rakete unterstützen das Engagement von Randfilm für den Videoshop – und das Gesangs- und Klavierduo „Pfeffer und Likör“ gab eigens ein Konzert zwischen den Filmregalen. (kb, 23.8.17)

Kassel, Eckis Videothek (Bild: Randfilm e. V.)

 

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Crowdfunding-Aufruf

Homepage der Initiative Randfilm e. V.

Prachatice, Villa Kral heute (Bild: zivavila.cz)

Soll weg: Villa Kral in Prachatice

Das Haus war für einen Abend wieder voller Leben: Die Freitreppe wurde von Gartenlichter erhellt, im Kaminzimmer standen Stühle für die Zuhörer bereit, ein Projektor warf Bilder aus alten Zeiten an die Wand. Im Sommer 2016 lockte der Architekturtag im tschechischen Prachatice (Prachatitz) zahlreiche Besucher in die Villa Kral. Eine Ausstellung zur Masterarbeit von Barbora Staňková informierte über den 1932 fertiggestellten Bau. Dr. Iris Meder, Architekturhistorikerin aus Wien, stellte das Leben und Werk des Architekten Fritz Reichl vor. Und nicht zuletzt erzählte Dr. Hans Kral, der Sohn des Erbauers, vom Mut seines Vaters, ausgerechnet in der Provinz solch ein modernes Haus errichten zu lassen.

 

Der jüdische Architekt Fritz Reichl

Die markante kubische Villa wurde in den Jahren 1931 und 1932 in Prachatice (Prachatitz) nach den Plänen des jüdische Architekt Fritz Reichl (* 2. Februar 1890 in Baden bei Wien, † 1959 in Los Angeles) aus Wien erbaut. Reichl hatte in Wien zunächst an der Kunstgewerbeschule, dann an der Technischen Hochschule Architektur studiert. Ab 1925 machte er sich mit einem eigenen Büro u. a. einen Namen durch repräsentative Einfamilienhäuser, Villen und gehobene Wohnungsausstattungen im Stil des Neuen Bauens.

Fritz Reichl hatte während der letzten Kriegsjahre zunächst das türkische Büro von Clemens Holzmeister in Istanbul und Ankara weitergeführt. 1946 wanderte er in die USA aus, arbeitete dort im Büro von Richard Neutra und verwirklichte als selbständiger Architekt neue Projekte im Geist einer internationalen Moderne. In der Villa Kral sehen manche Forscher den nüchternen Stil eines Peter Behrens aufgegriffen, andere verweisen auf Adolf Loos und die Wiener Schule. Der Bauherr Johann Nepumuk Kral bewohnte das Anwesen mit seiner Familie bis zum 21. Mai 1945. Danach zog ein amerikanischer General ein, der hier mit einem russischen General das Kriegsende feierte. Im Anschluss diente das Haus als Kinderhort. Nach Auflösung dieser Nutzung stand die Villa leer und verfiel.

 

Studenten trommeln für den Erhalt

Nachdem die Villa Kral lange dem Vandalismus preisgegeben war, etablierte sich in den letzten beiden Jahren eine Initiative zu ihrem Erhalt: Studenten mieteten das Areal und engagierten sich dafür, den Bestand zu sichern sowie den architekturgeschichtlichen und gestalterischen Wert des Bauwerks wieder sichtbar zu machen: In Eigenleistung beseitigten sie den Unrat aus den Zimmern, flickten Scheiben, reparierten die Wasserführung und beräumten das Außengelände.

Den Initiatoren gelang es, mit verschiedenen kulturellen Veranstaltungen in der Villa, das Interesse für den Erhalt des modernen Bauwerks zu wecken. Ein Förderverein unterstützt dieses Vorhaben mit etwa 800 Mitgliedern. Schließlich konnte das Kultusministerium in Prag von der architektonischen Bedeutung des Hauses überzeugt werden: Die Villa Kral wurde unter Denkmalschutz gestellt. Mit dieser Anerkennung werden auch die Aktivitäten der Initiatoren Pavla Zelenková und Barbora Staňková gewürdigt. Der Bürgermeister von Prachatice hat gegen die Entscheidung des Kultusministeriums Einspruch erhoben, um die Villa abzureißen zu können. An ihrer Stelle soll eine neue Straße entstehen. Zum diesjährigen Architekturtag wird das Haus wohl leer bleiben. (Beitrag eingereicht durch Dr. Hans Kral, 13.8.17)

 

Prachatice, Villa Kral (Bild: zivavila.cz)

 

Dieser Beitrag wurde aufgenommen in die Online-Plattform „Jüdische Architekten“.

 

Literatur

Meder, I., Offene Welten. Die Wiener Schule im Einfamilienbau 1910 – 1938, Dissertation, Pforzheim, 2004.

Erbanová, E./Šilhan, M./Švácha, R., Berühmte Villen in Südböhmen, Prag 2007 (in tschechischer Sprache).

Förderverein zum Erhalt der Villa Kral

Hans Haacke, Fotonotizen zur documenta II, 1959, ausgestellt 2017 auf der documenta XIV

Irgendwas bleibt immer hängen

Da waren jene Italienurlaube in den 1970er Jahren, als der Vater vor romanischen Kirchen die große Baukunst erklärte. Als der Sohn derweil mit dem Micky-Maus-Heft in eine nochmals andere Welt abtauchte. Die Begeisterung für Architektur sprang zwischen den Sprechblasen dann doch irgendwie über. Später. Ähnliche Szenen fotografierte Hans Haacke 1959 in Kassel auf documenta II: Ein Junge versinkt vor einem abstrakten Gemälde in seiner Comic-Lektüre, ein Mädchen ist mehr von seiner Plüschkatze fasziniert als vom Pollock-Dripping, eine Nonne sucht im Ausstellungsführer verzweifelt nach dem tieferen Sinn der vor ihr aufgebauten Plastik. Jene Fotografien werden aktuell auf der documenta XIV gezeigt. Hier blicken viele zeitgenössische Künstler zurück auf die Entstehungsjahre der documenta, als Kassel selbst gerade wiederaufgebaut wurde. So ist es nur konsequent, dass sie ihre Werke dort auch an außergewöhnlichen Orten der Architekturmoderne zeigen.

