Alle Beiträge von Karin Berkemann

Potsdam, Restaurant "Minsk" (Bildquelle: Architektur der DDR 28, 1979, 10)

Potsdam: Das Minsk bleibt!

Bei ostmodern.org und allen anderen Aktivisten für den Erhalt des ehemaligen Terrassenrestaurants am Potsdamer Brauhausberg dürften gestern abend die Sektkorken geknallt haben: Die „Potsdamer Neuesten Nachrichten“ (PNN) meldeten das Ende des Werkstattverfahrens, das nach beharrlichen Protesten gegen den Abriss des Minsk im Herbst 2018 eingeleitet worden war. (Im April 2018 berichteten wir bereits über den Offenen Brief von ostmodern.org, zu dessen Erstunterzeichnern wir zählten.) Der ostmoderne Bau wurde 1977 – zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution – am Brauhausberg eröffnet. Mit dem gestaffelten Flachdachbau ergänzte der Architekt Karl-Heinz Birkholz (mit Wolfgang Müller) die ebenfalls von ihm geplante geschwungene Schwimmhalle aus dem Jahr 1971.

Seit Jahren wurden verschiedene Planungen für das inzwischen leerstehende Terrassenrestaurant diskutiert, die zumeist auf Verkauf und Abriss hinausliefen. Nach dem gestrigen Beschluss soll das Minsk nun um einen Neubau ergänzt und ggf. aufgestockt werden. Dieser Kompromiss stelle, berichtet die PNN, sowohl den Investor als auch die Stadtwerke als auch die Ostmodernisten zufrieden, da so ausreichend Nutzfläche geschaffen und zugleich der bestehende Bau erhalten werde. Wie genau die neue Lösung aussehen kann – und was genau das für die ostmodernen Architekturformen bedeuten würde -, sollen weitere Gespräche und ggf. ein städtebaulicher Wettbewerb ausloten. Jetzt ist aber erst einmal Feiern angesagt! (kb, 16.1.19)

Potsdam, Restaurant „Minsk“ (Bildquelle: Architektur der DDR 28, 1979, 10)

Halle, Dreifaltigkeitskirche (Bild: Wolfram Friedrich, Halle)

Das moderne Halle

Irgendwo zwischen den barocken Franckeschen Stiftungen und der ostmodernen Neustadt muss es liegen, das moderne Halle. Mit einem gleichnamigen Onlineauftritt bündelt die Stadt an der Saale nun ihre Attraktionen und Aktivitäten rund um das Bauhausjahr 2019. Halle wurde in den 1920er Jahren zu einer Industriemetropole in Mitteldeutschland ausgebaut. Der in dieser Zeit entwickelte Stil prägt das Stadtbild bis heute. Bekannteste Architekten jener Jahre sind Wilhelm Jost, Martin Knauthe und Wilhelm Ulrich. Auch die Kunsthochschule Burg Giebichenstein prägte die dortige Moderne.

Die Stadt Halle hat das Bauhausjubiläum zum Anlass genommen, unter der Überschrift „Halle und die Moderne“ mit Ausstellungen und Veranstaltungen auf sich aufmerksam zu machen. Ein Taschenbuch, ein Kulturstadtplan und besagte Internetplattform laden in Wort, Bild und Audiodateien dazu ein, über 40 Orten moderner Architektur zu entdecken. Zwei Ausstellungen im Stadtmuseum („Kleinwohnung, Modehaus und Kraftzentrale – Neues Bauen und neues Leben im Halle der 20er-Jahre“) und in der Kunsthalle Talstraße („Wir machen nach Halle. Marguerte Friedlaender und Gernard Marcks“) bilden erste Höhepunkte im Jubiläumsjahr. (wf, 16.1.19)

Halle/Saale, Dreieinigkeitskirche, 1930, Wilhelm Ulrich (Bild: Wolfram Friedrich, Halle)

Berlin: U-Bahn-Tagung – das Programm

Die Berliner Konferenz „Underground Architecture Revisited“ (mit Ausstellung), die in der Berlinischen Galerie vom 20. bis 23. Februar 2019 stattfinden wird, verspricht nicht weniger als einen Rundumblick auf die modernen U-Bahnstationen der Welt. Die Tagung von Landesdenkmalamt Berlin, ICOMOS Deutschland, Initiative Kerberos und Berlinischer Galerie wird gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien und von moderneREGIONAL als Medienpartner begleitet.

