Berlin, Checkpoint Charly, 1961 (Bild: Central Intelligence Agency, PD)

Exporting Socialism?

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Architektur ge- und missbraucht, um ideologische Marken im Kampf der Systeme zu setzen und neue nationale Identitäten zu stiften. Dabei kam es durchaus zum Austausch – auch zwischen den Blöcken. Verschiedene Versuche der damaligen Zeit, die politische wie wirtschaftliche Trennung in den Schwellen- und Entwicklungsländern des sog. Globalen Südens zu überwinden, scheiterten oft am Vorwurf der Feindschaft und des „Neo-Kolonialismus“. Doch heute steigt das Forschungsinteresse am dortigen Wechselspiel zwischen sozialistischen und kapitalistischen Staaten.

Die Tagung „Exporting Socialism, Making Business? Intercultural Transfer, Circulation and Appropriations of Architecture in the Cold War Period“, die vom 21. bis 22. Juni 2018 in Erkner (Leibniz Institute for Research on Society and Space (IRS)) stattfinden soll, will diesen Austausch in der Architektur und im Aufbau der Industrie analysieren. Gesucht werden fächerübergreifend (Architektur, Geschichte von Stadt und der Wirtschaft, postkoloniale Studien, Denkmalpflege) noch Themenvorschläge zu diesen Aspekten: Designing (Akteure und Sprachen), Circulating (Gebiete und Ideen), Appropriating (äußere Einflüsse und Pflege des Kulturerbes), Feed-back mechanisms (Fachdiskurs und Medien) und Framing (Einfluss von Politik und Wirtschaft). Vorschläge (Abstract von max. 450 Worten, kurzer CV) können bis zum 10. Dezember 2017 eingereicht werden an: Dr. Andreas Butter, Andreas.Butter@leibniz-irs.de, Dr. Monika Motylinska, Monika.Motylinska@leibniz-irs.de. (kb, 23.11.17)

Berlin, Checkpoint Charlie, 1961 (Bild: Central Intelligence Agency, PD)

Münster, Wewerka-Pavillon (Bild: Dietmar Rabich, CC BY SA 4.0)

Stefan Wewerka in Quedlinburg

Der Versuch, Stefan Wewerka (1928-2013) in irgendeine Kategorie eizuordnen, kann nur scheitern. Der gebürtige Magdeburger, Sohn des Bildhauers Rudolf Wewerka, war in allen Gebieten zuhause: Er studierte nach dem Zweiten Weltkrieg Architektur an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin, unter anderem bei Max Taut, und arbeitete im Büro Scharoun. Schon in den 1950ern begann er, als bildender Künstler zu arbeiten, es folgten Readymades, Bühnenbilder, Zeichnungen, Modedesign und ab 1978 die Zusammenarbeit mit dem Möbelhersteller Tecta. Für dessen Firmengelände entwarf er einen Pavillon, der in einer weiteren Version 1987 in Kassel auf der documenta 8 stand und später als Dauerleihgabe für die Kunstakademie Münster an den Aasee kam.

Nach dem Tod Wewerkas, der eine erste Werkschau in Magdeburg im November 2013 nicht erleben konnte, wurde sein Archiv in der ehemaligen Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg untergebracht. Mit der Quedlinburger Lyonel-Feininger-Galerie gibt es nun eine neue Ausstellung über den Multi-Künstler, die sich vor allem mit den Radierungen beschäftigt. „Verschiebung der Kathedrale“ ist der Titel der Schau im Seitenflügel der Feininger-Galerie, die Stefan Wewerkas kunstvolles Umdenken unter anderem des Kölner Doms, des Ulmer Münsters und des Magdeburger Doms zeigt. Zu sehen ist das Ganze bis 29.1.18 in der Lyonel-Feininger-Galerie Quedlinburg. (db, 22.11.17)

Münster, Wewerka-Pavillon (Bild: Dietmar Rabich, CC BY SA 4.0)

 

Kissen mit brutalistischen Motiven (Bild: redbubble.com)

Kuschelbrutalismus

Aktuell üben die Medien ja fleißig das „(Beton-)Monsterstreicheln“ (marlowes, C. Holl). Zu Recht, finden wir. Nur, wer seine Finger in der Öffentlichkeit versonnen über den grauen Kunststein gleiten lässt, wird immer noch schräg angesehen. (Baumumarmer haben es da traditionell leichter.) Wenn Sie Ihrem Hobby aber weiter frönen wollen, haben wir eine sichere Alternative: Verlegen Sie das Brutalismuskuscheln doch in die eigenen vier Wände. Über das Online-Portal „redbubble.com“ können Sie sich dafür die passenden Kissen mit brutalistischen Motiven nach Hause bestellen.

