Sowjet-Pavillon wird Stadtarchiv

Sowj. Pavillon Leipzig (Bild Paul leipzig, CC-BY-SA 3.0)
Der leerstehende sowjetische Pavillon in Leipzig 2010 (Bild: Paul leipzig, CC BY SA 3.0)

In Leipzig warten neue Aufgaben auf den ehemaligen sowjetischen Pavillon. Der leerstehende Bau auf dem alten Messegelände soll zum Stadtarchiv werden. Die Stadt sucht bereits seit 2005 nach einer neuen Heimat für ihr umfangreiches historisches Gedächtnis, das die Kapazität des bisherigen Archivs zu sprengen droht. Nun entschied man sich für den seit 20 Jahren verwaisten Bau mit wechselhafter.

Der Pavillon wurde 1923/24 nach Plänen der Architekten Oskar Pusch und Carl Krämer als Ausstellungshalle für Werkzeugmaschinen errichtet. Wenige Jahre später folgte ein erster Umbau für einen multifunktionalen Einsatz: unter dem Namen „Achilleion“ fungierte die Halle bald als Sportpalast. Im Krieg wurde das Bauwerk beschädigt und 1950 nach Umbauten als sowjetischer Pavillon wieder eröffnet. Über dem Haupteingang prangten nun Hammer und Sichel, gekrönt wurde der Bau von einem nadelförmigen Turm mit Sowjetstern, der an die klassizistische Admiralität in St. Petersburg erinnerte. In den 1970er Jahren erhielt er eine neue Fassade, die 2002 wegen Baufälligkeit teilweise entfernt werden musste. Die mit dem Umbau beauftragten Büros ARGE Pfau Architekten und F29 Architekten stehen in engem Austausch mit dem Denkmalschutz und wollen die wechselhafte Geschichte des Baus sichtbar machen, statt einen Zustand zu rekonstruieren. (jr, 25.6.16)

Industriekulturelles Erbe

Bochum, Bergbaumuseum, Schachtgerüst "Germania" (Bild: Desertcristal, CC BY SA 3.0)
Zeugen einer vergangenen Industriekultur werden zum Identitätssymbol: das Schachtgerüst „Germania“ im Bochumer Bergbaumuseum (Bild: Desertcristal, CC BY SA 3.0)

Seit den 1970er und 1980er Jahren führte die De-Industrialisierung in Westeuropa und Nordamerika zu wirtschaftlich-gesellschaftlichen Verwerfungen. Auch Mittel- und Osteuropa wurden davon mit den politischen Umbrüchen der 1990er Jahre getroffen. Diese Veränderungen versuchte die Politik z. B. durch wirtschaftliche Impulse und neue Bildungseinrichtungen abzufedern. Dem entsprachen kulturell die „postindustrielle Landschaftsreparatur“ und die „Musealisierung industrieller Hinterlassenschaft“, die neue Orte der Erinnerung für eine post-industrielle Identität schufen.

Vom 27. bis 29. April 2017 will die Tagung „Authentizität und industriekulturelles Erbe – Identitäten, Grenzen, Objekte und Räume“ in Freiberg/Sachsen „Prozesse der Authentisierung“ des industriekulturellen Erbes im europäischen und internationalen Vergleich ergründen – mit einem Schwerpunkt auf ehemaligen Montanrevieren. Die Tagung wird im Rahmen des von der RAG-Stiftung geförderten Projekts „Vom Boom zur Krise: Der deutsche Steinkohlenbergbau nach 1945“ veranstaltet und vom Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität unterstützt. Historiker, Kulturwissenschaftler sowie Kollegen aus benachbarten Disziplinen sind eingeladen, Abstracts zu folgenden Themenfeldern einzureichen: Industriekultur, Räume des Authentischen, Grenzen des Authentischen, Authentizität und Identität sowie Authentizität und (Bau-)Denkmal. Themenvorschläge (Abstract von max. 500 Wörtern) mit einem kurzen CV können als zusammenhängendes pdf bis zum 31. August 2016 eingesendet werden an: jana.golombek@bergbaumuseum.de und torsten.meyer@bergbaumuseum.de. (kb, 24.6.16)

Kleingemachte Moderne

Citykauf Ahlen 1960-2016 (Bild: Forum StadtBauKultur NRW)
Citykauf Ahlen 1960-2016 (Bild: Forum StadtBauKultur NRW)

Was von der Pracht blieb: Das nebenstehende Minihäuschen ist ein Stück des 1960 gebauten und 2016 abgerissenen „Citykauf“-Hauses in Ahlen. Die Initiative StadtBauKultur NRW hat sich mit einer besonderen Aktion den Trümmern angenommen: Sie bietet eine limitierte Serie von Modellhäusern an, die aus dem Abbruchmaterial von zwölf markanten Gebäuden in Nordrhein-Westfalen gefertigt sind.