Mittwoch, 20. Februar 2019

Bereits am ersten Konferenztag, am 20. Februar 2019, starten die Teilnehmer mit einer wohldosierten Portion Inhalt in den wohlverdienten Abendempfang:

  • ab 17.00 Uhr: Begrüßung: Moderation: Christoph Rauhut, Landeskonservator und Direktor Landesdenkmalamt Berlin; Begrüßung: Jörg Haspel, Präsident ICOMOS Deutschland; Thomas Köhler, Direktor der Berlinischen Galerie; Grußworte: Gerry Woop, Staatssekretär für Europa, Berlin; Evelyn Nikutta, Vorstandsvorsitzende der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG)
  • ab 17.30 Uhr: Thematische Einführung: Frank Schmitz, Hamburg, Initiative Kerberos
  • ab 18.00 Uhr, Abendvortrag: „Schnitt durch den U-Bahnraum“, Moderation: Verena Pfeiffer-Kloss, Berlin; Vortragender: Christoph Rodatz, Wuppertal
  • ab 19.00 Uhr: Abendempfang: im Irene-Baumann-Foyer der Berlinischen Galerie

Donnerstag, 21. Februar 2019

An den beiden folgenden Tagen, dem 21. und 22. Februar 2019, reihen sich die Referate und Gespräche nach thematischen Schwerpunkten:

  • 9.30-11.30 Uhr: Moderner U-Bahnbau und historische Stadt: Begrüßung: Birgitta Müller-Brandeck, Verwaltungsdirektorin Berlinische Galerie; Moderation: Christoph Rauhut, Berlin; ReferentInnen: Martin Murrenhoff, Berlin; Verena Pfeiffer-Kloss, Berlin; Venetsanaki Charikleia, Athen; Ralf Liptau, Wien
  • 13.00-14.30 Uhr: U-Bahnbau in der Sowjetunion Moderation: Frank Schmitz, Hamburg; ReferentInnen: Viktoriya Sukovata, Kharkiv/Ukraine; Natalia Dushkina, Moskau/Russische Föderation; Nato Gengiuri, Tiblisi/Georgien
  • 15.00-16.00 Uhr: Auf dem Weg in die moderne Stadt Moderation: Verena Pfeiffer-Kloss, Berlin, ReferentInnen: Sabine Kock, Hamburg; Andreas Putz, München
  • 16.00-16.45 Uhr: Werkstattgespräch: Moderation: Friedhelm Haas, Architektenkammer Berlin; TeilnehmerInnen: Martin Renz, BVG (angefragt), Rainer Fisch, Landesdenkmalamt Berlin; Peter Peternell, Wiener Linien

