von Stefanie Wettstein und Marcella Wenger (23/1)

Ein modernes Haus über dem Zürichsee, eingebettet in einen Garten voller Hortensien. Stellen Sie sich folgende Situation vor: Lux Guyer – die erste Schweizer Architektin mit eigenem Büro – entscheidet sich 1939 in dieses Haus, in Itschnach über dem Zürichsee, zu ziehen, das sie acht Jahre zuvor selbst geplant hat. Die Erstmieter waren zurückhaltende Leute, die mit ihrem Zuhause keinesfalls kontroverse Diskussionen auslösen wollten. Deshalb wurden die lichterfüllten Räume hell gestrichen, bläulich, gelblich, rötlich in feinen Nuancen. Nur wenige Details ließen die Farbbegeisterung der Architektin da und dort erahnen – so setzte sie mit den roten Fußleisten und einer blauen Kassettendecke über der Treppe, mit schwarz-weißen Fliesen in Küche und Badezimmer ihre farbgewandte Gestaltungskraft ein. Nun steht die Architektin also acht Jahre später als neue Bewohnerin des charaktervollen Hauses mit dem Maler in den ineinanderfließenden Wohnräumen und gibt ihm Anweisungen. Ihre Werkzeuge sind ihre Nähe zu bildenden Künstlerinnen aus der Malerei, ihre Affinität für Blumengärten und das Farbenbuch von Baumann-Prase, dessen betörende Farbensammlung das ganze Farbspektrum, das damals für Anstriche im Innen- und Außenraum verfügbar war, umfasst. Mischanleitungen kommentieren hier die handgefertigten Farbmuster – es ist ein praktisches und inspirierendes Werkzeug für Maler:innen und Architekt:innen.

“Baumanns neue Farbentonkarte (System Prase)” (Bild: Haus der Farbe Zürich)

Violett, Lila, Gelb, Ocker

Der Eingangsbereich soll violett werden, der Vorraum zu den Wohnräumen im Erdgeschoss lila, das erste Wohnzimmer gelb, das nächste in rötlich gebranntem Ocker. Es werden jeweils alle Wände eines Raums im gleichen Farbton gestrichen, die Decken etwas bunter. Die Holzriemenböden erhalten auch dunkelbunte Anstriche in Ölfarbe, ebenso die Fensterrahmen, Türen und Fußleisten. Ein bisschen Farbe dringt über die Fensterrahmen jeweils sogar nach außen, wie ein feines Versprechen für die Farbatmosphären im Innern. Lux Guyer diskutiert mit dem Maler – er bemustert, korrigiert, justiert, mischt die Farben vor Ort und streicht schließlich im ständigen Dialog mit der Auftraggeberin. So entsteht ein malerisches Ganzes, eine Raumabfolge, die immer neue Sichtweisen eröffnet.

Im Entree ihres Wohnhauses in Itschnach kreiert Lux Guyer eine zauberhafte Stimmung, wie sie vielleicht sonst nur der kleinen Blattlaus vorbehalten ist, wenn sie im Herzen einer Hortensienkrone von lila und blau nuancierten Blüten umgeben ist. Farbe ist der Lockstoff, der einen in Bewegung setzt und das Mittel, um eine behagliche Atmosphäre zu erzeugen. Das Haus der Farbe Zürich hat dieser Farbstrategie den Namen “Malerische Promenade” gegeben und sie in einer Art Capriccio visualisiert. Capriccios sind Erfindungen: Sie zeigen keine konkreten räumlichen Situationen, sondern Überlagerungen mehrerer untersuchter Gebäude. Sie verdichten das Charakteristische, das Besondere und machen die Intention der verwendeten Farbkonzepte sichtbar. Capriccio – der Begriff bezeichnet in der Kunsttheorie den bewussten, lustvollen Regelbruch, die fantasievolle und spielerische Überschreitung von akademischen Normen, ohne die Norm außer Kraft zu setzen.

Capriccio Lux Guyer (Marcella Wenger, Haus der Farbe / Fiona Mc Lachlan, Universität Edinburgh)

Optische Hierarchien

Von der Mitte der 1950er Jahre an werden Szenen wie diese – die Architektin und der Maler entwerfen ein Farbkonzept vor Ort – selten. Basil Spence, einer der einflussreichen Architekten der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Großbritannien, hatte ein anderes Werkzeug für Farbentwurf und Farbgestaltung zur Hand als Lux Guyer. Er benützte “British Standard, BS 2660”, eines der ersten Systeme, das mit Farbcodes operierte, die von den Handelsnamen der Hersteller unabhängig waren. Die Codes des British Standard verbreiteten sich über die Handelsgrenzen hinweg und führten zu einer Standardisierung produzierter und gehandelter Farben. Basil Spence traf also für jede zu streichende Fläche eine eindeutige, mit einer Nummer bezeichnete Farbwahl, und der Maler bestellte die streichfertige Farbe. Mischen vor Ort wurde zu Geschichte.