Es handelt sich, so der Anbieter, um „beidseitig bedruckte Kissen für ein noch schöneres Zimmer“. Die Textilien werden als „Print on Demand“ auf einem 100%-Polyester-Bezug mit Innenkissen (optional) gedruckt. Der versteckte Reißverschluss soll das Ganze noch angenehmer und pflegeleichter gestalten. Der Anbieter „Brumhaus“ hat verschiedene stilisierte Motive der englischen Moderne im Portfolio. Unser Kissen-Lieblingsmotiv: Trellick Tower. Erhältlich in quadratischer Grundform mit einer Kantenlänge von 40 bis zu 90 cm, je nach Größe geeignet von Bett bis zu Boden. (kb, 21.11.17)

Kissen mit brutalistischen Motiven (Bild: redbubble.com)

Ausstellung "Zeichen des Aufbruchs" (Bild: Grafikbüro Brandner, Foto: Siegfried Wameser)

Zeichen des Aufbruchs

„Christliches Kieswerk“, „Parkhaus Gottes“ oder „Klein-Ägypten“ waren  noch die netteren Spitznamen für Kirchen der Nachkriegsmoderne. Rund 50 Jahre nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) präsentiert das Diözesanmuseum St. Afra Augsburg den damaligen Kirchenbau des Bistums vom 22. November 2017 bis zum 11. März 2018. Mit der Sonderausstellung „Zeichen des Aufbruchs. Kirchenbau und Liturgiereform im Bistum Augsburg seit 1960“ werden die theologisch-liturgischen, aber auch architektonisch-künstlerischen Umbrüche dieser Jahre aufgearbeitet. Denn die Innovation und Schöpferkraft dieser ebenso kurzen wie produktiven Zeitspanne, aber auch der derzeitige Veränderungsdruck der Kirchenlandschaft – Umnutzung, Profanierung oder gar Abriss – lassen eine Auseinandersetzung mit diesem kulturellen Erbe umso notwendiger erscheinen.

Anhand ausgewählter und von Siegfried Wameser neu fotografierter Beispiele wird der Besucher auf eine überraschende Entdeckungsreise durch das Gebiet der Diözese Augsburg mitgenommen, die in erster Linie für ihren reichen Bestand an Barock- und Rokokoarchitektur bekannt ist. Alexander von Branca, Hans Schädel, Thomas Wechs und Josef Wiedemann sind nur einige der Namen, die für den hohen baukünstlerischen Anspruch der modernen Kirchen bürgen. Zur Ausstellung erscheint eine umfangreiche Buchpublikation im Kunstverlag Josef Fink. (kb, 20.11.17)

Stadtbergen-Leitershofen, Zum Auferstandenen Herrn, 1970, Adolf Zach (Ausstellung „Zeichen des Aufbruchs“, Grafikbüro Brandner; Foto: Siegfried Wameser)

Oldenburg, Marktplatz (Bild: Daniel Fuhrhop)

Vorerst kein Abriss am Marktplatz Oldenburg

Dass große Einkaufszentren einer lebendigen Innenstadt schaden, dürfen die Oldenburger dank den Schlosshöfen gerade erleben. Trotzdem plante die Bremer Landesbank gleich nebenan am Marktplatz den nächsten Großkomplex: Hier sollte nach Plänen von Max Dudler das Marktcarré entstehen – und dafür nahezu ein ganzer Häuserblock abgerissen werden. Das brachte nicht nur viele Bürger auf, sondern auch die Stadt Oldenburg. Diese aber eher aus ästhetischen Gründen: Stadtbaurätin Gabriele Nießen beschied gegenüber der Presse, dass „die Auseinandersetzung des Architekten mit der denkmalgeschützten Umgebung nicht gelungen“ sei und „eine hochwertige gestalterische Antwort für den wichtigsten Platz in unserer Innenstadt nicht gefunden wurde“.

Aufgrund der anhaltenden Ablehnung gegenüber Dudlers „Weißen Riesen“ hat sich die BLB nun dazu entschlossen, die Neubaupläne zu verwerfen. Jetzt gibt es also doch wieder Hoffnung auf Erhalt der bestehenden Gebäude aus den 1970er und 1980er Jahren, die den Platz säumen. Sie mögen vielleicht keine Meisterwerke sein, aber eben doch gelungene Kinder ihrer Zeit. Die BLB erklärte zumindest, die für das Gesamtprojekt veranschlagten 35 Millionen Euro nun in den Baubestand zu investieren. Das muss nichts Gutes heißen – kann es aber. Hoffen wir das Beste! (db, 20.11.17)