 

Kommen und Bleiben

Kassel kämpft noch immer mit dem Image der „hässlichen“, der kriegszerstörten Stadt. Doch dieses Mal präsentiert sich die nordhessische Metropole auch von ihrer nachkriegsmodernen Seite: Das Kuratorenteam hat die Kunstschau über das ganze Stadtgebiet (und streng genommen auch das von Athen) verteilt. Damit kommen auch einige sonst verschlossene Räume zu neuer Geltung. Der einstige Hauptbahnhof z. B. wird seit der Eröffnung des ICE-Halts Kassel-Wilhelmshöhe noch als Nahverkehrsknotenpunkt und „Kulturbahnhof“ bespielt. Doch die dazugehörige U-Bahn-Station, 1968 mit urbaner Geste eröffnet, verlor völlig ihre Funktion und wurde 2005 geschlossen. Zur documenta öffnete man den Zugang wieder und ließ einige Künstler dort ihre Arbeiten inszenieren: Der in Kalkutta geborene Nikhil Chopra schlug als Teil seiner Performance ein Zelt auf, das auf einer Wanderung nach Kassel mit Landschaftsmotiven ausgemalt worden war. Und der Grieche Zafos Xagoraris verwies mit seinem Willkommensschild „Chairete“ (Seid gegrüßt!) an den Gleisen auf die deutsche Kriegsgefangenschaft seiner Landsleute im Jahr 1916.

 

Die Verlockung der Worte

An solchen documenta-Orten rückt die ausgestellte Kunst für manche Besucher fast in den Hintergrund. Zu groß ist die Entdeckerfreude, sei es über das Betonglasmosaik (1968, Dieter von Andrian) im unterirdischen Bahnhof oder die brutalistische Weite der zur „Neuen Neuen Galerie“ umfunktionierten Neuen Hauptpost (1975). So lohnt auch ein Abstecher in die zeitgleich geöffneten kirchlichen Ausstellungsprojekte: St. Elisabeth (Armin Dietrich, 1960) am Friedrichsplatz und die Karlskirche (1710, Paul du Ry, 1957 wiederaufgebaut) an der Frankfurter Straße. In St. Elisabeth hatte Stephan Balkenhol schon zur letzten documenta XII mit seinen Holzskulpturen für Gesprächsstoff gesorgt. 2017 spannt Anne Gathmann unter dem Titel „Statik der Resonanz“ einen weiten Bogen aus Aluminium-Elementen durch den Nachkriegsraum. In der Karlskirche inszeniert Thomas Kilpper den Glockenturm als „Leuchtturm für Lampedusa!“. Und im Inneren verarbeitet die indische Künstlerin Shilpa Gupta die wortorientierte, die hugenottische Tradition des Kirchenbaus: Eine riesige Traube aus Mikrofonen strahlt die Klangfolge „I keep falling at you“ in den Raum.

 

Räume neu besetzen

Die Installationen in der Kasseler Karlskirche gehören zum umfassenden Ausstellungsprojekt „Luther und die Avantgarde“, das in Kassel, Berlin und Wittenberg zum Reformationsjubiläum zeitgenössische Kunst präsentiert. Gerade in der Lutherstadt kommen dabei unerwartet moderne Orte zum Tragen: das Alte Gefängnis und die Exerzierhalle. Beide Jahrhundertwendebauten am Rand der vielbesuchten Altstadt wurden für kulturelle Anlässe hergerichtet. Im Alten Gefängnis zeigt u. a. der kunstvoll überdrehte Jonathan Meese sein Werk „Die 95 Thesen des Teufels“. Und am überzeugendsten wurde das etwas übergroß angelegte Reformationsjubiläum, wo die Aktionen mit Handfestem, mit Architekturprojekten verbunden wurden. In der Exerzierhalle zeigten das Marburger Kirchbauinstitut und die Wüstenrotstiftung Beispiele und studentische Entwürfe rund um die Kirchennutzung. Einige Studierende nahmen sich zudem leerstehender Ladenlokale (wovon es in Wittenberg erschreckend viele gibt) an. Die studentische Aktion ist mit der (tief Luft holen) „Woche der Spiritualität“ zwar abgeschossen, aber die von einer Publikation begleitete allgemeine Ausstellung läuft noch bis zum 5. September 2017. Alle übrigen beschriebenen Installationen können noch bis zum 17. September bewundert werden. (db/kb, 24.7.17)

Titelmotiv: Hans Haacke, Fotonotizen zur documenta II, 1959, ausgestellt 2017 auf der documenta XIV

Berlin, DGB-Haus, 2017 (Bild: Uli Borgert)

„Eine Stätte freien Menschentums“

„Ein besonderes Haus, eine Stätte freien und unerschrockenen Menschentums“, mit diesen Worten soll der oberste Gewerkschaftler Ludwig Rosenberg das Berliner DGB-Haus eröffnet haben. Am 5. Mai 1964 wurde der damals 6 Millionen DM teure Bau im Stadtteil Schöneberg an der Ecke Kleist- und Keithstraße feierlich an seine neuen Nutzer übergeben. Eigentlich hatte die Düsseldorfer Zentrale des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB) den Wunsch der Berliner nach einem eigenen Verwaltungsgebäude schon abgelehnt. Doch in den frühen 1960er Jahren wuchs dem Plan mit dem Mauerbau eine politische Dimension zu. Nun entschied man sich mit voller Emphase dafür, dem Kommunismus in Berlin ein „Bollwerk“ des freien Gewerkschaftlertums direkt vor Augen (bzw. die Nase) zu stellen.

