St. Hildegard vor dem Verkauf

Die Qualität der Kirche St. Hildegard, 1929 nach Plänen von Albert Boßlet (1880–1957) errichtet, dürfte außer Frage stehen. Für das saarländischen St. Ingbert schuf der Architekt einen hochaufragenden Kirchenbau, der nach außen Backsteinoberflächen zeigt. Im Inneren hingegen herrschen betonsichtige Tragstrukturen vor, die an den Bergbau der Region erinnern sollen. Auch stilistisch mischen sich in St. Hildegard scheinbar widerstreitende Strömungen wie Expressionismus und Neogotik, Moderne und heimatverbundene Elemente. Der Bau steht unter Denkmalschutz und gehört zu den auserkorenen Kirchen der “Straße der Moderne”. Zur Ausstattung trugen Künstler bei wie klangvolle Namen wie Felix Baumhauer, Willi Hahn, Franz Mayrhofer und August Weckbecker.

Schon 2021 wurde über die Zukunft von St. Hildegard diskutiert, denn im März stellte die Pfarrei Heiliger Ingobertus vier ihrer acht Kirchen zur Disposition. Die Kommune zeigte sich bereit, St. Hildegard zu kaufen und für eine öffentlichen multifunktionalen Nutzung herzurichten. Ein erstes unverbindliches Rendering zeigte einen hell-weißen Raum mit heller flexibler Bestuhlung, auf dem Stufenberg des Altarraums ein Flügel. Die benachbarte Ludwigschule, die zum Bildungscampus ausgebaut werden soll, könnte diese Raumreserven z. B. als Aula nutzen. Nicht alle waren von den Planungen begeistert, so mahnte im Dezember 2021 der örtliche Heimat- und Verkehrsverein an, durch die neue Funktion nicht den ursprünglichen Charakter des Bauwerks zu verunklären. Zudem protestieren Gemeindeglieder, da sie fürchten, das Gesicht ihrer Kirche nicht mehr wiederzuerkennen. Dem steht auf der Ebene der Kirchenleitung die Argumentation entgegen, dass die bevorstehenden Sanierungskosten von der Gemeinde nicht mehr zu schultern seien. Nun wird es für St. Hildegard langsam konkret: Vor wenigen Tagen schickte die Gemeinde ihr Pastoralkonzept ans Bistum, am 30. Januar soll diese Frage in der Pfarrversammlung diskutiert und ggf. beschlossen werden. (kb, 25.1.22)

St. Ingbert, St. Hildegard (Bild: Fotoman2012, CC BY SA 3.0, 2012)

St. Ingbert, St. Hildegard (Bild: Fotoman2012, CC BY SA 3.0, 2012)

Titelmotiv: St. Ingbert, St. Hildegard (Bild: atreyu, CC BY SA 3.0, 2012)

Das Musterhaus des Neuen Frankfurt

Frankfurt hat sein Herz für das Neue Bauen wiederentdeckt. In den 1920er Jahren entstanden hier unter dem Oberbürgermeister Ludwig Landmann und seinem Stadtbaurat Ernst May rund 15 000 Wohneinheiten mit einem hohen gestalterischen und sozialen Anspruch. Dieses beispielhafte Wohnungs- und Städtebauprogramm sollte eine internationale Ausstrahlung entfalten. In kurzer Zeit avancierte die Stadt zum Mekka der Moderne, mit dem man heute weitere prominente Namen wie Margarete Schütte-Lihotzky, Ferdinand Kramer, Martin Elsaesser, Mart Stam, oder Ilse Bing verbindet. Diese Werte will die Frankfurter Ernst-May-Gesellschaft für heutige Bewohner:innen und Gäste erlebbar machen – mit Aktionen von der Veranstaltungsreihe bis zur Publikation. Exemplarisch wurde dafür ein Wohnhaus in der Frankfurter Römerstadt denkmalgerecht wieder in die Bauzeit zurückversetzt und für Besucher:innen geöffnet.

