Carlsdorf, Haus Paepke (Bild: hermann-mattern.de)

Das Schmetterlingsdach

von Mark Meusel (22/3)

„Euer Haus hat einen gestreiften Pyjama an“, sagten die Kinder in Carlsdorf immer, wenn die Töchter des Lehrerehepaares Paepke die wenigen Meter vom Wohnhaus der Familie zur Dorfschule gingen. Die intensiv farbige Fassade, orangerot an der Ostseite, lichtblau nach Westen hin und eben türkisgrün mit tiefschwarzen Streifen an der kompletten Nord- sowie an Teilen der Ost- und Westseite, war Anfang der 1960er Jahre ein Hingucker. Ähnlich spektakulär wirken bis heute die beiden Rundfenster, die den Blick aufs Unterdorf freigeben – und ein, den L-förmigen Grundriss des Hauses nachzeichnendes, über Eingang und Terrasse vorgezogenes Schmetterlingsdach. Eine Dachform, die der (Landschafts-)Architekt Hermann Mattern, nach dessen Entwürfen der 130 Quadratmeter große Bungalow 1958 errichtet wurde, 1960 auch für die freistehende Garage wählte.

Ein umgedrehtes Pultdach

Für ein Schmetterlingsdach treffen sich zwei Pultdächer in der Mitte an ihrem tiefsten Punkt. Dieses V-förmige, ‘umgedrehte Satteldach’ muss größere Regen- und Schneelasten aushalten. Dafür kann die Hitze schneller entweichen – und diese Dachform verleiht jedem Bau eine besondere Note.

Carlsdorf, Haus Paepke (Bild: hermann-mattern.de)

Carlsdorf, Haus Paepke, Bau des Schmetterlingsdachs, 1958 (Bild: hermann-mattern.de)


Carlsdorf, Haus Paepke (Bild: hermann-mattern.de)

Carlsdorf, Haus Paepke, wohl um 1960 (Bild: hermann-mattern.de)

Schwingen über dem Garten

Wie das Wohnhaus, welches das 2800 Quadratmeter große Hanggrundstück nach Osten hin begrenzt, wurde die Garage an der westlichen Grundstücksgrenze errichtet. So entsteht ein geschützter Raum zwischen den beiden Gebäuden, die zur Straße hin eingeschossig bleiben, sich zum Garten hin aber zweigeschossig öffnen. Den Kontakt zu Hermann Mattern (* 1902 in Hofgeismar, + 1971 in Greimharting) knüpften Paepkes etwa 1957 in Frankfurt. Zwei Jahre zuvor hatte Mattern die Bundesgartenschau in Kassel geplant, die von der ersten documenta begleitet wurde. Sein Werk wurde von der Zusammenarbeit mit bekannten Gartenarchitekten, Architekten und Künstlern – darunter Walter Gropius, Ludwig Mies van der Rohe, Oskar Schlemmer, Hans Scharoun, Sep Ruf, Hugo Häring, Hans Poelzig, Herta Hammerbacher oder Gerhard Graupner – ebenso geprägt wie durch die lebenslange Verbundenheit mit dem Gärtner und Gartenphilosophen Karl Foerster.

Mattern baute seine Gärten als Kunstwerke, die Räumlichkeit durch Bodenmodellierung und Pflanzung betonend, die Landschaft nachzeichnend und die Architektur einbeziehend. Dafür wählte er die Pflanzen so aus, dass nicht nur ständig etwas blühte. Vielmehr erdachte er für den Ort passende Farbverläufe, zum Beispiel von Blau-Grau-Feuerrot im ersten Halbjahr zu Orange-Grau-Gelb in der zweiten Jahreshälfte. Zudem sind Rasen und Pflanzflächen in vielen seiner Gärten nicht streng getrennt, sondern gehen ineinander über.

Carlsdorf, Haus Paepke (Bild: hermann-mattern.de)

Carlsdorf, Haus Paepke, Gartenseite (Bild: hermann-mattern.de)

Innen passt zu außen

“Mensch und Garten stehen in belebender Wechselbeziehung. Das Haus des Menschen und der Garten des Menschen können, um belebend und unmerkbar eindringlich zu funktionieren, nicht zueinander addiert sein, sondern müssen sich gegenseitig vollkommen ergänzen”, so Mattern. Diesem Grundsatz folgend entstand ein erster Entwurf für das Haus Paepke in Carlsdorf – noch deutlich reduziert in seiner Anmutung, aber schon mit dem charakteristischen Schmetterlingsdach und einem kleinen Rundfenster an der Nordseite.

Nach dem Kauf des Grundstücks Anfang 1958 ging es dann rasch voran. Der geschlossene Architektenvertrag datierte auf den 3. Februar, Ende Juli wurde Richtfest gefeiert. Teils massiv, teils in Holzständerbauweise errichtet, plante Mattern die Inneneinrichtung des Hauses gleich mit. Dabei integrierte der Architekt bereits vorhandene Möbelstücke der Familie, die heute zum Großteil noch im Original vorhanden sind und behutsam um zeittypische Designklassiker ergänzt wurden. Auch die Küche, praktische Einbauschränke oder eine Flurgarderobe gehen auf Matterns Entwürfe zurück.