 

Neun Geschosse Aluminiumfassade

Das Hamburger Architekturbüros Wunsch & Mollenhauer hatte den neungeschossigen Stahlskelettbau von 1962 bis 1964 mit einer hochmodernen Aluminium-Vorhangfassade versehen. Besonders die drei „Eck-Balkone“ markierten das neue Gewerkschaftshaus stolz zur Ecke Kleiststraße/An der Urania. Noch dazu erhielt der Bau einen aufgeständerten zweigeschossigen Nebentrakt und ein eingeschossiges „Jugendzentrum“. Wohl in den 1980er Jahren wurde das Äußere stark verändert, womit die Fassade viel von ihrer modernen Klarheit einbüßte. So findet sich der DGB-Bau auch nicht auf der Denkmalliste der Stadt.

 

Eine gute Investition?

Doch leid tut es einem schon, wenn man vom bevorstehenden Abriss des DGB-Hauses hört. Stattdessen erhielt das Büro Ortner & Ortner nach einem Wettbewerb den Zuschlag, unweit des Wittenberger Platzes einen neuen Gewerkschaftssitz zu errichten. Dieser soll ab „den frühen 2020er Jahren“ als Zentrale nicht allein die berlin-brandenburgischen Mitarbeiter, sondern auch die bundesweit zuständige Belegschaft aufnehmen. Die sind aktuell noch am Hackeschen Markt untergebracht – der Neubau soll Miete sparen und zugleich im boomenden Berlin eine gute Kapitalanlage bieten. So zumindest die Argumentation für den Neubau, der zwischen 60 und 80 Millionen Euro kosten soll. Der Abriss der dann ehemaligen DGB-Zentrale wird für 2018 angekündigt. Die dort bislang untergebrachten Gewerkschaftler sollen vorübergehend in ein Ausweichquartier ziehen.

 

Dass es auch anders geht …

Dass es auch anders geht, zeigt der Umgang mit einem anderen Werk aus dem Büro Wunsch & Mollenhauer: In Düsseldorf wurde das 1968 eingeweihte Hans-Böckler-Haus unter Denkmalschutz gestellt. Von 2011 bis 2012 sanierte man die stilvollen Gewerkschaftsscheiben „im laufenden Betrieb“ – mit viele Rücksicht auf die prägende moderne Fassade. In Berlin geht man einen anderen Weg. Und dass an der Berliner Kreuzung Kleiststraße/Martin-Luther-Straße/Tauentzienstraße/An der Urania/Lietzenburger Straße nach den 1999 veröffentlichten Planungen mit weiteren Eingriffen in den Nachkriegsbestand zu rechnen ist, lässt städtebaulich nicht unbedingt hoffen. (kb, 13.7.17)

 

Literatur und Quellen

Der DGB in Düsseldorf, in: Bauwelt 1964, 24, S. 677.

In Berlin Schöneberg …, in: Die Quelle 15, 1964, 6, S. 276.

Weber, Klaus K. u. a. (Bearb.), Berlin und seine Bauten. Teil IX. Industriebauten Bürohäuser, Berlin u. a. 1971, S. 212.

Reif für den Abriss. Der Deutsche Gewerkschaftsbund trennt sich von seinem Berliner Sitz und baut neu. Das Gebäude in Schöneberg soll in ein paar Jahren bezugsfertig sein, in: Der Tagesspiegel 22. Mai 2017.

Frese, Alfons, Neues Haus für den DGB. An der Stelle des Berliner Domizils in der Nähe des KaDeWe entsteht die Bundeszentrale, in: Der Tagesspiegel 5. Juli 2017.

Sportpark Nord, Bonn, Südsüdost (Bild: Eckhard Henkel, CC-BY-SA 3.0)

Bonn: Fußball und Sichtbeton

„Tor in Bonn!“ – diesen Satz hört man in der Sportschau nur sehr selten. 2017 ertönte er nach langer Zeit aber einmal wieder: Die Konferenz zum Finaltag der Amateure schaltete sich in das Fußballstadion im Norden der Stadt, wo der Regionalligist Bonner SC gerade das 1:0 gegen den haushohen Favoriten Fortuna Köln geschossen hatte. Der Underdog schaffte es, die Führung über die Zeit zu bringen und steht damit in der ersten Runde des DFB-Pokals – zum ersten Mal seit 40 Jahren. Neben dem ambitionierten Fußballverein steht damit demnächst auch ein außergewöhnliches Stadion im Fokus der Sportwelt: Der Bonner Sportpark Nord.

 

Stadion zur Stadtaufwertung

Der Baubeginn des Sportkomplexes jährt sich in diesem Jahr zum 50. Mal. 1965 hatte die damalige Bundeshauptstadt das alte, nahe dem Regierungsviertel gelegene Gronaustadion an den Bund verkauft, heute steht an dieser Stelle der Post Tower. Bonn investierte das Geld in die Aufwertung seiner nördlichen Stadtteile. Neben einem neuen Wohnviertel sollte hier eine moderne Sport- und Freizeitanlage entstehen: der Sportpark Nord. Den entsprechenden Wettbewerb gewannen der Gartenarchitekt Wolfgang Darius und Ernst van Dorp, dessen Bauten Bonn bis heute prägen. Van Dorp plante unter anderem das ZDF-Hauptstadtstudio,die Niederländische Botschaft und war maßgeblich an der Gestaltung der Rheinauen zur Bundesgartenschau 1979 beteiligt. 1967 begannen die Bauarbeiten im Bonner Norden.

 

Beton trifft Botanik

Der 160 000 Quadratmeter große Sportkomplex wird durch die Autobahn 565 in zwei Teile zerschnitten. Auf der nördlichen Seite finden sich mehrere Ascheplätze und eine Bogenschießanlage. Die Verbindung stellt eine geschwungene Betonbrücke sicher, die die Autobahn in hohem Bogen überspannt. Als Bauland für das Stadion diente eine ehemalige Müllkippe in Süden des Areals. Van Dorp nutzte den nach der Auskiesung entstandenen Trichter, um ein ovales Mehrzweckstadion mit Fußballfeld anzulegen. Dabei verband er gekonnt Beton und Botanik: auf den Langseiten schmiegen sich die Zuschauerränge an den Hügel, Nord- und Südkurve sind unbebaut und durch dichte Hecken begrünt. Die Haupttribüne wird von einem scheinbar schwerelosen, weit überkragenden Betondach vor Regen geschützt, die Gegengerade bilden unüberdachte Stehblöcke. Im Süden blickt ein geschwungener Betonbau mit Terrasse in den Stadiontrichter. Das hier beheimatete Sporthallenzentrum bietet Platz für sämtliche olympische Hallensportarten und verfügt im Tiefgeschoss über ein Schwimmbad mit 50-Meter Becken.

