Alle Beiträge von Karin Berkemann

Barcelona, Casa de la Ciutat (Bild: Enfo, CC BY SA 3.0, 2013)

Wer denkt schon an den Brutalismus …

… oder an den Strukturalismus? Zu wenige, meint Bernd Denkinger, zumindest heute. Anfang der 1950er Jahre sah die Situation anders aus: Denn die rasch hingestellten, funktionalistisch geplanten Stadtviertel und Siedlungen der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg konnten die Versprechen der einstigen archtektonischen Avantgarde nicht einlösen. Also musste sich die moderne Architektur neu erfinden. Über die bildende Kunst des frühen 20. Jahrhunderts erschloss sich nun auch der Baukunst eine „primitive“ außerrationale Erfahrung – gebündelt im New Brutalism. Der Strukturalismus hingegen wollte die Philosophie der Zeit in Architektur zu fassen.

Anhand von 150 Abbildungen und Plänen stellt Bernd Denkinger in seinem neuen Buch „Die vergessenen Alternativen“ die Strömungen der Nachkriegsmoderne vor. Dabei berücksichtigt er sowohl die frühen Konzepte des New Brutalism als auch die späteren Raumschöpfungen des Strukturalismus. Zuletzt verknüpft Denkinger die damalige erweiterte Wahrnehmung der physischen Welt mit den heutigen „rationalen“ Ambitionen der Architektur. (kb, 22.5.19)

Barcelona, Casa de la Ciutat (Bild: Enfo, CC BY SA 3.0, 2013)

Denkinger, Bernd, Die vergessenen Alternativen. Strukturalismus und brutalistische Erfahrung in der Architektur, Jovis Verlag, Berlin 2019, Flexocover, 16,5 x 24 cm, 288 Seiten, ca. 150 Farb- und Schwarzweiß-Abbildungen, ISBN 978-3-86859-551-2.

Lutherstadt Eisleben, Theater-Wandbild (Bild: startnext-Projekt „Für Schmidtchen“)

„Mach langsam, es wird scheiße“

Seit 25 Jahren prägt ein monumentales Wandbild das Theatergebäude von Eisleben: 1994 hatte Martin Schmidt, Theatermaler und Grafiker in der Lutherstadt begonnen, die Außenwände des Bühnenhauses zu gestalten. Stufenweise entstand so ein Wandbild von rund 130 Quadratmetern: Solisten, Statisten, Narren und Teufel entführen den Betrachter in die Welt des Theaters. Das Eisleber Wandbild gilt als die größte zusammenhängende Arbeit des 2010 verstorbenen Künstlers. Ehemalige Mitstreiter erinnern sich gerne an „Schmidtchen“ und seine geflügelten Worte wie „Wenn du kochen kannst, kannst du auch malen“ oder „Mach langsam, es wird scheiße“.

Mit den Jahren hat das Eisleber Wandbild Schaden genommen und droht ganz zu verschwinden. Um dieses einmalige Kunsterbe in der Lutherstadt und damit auch die Erinnerung an einen prägenden Künstler zu erhalten, bittet das Theater via Crowdfunding um Unterstützung. Mit der angestrebten Summe von 12.000 Euro will das startnext-Projekt „Für Schmidtchen“ die Arbeit des Restaurators Frank-Uwe Albrecht, Materialkosten sowie die notwendige Gerüststellung bezahlen. Es winken zahlreiche „Dankeschöns“ von der Einladung zum Theater-Sommerfest über eine exklusive Führung aufs Theaterdach bis hin zu limitierten Drucken des Künstlers. (kb, 22.5.19)

Lutherstadt Eisleben, Theater-Wandbild (Bild: startnext-Projekt „Für Schmidtchen“)

Wagenfeld-Leuchte (Bild: cairo.de)

Wagenfeld leuchtet

Entgegen anderslautender Gerüchte kann man Stil kaufen – und sogar auf den Schreibtisch stellen: 1924 entwickelte der Designer Wilhelm Wagenfeld gemeinsam mit Carl Jacob Jucker eine Leuchte, die zum Klassiker avanciern sollte. Die Anregungen für sein umfangreiches Werk bezog Wagenfeld u. a. aus der Staatlichen Bremer Kunstgwerbeschule, der Künstlerkolonie Worpswede, den Wiener Werkstätten und dem Bauhaus Weimar. Für den ikonischen Lampenentwurf mit der Zugschnur, der später nach ihm benannt werden sollte, verband er hochwertige Materialien vom Klarglas über vernickelte Metallelemente bis zu mungeblasenem Opalglas. Bis heute wird die Tischleuchte in Bremen produziert und zugleich vielfach auf der Welt kopiert.

