London, Wohnhaus Goldfinger, 2005 (Bild: Timffl, commonswiki, PD)

Architektur und Migration

Inmitten der künstlerischen Kontroversen um die Moderne entstanden viele Wohnhäuser, die für das Selbstverständnis ihrer Gestalter stehen. Besondere Bedeutung kam dem „Bauen für sich selbst“ in Migration und Exil zu. Richard Neutra in Los Angeles, Bruno Taut in Istanbul oder Max Cetto in Mexiko-Stadt errichteten sich ihr eigenes Haus in fremder Umgebung. Gerade die aktuellen Fluchtbewegungen haben unseren Blick für Heim, Heimat und Fremde neu geschärft. Daher lohnt es, auch für die frühe Moderne zu fragen: Wie bauten Architekten für sich selbst, wenn sie einen – freiwilligen oder erzwungenen – Ortswechsel unterzogen?

Schufen sich diese Architekten einen Ort „nur für sich“, wie es das von Virginia Woolf entliehene und abgewandelte Zitat des „House of One’s Own“ unterstreichen soll? Oder passten sie sich an die Baukultur im Aufnahmeland an? Diesen Fragen widmet sich vom 5. bis zum 6. Mai in München (BDA Bayern, Türkenstraße 34, 80333 München) die Tagung „Architektur und Emigration 1920-1950“ – eine Kooperation des Instituts für Kunstgeschichte der Ludwig-Maximilians-Universität München mit dem Bund Deutscher Architekten BDA Landesverband Bayern. Die Teilnahme ist kostenlos, um Anmeldung wird gebeten unter: susann.kuehn@gmx.de. Die begleitende Ausstellung „A House of One’s Own. Architektur und Emigration 1920–1950“ ist im Anschluss noch bis zum 31. Mai zu sehen. (kb, 26.4.17)

London, Wohnhaus Goldfinger (Bild: Timffl, commonswiki, PD)

Köln, Rheinpark, Tanzbrunnen, 2008 (Bild: Willy Horsch, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Köln: 60 Jahre Rheinpark

Wer mit der Seilbahn über den Rhein einschwebt, kann schon vorab in das Gefühl der Entstehungszeit eintauchen: 1957, zur Bundesgartenschau, wurde der Kölner Rheinpark eingeweiht. Die zeittypisch geschwungene Anlage entstand wortwörtlich auf den Trümmer(steine)n von Deutz. Für die Neugestaltung des Parks zeichneten verantwortlich die Landschaftsarchitektin Herta Hammerbacher, die Gartenarchitekten Günther Schulze und Joachim Winkler sowie der Kölner Gartendirektor Kurt Schönbohm. Heute bietet der Rheinpark nicht nur ein abwechslungsreiches Bild auf vielfältigen Pflanzen- und Brunnenanlagen, auch die Kleinarchitekturen lohnen einen Besuch – darunter z. B. der in den vergangenen Monaten mit viel Engagement vor der Entstellung bewahrte Rheinparkpavillon. Nicht zu vergessen natürlich die Parkbahn!

Damit hat es sich die denkmalgeschützte Grünanlage mehr als verdient, dass ihm die Stadt Köln zum runden Geburtstag ein Festprogramm spendiert: Die Seilbahn lässt am 24. September zwischen 10 und 18 Uhr den alten Fahrpreis von 1,70 (nur Euro statt Deutscher Mark) wiederaufleben. Zum Jubiläumsfest am 18. Juni sollen zwischen 11 und 17 Uhr nicht nur die Nostalgiker, sondern auch die neuen Parkfans auf ihre Kosten kommen: vom Kinderzirkus im Jugendpark bis zur kostenlosen Nackenmassage in der angrenzenden Claudius Therme. Am 8. September 2017 kann man sich von 18 bis 19.30 Uhr in die Geschichte der Parkbahn einführen lassen.

Köln, Rheinpark, Tanzbrunnen (Bild: Willy Horsch, GFDL oder CC BY SA 3.0)

Blaupausen für den Pumakäfig

Es wird warm und Sie können sich wieder nicht entscheiden, ob Sie am Wochenende Meilensteine der Nachkriegsmoderne besichtigen oder doch lieber die Bären im städtischen Tierpark besuchen möchten? Das muss nicht sein. Eine jüngst erschienene Monografie widmet sich ausführlich der komplexen Bauaufgabe Zoo. Der Band nimmt 30 stilbildende Zoobauten von den Anfängen im 19. Jahrhundert bis zu den Projekten der späten 1970er Jahre in den Blick.

