Postmoderner Augenschmaus

Vase (Bild: shapeways.com)
Postmoderne der nützlichen Art: die Vase „The Tower That Doesn’t Lean“ (Bild: shapeways.com)

Vorsicht, Sie überschreiten gleich die Geschmacksgrenze: Hip ist, wenn es so richtig schön weht tut im antrainierten Ästhetik-Knigge – und man sich müde lächelnd der breiten Masse um eine stilistische Nasenlänge voraus weiß. Einen ähnlichen Kitzel mag auch diese postmodern anmutende Vasenschönheit auf Sie auszuüben, die über den anglo-amerikanischen Online-Handel die Runde macht.

Unter dem vielsagenden Titel „The Tower That Doesn’t Lean“ erinnert das Porzellanartefakt nicht zufällig an den Turm von Pisa. In diesem Fall wurde er aufgerichtet und als Blumenvase nutzbar gemacht. Sie wird beworben mit dem Hinweis: Warum mit allen Hightech-Mitteln um die Welt reisen, um dann vor Ort einen alten Turm mit Baumängeln vorzufinden. Warum nicht lieber zu Hause denselben Turm ohne alle Fehler sein eigen wissen. Damit geht die Vase nicht nur stilistisch den postmodernen Weg: Sie nimmt sich aus der Geschichte, was gefällt, und formt es mit viel Ironie zu etwas Neuem. Sie können dieses Schmuckstück online in drei Farben in dauerhaftem Porzellan erwerben – oder Sie graben sich durch den eigenen Geschirrschrank, ganz hinten rechts, dort finden Sie bestimmt noch ähnliche Raritäten aus dem Italienurlaub Anno ’87. (kb, 29.5.16)

Die Denkmalpflege und die Moderne

Arnstadt, Milchhof (Bild: Giorno2, CC BY SA 4.0)
Der Milchhof in Arnstadt – eines von vier „Vorzeigeprojekten“ für das Kolloquium am 29. Juni (Bild: Giorno2, CC BY SA 4.0)

Am 29. Juni 2016 lädt das Landesamt für Denkmalpflege unter der Leitung des Landeskonservators Holger Reinhardt in Zusammenarbeit mit der Milchhof Arnstadt GmbH zu einem Kolloquium ein: Im Alten Milchhof Arnstadt geht es dann um den denkmalfachlichen Umgang mit vier ausgewählten Bauten der Moderne in Thüringen: das Haus am Horn in Weimar (Georg Muche, 1923), das Haus des Volkes in Probstzella (Alfred Arndt, 1927), den Milchhof in Arnstadt (Martin Schwarz, 1928) und den Eisenacher Wartburgpavillon (Günter Wehrmann, 1967).

Vorgestellt werden die neuesten Forschungsergebnisse zu den vier Bauten und die jeweils von den Bearbeitern vorgeschlagenen denkmalpflegerischen Zielstellungen, die in einer öffentlichen Podiumsdiskussion mit den Vertretern der Denkmalfachbehörde diskutiert werden. Nach Fachvorträgen und einer Podiumsdiskussion schließt die Veranstaltung am Abend mit einem Empfang im Hotel Stadthaus Arnstadt – womit zugleich die Ausstellung „reduced – reused – useless“ (Malerei und Fotografie von Jan Kobel) eröffnet wird. (kb, 28.5.16)

Akteure des Neuen Frankfurt

Akteure des Neuen Frankfurt (Bild: Societätsverlag)
Akteure des Neuen Frankfurt (Bild: Societätsverlag)

Das Neue Frankfurt begeisterte in den 1920ern Architekten, Designer, Grafiker, Fotografen und andere Kulturschaffende. In kurzer Zeit avancierte die Stadt zum Mekka der Moderne, mit dem man heute prominente Namen wie Ernst May, Margarete Schütte-Lihotzky, Ferdinand Kramer, Martin Elsaesser, Mart Stam, oder Ilse Bing verbindet. Viele ihrer Zeitgenossen sind dagegen trotz großer Bedeutung für das avantgardistische Projekt nicht in Erinnerung geblieben. Das jüngst erschienene Nachschlagewerk „Akteure des Neuen Frankfurt“ ändert dies und stellt prominente und weniger bekannte neue Frankfurter in vier einleitenden Essays und 150 kurzen Biographien vor.