Provokant ist die Behauptung: “Die Materialien wurden intelligenter, das Handwerk einfältiger.” Die neue von der Industrie zur Verfügung gestellte Farbwelt verkörperte den Zukunftsglauben der Nachkriegszeit. Farbanstriche waren eine kostengünstige Möglichkeit, diesen Optimismus auszudrücken. Basil Spence benützte in diesem Sinn die neuen lebhaften Farbtöne für Akzente an Türen und Balkonen seiner Wohnprojekte. Seine Farbstrategie haben wir “Geklärte Tektonik” genannt. Farbe verdeutlicht in seiner Arbeit das architektonische Gefüge. Sie differenziert Ebenen und Volumen und zeigt Struktursysteme. Bauteilgruppen und sich wiederholende Bauelemente erhalten jeweils eine gemeinsame Farbe und setzen sich voneinander ab. Farbe lässt Bauteile in den Vordergrund treten oder zurückweichen. Das gekonnte farbliche Spiel der Elemente verstärkt das Relief und bildet optische Hierarchien und strukturelle Zusammenhänge.

Capriccio Basil Spence (Marcella Wenger, Haus der Farbe / Fiona Mc Lachlan, Universität Edinburgh)

Immersive Pop

In der Geschichte der Farbgebung von Architektur beeinflussten sich Trends und Moden sowie zeitgenössische Standards stets gegenseitig. Kaum ein anderer Architekt benutzte Farbe jedoch derart modisch wie der Berliner Rainer G. Rümmler. Er bediente sich dabei nicht nur der neuesten farbkräftigen Anstrichstoffe, sondern unterschiedlichster Materialien wie Fliesen und Kunststoffen: ein Architekt im Schlaraffenland von Farben und Materialien. Insbesondere bei seinen U-Bahnstationen für Berlin setzt er Mal für Mal individuelle Statements und treibt dabei die Platzierung und Kombination von Farben auf die Spitze. In den 1970er Jahren zum Beispiel, treffen violett auf gelb, schwarze Wände auf eine orange Decke und glänzender Kunststoff auf silbrige Schriftzüge.

“Immersive Pop” nennen wir diese Strategie, die ein unmittelbares, intensives Raumerlebnis anstrebt, das einer trendigen ästhetischen Sprache entspringt. Zentrales Moment ist der spielerische Umgang mit Konventionen und Innovation, mit Konformismus und Grenzüberschreitung. Tradition und Mode, elitärer Geschmack und Mainstream werden in Gestaltungen miteinander konfrontiert und neu interpretiert. Die Farbstrategie stellt zur Schau und sticht aus dem Alltag hervor. Dabei geht es stark um Wiedererkennbarkeit und Unverwechselbarkeit. Insofern ist “Immersive Pop” mit Strategien des Brandings verwandt.

“Immersive Pop” 1984 von Rainer Rümmler: Berlin, U-Bahnhof Paulsternstraße (Bild: Phaeton1, CC BY 3.0)

Rio und São Paulo

Die Krux des Trendigen – es ist morgen schon von Gestern – bringt oft auch Meisterwerke zum Verschwinden, bevor sie als solche erkannt werden. Gerade in diesem Bereich kann Farbgestaltung provokant und zuweilen auch sehr banal sein. Wenn die Farbe der Visitenkarte dieselbe ist, wie diejenige der Fassade des Firmenhauptsitzes, dann ist das kaum je originell. Farbe am Bau betrifft schließlich immer den öffentlichen Raum und darf nicht aus reinen Eigeninteressen gewählt werden. Branding kann aber auch von außen aufgedrückt werden: “Hello Yellow” lautete vor zirka 10 Jahren der Slogan von Neustadt im Schwarzwald – heute ist es still um diese einfältige Idee geworden, möglichst viele Häuser gelb zu streichen, um einen Brand zu kreieren.

