Alle Beiträge von Karin Berkemann

"Raumkult - Kultraum" (Detail des Buchcovers, transcript-Verlag)

Raumkult – Kultraum

Was macht eine Gemeinschaft aus und welche Räume braucht sie? Die Antwort auf diese Frage wird, zumal im religiösen Bereich, heute neu und immer anders beantwortet. Alternative Konzepte schaffen neue, „auratisch“ genannte Architekturen, die häufig mit religiösen Motiven spielen: In Museen, Bibliotheken, Denkmalanlagen und Hochzeitskapellen entstehen neue Orte der Gemeinschaft, deren Grenzlinie zum traditionellen religiösen Raum oft sehr unscharf verläuft.

Die Publikation „Raumkult – Kultraum. Zum Verhältnis von Architektur, Ausstattung und Gemeinschaft“ ist frisch im transcript-Verlag erschienen. Die Beiträge des Bandes diskutieren aus verschiedenen geisteswissenschaftlichen Perspektiven vergangene und bestehende religiöse Raumkonzepte sowie neugeschaffene Kulträume im 20. und 21. Jahrhundert. In der Zusammenschau liefert die Veröffentlichung damit neue Impulse für die aktuelle Diskussion um Raumgestaltung, Öffentlichkeit und Gemeinschaftsstiftung. (kb, 23.3.19)

Buchner, Maximiliane/Minta, Anna (Hg.), Raumkult – Kultraum. Zum Verhältnis von Architektur, Ausstattung und Gemeinschaft (Linzer Beiträge zur Kunstwissenschaft und Philosophie), transcript-Verlag, Bielefeld 2019, 258 Seiten, ISBN: 978-3-8376-4697-9.

Titelmotiv: „Raumkult – Kultraum“ (Detail des Buchcovers, transcript-Verlag)

Hamburg, Cityhof (Bild: Oliver Elser und Andreas Muhs, CC BY NC ND, 2006, via flickr)

Kalte Küche [durch die]

Nichts gegen weiche Entscheidungsprozesse, starke (alte, weiße) Männer haben wir schon genug. Doch das Geflecht aus Ahnungen und Halbinformationen, Beteuerungen und Appellen, das seit einigen Tagen Hamburg in Atem hält, droht wenig auszutragen – außer vielleicht einer im vielfachen Sinne teuren Baulücke. Da erfuhr die Öffentlichkeit am Montag indirekt aus einer getwitterten Störmeldung des Verkehrsverbunds, dass die Stadt ernst machen wolle mit dem Abriss des Cityhofs. Am Mittwoch erklärten die Behörden dann auf Anfrage der Presse, die Genehmigung sei bereits erteilt. Derweil verschoben die Parteien und Gruppierungen in ungewohnten Konstellationen den Schwarzen Peter für einen noch nicht vollzogenen Abbruch.

Ob der Chtyhof noch eine Chance bekommen wird, ob er bessere Chancen hätte, gäbe man ihm noch zwei/drei/vier Jahre Gnadenfrist? Wir wissen es nicht. Sicher scheint, dass die vier Hochhausscheiben nicht die letzten Opfer eines äußerst ungelenken Stadtumbaus bleiben werden. Die Liste der Hamburger Abbrüche ist lang und gerade mit den jüngeren Kandidaten wurde zumeist weit weniger Federlesen gemacht als mit dem Symbolbau Cityhof. Manchmal ist es nicht so sehr der baukünstlerische Wert, um den es schade wäre. Häufig wurde einfach die Gelegenheit vertan, sich für vorhandene Räume behutsam an neue Nutzungen heranzutasten. Oder hätte etwa beim Deutschlandhaus (wenn denn wirklich kaum noch Originalsubstanz vorhanden ist) nicht auch ein günstigeres Makeover ausgereicht?

Daher: Es lebe das Interim! Nicht jede Änderung wird gleich und sauber am grünen Tisch entschieden. Manchmal lohnt der Umweg über eine Zwischennutzung. Das muss nicht immer die Hipster-Stadtgartenkooperative sein. In Hamburg-Horn beispielsweise stand am Anfang eine Investorenpleite: Als die evangelische Gemeinde ihre nachkriegsmoderne Kapernaumkirche verkaufte, hoffte sie auf eine kulturelle Nutzung des ehemaligen Gottesdienstraums. Der neue Eigentümer bebaute zwar das Restgrundstück mit Wohnungen, ließ aber die Kirche brach liegen. Am Ende erwarb eine muslimische Gemeinde das Kulturdenkmal und verwandelte es in eine Moschee. Diesen Weg hätte wohl keiner der Beteiligten direkt gewählt, nun entwickelt sich hier – unter dem kollektiven Vergrößerungsglas – ein bundesweit einmaliges Projekt. Ausgang ungewiss, aber vieles sieht gut aus. Hamburg, es geht doch (und ginge noch beim Cityhof)! (22.3.19)