Unter den Miniaturen befinden sich Reste des „RAG“-Förderturms der Zeche Auguste Victoria in Marl, des früheren St.-Marien-Hospitals in Lüdinghausen, der 1977 erbauten City-Passage in Bielefeld und auch Teile der Deutschen Welle in Köln kann man sich nun zuhause ins Regal stellen. Natürlich sind die „Abrisshäuser“ keine reine Jux-Aktion: Mit ihrer Hilfe möchte die Initiative auf das permanent bedrohte bauliche Erbe aufmerksam machen – dieses binde wertvolle Erinnerungen und Geschichten aus der Vergangenheit und könne eben auch ungeahnte Potenziale für die Zukunft bieten. In Zeiten, in denen der verantwortungsvolle Umgang mit nicht erneuerbaren Ressourcen zu einer gesellschaftlichen Pflicht geworden sei, bedürfe es auch eines verantwortungsvollen Umgangs mit dem baulichen Bestand. Das finden wir auch und empfehlen als Beginn den Erwerb eines Mini-Häuschens: Die Modelle können zum Preis von zehn Euro auf der Website www.hausrecycling.nrw bestellt werden. (db, 23.6.16)

Für Spontane: Konferenz „LeerGut“

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Bitte beachten: Anmeldeschluss ist MORGEN!

Die Konferenz „Leergut. Positionen zum Umdenken, Umprogrammieren und Umnutzen von Leerstand“, die vom 30. Juni bis zum 1. Juli im Eiermannbau in Apolda stattfinden wird, will nicht weniger bieten als dies: innovative und überraschende Beispiele für die Finanzierung, den Betrieb, die Gestaltung, aber auch Nutzung leerstehender Gebäude und brachgefallener Standorte in nicht wachsenden Regionen.

Ein Ziel, das aktueller ist denn je, müssen wir doch heute z. B. drängend flüchtende Menschen unterbringen oder bezahlbare Wohnungen für Bedürftige anbieten. Für Projektakteure und fachlich Interessierte versteht sich die Konferenz als Gelegenheit zur Information und Vernetzung. Neben internationalen Projekten und Impulsen wird die Thüringer IBA Prozesse zum Thema LeerGut vorstellen und einen Einblick in das IBA Initiativprojekt Eiermannbau geben. Eine temporäre Ausstellung zeigt darüber hinaus Thüringer LeerGut-Beispiele, Fakten zum Thüringer Leerstand und internationale Referenzprojekte zur Aktivierung leerstehender Standorte abseits der Metropolen. Die Teilnahme an der Konferenz, eine Veranstaltung der IBA Thüringen in Kooperation mit der Wüstenrot Stiftung, ist kostenlos, weitere Informationen und die Anmeldungsformalitäten (Anmeldeschluss ist der 23. Juni!) gibt es online. (kb, 22.6.16).

SOS Konstruktivismus!

SOS-Konstruktivismus (Bild Moskauer Avantgarde-Zentrum)
Rettet die Denkmäler der Avantgarde! (Bild Moskauer Avantgarde-Zentrum)

In Moskau geht es den Baudenkmälern des Konstruktivismus an den Kragen. Anfang Juni begann im Stadtteil Chamovniki unter Protesten von Architekten und Denkmalschützern der Abriss des Wohnkomplexes Pogodinskaja. Die Arbeitersiedlung wurde 1928/29 von Alexander Volkov, Jakov Ostrovski und Valentin Bibikov gebaut. Teil des Ensembles ist der berühmte Arbeiterklub der Kautschukfabrik von Konstantin Melnikov. Dieser bleibt zwar erhalten, wird sich aber demnächst in der Nachbarschaft neo-stalinbarocker Luxuswohnhäuser wiederfinden.