 

Bonner Ambitionen

Der Bonner SC bezog die neue Spielstätte im Jahr 1970. Der Verein war fünf Jahre zuvor aus der Fusion der Traditionsclubs Bonner FV und Tura Bonn entstanden und sollte das neue Selbstbewusstsein der jungen Hauptstadt auch in den Profifußball tragen. Tatsächlich besiegten die Bonner 1967 den FC Bayern München mit 3:1, 1977 spielten sie sogar für eine Saison in der Zweiten Bundesliga und im DFB-Pokal. Der Höhenflug währte jedoch kurz, es folgten wirtschaftliche Probleme, Zwangsabstiege und die Insolvenz 2010. In den letzten Jahren ging es jedoch wieder aufwärts beim BSC, die Mannschaft stieg nach dem Neuanfang in der 7. Liga mehrfach auf, Höhepunkt der jüngeren Vereinsgeschichte ist die aktuelle Qualifikation für den DFB-Pokal. Auch das Stadion spiegelt diesen Aufwärtstrend wider. 2011/12 wurde es saniert und mit Anzeigetafel und Flutlichtanlage ausgestattet. Die vier charakteristisch geneigten Masten nehmen die Trichterform auf und überragen das Stadion wie überdimensionale Schreibtischlampen. Für den Entwurf zeichnete Jan van Dorp, der Sohn des Stadionarchitekten, verantwortlich. Wer den Bau in Gebrauch erleben möchte, dem bietet sich am 13. August eine gute Gelegenheit: zur ersten Runde des DFB-Pokals kommt Hannover 96 in den Sportpark Nord. Wer es nicht in die Bundesstadt schafft, kann zumindest auf den seltenen Torruf in der Fernsehkonferenz und eine Schalte in den Sportpark hoffen. (jr, 18.7.17)

Titelmotiv: Blick in den Sportpark Nord von der Terrasse des Sporthallenzentrums (Bild: Eckhard Henkel, CC BY SA 3.0)

Berlin, Studentendorf Schlachtensee (Foto: Wolfgang Reuss, Bild aus: "Leben im Denkmal", Gebrüder Mann Verlag)

Moderne Schatzsuche

von Dina Dorothea Falbe

Wie wohnt es sich in Haus und Garten der Dadaistin Hannah Höch? Wie in der Stalinallee oder der Berliner Unité d’habitation? Insgesamt 79 denkmalgeschützte Bauten und Gärten in ganz Berlin porträtiert das Buch in Schwarzweiß-Aufnahmen von Wolfgang Reuss und Beschreibungen vom Denkmalpfleger Dietrich Worbs. Gemäß dem Titel „Leben im Denkmal“ geht es dabei nicht nur um die Architektur selbst, sondern auch um die Menschen in ihr, denn „die Denkmale dokumentieren als steinernes oder grünes Archiv die Lebensläufe der Bauherren, Architekten, Bewohner und Nutzer“.

 

Wem der Bau etwas bedeutet

Die im Buch gezeigten und kommentierten Fotografien entstanden zwischen 2003 und 2015 und sind teilweise selbst bereits zu Zeitdokumenten geworden. Anstelle des inzwischen neugebauten Bahnhofs Ostkreuz befand sich beispielsweise eine angenehm schlicht und filigran gestaltete Anlage, entstanden zwischen 1900 und 1914. Auch in die 2011/12 abgerissene Deutschlandhalle kann der Leser durch die Linse von Wolfgang Reuss einen letzten Blick werfen. Manche Orte werden die meisten nie betreten und können sie hier sehen: so der Tresorraum in der ehemaligen Reichbank – entstanden nach einem Wettbewerb der Nazis, später Finanzministerium der DDR, heute nach Umbauten von Kollhoff und anderen das Archiv der Auswärtigen Amtes. Andere Orte, wie das Strandbad Wannsee, scheinen im kollektiven Gedächtnis eine größere Rolle zu spielen als im heutigen Alltag.

Gerne wurden jene Menschen, denen der Bau etwas bedeutet, gemeinsam mit dem Denkmal porträtiert. Dietrich Worbs, der lange im Landesdenkmalamt arbeitete und auch heute noch im freiwilligen Denkmalbeirat des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf tätig ist, schreibt in seinem Vorwort: „Das vorliegende Werk ist ein Dank an all diejenigen die sich als Eigentümer, Bewohner, Nutzer oder einfach als Bürger dieser Stadt dafür eingesetzt haben und sich weiterhin dafür einsetzen, daß diese Welt der Denkmale in einer sich schnell und radikal verändernden Umwelt für die nächsten Generationen erhalten bleibt.“ Der Denkmalpfleger berichtet von gescheiterten, aber auch von erfolgreichen Erhaltungsinitiativen – gerade wo es um „Bauten der klassischen Moderne“ oder „der Nachkriegsmoderne“ geht, wie die Kapitelüberschriften lauten. Beispielsweise konnte der Umlauftank von Ludwig Leo aus den Sechziger-/Siebzigerjahren durch Engagement der TU Berlin und der Wüstenrot Stiftung gerettet werden. Bürgerinitiativen setzten sich erfolgreich für den Erhalt der Kant-Garagen von 1929/30, sowie des Studentendorfes Schlachtensee aus den späten Fünfzigern/frühen Sechzigern ein.