Freitag, 22. Februar 2019

  • 9.30-11.00 Uhr: Den Untergrund denken. Architektur und Medialität: Moderation: Ralf Liptau, Wien; ReferentInnen: Kerstin Renz, Kassel; Ingo Landwehr, Berlin; Roland Meyer, Cottbus
  • 11.30-13.00 Uhr: Initiativen: Moderation: John Ziesemer, Berlin; TeilnehmerInnen: Initiativen: London: SAVE Britain’s Heritage und Railway Heritage Trust Marcus Binney, London; Bonn: Werkstatt Baukultur Martin Bredenbeck, Bonn; Berlin: Initiative Kerberos Ralf Liptau, Wien
  • 13.00-13.15 Uhr: Auslobung des ICOMOS Studierendenwettbewerbs 60+- U-Bahn- und Verkehrsbauten
  • 14.30-16.00 Uhr: Inventarisierung: Moderation: Frank Schmitz, Hamburg; TeilnehmerInnen: Wiepke van Aaken und Burkhard Körner, München; Bernhard Kohlenbach, Berlin; Philipp F. Huntscha, Bonn
  • 16.30-17.30 Uhr: Podiumsdiskussion: „Wie machen wir das unterirdische bauliche Erbe der Nachkriegsmoderne zukunftsfähig?“, Moderation: Jörg Haspel, Berlin; TeilnehmerInnen: Manfred Kühne, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin; Reiner Nagel, Bundesstiftung Baukultur; Christine Edmaier, Architektenkammer Berlin; Uwe Kutscher, BVG (angefragt); Christoph Rauhut, Landesdenkmalamt Berlin; Kai Kappel, HU Berlin
  • ab 19.00 Uhr: Filmabend: „urbanoFILMS #35 – Merci Métro“, urbanophil e. V.; Kurzfilm: Barres, Luc Moullet, 1984, 14min; Spielfilm: Subway, Luc Besson, 1986, 104min; Ort: Centre Francais de Berlin, Müllerstraße 74 (U-Bahn Rehberge)

Samstag, 23. Februar 2019

  • 11.00-16.00 Uhr: Führung durch die Ausstellung „Underground Architecture“ in der Berlinischen Galerie (Eintritt kostenpflichtig) – jeweils zur vollen Stunde: Führende: Ralf Liptau, Verena Pfeiffer-Kloss und Frank Schmitz, Initiative Kerberos

(kb/db, 15.1.19)

Vom Bauhaus nach Tel Aviv

Wer gutes Bauhaus sehen will, der fährt nach Tel Aviv. Dazu mögen das mediterrane Klima, die jungen Bewohner und die guten Patisserien beitragen. Doch vor allem die hohe Dichte klassisch moderner Baukunst lockt immer mehr Kunstliebhaber an die israelische Küste. Hier bilden rund 4.000 Häuser im Bauhausstil die sog. Weiße Stadt.

Yigal Gawzes Fotografien zeigen die Spuren, welche die Begegnung des europäischen Bauhauses mit der Kultur des Mittelmeerraums hinterlassen hat. Sie sind eine Hommage an den Bauhaus-Geist, die Avantgarde-Fotografen der 1920er-Jahre und an die gegenwärtige Aktualität der architektonischen Moderne im Städtebau. Das faszinierende Porträt der leuchtenden Stadt offenbart mit überraschenden Detailaufnahmen auch im Fragment das poetische Wesen der Bauhaus-Architektur. (kb, 15.1.19)

Form and light. From bauhaus to tel aviv, Beiträge von Y. Gawze, G. Ophir, M. Jacobson, Hirmer Verlag, München 2019, Deutsch/Englisch, 120 Seiten, 100 Abbildungen in Farbe, 24,1 x 27,9 cm, gebunden ISBN: 978-3-7774-3099-7.

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Vero-Puppenhaus, 1968 (Bild: Christoph Liepach)

Moderne Größe

Dass wir bei moderneREGIONAL ein großes Herz für die kleinen Architekturen haben, ist bekannt. Daher haben wir uns voller Freude durch den neuen kleinen Online-Auftritt von Christoph Liepach geklickt, den er den Puppenhäusern des ostdeutschen Herstellers „Vero“ gewidmet hat. Vero bildet sich aus der Abkürzung für „VEB Vereinigte Erzgebirgische Spielwarenwerke Olbernhau“, die von 1966 bis 1972 zerlegbaren System-Puppenhäuser für den nationalen und internationalen Markt produzierten.