Anhand des sog. Mayhauses erklärt nun eine neue Publikation, erschienen bei av editionen, das Besondere der frühen Frankfurter Moderne. Mit aktuellen Fotografien und historischen Plänen soll so das intelligente Zusammenspiel von Bauform und Innenausstattung nachvollzogen werden – nicht umsonst findet sich hier eine der legendären Frankfurter Küchen nach einem Entwurf der Architektin Margarete Schütte-Lihotzky. Die Texte stammen vom Politikwissenschaftler Philipp Sturm und von der Kunsthistorikerin Christina Treutlein, beide Geschäftsführer der Ernst-May-Gesellschaft. Und wer es ganz genau wissen will, kann sich zum Nachglühen das Mayhaus im Maßstab 1:73 nach Hause holen. (kb, 15.1.22)

Sturm, Philipp/Treutlein, Christina (Hg.), Mayhaus – Das Musterhaus des Neuen Frankfurt. The House Museum of the Neues Frankfurt, av edition, Stuttgart 2021, 144 Seiten, Softcover, 90 Fotografien, 17 x 24 cm, ISBN: 978-3-89986-343-7.

Titelmotiv: Detail des Buchcovers

Wider die Altgier

Er war hin- und hergerissen zwischen der nostalgischen Freude über das Bewahrte und dem Erschrecken über den Verfall: Schon 1988 nutzte der westdeutsche Architekturjournalist Ulrich Brinkmann (*1970) die erste Gelegenheit, um einen langen Blick auf die DDR-Innenstädte zu werfen – von der Prager Straße in Dresden bis zur Karl-Marx-Straße in Magdeburg. Was sich da über Jahrzehnte parallel in zwei deutschen Staaten entlang der Verkehrsstraßen, Großwohnsiedlungen und Fußgängerzonen angesammelt hatte, drohte mit der Einheit gleich wieder zu verschwinden. Dem setzt Brinkmann Kisten über Kisten entgegen, in denen er Postkarten verwahrt. Vom dokumentarischen DDR-Schwarz-Weiß bis zum plakativen BRD-Bunt, in Büchern und Ausstellungen zeigt er heute die schöne Beiläufigkeit der Nachkriegsmoderne. moderneREGIONAL sprach virtuell mit dem langjährigen Bauwelt-Redakteur, während er ein Stipendium in der italienischen Campagna abarbeitete (Neid!).

Paderborn, Marienplatz mit Blick auf Rathaus (Bild: historische Postkarte, Wolfgang Hans Klocke Verlag Paderborn)

Paderborn, Marienplatz mit Blick auf Rathaus (Bild: historische Postkarte, Wolfgang Hans Klocke Verlag Paderborn)

Von Kiosk bis Tabakladen

Seit seinem achten Lebensjahr sammelt Brinkmann: “Die meisten meiner Altersgenossen haben den Absprung geschafft, ich nicht”, scherzt er. Spätestens, seit er sich mit zwölf für den Architektenberuf interessierte, lag sein Schwerpunkt bei gebäudehaltigen Motiven. Heute kauft er die Postkarten meist unterwegs in Kiosken und Tabakläden, manchmal bedenken ihn Freund:innen. Auch auf den einschlägigen Sammler-Websites hält er die Augen auf, um für seine Bücher die eine und andere Lücke aufzufüllen. “Am liebsten sitze ich wie der Angler am Strom und schaue, was vorbeischwimmt.” Genauso hält er es bei der Motivauswahl. Dokumentarische Qualität entstehe, wenn den Fotograf:innen zufällig Passant:innen und Kleinarchitekturen vor die Linse kamen.

Dabei ist Brinkmann oft überrascht von der hohen handwerklichen Qualität der Aufnahmen. Als Auftragsfotografien zur glamourösen Inszenierung neigten, als Bürgerinitiativen gerne die Schattenseiten einer Stadt überzeichneten, blieben die Postkarten wohltuend auf dem Teppich. Überhaupt liebt Brinkmann die untouristischen Motive. Was in der Fachpresse nie eine Chance hatte, zwingt die Betrachter:innen heute zu einem zweiten Blick und hinterlässt offene Fragen. “Steht das in Paderborn oder Halle an der Saale? Wie wurden die großen Ideen so lange mit den örtlichen Gegebenheiten vermischt, bis sie vor lauter provinziellem Anhauch auch Allgemeingültiges zu sagen hatten?”

