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WOGA-Gate

Seit Monaten erhitzt der WOGA-Komplex in Berlin die Gemüter. Das 1925 bis 1931 von Erich Mendelsohn erbaute Wohnviertel soll nach den Plänen eines Investors verdichtet werden. Die denkmalgeschützten Tennisplätze und Grünanlagen müssten dabei einem Wohnhaus weichen. Nun meldet die Berliner Morgenpost, dass die Bezirksverordnetenversammlung in Charlottenburg-Wilmersdorf einen Untersuchungsausschuss zur Sache einrichtet. Möglicherweise suggerierte das Berliner Stadtentwicklungsamt dem Investor wider besseres Wissen, dass eine Verdichtung des Areals unproblematisch und durchführbar sei. Die Bezirksverordnetenversammlung hatte sich dagegen für den Erhalt des Ensembles ausgesprochen, befürchtet jedoch nun für den Fall weiteren Widerstands eine millionenschwere Klage des Investors.

Mendelsohn errichtete mit dem WOGA-Komplex Ende der 1920er Jahre eine Wohnsiedlung, die ihren Bewohnern mit den Grünflächen und Tennisplätzen ein eigenes Naherholungsgebiet bot. Unter anderem schwangen hier Erich Kästner, Vladimir Nabokov und Willy Brandt die Schläger. Derzeit liegen die Sportstätten brach. Die geplante Bebauung der Fläche mit einem Appartementhaus würde den Charakter des Bauensembles jedoch nachhaltig verändern. (jr, 23.5.17)

Berlin, die überwucherten Tennisplätze im WOGA-Komplex (Bild: Uli Borgert)

Adria modern

In den 1960er und 1970er Jahren war die östliche Adria (nicht nur) für die Österreicher ein beliebtes Urlaubsziel. Doch haben sich im Breitentourismus längst andere „Destinationen“ in den Vordergrund geschoben. Was bleibt, sind die baulichen Hinterlassenschaften dieser Wirtschaftswunder-Reisewelle. Am 28. Mai erzählt Iris Meder in ihrem Vortrag „Adria modern“ um 19 Uhr im Wiener Ateliertheater von der Moderne an der Küste Ex-Jugoslawiens. Es geht ihr um die Spuren einer mittlerweile verbluteten, aber einmal höchst lebendigen Architekturlandschaft, die sich selbst aus der proletarische Ideologie heraus begründete.

Die moderne Architektur der Ostadria geriet daher unverwechselbar: Bis heute sind grundsächlich alle Küstenabschnitte öffentlich zugänglich. Bauten entlang der Küste und außerhalb größerer Städte sollten die umgebenden Pinienwälder nicht überragen. Zudem gab es, teils in Kooperation mit internationalen Experten und UN-Projekten, übergreifende raumplanerische Leitkonzepte. All dies trug zum Ausbau der Adriaküste entlang der Nord-Süd-„Magistrale“ in Tito-Jugoslawien bei. Der Vortrag bietet eine virtuelle Reise entlang der Küste und über die Inseln: zu touristischen Objekten ebenso wie Infrastruktur-, Service- und Wohnbauten, zu Schulen, Post- und Gemeindeämtern, Kaufhäusern, Sanatorien, Kinder- und Arbeiterferienheimen, Gesundheitszentren, Wohnsiedlungen, Sporthallen, Kulturheimen und antifaschistischen Mahnmalen. Tickets für die Veranstaltung (12/8 Euro) können reserviert werden unter: office@ateliertheater.net. (kb, 22.5.17)

Titelmotiv der Veranstaltung (Bild: via Facebook)

Berlin, ehemalige Stasi-Zentrale (Bild: Julius Reinsberg)

Die Architektur der Stasi

In den 1950er Jahren bezog das DDR-Ministerium für Staatssicherheit in Berlin-Lichtenberg Quartier. In den folgenden Jahren erweitere die SED die Stasizentrale sukzessive, bis sie 1990 eine hermetisch abgeriegelte Stadt in der Stadt darstellte. Am Dienstag, 30. Mai 2017, beleuchtet um 19 Uhr ein Vortrag von Beate Marvan in der ehemaligen Stasizentrale („Haus 22“, Ruschestraße 103, 10365 Berlin) die Planungs- und Baugeschichte des weitläufigen Areals.