Die kleinen Konstruktionen spiegeln die Eleganz der Wohnbauten der 1960er und 1970er Jahre, gemischt mit einem Hauch kapitalistischer Bungalows von Neutra bis Wright. Der Spielwarenhersteller Vero – ebenso bekannt für seine Modellbahn-Häuschen – konzipierte Module, die in verschiedenen Puppenhaustypen eingesetzt wurden. Deren Aussehen wird geprägt von der Grundplatte mit Gehwegpflaster, vom Holzfurnier, von den roten und blauen Flachdächern. Die volle Schönheit der modernen Systembauten können Interessierte nun bei Christoph Liepach online bestauenen und bei Interesse auch gegen eine Gebühr analog entleihen. (kb, 14.1.19)

Vero-Puppenhaus, 1968 (Bild: Christoph Liepach)

Modellvarianten zum Thema "Standardgrundrisse" aus der Bauabteilung der "Neuen Heimat", 1970 (Bildquelle: Hamburgisches Architekturarchiv, Neue Heimat FA 027, S. 9)

Modell Moderne

Es wurde geknetet, geschnitten, gesägt und geklebt: Nach dem Zweiten Weltkrieg planten Architekten viel und gerne am Modell. Gerade die damalige Reduktion auf klare stereometrische Baukörper, auf „Klötze“, war höchst geeignet für diese Arbeitsform. Die dreidimensionalen Aufbauten dienten der Entwicklung und Überprüfung einer Idee. Damit schlossen die Modelle die Lücke zwischen der klassischen Zeichnung und dem heutigen computergestützten Verfahren. Der Architektur- und Kunsthistoriker Ralf Liptau hat sich mit seiner Promotion eben jener Entwurfspraxis verschrieben.

Seine aktuell im Bielefelder transcript Verlag erschienene Publikation „Architektur bilden“ versteht sich als Brückenschlag zwischen einer Architekturgeschichtsschreibung der Moderne und aktuellen Entwurfs- bzw. Wissenstheorien. Hierfür analysiert Liptau u. a. bislang unveröffentlichte Archivalien von Egon Eiermann, Frei Otto und Paul Schneider-Esleben. Es geht ihm nicht um Präsentationsmodelle, sondern um die Medien und Spuren des kreativen Arbeiten: Am Modell wurde bewusstes und unbewusstes Wissen sichtbar gemacht, geschärft und weiterentwickelt. Demnach ist das Modell der Nachkriegsmoderne weder „Spielzeug“, noch „hübsches“ Medium, sondern selbst wichtiger Teil des architektonischen Entwurfsprozesses. (kb, 12.1.19)

Liptau, Ralf, Architekturen bilden. Das Modell in Entwurfsprozessen der Nachkriegsmoderne, transcript Verlag, Bielefeld 2018, 236 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4440-1.

Modellvarianten zum Thema „Standardgrundrisse“ aus der Bauabteilung der „Neuen Heimat“, 1970 (Bildquelle: Hamburgisches Architekturarchiv, Neue Heimat FA 027, S. 9, Detail)

Karlsruhe, Militärkirche (Bild: Harald Kucharek, CC BY SA 2.0, 2011)

Karlsruhe im Rütteltest

In Karlsruhe hat die Fraktion „Die Grünen“ einen weitreichenden Antrag an die Stadt gestellt: Auf der einen Seite stehe der hohe Bedarf an Kultur-, Versammlungs- und Wohnraum. Auf der anderen Seite blieben den Kirchen immer öfter die Mitglieder weg und die Gottesdiensträume leer. Daher müsse die Stadt beide Seiten zusammenbringen: „Vielen Gemeinden fällt es allerdings schwerer, Teile ihrer Liegenschaften abzugegeben“, erklärten die Grünen gegenüber ka-news. Diese Hemmschwelle könne überwunden werden, wenn ein „konkreter gesellschaftlicher Zweck“ für solche Bauten aufgezeigt würde.