 

Leben im Denkmal

Manche Umnutzungen überraschen: Im ehemaligen Reichsmilitärgericht, wo zur NS-Zeit das Reichskriegsgericht tagte, gibt es heute keine öffentliche Gedenkstätte, stattdessen wird dort luxuriös gewohnt. Umgekehrt sind gerade auch die Bauten, die zur privaten Nutzung dienen sollten, von öffentlichem Interesse – besonders dann, wenn sie von bekannten Architekten stammen: Das Haus Lemke ist das letzte Werk von Mies van der Rohe vor seiner Emigration in die USA. Nach fachkundiger Sanierung ist es heute als Kunstgalerie zugänglich. Zur Interbau 1957 entwarf Alvar Aalto ein Mehrfamilienhaus im Hansaviertel, das auch heute noch beliebt ist. Ebenfalls zur Interbau entstand Le Corbusiers Unité d’habitation Typ Berlin an der Flatowallee. Dort richtete eine kleine Initiativgruppe der Eigentümergemeinschaft eine Musterwohnung her, die 2007/08 für ein Jahr besichtigt werden konnte.

Wer sich in diese Berichte, in die vielen kleinen Geschichten einliest, wird feststellen: In diesem Buch steckt nicht nur viel Zeit, sondern auch viel Herzblut. Alle vorgestellten Denkmale, privat oder öffentlich, bekannt oder unbekannt, egal aus welcher Zeit sie stammen – sie alle treten gleichwertig auf. Mit diesem Buch kann man auf Schatzsuche gehen, es taugt als Reiseführer, nicht nur für Touristen, sondern besonders für Berliner. Die Stadt ist groß und wunderbar, manche gut versteckte Kleinode lassen sich nur erkennen, wenn man ihre Geschichte kennt. Diese Geschichten erzählt Dietrich Worbs in seinen Texten. Nicht immer sind die wichtigsten Informationen auf den ersten Blick zu erfassen. Vielleicht würde eine gesonderte Bildunterschrift sie zugänglicher machen. Die Denkmale sind wie dieses Buch: Man muss sich auf sie einlassen – es lohnt sich, dies zu tun! (12.7.17)

Reuss, Wolfgang/Worbs, Dietrich, Leben im Denkmal – Berliner Bauten, Gärten und ihre Geschichten, Gebrüber Mann Verlag, Berlin 2016, 186 Seiten, 79 Schwarzweiß-Abbildungen, 24 x 24 cm, Hardcover, ISBN 978-3-7861-2775-8.

Titelmotiv: Berlin, Studentendorf Schlachtensee (Foto: Wolfgang Reuss, Bild aus: „Leben im Denkmal“, Gebrüder Mann Verlag)

Mission impossible?

von Olaf Gisbertz

Zur Verleihung des Frankfurter Adorno-Preises schrieb Jürgen Habermas 1980 ein Essay über „Die Moderne – ein unvollendetes Projekt“. Als damaliger Preisträger war der Philosoph ein Chrono- und Seismograf seiner Zeit, die er in all ihren Facetten als brüchig und widersprüchlich beschrieb. Diese Epoche großer politischer und gesellschaftlicher Spannungen steht seit Jahren im Fokus der Denkmalpflege. Nach einer Reihe von Veröffentlichungen hat nun eine Forschergruppe aus Weimar und Dortmund (um die Herausgeber Wolfgang Sonne, Frank Eckhardt, Ingrid Scheurmann und Hans-Rudolf Meier) ein neues Werk zu eben jener Spätmoderne vorgelegt.

 

Über eine „ungeliebte Epoche“

In der Publikation „Welche Denkmale welcher Moderne?“ werden bisherige Ansätze zusammengefasst und der Blick über die deutschsprachigen Grenzen hinaus geschärft, fehle es doch allenthalben an wissenschaftlichen Kriterien für diese baulichen Zeugnisse. So entstand ein Buch, das wohl in keinem Denkmalpfleger-Regal fehlen wird. Es wird zum Nachdenken über diese jungen Baubestände anregen und die Aneignung dieser vielfach noch „ungeliebten Epoche“ befördern. Dennoch, um es gleich vorweg zu sagen, es wird wohl nicht vor weiteren Verlusten schützen. Nicht weil es nicht sinnige Beiträge enthielte, sondern weil es einen wesentlichen Punkt außer Acht lässt: die Möglichkeiten der Bauwerkserhaltung für junge Baubestände in einer Welt neuer Herausforderungen hinsichtlich Brandschutz, Komfort und Energieeffizienz, seien sie denkmalgeschützt, denkmalwürdig oder aus Gründen gegenwärtiger Nachhaltigkeitskonzepte erhaltenswert.

Dem Buch, das insgesamt 17 Aufsätze zur Spätmoderne der 1960er und 70er Jahre vereint, ging ein vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) unterstütztes Forschungsprojekt mit einer Fördersumme von rund 750.000 Euro voraus. Es wurde begleitet von einem professionellen Internetauftritt, Ausstellungen und einem breit angelegten Symposium mit internationaler Beteiligung an der TU Dortmund. So konnte Großes erwartet werden, um der Frage „Welche Denkmale welcher Moderne?“ endlich Herr zu werden.

 

Von den Anfängen der Debatte

Nach einer kursorischen Einführung in die jüngste Architekturgeschichte dieser Moderne durch Wolfgang Sonne stehen am Beginn des Bands – gemäß des interdisziplinären Forschungsansatzes – die Ergebnisse der soziologischen Betrachtung: Anhand einer oft vernachlässigten Denkmalgattung, dem Einfamilienhaus, wird das „ABC einer gebauten Sozialontologie“ entfaltet: eine Lehre der An- und Abneigung für Phänomene der Spätmoderne der 1960er und 70er Jahre. Unter 25 alphabetisch sortierten Schlagworten – wie Automobil, Familie, Dichte und Zwischenstadt – finden sich Punkte, wie man sie aus anderen Studien schon kannte. Das Bild der Spätmoderne flackert erneut so „unwirtlich“ auf, wie es einst der Doyen der deutschen Architektursoziologie Alexander Mitscherlich in seiner gleichnamigen Publikation zur „Anstiftung von Unfrieden“ vorgezeichnet hatte. Erneut konstatiert sich hier gleich zu Beginn des Buchs die Unmöglichkeit zu einer vorurteilsfreien und werteneutralen Bewertung des Baubestands jener Jahre.