Olevano Romano, Busbahnhof im Mondschein (Bild: Rocchi Ernesto, Tabacchi, Olevano Romano)

Olevano Romano, Busbahnhof im Mondschein (Bild: Rocchi Ernesto, Tabacchi, Olevano Romano)

“Kartoffelkäfer schaden uns”

Ob ihn das Postkartending nicht langsam langweile? “Nein! Das Gefühl zu haben, dass es anderen Freude macht, ist einfach zu schön.” Denn, da dürfe man sich als Architekturexperte nichts vormachen, es braucht niederschwellige Zugänge – die meisten Menschen finden nur schwer einen Weg zur Moderne. Die Zukunftseuphorie sei an der Realität zerschellt. “Es gibt heute so eine ‘Altgier’, eine Sehnsucht nach der Vergangenheit”, sagt Brinkmann. Statt der vorschnellen Rekonstruktion sucht er die leise Dokumentation und reiht Postkarte an Postkarte. Am Anfang eines Buchs steht oft das Vierfache an Bildern, die später übrigbleiben sollen. “Ich will das Typische herausfiltern, damit es nicht langweilig wird. Da muss ich mir selbst schon mal sagen: ‘Beschränk’ dich!” Obwohl, ein bisschen Wiederholung müsse schon sein, um Gemeinsamkeiten aufspüren zu können.

Eigentlich sammelt Brinkmann die Postkarten wegen der Fotomotive, aber manchmal sei die Rückseite nicht zu verachten: “Da steht dann: ‘Hier siehst du das Haus xy, wir wohnen im achten Stock.’ Und auf den Briefmarken ist im Stempel zu lesen ‘Volkskampf dem Atomtod!’ oder ‘Kartoffelkäfer schaden uns, vernichtet sie!'” Insgesamt plant er im Verlag Dom Publishers sechs Bänden zu architekturbezogenen Postkarten zwischen 1949 und 1989: drei zu den beiden deutschen Staaten, drei zu Regionen in Italien. Denn seit 2008 führen ihn längere Aufenthalte und Stipendien immer wieder in der Malerlandschaft der römischen Campagna. Folgerichtig haben es ihm auch die italienischen Postkarten angetan: nicht die mit Sonnenuntergang und Eselskarren, sondern mit Staudamm und Industriegebiet. Natürlich. (16.1.22)

Ulrich Brinkmann war im Dezember zu Gast bei der Reihe “MODERNE Strukturen und Ideen im Wandel” der Fachgruppe Städtebauliche Denkmalpflege. Der nächste Termin: virtuell am 20. Januar ab 16 Uhr!

Gannano bei Matera, Basilikata, Staudamm (Bild: Di Giulio Teresa/Foto Orlando, Policoro)

Gannano bei Matera, Basilikata, Staudamm (Bild: Di Giulio Teresa/Foto Orlando, Policoro)

Essen, Kettwiger Straße (Bild: historische Postkarte, Schoening und Co.)

Essen, Kettwiger Straße (Bild: historische Postkarte, Schoening und Co.)

Campogalliano, Modena. Zona industriale (Bild: Botti e Pincelli, Modena)

Campogalliano, Modena. Zona industriale (Bild: Botti e Pincelli, Modena)

Kassel, Treppenstraße (Bild: historische Postkarte, Bild-Druck & Verlag GmbH, Lübeck)

Kassel, Treppenstraße (Bild: historische Postkarte, Bild-Druck & Verlag GmbH, Lübeck)

Titelmotiv: Magdeburg, Karl-Marx-Straße (Bild: historische Postkarte, VEB Bilddruck Magdeburg)