Neben den Architekten und Städtebauern beleuchtet der Band auch die Frankfurter Kulturlandschaft und die Administration, die das Projekt politisch überhaupt erst möglich machte. So leisteten etwa der liberale Oberbürgermeister Ludwig Landmann oder der Stadtkämmerer Bruno Asch einen entscheidenden Beitrag zur Main-Moderne. Die diversen Biographien berücksichtigen nicht nur die Rolle der Akteure während des Neuen Frankfurt, sondern auch deren Herkunft und weiteren Lebensweg nach dem Ende des Projekts. Die historische Bauforschung ist mit diesem Band um ein Standardwerk reicher geworden. (jr. 27.5.16)

Brockhoff, Evelyn (Hg.): Akteure des Neuen Frankfurt. Biografien aus Architektur, Politik und Kultur, Societätsverlag, Frankfurt am Main 2016, 232 Seiten, ISBN 978-3-95542-160-1.

Das Pinguin-Investment

Dresden, Pinguin-Café (Bild: Facebook-Seite "Pinguin-Café Dresden")
Wohl bald in seine Einzelteile zerlegt: das Dresdener Pinguin-Café (Bild: Facebook-Seite „Pinguin-Café Dresden“)

Sollten Sie noch Geld auf der hohen Kante haben und dieses in etwas Sinnvolles investieren wollen: Das „Pinguin-Café Dresden“ sucht für einen neuen Eigentümer. Der große Vorteil ist, dass Sie sich den Standort für Ihr neues Betonschätzchen weitgehend selbst aussuchen könnten, denn der Systembau soll in seine Einzelteile zerlegt werden.

Nachdem die Betreiberinnen des Pinguin-Cafés im Dresdener Zoo in Ruhestand gegangen sind, entsteht an seiner Stelle bald ein gastronomischer Neubau. Der „alte“ Pavillon war 1969 (Erich Lippmann/VEB Stahlhochbau Eberswalde) für die 20-Jahrfeier der DDR „Kämpfer und Sieger“ an der Karl-Marx-Allee errichtet worden. 1973 nach Dresden versetzt, kamen ein 20-Meter-langes Pinguin-Wandfries von Gerhard Papstein und eine Aluminiumarbeit von Helmut Schmitt hinzu. Obwohl der Systembau nicht unter Denkmalschutz steht, scheint sich eine Perspektive für seinen Erhalt abzuzeichnen. Das Netzwerk Ostmoderne, das sich für den markanten Cafébau einsetzt, wünscht sich – so zitiert die „Sächsische Zeitung“ Marco Dziallas – „einen mutigen und verantwortungsvollen Investor, der eine Idee und Vision für den Pavillon entwickelt“. Die Wiederaufbau- und Sanierungskosten würden sich schätzungsweise auf eine halbe Million belaufen. Bis auf weiteres sollen die Elemente des zerlegten Pavillons im Lapidarium der Stadt eingelagert werden. (kb, 26.5.16)

Die Manchonins

"Das Ehepaar Manchonin und die Moderne" (Bild: Tschechisches Zentrum Berlin)
„Das Ehepaar Manchonin und die Moderne“ (Bild: Tschechisches Zentrum Berlin)

Mit einer Gesprächsrunde zum Schaffen des Architekten-Ehepaars Věra und Vladimír Machonin geht am 3. Juni zwischen 18 und 23 Uhr im Tschechischen Zentrum Berlin (Wilhelmstraße 44/Eingang Mohrenstraße, 10117 Berlin) die Ausstellung „Einkaufen in der Moderne“ zu Ende, die sich mit der Architektur tschechischer Kaufhäuser in den Jahren 196575 beschäftigt.

Die Architekten solch unverwechselbarer Bauten wie des Kaufhauses Kotva in Prag (und im Fall von Věra Machoninová auch des Prager Hauses der Wohnkultur) oder des Hotels Thermal in Karlovy Vary haben Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre auch das Gebäude der Botschaft der damaligen ČSSR in der DDR entworfen, dessen Räumlichkeiten heute die Botschaft der Tschechischen Republik nutzt. Dieser Bau, in dem seit 2012 auch das Tschechische Zentrum Berlin seinen Sitz hat, gehört dank seiner beeindruckenden Form, seiner originellen Raumaufteilung und dank der wertvollen erhaltenen Inneneinrichtung zu den wichtigsten Bauten der tschechischen Architektur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In der Gesprächsrunde diskutieren Lukáš Beran, tschechischer Architekturhistoriker und ausgwiesener Experte für das Werk des Ehepaars Machonin, sowie Wolfgang Kil, Architekturkritiker und Publizist. Das Gespräch in englischer Sprache moderiert Petr Klíma, Autor der Ausstellung „Einkaufen in der Moderne“. (kb, 25.5.16)