Ein Hauch von Amerika

Das Faller-Modell "Villa im Tessin" (seit 1961) (Copyright: Gebr Faller GmbH)

Der Klassiker im Modellbau, die “Villa im Tessin” (seit 1961), trägt gleich zwei Schmetterlingsdächer (Copyright: Gebr Faller GmbH)

Schmetterlingsdächer gibt es über Busbahnhöfen und Verwaltungsgebäuden der verschiedensten Jahrzehnte. Doch um 1960 erfreute sich dieses Motiv im deutschsprachigen Raum besonderer Beliebtheit, um Bungalows – oft verbunden mit Rundfenstern und bruchsteinverkleidetem Mauerwerk – mit internationalem Flair auszustatten.


Carlsdorf, Haus Paepke (Bild: hermann-mattern.de)

Carlsdorf, Haus Paepke, Wohnzimmer (Bild: hermann-mattern.de)

Garage im Wartestand

Während das Wohnhaus ab 2011 saniert wurde, zeigt sich die Garage – bis auf den Einbau eines elektrisch betriebenen Sektionaltors durch die vorherigen Besitzer – noch weitgehend im Originalzustand. Ein Glück, denn der seinerzeit mit der Sanierung beauftragte Architekt erwies sich im Nachhinein aus denkmalpflegerischer wie fachlicher Sicht als wenig kompetent. Und so kam es erst gar nicht dazu, dass die Garage saniert wurde, war der Architekt 2013 nach massiver Kritik der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, die Planungsfehler und Baumängel in nahezu allen von ihm betreuten Gewerken feststellte, aus dem Projekt ausgestiegen.

Das Kleinod Garage blieb somit ‘verschont’ und soll, sobald das gerichtliche Tauziehen um die gravierenden Bauschäden am Haus beendet ist, unter fachkundiger Hand denkmalgerecht saniert werden. Dabei soll das neuzeitliche Sektionaltor hierbei einem historisch korrekten Schwingtor weichen. Die nachträglich mit Glasbausteinen ausgemauerten Fensteröffnungen bekommen wieder ihre Verglasung aus Drahtglas und die Attikaverkleidung in braunem Aluminium wird zurückgebaut auf eine schwarze Umrandung. Schließlich werden die originale Tür aufgearbeitet und der Anstrich erneuert.

Carlsdorf, Haus Paepke (Bild: hermann-mattern.de)

Carlsdorf, Haus Paepke, Garage mit Schmetterlingsdach, um 1962 (Bild: hermann-mattern.de)

Das doppelte Dach

Am Dach selbst muss nichts gemacht werden, denn die Konstruktion wurde als gegossenes Betondach ausgeführt und die besandeten Schweißbahnen sind noch in gutem Zustand. Die Garagenzufahrt wird von Waschbetonmauern flankiert, vor denen Mattern Flächen für Stauden und Gehölze vorgesehen hat. An der Rückseite der Garage wurden mehrere Eiben sowie eine zu stattlicher Größe herangewachsene Douglasie und ein ebenso beeindruckender Urweltmammutbaum gepflanzt. Der massive Bau aus gebranntem Backstein bietet Platz nicht nur für einen PKW, sondern auch für die Sammlung des heutigen Eigentümers: amerikanische Bonanzaräder der 1960er und 1970er Jahre, sog. Muscle Bikes. Auch die IFA RT 125/0, Baujahr 1952, passt in die Zeit. Die voll unterkellerte Garage bietet zudem ausreichend Stauraum für Gartengeräte und künftig für eine kleine Werkstatt.

Mehr Informationen zum Haus Paepke online hier. Alle Abbildungen: Carlsdorf, Haus Paepke (Bild: hermann-mattern.de)

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Inhalt

Das blaue M

Das blaue M

Barbara Dechant über einen letzten Zeugen der “Berliner Markthalle”.

Die Telefonzelle

Die Telefonzelle

Svenja Hönig und Fabian Schmerbeck über die Zeiten, als ein Telefon noch ein Kabel und ein Dach hatte.

Die Bröselmühle

Die Bröselmühle

Sophia Walk über den Kiosk der Stadtbücherei, geformt wie ein geöffnetes Buch.

Tina, Emma und ich

Tina, Emma und ich

Michael Grote über sein Stück Freiheit auf zwei Rädern.

Die Rathaustasse

Die Rathaustasse

Cordula Schulze über das Souvenir eines 40. Geburtstags.

Die Tier-Pavillons

Die Tier-Pavillons

Nini Palavandishvili über abchasische Fantasiegebilde.

Die Dreibein-Leselampe

Die Dreibein-Leselampe

Martin Turck über einen seltenen Designklassiker.

Das Schmetterlingsdach

Das Schmetterlingsdach

Mark Meusel über Haus Paepke im hessischen Carlsdorf.

Die Altstadt-Laterne

Die Altstadt-Laterne

Karin Berkemann über eine bemerkenswerte Zutat der Greifswalder Altstadtplatte.

Der Best-of-90s-Beitrag

Karin Berkemann über den gläsernen Smart-Turm als Serienmodell für den Kult-Kleinwagen.

(Köln, Smart-Turm, Bild: harry_nl, CC BY NC SA 2.0, via flickr)

Köln, Smart-Turm (Bild: harry_nl, CC BY NC SA 2.0, via flickr)