von Karin Berkemann (22/3)

Sie sind unauffällige Begleiter, wenn man durch die Altstadt im vorpommerschen Greifswald schlendert: Die Zylinderlaternen gibt es eigentlich in allen Spielformen – von der einarmigen Wandleuchte bis zum vierarmigen Kandelaber. Doch in der Regel trifft man auf das zweiarmige Modell, oft schon ein wenig schief und angerostet, je nach Patina und Neuanstrich im originalen Blauschwarz oder in einem dunklen Grünton gehalten, im Sommer etwas verschämt mit Blumenkästen geschmückt. Die Greifswalder Laterne stammt aus der Sanierungsphase der 1980er Jahre, als einige historische Häuser wieder hergerichtet, viele andere niedergelegt und durch eine experimentelle Form der Altstadtplatte ersetzt wurden. Mittendrin standen die postmodernen Kandelaber für den Neuaufbruch der späten Ostmoderne, die wieder um die Geschichte wissen wollte.

Berlin, links: Speer-Laterne (1936) am Kaiserdamm (Bild: Dieter Brügmann, GFDL oder CC BY SA 3.0, 2005); rechts: Lampenwechsel an einer Paulick-Laterne (frühe 1950er Jahre) an der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee), 1958 (Foto: Peter Heinz Junge, Bild: Bundesarchiv, Bild 183-53588-0001, CC-BY-SA 3.0)

Eine Sonderanfertigung

In Greifswald wird man auf den ersten Blick – gerade bei der zweiarmigen Ausführung – an ein geschichtsträchtiges Berliner Modell erinnert. Der Architekt Albert Speer hatte vor dem Zweiten Weltkrieg den sog. OWA-Kandelaber entworfen, der zu den Olympischen Spielen 1936 an der Berliner Ost-West-Achse eine scheinbar widersprüchliche Botschaft ausstrahlen sollte: moderne Hauptstadtatmosphäre und deutschen Traditionsbezug. Auf dieses Modell geht wiederum eine zweite Laterne zurück, die sich bis heute weite Teile der Karl-Marx-Alle (ehemals Stalinallee) entlangzieht. Es stammt aus der Feder des Architekten Richard Paulick. In den frühen 1950er Jahren entwickelte er einen zwei- bzw. vierarmigen Kandelaber, der auf Stahlbetonmasten aufgerichtet wurde.

Auf Nachfrage von moderneREGIONAL erinnert sich der Leipziger Architekt Frieder Hofmann, von 1974 bis 1982 aktiv beteiligt am “Greifswalder Experiment”, an die Entstehung der dortigen Laterne. Demnach handelte es sich um eine Sonderanfertigung, um eine Idee des damaligen Stadtarchitekten Frank Mohr. Aus Unzufriedenheit mit den Standardlösungen suchte er vor Ort einen neuen Weg, um die Leuchten gut in die sanierte Altstadt einzupassen. Daher wurde die Greifswalder Laterne, so Hofmann, nach einem Mohr’schen Eigenentwurf in Kleinserie gefertigt und war somit im Detail auch von den Möglichkeiten des Handwerksbetriebs abhängig. Doch gerade der vierarmige Kandelaber verströmte (vergleicht man ihn mit den schlichteren Vorgängerlaternen) in der Hansestadt ein erstaunliches Großstadtflair.

Greifswald, links: zweiarmiger Kandelaber in der Knopfstraße, 2022; rechts: vierarmiger Kandelaber in der Knopfstraße, Mitte der 1980er Jahre (Bilder: links: Karin Berkemann; rechts: Bildquelle: Bauen im Ostseebezirk, Bd. 8, hg. vom Rat des Bezirkes Rostock, Bezirksbauamt, Rostock 1986, S. 48)

Greifswald, links: zweiarmiger Kandelaber in der Knopfstraße, 2022; rechts: vierarmiger Kandelaber in der Knopfstraße, Mitte der 1980er Jahre (Bilder: links: Karin Berkemann; rechts: Bildquelle: Bauen im Ostseebezirk, Bd. 8, hg. vom Rat des Bezirkes Rostock, Bezirksbauamt, Rostock 1986, S. 48)

Eine Frage der Romantik

Weitet man den Blick, entpuppt sich die Altstadt-Laterne als Teil eines größeren Gesamtkonzepts. Eigentlich war Greifswald von der Zerstörung des Zweiten Weltkriegs verschont geblieben, da man es seinerzeit kampflos den russischen Truppen übergab. Doch mit den Jahren wurden die historischen Häuser – teils aus Mangel, teils aus Kalkül – zunehmend dem Verfall preisgegeben. Gleichzeitig war Greifswald an seinen Rändern stark gewachsen, meist um neue Viertel in der Großtafelbauweise. Hier wohnten vor allem die Facharbeiter:innen des Kernkraftwerk und des Betriebs für Nachrichtenelektronik. Dieser Boom vernachlässigte jedoch das Zentrum der traditionsreichen Universitätsstadt. Daher plante ein erster Wettbewerb zur Aktivierung der Altstadt 1968/69 starke Eingriffe wie eine Kongresshalle als moderne Dominante. Stattdessen startete man Mitte der 1970er Jahre neu mit einem Forschungsprojekt, an dem neben den lokalen Akteur:innen auch die Universität und die Bauakademie beteiligt waren.

