Linz: Teilabriss der Sintstraße?

Die Sintstraße im Linzer Kaplanhof sticht vor allem durch die expressionistisch gezackten Treppenhausgiebel ins Auge, denn die denkmalgeschützte Arbeitersiedlung entstand in den Jahren 1927 bis 1931 nach Entwürfen des Architekten und Stadtbaudirektors Curt Kühne (1883-1963). Auf 320 Metern wurden 18 Häuser mit je zwei Stockwerken in zwei Zeilen gereiht, um jede der 24 Quadratmeter großen Wohnungen im Geist der Zeit mit ausreichend Licht und Luft zu versorgen. Doch aktuell stehen die meisten Häuser leer, denn die Gemeinnützige Wohnungs­gesellschaft der Stadt Linz GmbH (GWG) und die Strabag Real Estate, denen die Häuser in der Sintstraße 3-37 gehört, bereiten den Teilabriss vor.

Aus Sicht der Eigentümer nennt sich das „Kompromiss“: Das Wiener Architekturbüro „Superblock“ soll einen Plan entwickeln, um sieben der 18 denkmalgeschützten Häuser durch Neubauten zu ersetzen. Damit würden lediglich die Häuser um den zentralen Anger erhalten bleiben. Nach Informationen der „Initiative Denkmalschutz“, die sich für den Erhalt der gesamten Siedlung ausspricht, sei dieser Weg bereits im Februar diesen Jahres „in einem streng geheimen Verfahren“ beschritten worden. Damals habe man ohne Kenntnis des Bundesdenkmalamts einen Architekturwettbewerb ausgelobt. Das Büro „Superblock“, das als Sieger aus diesem Verfahren hervorgegangen ist, soll diese Abstimmung mit den Denkmalfachleute nun im Entwurfsprozess nachholen. Auf Eigentümerseite sieht man durch eine Teil-Neubebauung die große Chance, im Hafenviertel ein Wohnen im Grünen zu ermöglichen. Die Abrissgegner:innen berufen sich wiederum auf die Aussage des Denkmalbeirats von 2011, der ein Jahr vor der Unterschutzstellung alle Häuser als sanierungsfähig bezeichnet habe. Zudem gelte der Denkmalschutz (noch?) für alle Bauten und nicht nur für ausgewählte Exemplare. (kb, 16.6.21)

Linz, Kaplanhof (Bild: Stadt Linz, CC BY NC ND 2.0, 2014)

Bauen in der Diktatur

General Franco, der Spanien zwischen 1936 und 1975 regierte, hatte große Pläne für sein Land, auch im Städtebau. Nach dem Bürgerkrieg, in den 1940er und 1950er Jahren, wurde Architektur unter seinem diktatorischen Regime dazu instrumentalisiert, den Machterhalt zu sichern und zugleich die Bevölkerung nach einem faschistoiden Gedankengut zu formen. In den urbanen Räumen von Madrid bis Barcelona wurde munter rekonstruiert und modernisiert, im ländlichen Raum entstanden zahlreiche Neudörfer – eine Planungspolitik, die programmatisch bis in die spanischen Kolonien in Nordafrika weitergereicht wurde.

Bei Dom Publisher ist nun ein Sammelband zum Thema erschienen, herausgegeben vom Stadtplaner und Soziologen Harald Bodenschatz gemeinsam mit dem Stadtplaner und Politologen Max Welch Guerra. Sie interpretieren die Bauaufgaben Wohnen, Arbeiten und Erholung als „Bausteine einer rechten Geschichtspolitik“, die zwischen dem Rückbezug auf vermeintlich nationale Formen und einer international – vor allem an den faschistischen Staaten Italien und Deutschland – geschulten Moderne geschickt ausbalancierte. Denn am Ende des Tages sollten die Bürger:innen durch ihre gebaute Umwelt zu einer nationalkatholizistischen Gesinnung finden. Die hiermit vorgelegte Studie zum Städtebau zu Francos Zeiten wurde von der Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert. (kb, 15.6.21) 

Welch Guerra, Max/Bodenschatz, Harald (Hg.), Städtebau als Kreuzzug Francos. Wiederaufbau und Erneuerung unter der Diktatur in Spanien 1938–1959, Dom Publishers, Berlin 2021, 24 x 30 cm, 460 Seiten, 570 Abbildungen, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-86922-527-2.

Titelmotiv: Valle de los Caidos/Spanien, 1940 bis 1959, bis 2019 Grablege Francos (Bild: Håkan Svensson (Xauxa), GFDL oder CC BY SA 3.0, 2005)

Dresden: Neustädter Markt unter Schutz

Nun ist es raus: Der Neustädter Markt in Dresden, in seiner heutigen Gestalt ein städtebaulicher Wurf der Ostmoderne, wurde auf Antrag der Stadt unter Denkmalschutz gestellt. Und zwar in Gänze, samt Plattenbauten und Straßemöblierung. Die heutige Fassung der geschichtsträchtigen Dresdener Platzanlage stammt aus den späten 1970er Jahren. Damals lag die städtebauliche Planung in den Händen von Heinz Michalk, Kurt W. Leucht, Konrad Lässig und Günther Grünberg. Für die architektonischen Entwürfe zeichneten Siegmar Schreiber, Wolfgang Schumann sowie Erich Kuphal und Kollektiv (WBS 70 Dresden) verantwortlich, um nur einige der Beteiligten zu nennen. Seit 2019 steht bereits die Brunnengruppe des Künstlers Friedrich Kracht unter Schutz, ebenso der nahe 1980er-Jahre-Anbau des Hotels Bellevue.

Noch im vergangenen Jahr hatten die Dresdener um die alte und neue Gestalt der Platzanlage gerungen. Der Sieger eines städtebaulichen Ideenwettbewerbs, der Entwurf von Bernd Albers und Günther Vogt, orientierte sich 2019 am Zustand vor 1945. Von politischer Seite wurde eine Neubebauung jedoch vorerst zurückgestellt. Stattdessen warb die Initiative Neustädter Freiheit für eine Inwertsetzung der ostmodernen Anlage. Die Gesellschaft Historischer Neumarkt Dresden wiederum favorisierte weiter die Grundrichtung des Wettbewerbssiegers, eine Rückbesinnung auf die Vorkriegsgestaltung. Doch die Denkmalpflege hat ihr Urteil getroffen, so wird Landeskonservator Alf Furkert in der Presse (nach einer dpa-Meldung) zitiert: „Der Neustädter Markt ist mit all seinen Elementen ein hervorragend überliefertes Zeugnis eines lange gereiften, städtebaulichen und freiraumplanerischen Projekts der DDR“. Nun wird man die Karten neu mischen und die Belange der Denkmalpflege (und damit auch der Ostmodernist:innen) stärker einbeziehen müssen. (kb, 14.6.21)

Dresden, Neustädter Markt, 1987 (Bild: Netsrak, CC BY SA 3.0)