Vom 24. Mai bis zum 27. Oktober 2019 widmet sich die Ausstellung „Wilhelm Wagenfeld: Leuchten“ im Wilhelm-Wagenfeld-Haus (Am Wall 209) in Bremen dem Thema, die Eröffnung findet am 23. Mai 2019 um 19 Uhr statt. Die Ausstellung folgt dem Weg der Bauhaus-Idee im Werk Wagenfelds bis in die 1970er Jahre. Zeitgenössische Leuchtentwürfe sollen den Einfluss des Designers auf die heutige Formensprache unterstreichen. (kb, 21.5.19)

Wagenfeld-Leuchte (Bild: cairo.de)

Die Schauspielerin Louise Brooks 1929 mit Bubikopf (Bild: gemeinfrei, via wikimedia commons)

Die frisierte Moderne

Mit den Feierlichkeiten von 2019 ist die Moderne auf den Köpfen angekommen: In ausgewählten Magdeburger Salons gibt es bis zum 21. September das „Frisieren eines Bubikopfes zum Aktionspreis von 30,- € (Waschen, Schneiden, Föhnen)“. Anlass ist – natürlich – das Bauhausjubeljahr, das in der Landeshauptstadt unter dem Motto „100 Jahre Magdeburger Moderne“ begangen wird. In der Sonderausstellung des dortigen Friseurmuseums dreht sich alles um den Bubikopf. Titelgesicht der Kampagne ist zielgruppengerecht Li Krayl, Gattin des modern gesinnten Architekten Carl Krayl, deren Foto 1927 den Ausweis zur Deutschen Theaterausstellung schmückte. Obendrein liegt der Museumsbau samt einer original ausgestatteten Frisierstube von 1929 inmitten der Beimssiedlung, einem Flächendenkmal im Stil des Neuen Bauens. Ein Marketingtraum für Kulturbourgeoisie und Haar-Verband.

Damit ist das Neue Bauen jetzt (auch) Mode. Doch in Magdeburg wird die Kurzhaarfrisur nicht ganz zu Unrecht zum Symbol des Aufbruchs stilisiert: Zwischen dem Ersten Weltkrieg und der Machtergreifung der Nationalsozialisten stand die maskuline Haartracht für die Neue Frau. 2019 ist diese Form der Emanzipation wieder schick, so stapeln sich aktuell die Publikationen rund um Modernistinnen wie Gunta Stölzl, Ise Gropius (Ilse Frank), Dörte Helm, Marianne Brandt, Florence Henri oder Lou Scherper in bildungsbürgerlich gesinnten Buchläden. Die Bandbreite der Kulturproduktionen reicht von der gutgemeinten Rosamunde-Pilcher-Variante in den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten bis zum Feuilleton-Bericht in der streitbaren „Emma“. Eine dringend notwendige Ehrenrettung, machten die Frauen doch 1919 noch die Mehrheit unter den Bauhaus-Studierenden aus – bis sie von den Herren auf die Gestaltung von Küchen, Webmustern und Kinderspielzeug festgeschrieben wurden. Da half auch der maskuline Kurzhaarschnitt nicht.

