Rheinaue Bonn: Denkmal oder nicht?

Bonn, Bundesgartenschau (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F056332-0018 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)
Die Bundesgartenschau 1979 fand in der damaligen Hauptstadt Bonn statt (Bild: Bundesarchiv, B 145 Bild-F056332-0018 / Engelbert Reineke / CC-BY-SA 3.0)

In Bonn soll die Rheinaue unter Denkmalschutz gestellt werden. Die raumgreifende, zur Bundesgartenschau 1979 angelegte Parkanlage am Ufer des Flusses ist laut der Denkmalbehörde des LVR ein historisches Zeugnis der Geschichte der Bundesrepublik und der Entwicklung von Garten- und Landschaftsarchitektur. Während die Bezirksregierung in Köln die Unterschutzstellung befürwortet, stellt sich die Stadt Bonn jedoch quer. Eine denkmalgeschützte Rheinaue könnte den Gebrauchswert des Naherholungsgebiets beeinträchtigen, so die Argumentation des Stadtbaurats.

1979 richtete die damalige Hauptstadt die Bundesgartenschau aus und beauftragte die Landschaftsarchitekten Gottfried Hansjakob und Heinrich Raderschall mit dem Entwurf des Ensembles aus Grünanlagen, Spielplätzen, Radwegen und Seen. Das Areal liegt am Rheinufer und in unmittelbarer Nähe des ehemaligen Regierungsviertels und steht damit exemplarisch für den Charme des „Bundesdorfes Bonn“. Die Stadt argumentiert dagegen, dass die Auflagen des Denkmalschutzes Open Air-Veranstaltungen wie Rhein in Flammen oder den „Kunst!Rasen“ beeinträchtigen könnten. Dieser Standpunkt ist nach Informationen des Bonner Generalanzeigers aber auch im Stadtrat umstritten; eine Sondersitzung am 2. März soll die Frage nochmals diskutieren. (jr, 20.2.17)

Urban Memory Berlin

Allen Orten, die einem ständigen Wandel unterliegen, wohnt das Vergessen inne. Und trotzdem, oder gerade deshalb, werden in solchen städtischen Räume mit besonderer Leidenschaft Musen und Archive unterhalten, die „Schlüsselstücke“ des vergangenen Kultur-, Politik- und Wirtschaftslebens zu bewahren suchen. Diesem Phänomen folgt das 2016 erschienene Buch „Urban Memory and Visual Culture in Berlin“ von Simon Ward am Beispiel von Berlin in den Jahren 1957 bis 2012.

Die Leitfrage der Publikation ist es, wie Berlin die Herausforderungen angenommen hat, in Zeiten eines rasch wandelnden politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und nicht zuletzt gebauten Umfelds weiter eine lebendige Erinnerungskultur zu pflegen. Damit folgt das Buch der These, dass gerade die Wiederentdeckung, die neue Erfahrung der Zeit zentral ist für die Formen des Erinnerns im heutigen Berlin. Der Verfasser, Dr. Simon Ward, lehrt deutsche Literatur und visuelle Kultur an der School of Modern Languages an der Universität von Durham – und bietet mit seiner in Englisch verfassten Publikation den „fremden Blick“ auf eine uns (fast) noch vertraute städtische Kulturlandschaft. (kb, 19.2.17)

Ward, Simon, Urban Memory and Visual Culture in Berlin. Framing the Asynchronous City. 1957-2012, Amsterdam University Press, Amsterdam 2016, 212 Seiten, ISBN: 9789089648532.

Pläne fürs Bochumer Opel-Gebäude

Bochum, Opelwerk (Bild: Dr. G.Schmitz, CC BY-SA 3.0)
Der Verwaltungsbau des Bochumer Opel-Werks I hat einen neuen Besitzer (Bild: Dr. G. Schmitz, CC BY SA 3.0)

Das im Oktober 1962 eingeweihte Bochumer Opel-Werk I schloss im Dezember 2014 die Pforten. Seither werden die Gebäude auf dem Areal im Stadtteil Laer abgerissen. Ausgenommen ist hiervon das 2015 unter „vorläufigen Denkmalschutz“ gestellte Verwaltungsgebäude. Die für die Verwertung des Opel-Geländes zuständige Gesellschaft „Bochum Perspektive 2022“ hat den Backsteinbau vor einigen Monaten an die Aachener „Landmarken AG“ verkauft. Diese plant nun, ihn zu einem Innovationscenter umzubauen, Projektname: „O-Werk“. Bis es soweit ist, wird allerdings noch einige Zeit verstreichen. Noch sind die Abrissarbeiten und insbesondere die Bodensanierung in der Umgebung nicht abgeschlossen.

