“Stadtwende” in Stralsund

Wo die Ostmoderne in die Altstädte einzog, war sie nicht immer willkommen. Vielerorts hatte man die historischen Häuser über Jahrzehnte dem Verfall preisgegeben worden – teils der Not geschuldet, teils als Vorboten einer sozialistischen Umgestaltung durchaus beabsichtigt. Unter dem Titel “Stadtwende” beleuchtet aktuell eine Wanderausstellung die damaligen Gegenbewegungen. Denn in den 1980er Jahren taten sich vielerorts Gleichgesinnte zusammen, oft aus dem universitären und/oder kirchlichen Umfeld, die sich für die Baugeschichte ihrer Städte interessierten und engagierten. Auch eine kleine Hausbesetzer:innenszene konnte sich in manchen der Altbauten etablieren. Vor diesem Hintergrund forscht ein Kooperationsprojekt der Technischen Universität Kaiserslautern mit der Bauhaus Universität in Weimar, dem Leibniz Institut für Raumbezogene Sozialforschung in Erkner und der Universität in Kassel zu diesem Thema in den 1980er und 1990er Jahren. 

Manche der ehrgeizigen Planungen, die Altstädte zu modernen Zentren umzuformen, wurde ausgeführt, andere scheiterten an den beginnenden Widerständen und nicht zuletzt an den Umbrüchen der deutschen Einheit. Zugleich lässt sich an diesen Konzepten der Wandel von der systematisierten Großtafelbauweise der 1960er und 1970er Jahre hin zu maßstäblicheren Konzepten der Altstadtplatte der Postmoderne beobachten. Erste Ergebnisse des Projekts “Stadtwende” sind bereits online zu sehen, anderes ist nun im Rahmen der Wanderausstellung, die ab heute in der Kulturkirche St. Jakobis in Stralsund zu sehen sein wird. Nach der Vernissage heute, am 8. April um 17 Uhr, ist die Schau dort noch bis zum 29. Mai 2022 zu sehen. (kb, 8.4.22)

Stralsund, die Hafenseite der als UNESCO-Weltkulturerbe ausgezeichneten Altstadt, hier mit einer Lückenbebauung der 1990er Jahre (Bild: Karin Berkemann, 2019)

Polnische PoMo-Ikone wird abgerissen

Die Postmoderne entfaltete im frischkapitalistischen Polen der 1990er Jahre eine ungeahnte Kraft: Es entstanden repräsentative Bauten wie die Warschauer Universitätsbibliothek, die Philharmonie in Łódź oder die Heiliggeistkirche (Kościół Ducha Świętego) in Wrocław. Gemeinsam ist all diesen Gebäuden neben der postmodernen Formen- und Farbenvielfalt, dass sie von polnischen Architekten entworfen wurden – mit Blick auf benachbarte osteuropäische Länder und deren Repräsentativbauten aus dieser Zeit beileibe keine Selbstverständlichkeit. Doch ein mindestens genauso charakteristischer wie bekannter Bau wird nun abgerissen: Das Warenhaus Solpol in Wrocław, entworfen von Wojciech Jarząbek. Als erstes auf private Inititative errichtetes Einkaufszentrum Wrocławs stand es wohl noch plakativer als die genannten Bauten für den politischen und vor allem für den wirtschaftlichen Wandel Polens. Die enge bautypologische Verbindung von Postmoderne und Konsum muss hier nicht eigens erläutert werden. Durch die Lage in der Altstadtstruktur kann das Solpol auch als symptomatisch für eine Form der „kritischen“ Rekonstruktion europäischer Innenstädte gelesen werden, die in eben dieser Zeit ihren Höhepunkt und bald auch Abschluss fand. Ab 1991 geplant und schon 1993 vollendet, reiht sich das Gebäude zudem als bislang letztes Beispiel in die reiche Tradition der Breslauer Warenhausarchitektur ein, die in den 1920er Jahren mit Erich Mendelsohns Kaufhaus Petersdorff einen Höhepunkt erlebte.

Ähnlich wie Mendelsohn fügte auch Jarząbek seinen nur 250 Meter von der 1920er-Ikone entfernten Bau in eine Ecksituation der Altstadt ein und überhöhte die als Haupteingang dienende Gebäude- und Blockecke, eben wie dieser, durch einen gläsernen Treppenturm. Dieser entsteigt einer rosa-violetten zweistöckigen “Krone”, die ein von türkisen Säulen bestandenes Eingangsportal aufnimmt. Der fünfgeschossige Warenhausbau ist größtenteils mit Keramikplatten in Gelb und Rosa sowie – in Anlehnung an die bauzeitliche Umgebung – einem dunklen Beige verkleidet. Hinzu kommen Stahlelemente der teilweise nach außen tretenden Fassadenkonstruktion in Violett und Türkis. Besonders auffällig sind die Treppenaufgänge des Gebäudes, die sich nicht (wie bei Mendelsohn) in besagtem Eckturm befinden, sondern risalitartig durch die Fassade gedrückt ausgeführt wurden. Denkmalschutzbemühungen lokaler Initiativen betonten schon 2009, als erste Abriss-Gerüchte aufkamen, den Wert des Solpol als einzigartiges Zeugnis einer wirren wie enthusiastischen Aufbruchszeit. Zahlreiche Unterstützer aus der Fachwelt kamen hinzu. Doch ehrenamtlich verfasste Denkmalgutachten, offene Briefe und Petitionen scheinen ergebnislos verhallt zu sein, die Denkmalschutzbehörde handelte nicht. Und so kommt nun der einstige Erbauer zum Zuge, der dieses offenkundige Denkmal nicht einmal 30 Jahre nach der Fertigstellung zugunsten eines neuen Bürobaus abreißen lässt. (fs, 7.4.22)

Wrocław, Warenhaus Solpol (Bild: Volens nolens kraplak, CC BY SA 4.0, 2015)

Ausgeshoppt in Ulm

In Ulm, beziehungsweise vor den Toren Ulms, soll ein großer Umbruch anstehen. Das Blautalcenter (1997, Rhode Kellermann Wawrowsky), eines der ersten großen Shoppingcenter seiner Art, steht schon länger auf der Kippe. Nun ist die Entscheidung gefallen: Das Blautalcenter soll ab 2023 schrittweise abgerissen werden, um einem neuen Stadtquartier mit knapp 1000 Wohnungen Platz zu machen. Geplant ist, die Tiefgarage des Centers zu erhalten und für die Bewohnenden und den dort gleichzeitig entstehenden Einzelhandel in kleineren Dimensionen zur Verfügung zu stellen. Peter Liptau hat auf seine Abschiedsrunde durch das Blautalcenter die Kamera mitgenommen. (pl, 1.4.22)