Die Stadt Karlsruhe verweist darauf, dass sie bereits regelmäßig Gespräche mit den Kirchenvertretern führe, ob und wenn ja wo Räume abgetreten werden könnten. Es gebe erste Listen möglicher Flächen, doch die beiden großen Konfessionen zögen nur „soziale Zwecke und den sozialen Wohnungsbau“ in Betracht. Da haben also die einen zu viel, die anderen zu wenig Raum – ideale Voraussetzung für den Erhalt moderner Kirchenbauten? Die Militärkirche (1951) etwa, die ab den 1990er Jahren von verschiedenen religösen Gemeinschaften zwischengenutzt worden war, soll neuen Wohnbauten weichen. Und bei der Zusammenlegung von Petrus- und Jakobuskirche (1961 bzw. 1970) ging es nach dem Prinzip: aus zwei mach eins (zwei Abrisse, ein Neubau). Das scheint weder substanz-, noch umweltschonend. (kb, 11.1.19)

Karlsruhe, Militärkirche (Bild: Harald Kucharek, CC BY SA 2.0, 2011)

Beitrag zur Gestaltung des Karl-Marx-Platzes in der Illustrieren Zeitschrift für die Frau, 36, 1, September 1968, Zeichnung Robert Rehfeldt nach einer Vorlage von Hans-Dietrich Wellner (Bild: VG Bildkunst, Bonn 2018)

Dresden hat jetzt auch einen „Plan!“

In Leipzig nutzte man in den frühen 1960er Jahre typisierte Bauten, um sich den Traum von einer Stadtlandschaft mit großen Freiräumen zu erfüllen. Die Ausstellung „Plan! Leipzig, Architektur und Städtebau 1945-1976“ – eine gleichnamige Ausstellung war 2017 in Leipzig zu sehen – zeigt nun im Dresdener ZFBK (Zentrum für Baukultur Sachsen, Schloßstraße 2, 01067 Dresden) die wechselvolle Baugeschichte der Messestadt in den drei Nachkriegsjahrzehnten bis zur Grundsteinlegung von Leipzig-Grünau. Das Projekt bildet eine Zusammenarbeit des Amtes für Bauordnung und Denkmalpflege der Stadt Leipzig, des Stadtarchivs Leipzig und des Stadtgeschichtlichen Museums Leipzig mit dem Zentrum für Baukultur Sachsen.

Die Vernissage wird am 16. Januar 2019 um 18.30 Uhr im ZFBK in Dresden begangen. Anschließend ist die Ausstellung bis zum 16. Februar 2019 zu sehen. Im Begleitprogramm findet sich am 23. Januar 2019 um 19 Uhr ein Vortrag von Peter Leonhardt über die Leipziger Ostmoderne. Am 30. Januar 29019 referiert Thomas Hoscislawski um 19 Uhr über den „Karl-Marx-Platz im Aufbau“. Tanja Scheffler informiert am 6. Februar 2019 um 19 Uhr über die „Sozialistische Stadtzentrumsumgestaltung“. Nicht zuletzt ist am 13. Februar 2019 um 20 Uhr der Film „Die Architekten“ zu sehen. Begleitend zur Ausstellung erscheint ein gleichnamiges Buch. (kb, 10.1.19)

Beitrag zur Gestaltung des Karl-Marx-Platzes in der Illustrieren Zeitschrift für die Frau, 36, 1, September 1968, Zeichnung Robert Rehfeldt nach einer Vorlage von Hans-Dietrich Wellner (Bild: VG Bildkunst, Bonn 2018)

Gesucht: Kunst am Bau

Bei den heutzutage geforderten Bau-Standards fällt ein lange selbstverständlicher Begriff leider mehr und mehr unter den Tisch: die Kunst am Bau. Egal ob Mosaike, Plastiken oder Wandbilder, vor allem das vergangene Jahrhundert hat eine einmalige Vielfalt an identitätsstiftenden Kunstwerken im öffentlichen Raum hervorgebracht. Deren Existenz ist nun durch rücksichtslose Sanierungsmaßnahmen, durch das schnöde Übersehen und Vergessen gefährdet. Gerade bei Gebäuden der 1950er bis 1970er Jahre, die noch nicht dem Denkmalschutz unterstehen, ist Gefahr im Verzug.