Das Bochumer Opel-Werk war Ende der 1950er das größte industrielle Bauvorhaben Europas. Auf dem Gelände der stillgelegten Zeche Dannenbaum wurden fürs Werk I rund 678.000 Quadratmeter genutzt, im rund 4 Kilometer entfernten Langendreer auf dem Areal der ehemaligen Zeche Bruchstraße weitere 709.000 Quadratmeter für das Werk II. Beide Industrieanlagen werden nun abgerissen. Errichtet hatte Opel das Werk zur Produktionsaufnahme des Kleinwagens Kadett. Den fanden übrigens auch die „Toten Hosen“ ganz gut … (db, 17.2.17)

Das Concordia-Haus verschwindet

Frankfurt/Main, Concordia-Haus Februar 2016 (Bild: D. Bartetzko)
Nicht originell, aber original: das Frankfurter Concordia-Haus aus den 1960ern (Bild: D. Bartetzko)

Der Brutalismus ist in aller Munde, doch im Schatten seines Revivals verschwinden die Zeugen der zurückhaltenden, internationalen Moderne. Nicht jedes Mal stellen diese Abbrüche allzu große Verluste dar. Ein schales Gefühl bleibt jedoch vor allem dann, wenn es sich um gänzlich unveränderte Gebäude der 1960er oder 1970er Jahre handelt – die allen postmodernen Veränderungsdrang überstanden und bis jetzt auch der Dämmwut nicht zum Opfer fielen. In Frankfurt wird demnächst das in den 1960ern eröffnete Concordia-Haus mit seiner Alu-Glas-Fassade abgerissen. Derzeit ist der Bau noch nicht einmal komplett geräumt, doch schon in den nächsten Monaten sollen die Bagger an der Mainzer Landstraße anrollen.

Es handelt sich beim ehemaligen Versicherungssitz sicher um kein Meisterwerk, doch immerhin um einen wohl proportionierten Vertreter des International Style. Und sein originaler Zustand ist im veränderungsstarken Frankfurt eine Rarität. Ein – wenn auch schmaler – Trost ist, dass der Nachfolgerbau von kundiger Hand verantwortet wird. Das entstehende Appartementhaus mit 105 Mikrowohnungen (das den klangvollen Namen „Mona Lisa“ erhält) wird vom Frankfurter Büro Stefan Forster geplant. Dessen an der Klassischen Moderne orientierten Backsteinbauten ragen derzeit aus dem Frankfurter Investoreneinerlei weit heraus. (db, 17.2.17)

„Det is der Berliner Westen!“

Ausstellungsprojekt "Seh’n se, det is der Berliner Westen!" im Europa-Center Berlin (Bild: MASKE + SUHREN Architekten)
Ausstellungsprojekt „Seh’n se, det is der Berliner Westen!“ im Europa-Center Berlin (Bild: MASKE + SUHREN Architekten)

Es war ein kleines Stück Bundesrepublik, dem nach dem Krieg eine große politische Bedeutung zuwuchs: Als Westberlin nach der deutschen Teilung, spätestens nach dem Mauerbau zur symbolträchtigen Insel wurde, mussten auch viele Neu- und Wiederaufbauten diesem hohen Anspruch gerecht werden. Diesem Thema widmet das Berliner Architekturbüro MASKE + SUHREN (kuratiert von Ulrich Borgert) nun die kleine öffentliche Ausstellung auf den typischen Berliner Litfaßsäulen „Seh’n se, det is der Berliner Westen!“, die noch bis zum 1. März im Berliner Europa-Center (Tauentzienstraße 9-12, 10789 Berlin) zu sehen ist.

