von Klemens Czurda (24/1)

2018 in einer Kleinstadt in Slawonien, dem nordöstlichsten Zipfel Kroatiens: Über den Häusern auf dem Hügel an der Donau liegt ein Wasserturm, eingehüllt in Baugerüste. Es ist Sommer und die Luft steht in der Ebene, der Strom mit seinem Ursprung im Schwarzwald zieht langsam vorbei zum Schwarzen Meer. Das Schilf am anderen Ufer bereits in einem anderen Land, Serbien.

Erbaut 1968, um eine zentrale Versorgung der Stadt zu garantieren, war der Wasserturm von Vukovar ein Sinnbild für den wirtschaftlichen Aufschwung des sozialistischen Jugoslawiens. Jugoslawien – das Land der Slaw:innen: Serbien, Bosnien, Herzegowina, Mazedonien, Slowenien, Montenegro und Kroatien. Im Sieg über den Faschismus des Zweiten Weltkriegs vereinigt unter der Herrschaft des väterlichen Diktators Josip Broz Tito. Der markante Wasserturm war zur Zeit seiner Entstehung das zweitgrößte Gebäude seiner Art. 2.200 Kubikmeter Wasser in seiner Spitze und ein Restaurant mit Aussicht über die slawonische Ebene direkt darunter.

Vukovarski vodotoranj (Bild: Klemens Czurda)

Der Wasserturm von Vukovar entstand von 1963 bis 1968 nach Entwürfen der Architektin Alexandra Rosea und des Bauingenieurs Matej Meštrić (Bild: Klemens Czurda, 2018)

Undicht

Als Titos sozialistischer Traum nach seinem Tod in den 1990ern endgültig zerbrach, war auch der Wasserturm bereits in seiner Funktion obsolet – der technische Umschwung machte den Turm als Druckspeicher des Donauwassers hinfällig und das Gebäude stand leer auf seiner Anhöhe.

Eine Anekdote aus Vukovar: Irgendwann vor dem Jugoslawienkrieg soll das Reservoir undicht geworden sein. Der Wassertank riss auseinander und das Wasser floss in Strömen in das Restaurant darunter. Menschen sollen in Panik mit Stühlen und Tischen die Fensterscheiben eingeschlagen haben, damit die Wassermassen ablaufen konnten.

Vukovarski vodotoranj (Bild: Klemens Czurda)

1991 geriet der Wasserturm von Vukovar im Jugoslawienkrieg unter Artilleriebeschuss (Bild: Klemens Czurda, 2018)

Flaggenträger

Der Jugoslawienkrieg riss die sozialistische Diktatur entzwei und warf Slawonien und Vukovar in einen Grenzkonflikt: Serbien, nur einen ambitionierten Steinwurf entfernt jenseits der Donau, und Kroatien auf dem Weg zu einem eigenen unabhängigen Staat jenseits der „vereinten Slawen“. In der Mitte: der Wasserturm und die neue kroatische Flagge als Sinnbild der Befreiung an seiner höchsten Stelle.

Die Grenze zwischen dem heutigen Serbien und Kroatien wurde im Jugoslawienkrieg wiedergefunden. Heute ist sie eine der jüngsten EU-Außengrenzen. Die Minen des Kriegs liegen noch immer unter dem Schilf in der Erde am Fluss, niemand weiß genau, wo. In der Belagerung Vukovars wurde der Turm von 640 Einschlägen getroffen. Jede Nacht stiegen die Verteidiger:innen wieder die 40 Meter auf die Spitze, um die kroatische Flagge zu erneuern. Ob die Angreifer:innen wussten, dass der Turm zu dieser Zeit bereits leer war, ist ungewiss.