Der Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (BHU) sucht daher für eine Publikation ausgewählte Beispiele, die glücklich bewahrt werden konnten. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem bürgerschaftlichen Engagement: Wie konnte das Kunstwerk gerettet werden? Wer waren die Akteure? Die Vorschläge (einleitende Objektbeschreibung, Hintergrundinformationen, gerne auch Bilder) können bis zum 21. Januar 2019 eingereicht werden bei: redaktion@bhu.de. Für Nachfragen steht zur Verfügung: Kristin Gehm, 0228 224091. Die dann Ausgewählten sollten Kurztexte oder auch längere Artikel (bis zu ca. 20.000 Zeichen) bis zum 11. Februar 2019 mit entsprechendem Bildmaterial/Bildrechten vorlegen. Nach Fertigstellung der Publikation erhalten alle Autoren – und ausgewählte Multiplikatoren – ein kostenfreies Belegexemplar. (jm, 9.1.19)

Thale, Wandbild (Bild: JurecGermany, gemeinfrei, 2011)

Hamburg, C&A-Gebäude in der Mönckebergstraße (Bild: ric-stiens.de)

Hamburg: C&A-Gebäude soll weg

In Hamburg kommen wir mit den Abrissmeldungen leider kaum hinterher: Auch das C&A-Gebäude in der Mönckebergstraße soll fallen, meldet der NDR. Demnach ist die Entscheidung des Textilunternehmens bereits getroffen, an die Stelle des bestehenden Hauses einen Neubau zu setzen. Hier soll C&A wieder einziehen, in den oberen Stockwerken – so der NDR – ggf. ergänzt um „Gastronomie, Büros und vielleicht ein kleines, exklusives Boutique-Hotel“. Damit würden die Möglichkeiten des prominenten Standorts gewinnbringend aufgefächert. Doch auch eine kulturelle Nutzung sei am Abend denkbar, um die Innenstadt attraktiver zu machen.

Das Textil-Kaufhaus liegt in der beliebten Hamburger Einkaufsmeile direkt am U-Bahnhof „Mönckebergstraße“. 1964/65 wurde der Bau gestaltet vom Architekten Ric Stiens (für das Büro E. A. Gärtner (+ R. Stiens), heute Nattler Architekten), der insgesamt 140 C&A-Projekte betreuen sollte. Er ersetzte damit das Kontorhaus Rolandhaus (1911, Carl Gustav Bensel/Franz Bach). Hier war der Textilkonzern bereits seit 1913 vertreten und erwarb 1935 das Haus, das dann 1944 im Krieg zerstört wurde. Als Argumente für den Abriss des heutigen, nachkriegsmodernen C&A-Gebäudes werden angeführt: hoher Sanierungsbedarf, Asbestbelastung und Brandschutzmängel. Ein genauer Abrisstermin wird bislang nicht benannt. Glaubt man NDR und Mopo, werden „Nachbarn und City-Interessenverbände in die Planungen einbezogen“. (kb, 8.1.19)

Hamburg, Mönckebergstraße, C&A-Gebäude (Bilder: oben: ric-stiens.de, wohl um 1965; unten: Marco Alexander Hosemann, via instagram, 2018/19)

Berlin, Märkisches Viertel (Bild: Fortepan/G K, CC BY SA 3.0, 1970)

Großsiedlungsbau im geteilten Berlin

Ob Ost oder West: In den 1960er und 1970er Jahren brauchte Berlin drängend neuen Wohnraum. Politiker, Architekten und Städtebauer übersetzen diesen Bedarf in sog. Großsiedlungen, die teils noch bis zum Mauerfall errichtet wurden. Projekte wie das Märkische Viertel (1963-76) und Marzahn (1977-90) können dabei stellvertretend stehen für die damaligen siedlungspolitischen Konzepte dies- und jenseits der Mauer.

Mit seiner neuen Publikation im Berliner Gebr.-Mann-Verlag stellt der Architektur- und Stadtbauhistoriker Jascha Philipp Braun, heute wissenschaftlicher Referent der städtebaulichen Denkmalpflege im LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland, zugleich seine Promotion vor. In dieser Untersuchung arbeitet er die Planungsansätze im Osten und Westen Deutschlands heraus, vergleicht sie miteinander – und kommt zu dem Schluss, dass die Gemeinsamkeiten überwiegen. (kb, 7.1.19)

Braun, Jascha Philipp, Großsiedlungsbau im geteilten Berlin. Das Märkische Viertel und Marzahn als Beispiele des spätmodernen Städetebaus (Forschungen zur Nachkriegsmoderne des Fachgebietes Kunstgeschichte am Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik der TU Berlin), Gebr.-Mann-Verlag, Berlin 2018.

