Das rote Bauhaus

Das rote Bauhaus (Bild Berenberg Verlag)
Das rote Bauhaus (Bild: Berenberg Verlag)

Das Jahr 1929 bedeutete für viele Architekten Westeuropas und der USA eine existentielle Bedrohung. Der Börsencrash ließ großangelegte Bauprojekte zerplatzen und zwang städtische Baubehörden zu drastischen Sparmaßahmen. Ganz anders sah die Situation in der UdSSR aus: im Zuge der forcierten Industrialisierung wurde allenorts geplant und gebaut. Viele westliche Planer – und nicht nur politisch links orientierte – unterschrieben in der Hoffnung auf entsprechende Bauaufträge Arbeitsvertäge in der Sowjetunion. Eine neue Mongrafie von Ursula Muscheler folgt ihnen auf ihrer Reise in den Osten.

Unter den Spezialisten fanden sich bekannte Architekten und Städtebauer wie Ernst May und Bruno Taut. Auch die politisch Mitglieder der Bauhaus-Brigade Rot Front unter der Leitung des ehemaligen Bauhausdirektor Hannes ­Meyer brannten für diearchitektonischen Aaufgaben, die sie sich vom Aufbau des Sozialismus versprachen. Vor Ort sahen sie sich mit einer unbekanten Planungskultur und Bauwirtschaft sowie den aufkeimenden Säuberungen Stalins konfrontiert. Das Buch wirft einen Blick auf diese oftmals noch unbekannte Geschichte des Neuen Bauens in der Sowjetunion der 1930er. (jr, 23.2.17)

Muscheler, Ursula, Das rote Bauhaus. Eine Geschichte von Hoffnung und Scheitern, Berenberg Verlag, Berlin 2016, ISBN 978-3-946334-10-1.

Merchandising der Moderne

Frankfurter Küche Handtuch (Bild: idüll)
Das Frankfurter Küche Handtuch (Bild: idüll)

Die Frankfurter Küche gilt als Mutter aller Einbauküchen. In den 1920er Jahren konzipierte die Wiener Architektin Margarete Schütte-Lihotzky im Auftrag des von Ernst May geleiteten Hochbauamts den Prototyp, der in den folgenden Jahren in über 10 000 Wohnungen verbaut wurde. Der Entwurf zielte auf eine größtmögliche Zeitersparnis bei Haus- und Küchenarbeit ab und fußte auf der Analyse von Bewegungsmustern und Arbeitswegen. Das Frankfurter Designbüro Idüll hat der Küche nun ein Denkmal gesetzt: Das „Frankfurter Küche Handtuch“.

Das Küchenutensil wird im Stil einer Blaupause von einer Abbildung der inzwischen ikonischen Metallschütte geziert, die Schütte-Lihotzky zur Aufbewahrung von Gries, Linsen etc. vorsah. Um den Behälter windet sich schwungvoll eine weiße Linie, die an die von der Architektin erarbeiteten Bewegungsschemen erinnert. Entgegen der nüchternen, bisweilen kalt anmutenden klassischen Moderne verspricht das Handtuch „fein gewebte Streicheleinheiten fürs Geschirr“. Das Textil beschränkt sich jedoch nicht in postmoderner Manier auf das historische Zitat, sondern wird im Karton mit weiterführenden Informationen zur Geschichte der Frankfurter Küche geliefert. Ein Handtuch mit didaktischem Anspruch – dieses Alleinstellungsmerkmal wird dem Stoffobjekt so schnell nicht zu nehmen sein. (jr, 24.2.17)

Schnatterinchen liest

"Schnatterinchens Puppenecke" (Motiv der Leipziger Ausstellung)
„Schnatterinchens Puppenecke“ (Motiv der Leipziger Ausstellung)

Am 1. Juni 1949 (Internationaler Kindertag) gegründet, wuchs der KinderbuchVerlag Berlin unter Leitung von Günther Schmidt schnell zum zentralen Organ dieses Genres heran. Durch die Zusammenarbeit mit namenhaften Illustratoren gewannen die Veröffentlichungen regelmäßig Preise als „Schönste Bücher der DDR“. Insgesamt prägte der Verlag 44 Editionsformen, vom Taschen- bis zum Maxibuch.