Karin Berkemann

Titelmotiv: Hamburg, Cityhof (Bild: Oliver Elser und Andreas Muhs, CC BY NC ND, 2006, via flickr)

Berlin, Terrassen der Karl-Liebknecht-Straße (Bild: Copyright Wohnungsbaukombinat Berlin)

Der Komplex Karl-Liebknecht-Straße

Der 320 Meter lange Komplex Karl-Liebknecht-Straße beherrscht in Berlin das Gebiet um den Fernsehturm und die Marienkirche. Zwischen 1967 und 1973 wurde das 320 Meter lange Ensemble nach Entwürfen von Wolfgang Radke, Manfred Zumpe, Hans-Peter Schmiedel und Werner Strassenmeier errichtet. In ungewöhnlicher Nutzungsvielfalt verband man Wohnungen mit Geschäften, Büros, Ateliers und Gaststätten. Zwei Zentren für ungarische und polnische Kultur mit Ausstellungsräumen, Veranstaltungssälen und Bibliotheken ergänzten das Angebot.

Holztäfelungen, Marmorfußböden und kunstvoll gebrannte Klinkerelemente, hinzu kam baugebundene Kunst – bei der reichen Ausstattung orientierten sich die Architekten auch von Westberliner Vorbildern wie Corbusierhaus und das Europacenter. Die Ausstellung „Der Komplex Karl-Liebknecht-Straße – zwischen Utopie und Realität“ wird heute, am 22. März 2019 um 19 Uhr eröffnet un dist im Anschluss bis zum 23. April in der Stadtwerkstatt Berlin (Karl-Liebknecht-Straße 11, 10178 Berlin) zu sehen. Organisiert wird die Schau von der „Initiative Offene Mitte Berlin“ und unterstützt von der Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte mbH (WBM) unterstützt. Aus dem Begleitprogramm sind hervorzuheben das Zeitzeugengespräch mit Manfred Zumpe am 12. April 2019 um 19 Uhr sowie der Vortrag mit Martin Maleschka zu baubezogener Kunst in der DDR am 23. April 2019 um 19 Uhr, beide in der Stadtwerkstatt Berlin. (kb, 22.3.19)

Berlin, Terrassen der Karl-Liebknecht-Straße (Bild: © Wohnungsbaukombinat Berlin)

Hamburg, Cityhof, 1958 (Bild: Herbert Wedemeyer)

Hamburg: Startet heute der Abriss?

Es ist ein scheinbar harmloser Tweet vom HVV (Hamburger Verkehrsverbund), der Kristina Sassenscheidt vom Denkmalverein in Alarmbereitschaft versetzt hat: „Ab Montag, 18.3.19 Betriebsbeginn bis vsl. Freitag, 27.10.23, kann die Haltestelle U Steinstr. in Ri Elbbrücken aufgrund eines Hausabbruch nicht bedient werden und entfällt ersatzlos“, so der Tweet-Text. Sehen wir einmal vom fehlenden Genitiv-S ab, beunruhigt die Dauer der angekündigten Arbeiten ebenso wie die Umgebung der Haltestelle: Hier liegt der abrissbedrohte Cityhof.

Seit Jahren streiten Hamburger Initiativen für den Erhalt der vier markanten Hochhausscheiben in Nähe des Hauptbahnhofs, die 1957 nach Entwürfen des Architekten Rudolf Klophaus fertiggestellt wurden. Abrissgegner Marco Alexander Hosemann glaubt nicht an einen Hausabriss, wie er heute morgen gegenüber moderneREGIONAL erklärte: „So wie die Wasserleitungen etc. südlich des Cityhofs bereits verlegt wurden, wird jetzt wohl einfach schonmal die Bushaltestelle aufgelöst. Wahrscheinlich, um auch dort schon mal ein bisschen Erde und Leitungen zu bewegen.“ Dabei sollte, so Hosemann, eigentlich klar sein, dass der avisierte Neubau den Welterbestatus gefährde und daher „kein grünes Licht von der UNESCO“ bekommen könne. (kb/db, 18.3.19)

Am 20./21. März 2019 gibt die Stadt der Presse gegenüber bekannt, dass die Abrissgenehmigung für den Cityhof erteilt wurde. (21.3.19.)