Die Autoren verweisen ausdrücklich auf das Dilemma einer sich zyklisch wiederholenden Denkmalerfassung und -bewertung, die sich – entgegen einer breiten Ablehnung der Spätmoderne seit dem europäischen Denkmalschutzjahr 1975 – eigentlich ebenso schnell vollziehen müsste wie der gesellschaftliche Wertewandel und die Innovationsschübe des industrialisierten Bauens. Denn angesichts der Fülle von Architekturen, die vielfach mit unzureichend erprobten Baumaterialien auf Nutzen und Verbrauch hin angelegt waren, sprach man schon vor 20 Jahren vom „Denkmal als Altlast“ (Uta Hassler, 1996).

 

Zu kompliziert für einfache Lösungen

Ein Rezept gegen dieses „Auswahl- und Bewertungsdilemma“ sucht man indes vergeblich, denn, so die Herausgeber: „Die pluralistische Welt ist kompliziert und verschließt sich einfachen Lösungen.“ (S. 264) Nichtsdestotrotz bleibt das Buch lesenswert, fragt es doch ausführlich nach dem Denkmalkriterium des „Besonderen im Allgemeinen“ oder einer Unterschutzstellung trotz der „Gleichwertigkeit aller Objekte“. Diese „Qual der (Aus-)Wahl“ (Bianka Trötschel-Daniels) der „Moderne im Bewertungsprozess“ (Torben Kiepke) bleibt eine Mammutaufgabe: ob „Von Top Monumenten bis Tentativlisten“ (Katja Hasche) oder vom Blick in die Niederlande nach Polen und England. Dabei reflektiert man stets die „Großstrukturen der Nachkriegsmoderne“ (Sonja Hnilica) bis hin zu modernen Denkmälern in Gesellschaftsprozessen gegenwärtiger Migration (Carsten Müller). Redundanzen werden auch in der weiterführenden Debatte nicht ausbleiben, ist doch eine allgemeine Strategie noch in weiter Ferne. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Kurzfristig werden es  wohl nur GIS-gestützte Verfahren und eine angewandte Forschung erlauben, dem Massenphänomen des „Seriellen Bauens“ der 1960er und 70er Jahre Hilfe und Schutz zu gewähren. Es braucht weitere Aushandlungsprozesse der Denkmalpflege, von denen vor allem auch zukünftige Denkmaleigentümer und -nutzer profitieren können. (22.6.17)

 

Zum vorgestellten Buch

Eckardt, Frank/Meier, Hans-Rudolf/Scheurmann, Ingrid/Sonne, Wolfgang (Hg.), Welche Denkmale welcher Moderne? – Zum Umgang mit Bauten der 1960er und 70er Jahre, Jovis Verlag, Berlin 2017, Hardcover, 19,5 x 24 cm, 324 Seiten, ca. 165 Farb- und Schwarzweißabbildungen, Deutsch, ISBN 978-3-86859-443-0.

Titelmotiv: Welche Denkmale welcher Moderne? (Bild: Buchcover, Jovis Verlag)

"Denkmalpflege als kulturelle Praxis" (Plakat der VDL-Tagung 2017 in Oldenburg)

Was sieht John Lennon in Oldenburg?

Denkmalpflege ist Pop, so versprach es zumindest das charmante Plakatmotiv zur diesjährigen Jahrestagung der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger (VDL): ein bärtiger Berlin-Mitte-Hippster, der frappierend an den Beatles-Zerstörer erinnerte (bitte keine Leserzuschriften, dies ist nur eine von vielen möglichen Meinungen zu den Auflösungsgründen). Das John-Lennon-Lookalike schaute durch eine rosagetönte Nickelbrille auf die Welt und den – erstaunlich modernedurchzogenen – Veranstaltungsort Oldenburg. Sein neugieriger, aber zugleich fachlich gefärbter Blick stand für das Veranstaltungsmotto: „Denkmalpflege als kulturelle Praxis“.

 

„Zwischen Wirklichkeit und Anspruch“

Vom 18. bis 21. Juni 2017 hatte sich die VDL zusammengetan mit dem Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege (NLD) und der Stadt Oldenburg. Die Veranstalter einigten sich vorab auf die These: „Die Denkmalpflege, die unter den von Menschen geschaffenen materiellen Geschichtszeugnissen die Denkmale erkennt und bewahrt, ist unzweifelhaft Teil der Kultur.“ Die im Programm als maßstabslos bezeichnete Modernisierung der 1970er Jahre habe den Siegeszug des Denkmalschutzes befördert. Heute müssten sich Denkmalpfleger einem neuen Modernisierungsschub stellen: den Folgen von Wiedervereinigung, demographischem Wandel und digitaler Revolution. Folgerichtig suchten die Vorträge und Exkursionen, Sektionen und Podien nach Antworten für die regionale und länderübergreifende Denkmalpflege. Am Montag führten Prof. Aleida Assmann (Konstanz) und Prof. Winfried Nerdinger (NS-Dokumentationszentrum München) ins Thema ein, diskutierten die Fachleute anschließend unter der Moderation von Prof. Arnold Bartetzky (Leipzig).

Die fünf im Schwerpunkt von den NLD-Mitarbeitern vorbereiteten Sektionen behandelten am Dienstag zunächst Teilaspekte des Tagungsthemas: Inventarisieren (Was machen wir mit der „Stadtreparatur“ der 1970er und 1980er Jahre?), Forschen an Denkmalen (Was wissen wir, was brauchen wir und wie können wir es teilen?), Praktische Denkmalpflege (Wie erhalten wir die Achitekturmoderne?), Umgang mit Spannungen (Was ist außer Denkmalpflege sonst noch wichtig?) sowie Netzwerke (Wie publizieren wir gut über unsere guten Inhalte? Hier war auch moderneREGIONAL eingeladen, seine Arbeit vorzustellen!). Am Nachmittag setzte Prof. Jörg Haspel (Landesdenkmalamt Berlin) mit seinem Impulsreferat das Thema der folgenden, von Prof. Sigrid Brandt (Salzburg) moderierten Podiumsdiskussion: Muss sich Europa auf einen Denkmalbegriff einigen, um nicht von Wirtschaft und Politik an den Rand gedrängt zu werden?