Chamovniki ist nicht das erste Moskauer Viertel, das seine konstruktivistischen Bauwerke einbüßt. In den letzten Monaten rückten die Bagger letzteren immer wieder zu Leibe. Prominentes Beispiel ist das Taganer ATZ-Gebäude, eine der ersten automatisierten Telefonzentralen Moskaus, das 1929/30 nach Plänen Vasilij Martynovič errichtet wurde. Trotz Protesten und einer Sammlung von 38 000 Unterschriften wurde es 2016 abgerissen – ohne Einwände des städtischen Denkmalschutzes. Die Freunde des Konstruktivismus geben sich dennoch nicht geschlagen. So funken zum Beispiel das Avantgarde-Zentrum der Moskauer Bibliothek „Prosveshenije trudjasshichsja“ oder The Constructivist Project SOS und informieren umfassend über aktuelle Planungen und Entwicklungen, die das konstruktivistische Kulturerbe bedrohen. (jr, 22.6.16)

Beton

"Beton" (Bild: Kunsthalle Wien)
Der Baustoff gab der Wiener Ausstellung ihren Namen: „Beton“ (Bild: Kunsthalle Wien)

In den 1950er und 1960er Jahren galt Beton als Inbegriff der Moderne. Sogar ein eigener, auf das Material Beton bezogener Baustil etablierte sich, der so genannte Brutalismus (benannt nach dem französischen Wort für Sichtbeton: béton brut). Brutalistische Architektur zeichnet sich nicht nur durch eine expressive Verwendung von Beton aus. Sie steht auch für sozialen Wohnungsbau, für kommunale Bildungseinrichtungen, für Kulturzentren, für Universitäten. Diese Architektur zielte explizit auf eine Veränderung der Gesellschaft ab. Sie ist gewissermaßen Form gewordene Utopie.

Heute sind viele Gebäude der damaligen Zeit vom Abriss bedroht und ihre Zielsetzung gilt als gescheitert. Angesichts dieser verfärbten Moderne arbeiten bildende Künstler für die aktuelle Ausstellung in der Wiener Kunsthalle, die passenderweise den schlichten Titele „Beton“ trägt, noch einmal ihre ursprünglichen Ideen heraus: ihre Euphorie, aber auch ihr Scheitern. Nicht aus nostalgischer Sehnsucht heraus, sondern als Erinnerung daran, dass Architektur einmal mehr war als nur umbauter Raum und Beton nicht nur ein Baustoff ist, sondern ein historisch wie ideologisch aufgeladenes Material. Die Eröffnung findet am 24. Juni um 19 Uhr statt und die Ausstellung ist anschließend bis zum 16. Oktober 2016 zu sehen. Begleitend sind Themenführungen vorgesehen. (kb, 21.6.16)

Moderne 2.0

Ingenieur, Zahnräder betrachtend, Chemnitz, 1951 (Foto: Seidel, Bild: Bundesarchiv Bild 183-12173-0001, CC BY SA 3.0)
Spaß sieht für jeden anders aus: Ingenieur, Zahnräder betrachtend, Chemnitz, 1951 (Foto: Seidel, Bild: Bundesarchiv Bild 183-12173-0001, CC BY SA 3.0)

„Wie sollten wir die Essenz der Moderne wahrnehmen?“ Dieser großen Frage stellt man sich in Chemnitz ganz praktisch und schaut während des Workshops „Moderne 2.0“ vom 10. bis zum 11. September 2016 auf die beiden Berufsgruppen, welche die Moderne besonders geprägt haben: Zum einen gibt es den Ingenieur, der in seinem Wesen strukturiert, orientiert an Anforderungen, oft gemessen an der Effizienz seines erstellten Produktes. Zum anderen ist da der Künstler, befreit vom richtig oder falsch, vom Nachweis seiner Behauptungen, oft bewertet nach der Ästhetik seines Werks.

Dem Chemnitzer Workshop, der sich selbst als „interdisziplinärer Experimentalraum für Künstler und Ingenieure“ versteht, geht es um den Dialog und Austausch dieser so unterschiedlichen Denk- und Arbeitsweisen. Die Präsentation der Ergebnisse, Beobachtungen und Erkenntnisse des Workshops erfolgen auf dem “RAW Festival“ im Rahmen der 7. Tage der Industriekultur vom 23. bis 25. September 2016 im ehemaligen Reichsbahnausbesserungswerk Chemnitz. Es sind ca. 16 Workshop-Plätze zu vergeben, die Teilnahme ist kostenfrei, Interessierte werden gebeten sich mit ein paar Informationen (Name, Alter, Beruf, was reizt an diesem Workshop und was ist das Werkzeug?) zu bewerben bei: Bettina Hofmann, 0371/690 68-16hofmann@cwe-chemnitz.de. (kb, 20.6.16)