Hamburg, Cityhof, 1958 (Bild: Herbert Wedemeyer)

Betzenrod, Hachschara-Lernhof, 1920er Jahre (Bild: PD, via wikimedia commons)

Kibbuzim auf deutschem Boden?

Um junge Deutsche auf die Emigration nach Palästina vorzubereiten, gründete zionistische Netzwerke man in den 1920er Jahren Lehrhöfe. Am Ende dieser „Hachschara“, der systematischen Schulung vor allem in landwirtschaftlichen Berufen, stand das Auswanderungszertifikat ins damals noch britisch verwaltete Gebiet. Häufig waren diese Höfe ähnlich gemeinschaftlich organisiert wie die Kibbuzim in Palästina bzw. im späteren Israel. Noch weitgehend unerforscht sind die Details dieser Bewegung, die während der ersten Jahre der NS-Regierung teils geduldet, teils erwünscht, teils beargwöhnt war. In vielen Fällen trugen die Höfe zur Rettung Jugendlicher aus NS-Deutschland bei, manchmal wurden sie Ende der 1930er Jahre fast nahtlos in Lager für jüdische Zwangsarbeiter überführt.

Vor diesem Hintergrund findet im Erich-Weniger-Haus/Schulmuseum Steinhorst am 26. April 2019 die Fachtagung „Hachschara und Jugend-Alija in Deutschland und Palästina“ statt. Veranstalter ist Prof. Dr. Ulrike Pilarczyk von der TU Braunschweig im Rahmen des DFG-Forschungsprojekts „Nationaljüdische Jugendkultur und zionistische Erziehung in Deutschland und Palästina zwischen den Weltkriegen“. Begleitend wird im Schulmuseum Steinhorst am Donnerstag, dem 25. April 2019 um 18 Uhr eine Sonderausstellung „unter anderen Umständen wäre ich kein ‚Bauer‘ geworden“ (Max Barta). Um Anmeldung wird gebeten bis zum 1. April 2019 unter: s.museum@museen-Gifhorn.de oder 05148 4015 (Anrufbeantworter). (kb, 18.3.19)

Betzenrod, Hachschara-Lernhof, 1920er Jahre (Bild: PD, via wikimedia commons)

Mauer (Bild: Tomascastelazo, CC BY SA 4.0, 2010)

Beton oder Bild?

Der Streit ist mindestens so alt wie die Diskussion um den Wiederaufbau des Heidelberger Schlosses: Zählt das Bild oder die Substanz? Gerade für Räume der (Nachkriegs-)Moderne rückt diese alte Frage neu in den Mittelpunkt der denkmalfachlichen Praxis. Allzu oft scheinen einstmals experimentelle Baustoffe nicht restaurierbar – oder nur unter Verlust originaler Materialien. Doch, wenn die Betonoberfläche neu modelliert, der Fassadenbehang nachgestellt werden muss, was bleibt dann übrig vom Denkmal? Solchen Fragen stellt sich – bezogen auf alle Stilepochen – das fächerübergreifende Sommerseminar auf Gut Siggen an der Ostsee (Seminarzentrum der Alfred Toepfer Stiftung F. V. S.) vom 22. bis 26. Juli 2019 unter dem Titel „Was ist ein Denkmal? Architektur als kulturelles Erbe“.

Impulsstatements der Veranstalter begleiten die Diskussion, ergänzt um Perspektiven von Gastreferenten aus dem Denkmalschutzamt und der Zivilgesellschaft. Eingeladen sind Studierende der Architektur, Stadtplanung, Kunstgeschichte, Denkmalpflege oder angewandten Kulturwissenschaften sowie verwandter Fächer, sich mit Impulsreferaten einzubringen. Bewerbungen (Lebenslauf, Kurzexposé (max. ½ Seite) für ein mögliches Impulsreferat zu einer theoretischen Position oder einem konkreten Fall) können bis zum 15. April 2019 gesendet werden an: Lisa.Kosok@hcu-hamburg.de. Veranstalter sind Prof. Dr. Lisa Kosok (Kultur der Metropole, HafenCity Universität), Dr. Frank Schmitz (Kunstgeschichtliches Seminar, Universität Hamburg) und Dipl.-Ing. Kristina Sassenscheidt (Denkmalverein Hamburg e. V.). (kb, 17.3.19)

Betonwand (Bild: Tomascastelazo, CC BY SA 4.0)