Oldenburg, Marktplatz (Bild: Daniel Fuhrhop)

Frankfurt am Main, St. Ignatius, Filmaufnahmen des hr (Bild: Karin Berkemann)

2 x Presse und 1 Gewinner

Dieser Tage hat es der Brutalismus – im Umfeld der Frankfurter Ausstellung im Deutschen Architekturmuseum (DAM) Frankfurt – vielfach in die Medien geschafft, die sonst eher freudig über den Abriss eines der „Betonmonster“ berichten. Auch ein hr-Team ging in Frankfurt auf Beton-Spurensuche: mit Oliver Elser (DAM) und Karin Berkemann (moderneREGIONAL). Und, um die Pressestimmen der letzten Tage voll zu machen, trat Julius Reinsberg mit seinem neuen Themenheft „Nehmen Sie Platz!“ ans Mikro des Deutschlandfunks und berichtete über „Architekturen des Sitzen“ im allgemeinen und das Bonner Loch im besonderen.

Zuletzt noch eine gute Nachricht rund um die entstehende Ausstellung „märklinMODERNE“. Besonders gut ist sie für Martin Dathe-Schäfer, der unser Projekt im Crowdfunding unterstützt hat. In der Verlosung unter allen Teilnehmern hat er den ausgelobten Faller-Adventskalender gewonnen. Dieser geht ihm in den kommenden Tagen per Post zu. Herzlichen Glückwunsch – und viele anregende Modellbahnstunden damit! (db/kb/jr, 19.11.17)

Frankfurt am Main, St. Ignatius, Filmaufnahmen des hr (Bild: Karin Berkemann)

Hannover-Linden, Ihme-Zentrum im Bau, 1973 (Bild: Manfred Kohrs/Rolf Kohrs, CC BY SA 3.0)

Hannover brutal

Rohe Betonwände, gigantische Gebäudekomplexe, schlechter Ruf – die Architektur des Brutalismus wurde lange Jahre stigmatisiert und in ihrer Originalität und ihrer Bedeutung in Bezug auf das historische Erbe verkannt. Doch seit einigen Jahren erfreut sich der Baustil bei Architektur-, Design- und Kunstfans wieder größerer Aufmerksamkeit. Manch einer sagt dem Brutalismus sogar eine große Zukunft voraus, wie den Altbauten früher. Auch in der Landeshauptstadt Hannover fasziniert heute deswegen immer mehr Menschen. Die Veranstaltung „Brutalismus – Wiederentdeckung einer verkannten Architektur“ findet am 7. Januar 2018 von 16 bis 18 Uhr im Ihme-Zentrum Hannover (Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, Am Ihmeplatz 7e 2. Etage, 30449 Hannover) statt. Der Veranstalter, die Zukunftswerkstatt Ihme-Zentrum, wird hierfür unterstützt durch den Bund Deutscher Architekten BDA, Bezirksgruppe Hannover.

Der Vortragende Professor Ekkehard Bollmann, Architekt und Zeitzeuge, erklärt in einem Vortrag, wie der Brutalismus in den wilden und ereignisreichen 1960er-Jahren entwickelt wurde, einer Zeit der gesellschaftlichen Utopien und Experimente, warum er für eine fortschrittliche Gesellschaft steht und wie es gelingt, aus geschmähten Betonklötzen die Leuchttürme zu machen, die sie sein könnten. Etwas Geld vom Bund steht für die Leuchtturmförderung jedenfalls schon bereit. (kb, 19.11.17)

Hannover-Linden, Ihme-Zentrum im Bau, 1973 (Bild: Manfred Kohrs/Rolf Kohrs, CC BY SA 3.0)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)

Wenn Sozialisten erben …

Dass das Kulturerbe kein westeuropäisches Monopol darstellt, sollte sich inzwischen herumgesprochen haben. Doch an der Erforschung dieser Wahrheit mangelt es noch immer. So galt das „Erbe“ nach dem Zweiten Weltkrieg auch und gerade in den sozialistischen Staaten – von China über die Sowjetunion und den Ostblock bis hin nach Asien, Lateinamerika und Afrika – als nicht zu unterschätzende Ressource im Kampf der Systeme. Man reagierte damit auf die Zerstörung der Tradition sowohl durch den Zweiten Weltkrieg als auch durch die sich ausbreitende industrielle Entwicklung. Darüber hinaus war der „Sieg des Sozialismus“ lange geknüpft an die Verabschiedung von lokalen und nationalen Kulturen. Dem suchten bewahrende Kräfte in den sozialistischen Staaten entgegenzuwirken.