Selbst das modische Leitbild der Bubikopfträgerinnen, die amerikansiche Schauspielerin Louise Brooks konnte ihren Ruhm nur wenige Jahre auskosten. Nach ihrem filmischen Durchbruch als „Lulu“ in Berlin kehrte sie 1930 in die USA zurück, wo sie nach gewagten Rollen und Honorarforderungen rasch ins Karriereaus geriet. Bis ihr Frauentypus Jahrzente später wiederentdeckt und in den Mittelpunkt von Dokumentationen gerückt wurde. Einige dieser späten Film-Interviews gab die ergraute Brooks souverän im Nachthemd und mit geöffneten Haaren. Wahrer Stil kommt eben von innen. Angesichts von Muttidutt, Teilzeitfalle und Rentenlücke – wenn Emanzipation bedeutet, die Schere im Kopf selbst anlegen zu dürfen – lohnt heute der Blick zurück auf die Neuen Frauen. Nicht umsonst heißt einer der Salons der Magdeburger Frisurenkampagne „Kopfarbeit“. (20.5.19)

Karin Berkemann

Die Schauspielerin Louise Brooks 1929 mit Bubikopf (Bild: gemeinfrei, via wikimedia commons)

Plakatmotiv der Ausstellung "Konstruktion im Blick. Ursula Becker-Mosbach. Fotografie 1950-1970" der Hamburgische Ingenieurkammer-Bau und des Hamburgischen Architekturarchivs (Bild: Ursula Becker-Mosbach)

Hamburg: Konstruktion im Blick

Zwischen 1950 und 1980 arbeitete die Fotografin Ursula Becker-Mosbach (1922–2002) in Hamburg für die bekannten Architekten sowie große Bau- und Industrieunternehmen der Zeit. Mit ihrer Kamera dokumentierte sie die Aufbauphase der Hansestadt nach dem Zweiten Weltkrieg. In der Ausstellung „Konstruktion im Blick – Ursula Becker-Mosbach. Fotografie 1950-1970“ präsentieren die Hamburgische Ingenieurkammer-Bau erstmals in diesem Umfang das Werk von Ursula Becker-Mosbach mit Schwerpunkt auf dem Ingenieurbau.

Damit legte die Fotografin über Jahrzehnte die konstruktive Seite der Nachkriegsmoderne frei: wie die Stahlskelette der Grindelhochhäuser, die Spannbetonsegmente der Faulbehälter des Klärwerkes Köhlbrandhöft sowie die von H. C. E. Eggers und der Howaldtwerft errichteten Stahlbauten. Die Ausstellung ist zu sehen vom 29. Mai bis zum 13. Juli 2019 im Rahmen des Hamburger Architektursommers 2019 im Levantehaus Hamburg (Galerie im Hochgeschoss, Mönckebergstraße 7, 20095 Hamburg). Die Eröffnung wird am 28. Mai um 18 Uhr im Levantehaus Hamburg gefeiert. (kb, 18.5.19)

Titelmotiv: Plakatmotiv der Ausstellung „Konstruktion im Blick. Ursula Becker-Mosbach. Fotografie 1950-1970“ der Hamburgische Ingenieurkammer-Bau und des Hamburgischen Architekturarchivs (Bild: Ursula Becker-Mosbach)

Plakat Kulturpark Berlin, 1981, Farbstoffsetdruck (Bild: © Druckkombinat Berlin, Repro: Oliver Ziebe)

Die halbe Hauptstadt

Mit der Ausstellung „Ost-Berlin. Die halbe Hauptstadt“ widmen sich das Stadtmuseum Berlin und das Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam gemeinsam der Geschichte der „Hauptstadt der DDR“ – von den 1960er Jahren bis zum Mauerfall 1989. Im Mittelpunkt steht der städtische Alltag in Ost-Berlin – zwischen dem Anspruch als Machtzentrum des SED-Staats und einer gelebten sozial-kulturellen Vielfalt.

Entsprechend reichen die Exponate von der melancholischen Schwarzweiß-Fotografie bis zum quietschbunten Vierfarb-Druck. Bis zum 11. September 2019 ist die Ausstellung zu sehen im Museum Ephraim-Palais (Poststraße 16, 10178 Berlin). Ausdrücklich erwähnt sei das breitgefächerte Begleitprogramm, das gezielt auch den Stadtraum einbezieht. Unter dem Motto „Mein Ost-Berlin“ z. B. können Interessierte ihre Objekte und Erfahrungen mit der „halben Hauptstadt“ vorstellen. (kb, 17.5.19)

Plakat Kulturpark Berlin, 1981 (Bild: © Druckkombinat Berlin, Repro: Oliver Ziebe)