Die Autorin macht dabei fünf Generationen von Zoobauten aus, die auch als gesellschaftsgeschichtliche Quellen für historische Wertvorstellungen im Zusammenleben von Mensch und Tier betrachtet werden können. Dabei finden sich auch viele Beispiel anspruchsvoller Architektur: das Alfred-Brehm-Haus im Ostberliner Tierpark etwa sollte mit seiner geschwungenen Form die Eleganz der beherbergten Raubkatzen repräsentieren und ist heute eine denkmalgeschützte Perle der Ostmoderne. Darüber hinaus versammelt der Band 32 Zoogebäude aus aller Welt, die in den vergangenen 20 Jahren realisiert wurden und unterzieht sie einer detaillierten Analyse. (jr, 24.4.17)

Meuser, Natascha, Architektur im Zoo. Theorie und Geschichte einer Bautypologie, DOM publishers, Berlin 2017, ISBN 978-3-938666-01-2.

Titelmotiv: Das Alfred-Behm-Haus in Ostberlin war der DDR eine Briefmarke wert (Bild: PD)

Eine Idee für die Glasfabrik?

Die Glasfabrik Leipzig ist ein Ort steter Veränderung: von der gründerzeitlichen Maschinenfabrik über den Volkseigenen Betrieb zum langjährigen Leerstand nach der Wende. In den letzten Jahren rückte das Industriedenkmal im Stadtteil Leutzsch wieder näher an das Zentrum der wachsenden Landeshauptstadt. Angestoßen von einem Bündnis der neuen Eigentümer mit Kulturschaffenden, soll sich hier nun ein gemeinschaftlich genutzter Standort für künstlerische wie wissenschaftliche Aktivitäten entwickeln. Hier sollen Themen wie Urbanismus, nachhaltige Stadtentwicklung, Kunst und Ökologie ihren Raum finden.

Vor diesem Hintergrund sucht das zehntägige Festival „STADT/TT FINDEN“ nun Teams, die ihre Projektidee zum Thema der Wachsenden Stadt entwickeln und vor Ort umsetzen. Objekte, Performances oder Utopien sind mögliche. Beiträge lokaler wie internationaler Referenten, Workshops und kulturelle Events erweitern das Programm. Das Festival bildet so den inhaltlichen Auftakt zur langfristigen Entwicklung der Glasfabrik. All dies soll „interdisziplinär, kooperativ und experimentell“ erfolgen. Ort ist die Glasfabrik, eine Leipziger Institution in Gründung für künstlerische wie wissenschaftliche Auseinandersetzung mit urbanistischen Themen. Die Spielzeit wird zwischen dem 1. und 9. September 2017 liegen, Bewerbungen (Projektskizze, Material- und Kostenschätzung, Technik- und Materialbedarf, benötigter Unterstützung, Kontaktdaten u. a.) sind bis zum 15. Mai möglich unter: call@glasfabrik.org. (kb, 23.4.17)

Die futuristische Rettungsstation auf Rügen ist einer der bekanntesten Bauten Müthers (Bild: Kra)

Müther-Nachlass wird erschlossen

Eine gute Nachricht für alle Wissenschaftler, die sich mit der Ostmoderne beschäftigen: der umfangreiche Nachlass des Architekten und Bauingenieurs Ulrich Müther wird erschlossen. Im Rahmen des Verbundprojekts „Sonderbauten der DDR-Moderne“ wollen die Hochschule Wismar und die Berliner Akademie der Künste ein eigenes Architekturarchiv aufbauen. Zu den umfangreichen Beständen des Nachlasses gehören Architekturpläne, Akten, Modelle und Fotografien sowie Mobiliar und diverse technische Geräte aus dem Büro Ulrich Müthers – darunter der originale Robotron-Computer des Architekten! Den Wert dieses architekturhistorischen Schatzes hat auch das Bundesministerium für Bildung und Forschung erkannt, dass das Projekt mit rund 470.000 Euro fördert.