2018 in Zagreb, der Hauptstadt Kroatiens: Am Tisch sitzen die beiden Architekten, die für die Renovierung des durchlöcherten Wasserturms in Vukovar verantwortlich sind: „Kroatische Menschen sind wie Eichen. Nicht wie Bambus: Wenn der Wind Bambus trifft, biegt er sich und richtet sich auf, wenn der Wind abflaut. Eichen nicht. Sie bewegen sich nicht. Bring mich um, oder – wir sind nicht zu bewegen. Das trifft sehr die Mentalität der Nation: Eichen. Und der Wasserturm ist wie eine Eiche.“

Vukovarski vodotoranj (Bild: Klemens Czurda)

Ab 2017 wurde der Wasserturm von Vukovar architektonisch gesichert – bei der 2020 abgeschlossenen Restaurierung beließ man die Spuren der Zerstörung bewusst sichtbar (Bild: Klemens Czurda, 2018)

Begriffsklärung

Für das Ursprungsland der Donau, Deutschland, war der Jugoslawienkrieg die erste militärische Offensive nach dem Zweiten Weltkrieg. Jugoslawien im Umbruch war ebenso Schauplatz des ersten Genozids in Europa nach dem Holocaust. Auch Vukovar wurde von Kriegsverbrechen nicht verschont, der Turm jedoch überdauerte jeden Angriff und alle Bombardements der Kriegsjahre. Als der Frieden zurückkehrte, lagen weite Teile Slawoniens in Trümmern. Viele Menschen kamen nie zurück in ihre Heimat – auch der größte Teil der ethnisch serbischen Minderheit Kroatiens. Ethnische Serb:innen, die seit Generationen in Kroatien gelebt hatten und deren Vertreibung im heutigen Narrativ des kroatischen Staates keinen Platz hat.

Wenn in Kroatien heutzutage offiziell vom Krieg gesprochen wird, ist von „Verteidigungskrieg“ die Rede. Wenn der gleiche Konflikt „Bürgerkrieg“ genannt wird, drückt sich darin eine gewisse Nostalgie aus – der verlorene Traum vom vereinten Land der Slaw:innen, Bürger:innen unter Tito. Für die Selbstauffassung des heutigen Nationalstaats Kroatien ist das allerdings eher unpassend. Genauso wie der neutralere deutsche Begriff des Jugoslawienkrieges. Ihn als Verteidigungskrieg auszulegen, ist wichtiger Pfeiler eines Narratives, das vom kroatischen Staat gepflegt wird. Eine Wurzel der Eiche. Auf ihm fußt der neuere Teil des Gründungsmythos der jungen Nation.

In seinem Selbstverständnis ist Kroatien vorrangig unter den Opfern gewesen, das benachbarte Serbien der prominenteste Aggressor. Eine Darstellung, die nicht falsch ist. Aber hinter der lauten Geschichte der Verteidigung versteckt sich viel Schweigen. Die historische Präzision des Begriffs ist strittig: Kroatien vertrieb systematisch Minderheiten und versuchte sich in Expansion durch militärische Mittel im Jugoslawienkrieg. Viele Kriegsverbrecher:innen, die durch das Internationale Tribunal in Den Haag angeklagt wurden, werden in Kroatien als Helden gehandelt. Bis heute ist dieser Krieg ein heikles und komplexes Thema, das je nach Quelle sehr unterschiedlich dargestellt wird.

Vukovarski vodotoranj (Bild: Klemens Czurda)

Seit 2020 erschließt ein Aufzug den Wasserturm von Vukovar, an dessen Spitze ein Gedenkraum und eine Aussichtsplattform eingerichtet wurden (Bild: Klemens Czurda, 2018)

Identitätskrise

Die Architekten scheinen wie ihr Heimatland in der Identitätskrise: „Es gibt keine Architekten. Es gibt nur Fakten. Und die Fakten sprechen für sich. […] Wir als Architekten versuchen, nicht zu sehr über die Geschichte zu sprechen, sondern mehr über die Zukunft. Simpel, einfach. Wir versuchen, leise zu sein, da alles so klar ist. Der Wasserturm soll das einzige Mahnmal der Stadt sein. Wir möchten ihn nicht komplett restaurieren, sondern nur konservieren. Er soll ein Memento bleiben, damit das, was passiert ist, nicht vergessen wird. Aber auch, damit es nicht wieder passiert. Man steigt nach oben, durch die Geschichte, man sieht die Fakten und wenn man oben ankommt, soll man sehen: Es gibt hier eine Zukunft.“