 

Wie viel Denkmal braucht Europa?

Am Ende von so viel Austausch standen keine fertigen Antworten. Die hatte wohl auch keiner erwartet. Aber es war unübersehbar, dass gerade mit Macht eine neue Generation von Denkmalen und sie Pflegenden nach vorne drängt. Es wäre zu wünschen, dass dieser Wechsel ebenso stil- und respektvoll von statten geht, wie Prof. Stefan Winghart zum Abschluss der Veranstaltung die NLD-Präsidentschaft ruhestandsbedingt an Dr.-Ing. Christina Krafczyk übergab. Das Ende der diesjährigen VDL-Tagung war also ein versöhnliches, ist doch das Oldenburger Land berüchtigt für fetthaltige Gerichte als Grundlage für alkoholhaltige Getränke. Beides dürfte beim heutigen „gemütlichen Ausklang“, der gemeinsamen Grillkulturpflege nach den Tagesexkursionen, sicher nicht zu kurz gekommen sein. Gastfreundschaft können die in Oldenburg. (db/kb, 21.6.17)

Titelmotiv: Plakat der VDL-Jahrestagung 2017, Grafik-Design und Foto: Elke Behrens NLD

Los Angeles, PAN AM Experience, um 2016 (Bild: Daniel Sliwa)

Nur Fliegen war schöner

Versprochen wird nicht weniger als eine Reise ins Goldene Zeitalter der Luftfahrt, als die Piloten noch umschwärmt, die Stewardessen noch bezaubernd und die Drinks noch eisgekühlt waren. Ein leidenschaftlicher Sammler und ein findiger Unternehmer haben in Los Angeles das Innenleben eines jener legendären Boeing-Jets nachbauen lassen, um darin Gäste auf Nostalgiesuche zu bewirten. Das Event-Lokal mit dem Namen „PAN AM Experience“ will das internationale Lebensgefühl der späten 1960er und frühen 1970er Jahre wieder aufleben lassen und erfreut sich damit aktuell größter Beliebtheit.

 

PAN AM als Lebensgefühl

Gäste dieses ungewöhnlichen Lokals müssen sich ein wenig fühlen, als wären sie in die Dreharbeiten zur TV-Serie „Mad Men“ oder zum Kinofilm „Catch Me If You Can“ hereingestolpert. Tatsächlich wurde das Innere einer Boeing 747-200, die 1969 zu ihrem ersten Flug ansetzte, in einem südkalifornischen Filmstudio nachgebaut. Schon 2007 hatte der PAN-AM-Sammler Anthony Toth in seiner Garage (Klischee as Klischee can) eine stilvolle Illusion als Partykulisse geschaffen. Die Idee wechselte anschließend zweimal ihren Standort, bis Toth sie 2014 gemeinsam mit dem Unternehmer Talaat Captan im großen Rahmen aufzog. Die detailverliebten Betreiber lassen eigens Schauspielerinnen durch „Original-Stewardessen“ schulen, um das alte Service-Flair zu erzeugen.

Als Projektionsfläche für kollektive Sehnsüchte eignet sich die Marke „PAN AM“ (Pan American World Airways) bestens, steht sie doch gerade bei US-Bürgern für das unbeschwerte Reisen, die internationale Leichtigkeit der Zeit um 1970. Im Jahr 1927 begründet, landete die Fluggesellschaft 1955 ihren „Jet Coup“: Sie orderte 45 brandneue Maschinen, darunter erste Boeings, und eroberte damit den wachsenden Markt der transkontinentalen Strecken. Doch nicht nur die Route, vor allem der Komfort überzeugte die Kunden. Das blassblaue Logo, die futuristisch durchgestylten Passagierräume, die eigens designten Stewardessen-Uniformen und die – durchaus auch alkoholisch orientierte – Bewirtung an Bord setzten neue Maßstäbe.

 

Eine Zeitkapsel der späten 1960er

Nun hatte das (durch PAN AM verkörperte und in Los Angeles kunstvoll neu beschworene) „Jet-Zeitalter“ inzwischen längst zur Bruchlandung angesetzt. PAN AM wurde 1991 aufgekauft – und mit den Röcken der Stewardessen wurde auch die Liste der Bedenkenträger wieder länger: Klimaschutz, Boeing-Unfälle und Terrorangst, um hier nur einige Punkte anzudeuten. Im sicheren Schutz der bodennahen Flugzeugkulisse können vorausbuchende Gruppen in Los Angeles aber all diese Hemmnisse hinter sich lassen. Grübeln Sie also nicht weiter über die Rolle der Frau oder die Risiken der Luftfahrt und genießen Sie einfach den Flug! Ein Martini gefällig? (kb, 17.6.17)

Titelmotiv: Los Angeles, PAN AM Experience, um 2016 (Bild: Daniel Sliwa)

Köln, Café im Funkhaus (Bild: funkhaus-koeln.de)

Happy Birthday, funky Funkhaus!

von Ute Reuschenberg

Wer heute im stylischen Funkhaus-Café am Kölner Wallrafplatz an seinem Aperol Spritz nippt, ahnt meist nicht, dass er dies im ersten großen Kulturbau der Stadt nach dem Krieg tut. Als Bundespräsident Theodor Heuss das Funkhaus des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) vor 65 Jahren am 21. Juni 1952 feierlich eröffnete, sorgte es als modernstes Rundfunkgebäude Europas für Schlagzeilen. Dabei glich Köln damals immer noch einem Trümmerhaufen. Bereits im April 1948 war mit dem Bau begonnen worden – noch vor der Währungsreform und trotz der Bausperre der britischen Besatzer. Dies zeigt die große Bedeutung, die dem Rundfunk nach dem Zusammenbruch des „Dritten Reichs“ im Dienste von Re-Education und Demokratisierung zukam.