Eine der bekanntesten Reihen waren Illustrierte Geschichten in einem dünnen Hard-Cover-Buchformat von 27 x 18,5 Zentimeter. Die Leipziger Ausstellung „Schnatterinchens Puppenecke“ versteht sich als Streifzug durch die bis 1990 gedruckte Edition. Für durchschnittliche 5,40 M wurden die unterschiedlichsten Kinderwelten reich illustriert. Eine minimalistische Typografiegestaltung und wiederkehrenden Illustrationsstile verliehen den Büchern einen hohen Wiedererkennungswert. Vom 19. März bis zum 1. April 2017 ist die Präsentation im „N‘OSTALGIE-Museum“ Leipzig (Nikolaistraße 28) zu sehen. (kb, 23.2.17)

Practicing Utopia

Practicing Utopia (Bild University of Chicago Press)
Practicing Utopia (Bild; University of Chicago Press)

In den 1950er Jahren schossen abseits der Metropolen neue Planstädte wie Pilze aus dem Boden. Dies galt nicht nur für das kriegszerstörte Europa, sondern auch für Asien, Amerika und das postkoloniale Afrika. In Großbritannien machte man in den New Towns die Lösung der Wohnraumproblematik aus, im gerade unabhängig gewordenen Indien entwarf man mit Candigarh am Reißbrett eine neue Provinzhauptstadt, in Kanada errichtete eine Minengesellschaft mit Kitimat ihre Idealstadt. Eine jüngst erschienen Monographie von Rosemary Wakeman untersucht die neuen Städte der Nachkriegsjahrzehnte erstmals als weltweites Phänomen.

Die Studie begreift die Globalgeschichte der New Towns als „Intellectual History“. Einem transnationalen Ansatz folgend untersucht sie gesellschaftspolitische und städtebauliche Konzepte und Debatten vor dem Hintergrund des Kalten Krieges und der Dekolonialisierung. Der Untersuchungszeitraum reicht von den Gartenstädten der 1920er bis zur Modernekritik in den 1970er Jahren, die mit der Fortschrittsgläubigkeit der Experten und Politiker hart ins Gericht ging. Die prinzipielle Faszination der Neuanlage von Städten auf der grünen Wiese blieb von dieser Kritik jedoch unberührt, wie auch das Fazit richtig feststellt. (jr, 22.2.17)

Wakeman, Rosemary, Practicing Utopia. An Intellectual History of the NewTown Movement, University of Chicago Press, Chicago 2016, ISBN9780226346038.

Cuckoo Blocks

Cuckoo Block (Bild: Copyright guidozimmermann-art.com)
Cuckoo Block (Bild: Copyright guidozimmermann-art.com)

Ungezählte Japaner können nicht irren: Die Kuckucksuhr ist so typisch deutsch wie Sauerkraut und Schmuddelwetter. Zu diesem Archetyp der Schwarzwalduhr hat der Frankfurter „Graffitist und Maler“ Guido Zimmermann (AtelierFrankfurt, Schwedlerstraße 1–5, 60314 Frankfurt am Main, info@guidozimmermann-art.com“, 0177/6456168) eine weitere, wohl nicht minder deutsche Variante hinzugefügt, die „Cuckoo Blocks“. Für ihn bilden sie „eine zeitgemäße Sicht auf das urbane Wohnen“. Er montiert das traditionelle Uhrwerk mit Kuckuck in Hüllen, die dem gerade historisch werdenden Plattenbau nachempfunden sind.