Die Ausstellung gibt einen Rückblick auf Geschichte und Entwicklung des Kernbereichs der City West rund um die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und bietet einen Ausblick auf das sich wandelnde Quartier mit seinen aktuellen Projekten. Eine englischsprachige Version der Ausstellung war im Rahmen der Architekturbiennale in Venedig, eine deutschsprachige vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche zu sehen. Jetzt bietet sich noch einmal die Chance, damals und heute am Ort des Geschehens zu vergleichen. (kb, 16.2.17)

Exkursion in den Untergrund

Köln, Arbeiter mit U-Bahn-Schild (Bild: Adam Jones, CC BY SA 3.0)
Köln, Arbeiter mit U-Bahn-Schild (Bild: Adam Jones, CC BY SA 3.0)

In der „Metropolregion am Rhein“ wurden in Bonn, Köln, Düsseldorf und Duisburg ab den 1960er Jahren U-Bahnen mit entsprechenden Bahnhöfen gebaut. Sie verkörpern ebenso verkehrstechnisch wie ästhetisch den Zeitgeist der Moderne dieser Jahre. Heute wird um ihren Denkmalwert gestritten. Besonders die Stationen in Bonn stehen aktuell im Kreuzfeuer. In einer ersten Exkursion an einer neuen Industrieroute entlang der Rheinschiene sollen Haltestellen in Bonn und Köln verglichen werden. Eine zweite Exkursion im 3. oder 4. Quartal 2017 soll sich mit den Stationen in Düsseldorf und Duisburg beschäftigen.

Am 9. April 2017 stehen zunächst Bonn und Köln auf dem Programm. Führende sind in Bonn Alexander Kleinschrodt (Werkstatt Baukultur Bonn), in Köln Prof. Dr. Barbara Schock-Werner: Treffpunkt: 8:45 Uhr Düsseldorf Hbf., Service-Point; 9:15 Uhr Köln Hbf., Service-Point; 10:05 Uhr Bhf. Bonn-Bad Godesberg, Service-Point. Veranstalter sind der Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz (Regionalverbände Köln, Düsseldorf/Mettmann/Neuss und Bonn) sowie die Werkstatt Baukultur Bonn. Für Fahrkarten-Inhaber fallen keine Kosten an, ansonsten für Düsseldorfer 10 Euro, für Kölner und Bonner 7 Euro (Tickets werden besorgt, bitte bei der Anmeldung entsprechendes Ticket ordern). Der Verzehr bei der Mittagspause ist nicht im Preis inbegriffen. Die genauen Anmeldungsmodalitäten können hier online eingesehen werden. (kb, 16.2.17)

Rote Liste Hamburg

Hamburg, Abriss Elisabethgehölz 5-7, 2015, (Bild: Peter Vogt)
Hamburg, Elisabethgehölz 5-7: 1998 saniert, 2015 abgerissen … (Bild: Peter Vogt)

Die Abrissfreudigkeit in den deutschen Großstädten hat ein Ausmaß erreicht, das wieder an die 1960er erinnert. Augenfällig wird es, wenn all die gefährdeten oder bereits abgerissenen Gebäude in einer bebilderten Liste aufgeführt sind. So wie etwa in der „Roten Liste Hamburg“, die sich den zur Disposition stehenden Bauwerken, unabhängig von deren etwaigen Denkmalwert, widmet.

Ob derartige Webseiten die Verantwortlichen nachdenklich machen, sei dahingestellt. Doch vielleicht öffnen sie gleichgültigen Mitbürgern die Augen dafür, dass so manches unscheinbare Häuschen und auch so mancher vermeintliche  Betonklotz vielleicht mehr architektonische Qualität mitbringt, als das, was ein seiner Stelle entstehen soll. Die Rote Liste hat das Ziel, von Umbau und Überformung bedrohte wertvolle, prägende Orte sichtbar zu machen. Etwa, um eine Diskussion anzuregen, welche Orte auch abseits klassischer Denkmal-Kriterien geschützt werden sollten. Denn nicht nur die Denkmäler, sondern ihre Einbettung stehen für den Charakter eines ganzen Stadtviertels. Die Macher der Rote Liste richten sich dabei ausdrücklich nicht gegen Veränderung – möchten aber sensibilisieren, diese Veränderung behutsam anzugehen und genau abzuwägen, an welchen Orten sich vielleicht die Seele der Stadt festmacht. Vielleicht wäre eine derartige Rote Liste in jeder größeren Stadt hilfreich … (db, 15.2.17)