Berlin, Märkisches Viertel (Bild: Fortepan/G K, CC BY SA 3.0, 1970)

Taizé, Mittagsgebet (Bild: Christian Pulfrich, CC BY SA 4.0, 2015)

„Mit Fanta und mit Butterkeks“

Funny van Dannen hatte Recht, als er 1996 zur Gitarre sang: „Die Welt ist aus den Fugen“ – die kirchliche zumindest. Zum Jahresende kümmerte sich der Vatikan höchstpersönlich um die Frage „Wohnt Gott hier nicht mehr?“. Den Experten ging es um die leerstehenden Kirchen, zumindest die „historisch bedeutsamen“ unter ihnen. Fast zeitgleich kuschelten sich (van Dannen lässt grüßen) „Junge Christen“ in Madrid in nüchternen Messehallen zum Taizé-Treffen zusammen. Die Keimzelle ihrer Bewegung liegt im Burgund, in der Versöhnungskirche. Den dortigen Brüdern war der Bau 1962 etwas zu schroff geraten: Mit den Jahren wurde das betonierte Chorgestühl entfernt, eine Vorhalle mit Zwiebeltürmchen angefügt und der Altarraum mit bunten Tüchern aufgehübscht.

Eben jene Räume des 20. Jahrhunderts sind es, die am stärksten von der Finanz- und Mitgliederschwäche der beiden großen Konfessionen betroffen sind. Da wird gespart, umgebaut – und halbiert, um für den Kirchenrumpf (wie in Frankfurt oder Steinfurt) eine liturgische Grundversorgung aufrechterhalten zu können. Wenn es dann doch eine andere Nutzung sein soll, bevorzugt der Pästliche Kulturrat eine religiöse, kulturelle oder karitative Bestimmung. Bei einem geringen architektonischen Wert seien auch private Wohnzwecke denkbar. Nach der 14-seitigen Verlautbarung vom Dezember 2018 wäre der Verkauf erst die letzte Alternative, das Thema „Abriss“ wird umschifft. Grundsätzlich solle alles mit der zugehörigen kirchlichen wie weltlichen Gemeinde geplant und für die würdige Weitergabe (selbst moderner) liturgischer Gegenstände gesorgt werden.

All das ist nicht wirklich überraschend. So hatte die Presse einige Mühe, daraus mit Überschriften à la „Kein Nachtclub, keine Diskothek“ eine Schlagzeile zu basteln. Die römischen Feinheiten liegen zwischen den Zeilen: Zu Beginn des Kongresses richtete Papst Franziskus eine Botschaft an die Teilnehmer. Kirchen seien „heilige Zeichen“, die Sparprozesse ein „Zeichen der Zeit“. Damit war das Problem amtlich und ein ungewohnt weiter Rahmen abgesteckt. Bei der gelobten „religiösen“ Weiternutzung schweigen die Leitlinien zum Islam (also eher keine Moschee), sprechen aber positiv von „anderen christlichen Gemeinschaften“. Das adelt die neuen ökumenischen Mischnutzungen (wie in Herten oder Mettmann), die jedoch häufig Abriss und Neubau bedeuten – während zeitgleich bewährte Ökumenische Zentren ausgeschlichen werden. Da wünscht man sich ein wenig der kostengünstigen Fanta-und-Butterkeks-Pragmatik der jungen Taizé-Christen. Nur über die Sache mit den bunten Tüchern müssten wir noch mal reden … (1.1.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Taizé, Mittagsgebet (Bild: Chiristian Pulfrich, CC BY SA 4.0, 2015, der Chorraum wurde 2018 neu gestatltet )