Seit Bilder der Favelas von São Paulo und Rio mit ihren farbigen Hausfassaden in den sozialen Medien kursieren, wird diese Art Aufwertung von Quartieren mittels Farbe weltweit wieder angewendet. Schon in den 1920er und in den 1970er Jahren gab es Bewegungen, die Farbe als Mittel zur Aufwertung der ärmeren Quartiere propagierten. Farbe hat sicher große Kraft: Sie strahlt aus, sie schafft Atmosphäre und Orientierung, sie ist aber bestimmt kein genügendes Mittel, um sozialen Frieden zu garantieren. Politische Kraft hat sie aber allemal, dies bewies die Stadt Tirana nach der Jahrtausendwende, als unter Bürgermeister Edi Rama, der selbst Künstler ist, bunte Fassaden die Rückeroberung des öffentlichen Raums durch die Bürger zeigten.

Tirana, farbige Häuser in Lana (Bild: Albinfo, CC BY-SA 3.0)

Tirana, farbige Häuser in Lana (Bild: Albinfo, CC BY-SA 3.0)

Der ewige Streit

Eine der markantesten Farben der Architektur ist diejenige, um die sich der ewige Streit entbrennt, ob sie überhaupt eine sei … die Farbe Weiß. Als unschuldig und neutral unterschätzt, schleicht sie sich in unsere Ortsbilder und verdrängt optisch zuweilen sogar die Kirche, die doch – so wissen wir alle – stets im Dorf bleiben sollte. Heute ist bei weißen Anstrichen – wenn es sich nicht um Kalk handelt – in der Regel Titanweiß im Spiel. Ein gleißendes und kühles Weiß, das Fassaden derart blenden lässt, dass man sie nur durch Sonnenbrillen hindurch gerne anschaut. Letztlich zeigt dieser Streifzug durch Strategien und Missgriffe der Farbgestaltung, dass auch diese Disziplin heutzutage in Meisterhände gehört. Dies ist nicht zuletzt der unendlichen Fülle an technischen Möglichkeiten und der Verfügbarkeit aller erdenklichen Farbtöne geschuldet, die Laien, aber auch Behörden und Bauherrschaften bisweilen überfordern.

Ein Titan unter den Fertighausausstellungen … Bad Vilbel, 2023 (Bild: Daniel Bartetzko)

Seit den 1990er Jahren engagiert sich – unter anderen – das Haus der Farbe in Zürich für die Ausbildung von Farbgestalter:innen am Bau und für die qualifizierte gestalterische Weiterbildung von Handwerker:innen. Außerdem schafft das Institut vom Haus der Farbe Grundlagen für die Beratung, indem es regionaltypische Farbpaletten eruiert und visualisiert.

Literatur

McLachlan, Fiona u. a., Farbstrategien in der Architektur. Colour Strategies in Architecture, hg. vom Haus der Farbe Zürich, Basel 2015.

Titelmotiv: Capriccio Rainer Rümmler (Marcella Wenger, Haus der Farbe / Fiona Mc Lachlan, Universität Edinburgh)


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Bonusbeitrag

Inhalt

LEITARTIKEL: Farbe bekennen

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Stefanie Wettstein und Marcella Wenger über das Erkennen, Rekonstruieren und Bewahren von Farbkonzepten.

FACHBEITRAG: StadtBauKunst

FACHBEITRAG: StadtBauKunst

Julia Hausmann über zwei farbstarke Siedlungen der 1920er von Bruno Taut, die heute zum UNESCO-Welterbe zählen.

FACHBEITRAG: Grün ohne Hoffnung

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Der Abriss der Stadthalle Mettmann, der “Laubfroschoper”, scheint kaum mehr abzuwenden. Elke Janßen-Schnabel beschreibt den Spätmoderne-Bau.

FACHBEITRAG: Bitte den Farbfilm nicht vergessen!

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Verena Pfeiffer-Kloss über die Pop-Moderne-Bauten von Rainer G. Rümmler in West-Berlin.

PORTRÄT: Hajek im Farbrausch

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Daniel Bartetzko über die Erkennungszeichen eines allgegenwärtigen Bildhauers.

INTERVIEW: "Die Moderne ist nicht grau"

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Die Moderne als Farbraster: mR im Gespräch mit Paul Eis, der beigen Bauten am Computer Farbe und Leben einhaucht.

FOTOSTRECKE: Modernisierte Moderne

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Martin Maleschka ist auf den Spuren gedämmter DDR-Plattenbauten – und ihren fragwürdigen Farbgestaltungen.

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