Dieser bislang noch nicht wirklich gewürdigte Beitrag der sozialistischen Welt zum Erhalt des Kulturerbes soll nun in England ausgelotet werden. Die Tagung „State Socialism, Heritage Experts and Internationalism in Heritage Protection after 1945“ findet vom 21. bis zum 22. November in Exeter (Reed Hall, University of Exeter) statt. Hierbei soll der Erbebegriff von einer einseitig westlichen Definition befreit und auf weitere Deutungsebenen hin befragt werden. In den Blick kommen dabei beispielsweise das chinesische, kroatische, sowjetrussische, kubanische, vietnamesische, äthiopische, polnische und jugoslawische Kulturerbe. (kb, 18.11.17)

Buzludzha (Bild: Mark Ahsmann, CC BY SA 4.0)

Ausstellung "Zentrifugale Tendenzen" (Bild: Tchouban Foundation, Berlin)

Tallinn – Moskau – Nowosibirsk

Die Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen. Tallinn – Moskau – Nowosibirsk“ ist die Fortsetzung der Reihe visionärer und gesellschaftskritischer Architektur im Berliner Museum für Architekturzeichnung (Tchoban Foundation). Nach den Ausstellungen der Werke von Lebbeus Woods, Peter Cook und der Sammlung von Alvin Boyarsky wird die sogenannte Papierarchitektur aus der ehemaligen Sowjetunion vorgestellt. Der Begriff Papierarchitektur wurde in den 1980ern durch den Architekten, Kurator und einen der Protagonisten dieser Bewegung, Juri Awwakumow, geprägt. Er wird für nicht realisierte, lediglich für die Schublade geplante, Bauvorhaben benutzt.

Dies wird dem Phänomen jedoch nicht gerecht. Denn mit Papierarchitektur ist vor allem eine in den 1980er Jahren in der Sowjetunion geborene Architekturbewegung gemeint, die als Protest gegen die Routine der staatlichen Planungsbüros entstanden ist. Die Ausstellung präsentiert etwa fünfzig Zeichnungen, die sich in drei Gruppen untergliedern lassen: die Tallinner Schule, die Papierarchitektur aus Moskau und die aus Nowosibirsk. Zu sehen sind Werke namhafter Künstler, darunter Leonhard Lapin, Juri Awwakumow, Alexander Brodsky und weitere Architekten. Zu der Ausstellung ist ein Katalog erschienen. Die Präsentation ist noch bis zum 18. Februar 2018 zu sehen. (kb, 17.11.17)

Ausstellung „Zentrifugale Tendenzen“ (Bild: Tchoban Foundation, Berlin)

Stuttgart, Weißenhof, Haus Stam 1995 (Bild: Shaqspeare, CC BY-SA 3.0)

Mart Stam in Herford

Seine ersten Berufs-Jahrzehnte war er beinahe allgegenwärtig: Mit nur 23 Jahren beginnt Mart Stam (1899-1986) in unterschiedlichen Büros in Amsterdam, Berlin, Frankfurt, Moskau, Thun und Zürich an teils wegweisenden Projekten zu arbeiten. 1926 konzipiert er den berühmten Freischwingerstuhl, entwirft Wohnungen für die Weißenhofsiedlung in Stuttgart (1927) und die Hellerhofsiedlung in Frankfurt/Main (1929-32). Es folgen vier Jahre als Stadtplaner in der Sowjetunion, später unter anderem eine Zusammenarbeit mit Willem Sandberg am Stedelijk Museum Amsterdam. 1948 geht Stam in die DDR, 1950 bis 1952 ist er Direktor an der Kunstakademie in Dresden und an der Hochschule für angewandte Kunst in Berlin-Weißensee. Ab Mitte der 1950er reüssiert er wieder in den Niederlanden.

Mit seinem sukzessiven Rückzug aus dem Rampenlicht ab 1965 bis hin zu einem Leben in religiöser und spiritueller Abgeschiedenheit an wechselnden Schweizer Wohnorten hatte Mart Stam aktiv großen Anteil an der Legendenbildung und dem damit verbundenen Mysterium seiner Person. Die Ausstellung „Radikaler Modernist – Das Mysterium Mart Stam“ im Marta Museum Herford inszeniert das kreativ-rastlose, später geheimnisumwitterte Leben des „Mystery man“ der Moderne in sieben Kapiteln als Parforce-Ritt durch die Architektur-, Design- und Ideengeschichte des 20. Jahrhunderts. Bis 7. Januar 2018 zeigt das Herforder Museum Originalpläne, Modelle, Möbel und Designobjekte von Mart Stam.(db, 16.11.17)

Stuttgart, Weißenhof, Haus Stam 1995 (Bild: Shaqspeare, CC BY SA 3.0)