Müther machte besonders mit seinen schwungvollen Schalenbauten von sich reden. Mit der Rettungswache in Binz, dem Berliner Ahornblatt und der Magdeburger Hyparschale plante er ikonische Bauten der DDR. Der Nachlass befindet sich bereits seit 2006 im Besitz der Hochschule Wismar, konnte aber bislang nicht systematisch erfasst werden. Das nun angestoßene Projekt soll die Grundlage für das erste Architekturarchiv der Moderne in Mecklenburg-Vorpommern schaffen. (jr, 22.4.17)

Rügen, Rettungsstation (Bild: PD)

Löhma-Munschwitz, ehem. Kneipp-Sanatorium (Bild: NoRud, CC BY-SA 4.0)

Keine Zukunft fürs Sanatorium

Seit 21 Jahren steht es leer, nun scheinen die Tage des Sanatoriums in Leutenberg-Löhma gezählt. Die Thüringer Landesentwicklungsgesellschaft (LEG) als Eigentümerin des 1958-60 errichteten Gebäudekomplexes hielt diesen lange, auf eine Neunutzung hoffend, in Schuss. Es gab auch Interessenten: So einen Herrn aus einem westlichen Nachbarland, der bei einer Versteigerung den Zuschlag erhielt, leider aber den Kaufpreis zu zahlen vergaß. Der Kaufvertrag wurde „rückabgewickelt“. Seit Wasser- und Stromversorgung des abgelegenen Gebäudes gekappt wurden, sind die Hürden für potenzielle Nutzer immens: Rund eine halbe Million Euro würde es kosten, das Areal wieder an die Energie- und Wasserversorgung anzuschließen. Dagegen wirkt der noch immer aufgerufene Kaufpreis von 65.000 Euro bescheiden.

Der Grund, warum jahrelang in die Instandhaltung investiert wurde: Im Abrissfall wäre das Grundstück nicht zu verwerten, nach heutiger Gesetzeslage dürfte hier nicht mehr gebaut werden. Nachdem immer wieder Interessenten abrückten, scheint die LEG aufgegeben zu haben: Mittlerweile verfällt der Bau, der noch über etliche Ausstattungsdetails der 1950er Jahre verfügt, zusehends. Nun lässt man eine Kostenschätzung für zwei Varianten erstellen: entweder Teilabriss bis auf die Grundmauern oder Total-Beräumung. Wenn nicht noch plötzlich jemand sein Portemonnaie öffnet, sind die Tage des Ostmoderne-Baus gezählt. (db, 21.4.17)

Löhma, Kneipp-Sanatorium (Bild: NoRud, CC BY SA 4.0)

Heidelberg, HeidelbergCement-Firmensitz in der Berliner Straße, 2013 (Bild: Rudolf Stricker, via wikimedia.commons)

HeidelbergCement baut neuen Firmensitz

Das Produkt und die damit verbundene Firma hat sich seit 1873/74 einen, wenn auch wechselnden Namen gemacht: Aus dem Portland-Cement-Werk Heidelberg wurde die internationale Marke HeidelbergCement. 1963 ließ sich das gerade zu neuem Wachstum ansetzende Unternehmen am Stadtrand vom Münchener Architekten Josef Wiedemann (1910-2001) einen neuen repräsentativen Firmensitz errichteten. Leicht von der Straße zurückgesetzt, bot der fünfgeschossige Büroriegel viel Raum für das ein oder andere kundenwirksame Betonexperiment – vom künstlerisch eingefassten Betonglas bis zum Pavillon mit Betonfaltdach.

Gut 50 Jahre später plant HeidelbergCement auf diesem Gelände einen Neubau – unter Niederlegung der bisherigen Bauten, darunter der Büroriegel und der Pavillon. Gegenüber der Rhein-Neckar-Zeitung erklärte die Stadtverwaltung: „Der Pavillon auf dem Anwesen Berliner Straße 6 wurde Ende 2009 durch das Landesamt für Denkmalpflege als nur ‚erhaltenswert‘, nicht aber als denkmalwertig eingestuft“. Demnach galt für beide Bauten kein Denkmalschutz, wenn man in dieser Formulierung auch dem Pavillon eine (sprachliche) Wertschätzung angedeihen ließ. Büroriegel und Pavillon wurden vor wenigen Wochen niedergelegt, für die gefällten Bäume ist eine Ersatzpflanzung vorgesehen. Dass der neue Firmensitz vom Büro Albert Speer Junior gestaltet wird, lässt zumindest gestalterisch hoffen. (kb, 20.4.17)

Heidelberg, Firmensitz von HeidelbergCement in der Berliner Straße, vor dem Abriss (Bild: Rudolf Stricker, wikmedia-commons, 2013)