2018, nach fast 30 Jahren hätte den Turm fast das Schicksal ereilt, das ihm im Krieg erspart geblieben ist: Er wäre beinahe kollabiert. Die EU- und Spenden geförderte Baustelle soll die kroatische Perspektive des Verteidigungskrieges festigen und Vukovars Wasserturm wieder zu dem Tourist:innenmagneten machen, der er einmal war. Statt einem Restaurant mit 2.200 Kubikmeter Wasser über seiner Decke, ein Skelett aus einer vergangenen Ära, das an einen Teil der jüngeren Geschichte erinnert. So klar wie das Wasser der Donau. In diesem Sommer ist es aufgewühlt und trüb, auf der Oberfläche ziehen dünne Ölschlieren der Lastschiffe unter dem Turm vorbei.

Vukovarski vodotoranj (Bild: Klemens Czurda)

Das Partisan:innendenkmal im „Tal der Helden“ in Tjentište, 1971 gestaltet vom Künstler Miodrag Živković, erinnert an die Schlacht an der Sutjeska im Jahr 1943 (Bild: Klemens Czurda, 2018)

Mahnmal

Auf den ersten Blick reiht sich der Wasserturm von Vukovar – in seiner Wandlung vom Zweckbau zum Symbol des Widerstands zum Mahnmal – in eine Reihe anderer Erinnerungsstätten ein: Bauten, die erst durch ihre mutwillige Zerstörung symbolisch aufgeladen wurden. Konservierung in ihrer versehrten Form als Eintrag in die kollektive Erinnerungskultur. Damit steht er, wie die meisten Gedenkstätten, die an den Jugoslawienkrieg erinnern, in Kontrast zu den älteren Mahnmale aus der Zeit Titos: Sinnbilder für den Kampf des Sozialismus gegen den Faschismus, die Erinnerung an den Horror des Zweiten Weltkriegs in abstrakter Formsprache. Prominentes Beispiel: das Denkmal im Sutjeska-Tal im heutigen Bosnien-Herzegowina, das 2018 ebenso renoviert wurde. Wandert man die Treppen vom Tal nach oben, findet man sich zwischen zwei Fronten aus Beton und Stein wieder, wie gefrorene Flügel. Wellenberge, die sich über die Betrachter:innen stürzen. Echo der Anekdote aus Vukovar. Aus der Ferne erinnert die Aussparung in ihrer Mitte an einen Wasserturm. Der Wasserturm, der dann doch bis heute irgendwo Zweckbau geblieben ist. Ein notwendiges Denkmal mit unglücklichen Implikationen.

Literatur und Quellen

Calic, Marie-Janine, Südosteuropa. Weltgeschichte einer Region, München 2016.

Die Zitate stammen aus einem 2018 geführten Interview und sind Teil von Klemens Czurdas Dokumentarfilms „Shapes of Ruin“ (2019) der eine Versuch unternimmt, die verschiedenen architektonischen Erinnerungskulturen in Bosnien-Herzegowina, Serbien und Kroatien im Hinblick auf den Jugoslawienkrieg und die neuen, abweichenden Narrativen der jungen Nationalstaaten zu beleuchten.


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Bonusbeitrag

Inhalt

Der Bedeu­­tungs­­überschuss

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Sonja Broy über Türme als symbolische Orte und ihre Rolle in der modernen Stadt.

Die Väter der Fernsehtürme

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Jonathan Palmer-Hoffman über die Fernsehturm-Prototypen von Erwin Heinle und Fritz Leonhardt.

Fathers of the Teletowers (English Version)

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Jonathan Palmer-Hoffman on the prototypes of the teletowers by Erwin Heinle and Fritz Leonhardt.

Ein Wasserturm als Mahnmal

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Klemens Czurda über den Wasserturm von Vukovar, der eine neue Nutzung fand.

Der Zementriese

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Robinson Michel über das Wiesbadener Dyckerhoff-Hochhaus, das sich selbst als Werbeträger der Baustoffindustrie präsentierte.

Eine Rotations­hyperboloid­konstruktion

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Martin Hahn über das mathematische Prinzip hinter dem Möglinger Wasserturm und was das Ganze mit Moskau zu tun hat.

Der Naturzugkühler

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Haiko Hebig über Landmarken einer vergangenen Energiepolitik.

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