Postamt Spandau kommt weg

Berlin-Spandau,Klosterstrasse, Bild Ralf Salecker
1980 gebaut, 1995 verlassen: das Postareal an der Klosterstraße in Berlin-Spandau. (Bild: Ralf Salecker, www.unterwegs-in-spandau.de)

Gerade mal 15 Jahre war das Postamt in der Berliner Klosterstraße in Betrieb. Mitte der 1990er schlossen sich dann die Pforten des 1980 eröffneten Baus. Und seitdem liegt er in Agonie: Anfangs noch gut bewacht, sind Verfall und Vandalismus mittlerweile Tür und Tor geöffnet. Der Betonbau mit den charakteristischen roten Bändern war übrigens schon zu Zeiten der Schließung für den Abriss vorgesehen.

Die Post verkaufte das 14.000 Quadratmeter große Areal an einen Investor, der ein Einkaufszentrum errichten wollte – die zur gleichen Zeit realisierten „Spandau-Arcaden“ verhinderten das Projekt und so wurde die Post zum Spekulationsobjekt. Nach wiederholtem Besitzerwechsel soll es jetzt konkret werden mit der Neuplanung, und damit auch mit dem Abriss des Postgebäudes. Die neuen Eigentümer FAY Projects (Mannheim) und merz objektbau (Aalen) wollen zunächst für ihre Vision (irgendetwas zwischen „Wohnen, Kaufen und Freizeit“) Bebauungsvarianten entwickeln. Parallel soll vom Bezirk ein Bebauungsplan aufgestellt werden, zu dem noch in diesem Jahr die Bürgerbeteiligung vorgesehen ist – so zitiert der „Tagesspiegel“ Baustadtrat Carsten Röding (CDU). Demnach könnte 2020/21 die Neubebauung stehen. Oder wie das Online-Portal „Unterwegs in Spandau“ salomonisch titelt: „Die Postruine kommt weg! Nicht gleich, aber wahrscheinlich bald“. (db, 25.5.16)

Japanische Tagträume

Shoji Ueda, aus der Serie "Sand Dunes", 1948 (Foto: © Shoji Ueda Office)
Shoji Ueda, aus der Serie „Sand Dunes“, 1948 (Foto: © Shoji Ueda Office)

Gibt es eine eigenständige moderne japanische Fotografie? Eine Antwort ermöglicht vielleicht die umfangreiche Sammlung von gut 900 modernen und zeitgenössischen japanischen Fotografien, die das Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe in den 1980er Jahren aufbauen konnte. Anhand rund 30 ausgewählter Positionen freier künstlerischer Fotografie geht die dortige aktuelle Ausstellung „Japanische Tagträume“ noch bis zum 10. Juli diesen Fragen nach. Der rapide gesellschaftliche Wandel in Japan im frühen 20. Jahrhundert und die Spannungen zwischen Innovation und Tradition spiegeln sich in den Arbeiten verschiedener Fotografen.

In seinen abstrakten Dunkelkammerexperimenten thematisierte Kanbei Hanaya in den 1930er Jahren Licht und Bewegung als Phänomene der Moderne. Taikichi Irie porträtierte seit den späten 1930er Jahren die Puppen des Bunraku-Theaters in Osaka. Shoji Ueda inszenierte seine Modelle in den Sanddünen von Tottori wie Pantomimen auf einer Bühne. In den 1960er Jahren etabliert sich unter den japanischen Fotografen ein stark subjektiver Stil. Miyako Ishiuchi betrachtet in ihrer Serie „Yokosuka Story“ die Stadt ihrer Kindheit. Foumio Takashima arbeitet mit Tänzern zusammen. Masamichi Harada und Toshio Shibata zeigen in ihren Stillleben beschlagene Fensterscheiben oder Strukturen aus Sand. Eine Erweiterung um medienreflexive Ansätze findet sich beim Fotokünstler Satoshi Saito. (kb, 24.5.16)