Das gespenstische Plattenbauensemble gruppiert sich um einen großen Innenhof und richtete sich in seiner Planung nach den Arbeitsabläufen des Geheimdienstes. Die Referentin bezog das Gelände 2010 mit ihren Kollegen selbst, um die Sanierungsarbeiten des Stasi-Museums als Architektin zu betreuen. Derzeit widmet sich ihr Büro dem Umbau von „Haus 7“, in dem früher die für weite Teile der innerstaatlichen Repression verantwortliche Hauptabteilung XX ihre Arbeitsräume hatte. Im Anschluss an den Vortrag beleuchtet ein Rundgang das Innenleben einiger Bauten des Komplexes, die teilweise seit 1990 nahezu unberührt sind. (jr, 21.5.17)

Berlin, ehemalige Stasi-Zentrale (Bild: Julius Reinsberg)

Berlin, St. Judas Thaddäus, 2012 (Bild: BruderGerwin, CC BY SA 3.0)

Berlin: Vorsicht, frisch saniert!

Nach 16 Monaten und 1,5 Millionen (von der Wüstenrot Stiftung getragenen) Euro kann die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche nun stolz vermelden: Die Kapelle (1963, Egon Eiermann) ist frisch betonsaniert und wieder geöffnet – wenn auch noch nicht für den freien Besucherverkehr, dafür fehlen momentan die Ehrenamtlichen. Behoben wurden Umwelt- und Witterungsschäden vor allem an den Betonwaben. Ein Forschungsprojekt hatte vorlaufend die Wirkung der Restaurierungsarbeiten für diese denkmalgeschützte Inkunabel der Nachkriegsmoderne (mit jährlich immerhin 1,3 Millionen Besuchern) ausgelotet. In Kürze stehen die Sanierung das Podium und des modernen Glockenträgers an.

Auch die Kirche St. Judas Thaddäus (1959, Reinhard Hofbauer) in Berlin-Tempelhof kann einen entsprechenden Erfolg vorweisen: Der 40 Meter hohe Turm mit dem markanten betonplastischen Kreuz wurde „grundsaniert“. In einem neuartigen, in Abstimmung mit der Landesdenkmalpflege vom Ingenieur Marco Götze entwickelten Verfahren erhielt die Stahlbetonkonstruktion eine neue Deckschicht: Der Spritzbeton (das allein wäre für Betonsanierer eher schon traditionelles Handwerk) wurde auf ein Carbongewebe aufgetragen. Gegenüber der Berliner Woche verwies Götze auf die Vorteile des ungewöhnlich leichten und zugfesten Materials: „Damit spart man immens an Rohstoffressourcen und Gewicht.“

Berlin, St. Judas Thaddäus, der Turmstumpf im Jahr 2012 – noch mit Muster-/Probeflächen für die inzwischen vollzogene Sanierung – Bilder vom Ergebnis finden Sie online hier (Bild: BruderGerwin, CC BY SA 3.0)

Frankfurt/Main, Zeil 88 (Bild: D. Bartetzko)

Umbau auf der Zeil

Es mag keine reine Schönheit gewesen sein, doch es hat unzweifelhaft Abwechslung und Charakter in die architektonisch stets im Umbruch befindliche Frankfurter Zeil gebracht. Das Eckhaus Schäfergasse 2/Zeil 88 ist ein Konglomerat verschiedenster Zeiten und Stile: Im Erdgeschoss stecken die Reste eines Gründerzeit-Baus, darüber thronen stilvolle 1950er – Ende der 1970er verkleidet in rotbraunen Terrazzo-Platten und durch goldeloxierte Alufenster veredelt. Einer der Reize des hinreißend geschmacksunsicheren Hauses war es bisher, dass man stets rätseln konnte, wann es gebaut wurde – lustigerweise lag man mit seinen Vermutungen nie wirklich daneben …