 

Ein Ort der Begegnung

Dabei fing alles ganz klein an: Das alte provisorische Funkhaus der Westdeutschen Rundfunk AG (WERAG) in der Dagobertstraße sollte eine nahegelegene Dependance erhalten. Die Wahl fiel auf ein Ruinengrundstück am Wallrafplatz. Schnell hatten die Beteiligten aber erkannt, dass größer gedacht werden musste. Ein richtiges Funkhaus mit ausreichend Platz musste her. Das Grundstück schien perfekt, doch seine Lage im Herzen der Domstadt rief Rudolf Schwarz als Leiter des Kölner Wiederaufbaus auf den Plan. Es war vor allem der seit 1947 amtierende Kölner Intendant Hanns Hartmann, der sich Schwarz‘ Vorstellungen einer stillen Zone um den Dom entgegenstellte und das Funkhaus-Projekt am Ende durchsetzte. Denn nach seinen Vorstellungen sollte ein solches Haus nicht nur dem Sendebetrieb dienen, sondern – im Kontrast zum Nationalsozialismus – auch dem kulturellen Austausch und der Begegnung mit dem Publikum. Bereits am 19. Oktober 1951 konnte der dringend benötigte große Sendesaal als erster Konzertsaal Kölns eröffnet werden.

 

Eine Ruine prägt den Neubau

Architekt P. F. Schneider, Behrens-Schüler und einst Mitarbeiter, später Partner des Essener Architekten Edmund Körner, hatte beim ehrgeizigen Funkhausbau viele Hürden zu nehmen. Zum einen waren die öffentlichen und internen Funktionen so zu verbinden, dass ein störungsfreier Sendebetrieb möglich wurde. Zum anderen war die auf dem Grundstück gelegene ausgebrannte Ruine des Hotels Monopol-Metropol in den Neubau zu integrieren, um Kosten und Material zu sparen. So kam es, dass die Hotel-Ruine zum Ausgangspunkt der Gestaltung wurde: Sie gab nicht nur Geschosshöhe und die Lage des Haupteingangs zum Platz, sondern auch die großzügig geöffnete Sockelzone im Erdgeschoss vor. Bis heute bewahrt die Funkhaus-Gastronomie die Erinnerung an das einst im gründerzeitlichen Vorgängerbau befindliche Künstlercafé Monopol.

 

Eine Hommage an Peter Behrens

Äußeres Leitmotiv war die durch unterschiedliche Fenstergruppierungen rhythmisierte, horizontale Entwicklung des Baublocks, die bewusst Rücksicht nahm auf die städtebauliche Situation. In der zu über 90 Prozent zerstörten Innenstadt war vor allem die – durch die Trümmerwüste damals noch gegebene – direkte Nachbarschaft zum Dom ausschlaggebend. Proportion und Maßstäblichkeit sollten dem Gebäudekomplex bewusst Wucht und Massivität nehmen. Eine durchgehende Travertinverblendung schließt den dreiteiligen Baublock zur Einheit zusammen. Die enggestellten, bänderartig gereihten Attika-Fenster des vierten Obergeschosses lassen die Ordnungsprinzipien der Klassik aufscheinen. In der Tat ist das Funkhaus trotz aller Sachlichkeit von den Idealen der bald vorherrschenden Bauhausmoderne weit entfernt. Schneider fühlte sich weniger dem „form follows function“-Prinzip verpflichtet als einer harmonischen proportionalen Gestaltung im Sinne von Peter Behrens. Auch in Köln nahm man z. B. lieber konstruktive Mängel in Kauf, als vom Primat der Form gegenüber dem Zweck abzuweichen.

 

Viel Gies und ein Meistermann

Ist der Außenbau vergleichsweise sachlich aufgefasst, so dominieren innen die organischen oder asymmetrischen Linienführungen, wie sie für die 1950er Jahre typisch waren. Nach skandinavischem Vorbild wurden vor allem in den beiden Sendesälen und ihren dazugehörigen Foyers warme Hölzer verarbeitet: gestäbte oder glatt verblendete Birnbaum-, Birke- oder Rotbuche-Wände oder Garderobentische. Das Büro Schneider entwarf dazu fast die gesamte Ausstattung – von der Tütenlampe bis zur Türklinke. Ein regelrechter Erfolgsschlager wurden die „Spaghetti-Stühle“ für die Dachterrassen des Funkhauses, die bald einen Siegeszug durch die Gärten und Parks antraten.

Die kulturelle Bedeutung des Funkhauses wurde durch die Einbindung der Künste unterstrichen: So wirkte Ludwig Gies, mit dem schon Behrens und Körner arbeiteten, u. a. im großen Sendesaal mit: Seine kunstvoll geschnitzten Abschlusskanten der gestaffelten Wandvorlagen tragen noch heute entscheidend zur Raumwirkung bei. Den innovativsten Beitrag aber lieferte Georg Meistermann: Seine leuchtende Farbverglasung des Haupttreppenhauses in der abstrakten Formensprache des aufkommenden Informel machte den Künstler über Nacht bekannt. Während dieses Werk leider nicht öffentlich zugänglich ist, können sich heute alle Cafégäste an den Wandmalereien Anton Wolffs in der ehemaligen Teestube erfreuen. Ob mit Latte Macchiato oder Aperol: Hier lässt sich tatsächlich auch nach 65 Jahren noch der Genius Loci erspüren. Prosit, Funkhaus! (1.6.17)

Titelmotiv: Köln, Café im Funkhaus (Bild: funkhaus-koeln.de)

 

Literatur

Franz Berger, Das Funkhaus in Köln und seine Gestaltung, Stuttgart o. J. [1954].

Alexander Keller, Das Kölner Funkhaus 1945-1960 – Probleme und Kontroversen. Zur politischen Geschichte eines Massenmediums, Münster u. a. 2002.

Ute Reuschenberg, Das Funkhaus des NWDR als programmatische Architektur des „Gesamtkünstlerischen“. Zum Nachwirken von Peter Behrens in der frühen Nachkriegsmoderne Kölns, in: Tino Mager/Bianka Trötschel-Daniels (Hg), BetonSalon. Neue Positionen zur Architektur der späten Moderne, Berlin 2017, S. 69-83.

 

Zur gastronomischen Nacharbeit

Funkhaus – Café / Bar / Restaurant, Wallrafplatz 5, 50667 Köln