Damit möchte Zimmermann zwei spannungsreiche Symbole in Beziehung setzen: die Kuckucksuhr als Zeichen des Mittelschicht-Wohlstands und den Plattenbau, der allzu gerne mit sozialen Brennpunkten gleichgesetzt wird. Damit kehrt Zimmermann zurück zu den Wurzeln des modernen Betonbaus: So entstand z. B. das Londoner Glenkerry House (1979, Ernö Goldfinger) einst für den Durchschnittsbürger, heute bietet es hippes, kaum bezahlbares Wohnen. Seine Serie der Kuckucksuhren hat Zimmermann um Nistkästen für heimische Singvögel erweitert. Der Prototyp, das Modell eines Sozialbaus aus Catania/Sizilien, wurde bereits zügig von einem Meisenpaar besiedelt. Vielleicht waren es die kleinen Satelliten-Schüsseln, welche die neuen Mieter überzeugt haben … (kb, 21.2.17)

Rheinaue Bonn: Denkmal oder nicht?

Bonn, Bundesgartenschau (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F056332-0018 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)
Die Bundesgartenschau 1979 fand in der damaligen Hauptstadt Bonn statt (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F056332-0018 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)

In Bonn soll die Rheinaue unter Denkmalschutz gestellt werden. Die raumgreifende, zur Bundesgartenschau 1979 angelegte Parkanlage am Ufer des Flusses ist laut der Denkmalbehörde des LVR ein historisches Zeugnis der Geschichte der Bundesrepublik und der Entwicklung von Garten- und Landschaftsarchitektur. Während die Bezirksregierung in Köln die Unterschutzstellung befürwortet, stellt sich die Stadt Bonn jedoch quer. Eine denkmalgeschützte Rheinaue könnte den Gebrauchswert des Naherholungsgebiets beeinträchtigen, so die Argumentation des Stadtbaurats.

1979 richtete die damalige Hauptstadt die Bundesgartenschau aus und beauftragte die Landschaftsarchitekten Gottfried Hansjakob und Heinrich Raderschall mit dem Entwurf des Ensembles aus Grünanlagen, Spielplätzen, Radwegen und Seen. Das Areal liegt am Rheinufer und in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Regierungsviertels und steht damit exemplarisch für den Charme des „Bundesdorfes Bonn“. Die Stadt argumentiert dagegen, dass die Auflagen des Denkmalschutzes Open Air-Veranstaltungen wie Rhein in Flammen oder den „Kunst!Rasen“ beeinträchtigen könnten. Dieser Standpunkt ist nach Informationen des Bonner Generalanzeigers aber auch im Stadtrat umstritten; eine Sondersitzung am 2. März soll die Frage nochmals diskutieren. (jr, 20.2.17)

Urban Memory Berlin

Allen Orten, die einem ständigen Wandel unterliegen, wohnt das Vergessen inne. Und trotzdem, oder gerade deshalb, werden in solchen städtischen Räume mit besonderer Leidenschaft Musen und Archive unterhalten, die „Schlüsselstücke“ des vergangenen Kultur-, Politik- und Wirtschaftslebens zu bewahren suchen. Diesem Phänomen folgt das 2016 erschienene Buch „Urban Memory and Visual Culture in Berlin“ von Simon Ward am Beispiel von Berlin in den Jahren 1957 bis 2012.

Die Leitfrage der Publikation ist es, wie Berlin die Herausforderungen angenommen hat, in Zeiten eines rasch wandelnden politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt gebauten Umfelds weiter eine lebendige Erinnerungskultur zu pflegen. Damit folgt das Buch der These, dass gerade die Wiederentdeckung, die neue Erfahrung der Zeit zentral ist für die Formen des Erinnerns im heutigen Berlin. Der Verfasser, Dr. Simon Ward, lehrt deutsche Literatur und visuelle Kultur an der School of Modern Languages an der Universität von Durham – und bietet mit seiner in Englisch verfassten Publikation den „fremden Blick“ auf eine uns (fast) noch vertraute städtische Kulturlandschaft. (kb, 19.2.17)

Ward, Simon, Urban Memory and Visual Culture in Berlin. Framing the Asynchronous City. 1957-2012, Amsterdam University Press, Amsterdam 2016, 212 Seiten, ISBN: 9789089648532.