Bald dürfte es damit vorbei sein. Die Modekette Pimkie, seit Jahren Betreiber des Ladengeschäfts, baut in großem Stil um. Seit einigen Wochen ist das Haus eingerüstet und gibt dort, wo es bereits entkernt ist, seine Zeitschichten für einen kurzen Moment frei: gelbe Sandsteinornamente, bunte Mosaikfliesen, dazu offenbar aus Trümmerschutt wiederverwendete, rußgeschwärzte Ziegelsteine – bald verschwindet all dies unter einer 20-Zentimeter-Dämmung. Ob die Terrazzofassade bleibt, lässt sich noch nicht sagen. Das Bauschild, das eine Umgestaltung des Dachgeschosses und den Rückbau der Vordächer verkündet, verheißt nichts Gutes. Wir nehmen Wetten an, ob die zu erwartende Travertinfassade hellbeige, mittelbraun, umbra, dunkelbeige oder eierschalenfarben wird. Wie der Bau bis vor wenigen Monaten aussah, finden Sie hier. (db, 19.5.17)

Frankfurt, Zeil 88 im Umbau (Bild: D. Bartetzko)

Tapete "Metroland Harvest Orange" (Bild: minimoderns.org)

Metroland

Tapete? Genau mit solchem Luxus hat doch der ganze Zivilisationsmist angefangen. Wem aber weder die Felle an der Höhlenwand noch der nackte Beton genug Wohlfühlatmosphäre vermitteln, der findet online eine reiche Auswahl architekturhaltiger Motive. Die Plattform „minimoderns.com“ bietet jetzt neue Wandpapiere an: Unter dem Titel „Metroland“ laufen allerlei Häuser in allerlei Farben über den Rapport.

Dieses Mal hat man sich auf Häuser der 1930er Jahre konzentriert, die – wie der Händler betont – im Sonnenaufgang eines verschlafenen Sonntagmorgens aufleuchten. Orange halt. Selbst die Produktion macht unseren Planeten ein wenig glücklicher: wasserbasierte Farben auf nachhaltig erwirtschaftetem Holz (von vermutlich eh schon suizidal veranlagten Bäumen), „made in the U. K. by nice people“. Wer gar nicht genug davon bekommt, kan in diesen Mustern auch noch Küchen- und Wohnaccessoires erwerben. Alle Bestellmaße und -informationen finden Sie online oder können die Tapetenverkäufer auch anmailen unter: info@minimoderns.com. (kb, 18.5.17)

Köln-Rodenkirchen, Bezirksrathaus (Bild: Willy Horsch, CC BY 2.5)

Aus fürs Rathaus Rodenkirchen

Eigentlich war der Abbruch des Bezirksrathauses Köln-Rodenkirchen schon seit Langem geplant, doch mit jedem Jahr, das der nach wie vor genutzte Bau unberührt überstand, stieg vermeintlich die Hoffnung auf Erhalt: Die Architektur des Brutalismus erfreut sich längst wieder wachsender Beliebtheit, und das achtgeschossige Gebäude ist ein nahezu unberührter Vertreter jener Ära. Der damalige Stadtkonservator Krings hatte zwar bereits 2005 den Denkmalschutz abgelehnt, doch ist seither einiges Wasser den Rhein herabgeflossen. Was damals galt, könnte man ja heute noch einmal prüfen … Nun aber ist es wohl endgültig aus, denn das Rathaus Rodenkirchen ist nach Aussage der Städtischen Gebäudewirtschaft Köln mit PCB und Asbest belastet. Bis 2020 soll es abgerissen und durch einen Neubau ersetzt werden.

Das Rathaus im bis 1975 noch eigenständigen Rodenkirchen wurde 1966/67 nach Plänen des Architekten Walther Ruoff (1914-1991) errichtet und kurz nach Fertigstellung mit dem Architekturpreis der Stadt Köln ausgezeichnet worden. Insbesondere die Bürgervereinigung Rodenkirchen setzt sich seit Jahren für den Erhalt ein – nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern auch aus bauhistorischen Gründen. Der Antrag auf Denkmalschutz kam seinerzeit ebenfalls von der Bürgervereinigung. (db, 17.5.17)

Köln, Rathaus Rodenkirchen, 2007 (Bild: Willy Horsch, CC BY SA 2.5)