Sozialistische Räume neu denken

Nach dem „spatial turn“, der Hinwendung der Geisteswissenschaften zum Raum, rückt dieses Thema auch in der Auseinandersetzung mit der Geschichte des Sozialismus im 20. Jahrhundert neu in den Mittelpunkt. Denn hier wurden dem Raum ideologische, politische und symbolische Werte zugeschrieben. In der jüngeren Forschung löst man sich nun zu Recht von pauschalen Zuschreibungen wie „der“ Ostblock. Stattdessen liegt ein besonderes Augenmerk auf trans- und internationalen Zugängen. Unter dem Titel „Rethinking Socialist Space in the Twentieth Century“ soll vom 23. bis zum 24. Juni 2021 an der Historischen Fakultät der Universität von Oxford ein entsprechender Workshop stattfinden. Hier will man untersuchen, wie sich unser Zugang zu diesem Thema in den vergangenen rund 20 Jahren verändert hat.

Der Workshop öffnet sich daher ausdrücklich neueren Ansätzen wie Postkolonialismus, Weltgeschichte und Gender History. Angesprochen werden Forscher:innen aus der Architektur-, Sozial-, Stadt- und Kulturgeschichte, sich aktiv in die Gestaltung der Tagung einzubringen. Mögliche Themenschwerpunkte könnten sein: Wechselbezüge zwischen der „Ersten“, der „Zweiten“ und der „Dritten“ Welt, privater und öffentlicher Raum, sozialistische Museen und Kulturräume. Vorschläge für Referate von 10 bis 15 Minuten sind – als Abstracts von max. 500 Worten mit einem kurzen Lebenslauf – willkommen bis zum 31. März 2021 unter rethinkingsocialistspace@gmail.com. (kb, 5.3.21)

Berlin, Haus des Lehrers, Mosaikfries (Bild: Jolove55, CC BY SA 3.0, 2009)

Das Buch zur U-Bahn

Im Februar 2019 luden das Landesdenkmalamt Berlin, ICOMOS Deutschland, Sharing Heritage, die Berlinische Galerie und die Initiative Kerberos gemeinsam zur dreitägigen Konferenz „Underground Architecture Revisited“. U-Bahnfreund:innen aus dem Gebiet der ehemaligen UdSSR, aus Griechenland, München, Stuttgart, Bonn und natürlich Berlin sprachen vor- und miteinander über die Zukunft des Untergrunds. Der Zeitpunkt war gut gewählt, denn Bedrohung und Wertschätzung trafen gerade intensiv aufeinander. Während andere Bauten jener Jahrzehnte oft schon systematisch inventarisiert wurden oder werden, gelten U-Bahnarchitekturen häufig noch als „Gebrauchsgüter“, die absprachelos an den Brandschutz oder die neuesten technischen Vorschriften angepasst werden.

Parallel zur Tagung zeigte die gleichnamige Ausstellung in der Berlinischen Galerie 2019 die besonderen Werte speziell der Berliner U-Bahn – denn gerade die poppig-bunten Rümmler-Entwürfe haben gerade wieder Konjunktur. Nun ist, lange erwartet, die Publikation zur Tagung erschienen. Damit wird erstmals ein breiter Überblick über die internationale Entwicklung der U-Bahnarchitekturen möglich – und damit haben auch andere Städte eine fachkundige Grundlage für die Inventarisation ihrer Untergrundkultur zur Hand. (Aktuell ist das Buch nicht im Handel erhältlich, soll aber zeitnah auf der ICOMOS-Homepage als pdf eingestellt werden.) Als Medienpartner von Konferenz und Ausstellung hat moderneREGIONAL auch einen Beitrag zur Publikation geleistet – ein Interview mit dem Architekten Anselm Thürwächter zur Frankfurter U-Bahn. (kb, 4.3.21)

Liptau, Ralf/Pfeiffer-Kloss, Verena/Schmitz, Frank (Hg.), Underground Architetcture Revisited. Internationale Fachtagung des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS und des Landesdenkmalamts Berlin mit der Initiative Kerberos in der Berlinischen Galerie – Museum für moderne Kunst, 20.–23. Februar 2019 (ICOMOS-Hefte LXXIV), hg. im Auftrag der Veranstalter, Deutscher Architektur-Verlag, Berlin 2020.

„Underground Architecture Revisited“ (Bild: Foto vom Buchcover mit Modellbahndeko)

Berlin: Garnisonskirche ist GSG9 im Weg

Unter Bäumen, zwischen einem verlassenen Sportplatz und einer geschlossenen Militärtankstelle findet sich in Berlin-Wilhelmstadt ein kleiner Holzbau: die ehemalige Garnisonskirche St. Margaret. Die Wavell-Barracks (Seecktstraße) und die Brooke-Barracks (Schmidt-Knobelsdorf-Straße) wurden nach 1945 von den britischen Truppen übernommen. Doch die Geschichte des Geländes reicht zurück bis ins frühe 20. Jahrhundert: Die ehemalige Schmidt-Knobelsdorf-Kaserne wurde 1914 fertiggestellt, die ehemalige Von-Seeckt-Kaserne entstand 1935/36 nach Entwürfen des Architekten Robert Kisch. Nach der Übernahme der Anlage durch die Briten wurde St. Margaret vermutlich von den schottischen Truppen errichtet, in der Folge aber multikonfessionell genutzt.

Nach dem Abzug der Truppen im Jahr 1994 wurden einzelne Teile des Geländes in neue (Zwischen-)Nutzung überführt – von der Flüchtlingsunterkunft bis zur Autoschrauberhalle. Die Stadt Berlin träumte um 2016 davon, das Gelände für ein neues Wohnviertel zu erschließen. Für die Knobelsdorf-Kaserne steht jedoch seit 2017 fest, dass hier Terrorabwehrkräfte und die GSG9 einziehen werden. Neben der Sanierung der denkmalgeschützten Teile sind Neubauten und infrastrukturelle Maßnahmen geplant. Für die Umgestaltung des Areals zum „Polizeiviertel“ (inklusive Hubschrauberlandeplatz), die 2029/30 abgeschlossen sein soll, hat man rund 500 Millionen Euro veranschlagt. Für Saint Margaret hingegen scheint kein Platz im Konzept zu bleiben. 1997 diente der verlassene Gottesdienstraum noch als Drehort, als Gefängniskapelle für die TV-Serie „Hinter Gittern. Das Kirchenschild wurde ins Museum verbracht, für den ehemaligen Gottesdienstraum stehen die Zeichen nun auf Abriss – mit den Bauarbeiten soll noch 2021 begonnen werden. (kb, 3.3.21)

Berlin-Wilhelmstadt (Bild: BLueFiSH/Iggy-x, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2005/06)