Der VEB WBK Rostock entwickelte eine kleinteilige Altstadtplatte, die mit individuelleren Modulen auch regionale Materialien und Schmuckformen aufgriff. In Greifswald engagierte sich eine junge Architekt:innen-Generation – hier sind neben Mohr und Hofmann etwa Gerhardt Richard, Achim Felz und Ulrich Hugk zu nennen – für die ‘Rekonstruktion’ im historischen Maßstab. Dafür wurden 1973/74 der Bestand und die Produktionsmöglichkeiten geprüft, 1975 die Öffentlichkeit über das Vorhaben informiert und 1978 mit der Montage der Neubauten begonnen. Während man im ersten Umgestaltungsgebiet (U1, rund um die Knopfstraße) noch sehr detailgetreu arbeitete, ging es ab der U2 (zwischen Brügg- und Schützenstraße) rationeller zu Werke. Nach dem Start der U3 kam die deutsche Einheit zwischen die Pläne, sodass die geplanten U4 bis U7 nicht mehr zur Umsetzung kamen.

links: Greifswald, Wandleuchte im Schuhhagen, 2022; rechts: Schiffslaternen der DDR-Zeit, Ueckermünde (Bilder: links: Karin Berkemann, rechts: ebay)

links: Greifswald, Wandleuchte im Schuhhagen, 2022; rechts: Schiffslaternen der DDR-Zeit, Ueckermünde (Bilder: links: Karin Berkemann, rechts: ebay)

Eine Hommage an die Schiffsleuchte

Wäre es nach den frühen Konzepten der Greifswalder Altstadtrekonstruktion gegangen, hätten Kugelleuchten die frisch sanierten Straßenzüge der U1 gesäumt. Eben solche Modelle sind auf dem Titelblatt der Gestaltungsstudie von 1971 angedeutet. In der Bebauungskonzeption von 1974 wird empfohlen, sie jeweils in Kombination mit einem Papierkorb einzusetzen. Doch ab 1978, mit den Planungen für die künstlerische Ausstattung der U1, zeichnet sich ein Wandel ab. Für den 4. April 1978 vermerkt das Protokoll der Arbeitsgruppe Gestaltung: “Das System der Zylinderleuchten für die Fußgängerbereiche wird bestätigt.” Am “Boulevard Knopfstraße” sollten sie für stilvolles Flanieren sorgen. Das Protokoll zum 2. Mai 1980 hält fest, dass bereits drei Prototypen der “Greifswaldleuchte” stehen – eine einarmige und eine zweiarmige Wandleuchte sowie eine Mastleuchte. In seinen werbewirksamen Zeichnungen nutzt Mohr die Zylinderleuchte in den 1980er Jahren gerne, um mit ihr am Bildrand für eine weltstädtische Stimmung zu erzeugen.

Als die Greifswalder Altstadtsanierung um 1981 überregional von sich reden machte, spielte die neue Laterne vordergründig keine medienwirksame Rolle. Doch im Dezember 1981 erhielt sie in den Norddeutschen Neuesten Nachrichten endlich einen eigenen, wenn auch recht knappen Artikel. Die Lösung der Nachkriegszeit, die Straßen zu überspannen, habe sich weder technisch noch organisatorisch bewährt. Daher ersetze man sie in den frisch sanierten Altstadtabschnitten nach und nach durch eine neue Lösung: Nach dem Vorbild der Schiffsleuchten sorge in dieser Laterne nun ein weißer Plastezylinder für eine “gleichmäßige, anheimelnde Ausleuchtung”. Zur Frage der Urheberschaft wird ein ganzer Strauß an Zuständigkeiten genannt: Frank Mohr samt Kollektiv für den Entwurf, für die technische Seite Elektromeister Schöpf und Schlossermeister Jakubpreiksch, für alles Organisatorische die VEB Stadtwirtschaft mit der Abteilung Energie, Verkehr und Nachrichtenwesen beim Rat der Stadt.

Greifwald, Marktplatz, Mitte der 1980er Jahre (Bildquelle: Mohr, Frank u. a., Greifswald. Menschen und Bauwerke im Stadtzentrum (Neue Greifswalder Museumshefte 12/85), Greifswald 1985, Titelmotiv)

Greifwald, Marktplatz mit dem zwei- und vierarmigen Modell der Altstadt-Laterne, Mitte der 1980er Jahre (Bildquelle: Mohr, Frank u. a., Greifswald. Menschen und Bauwerke im Stadtzentrum (Neue Greifswalder Museumshefte 12/85), Greifswald 1985, Titelmotiv)

Eine bedrohte Art

“Städte verändern sich, sind jung und alt zugleich”, so die urbane Vision für Greifswald, wie sie 1969 in der Reihe “Bauen im Ostseebezirk” formuliert wurde. Das “Experiment” einer geschichtsbezogenen Sanierung sollte historische Handwerkstechniken bewahren und das Leben ins Zentrum zurückbringen. Denn wo postmoderne Zutaten in der BRD oft als ‘Reparatur’ von Bausünden der Nachkriegszeit begriffen wurden, kamen sie in viele Altstädte der DDR als die Verheißung modernen Wohnkomforts. In diesem Sinne wurden die Laternen für Greifswald zum Netzwerk, das alte und neue Bauten zusammenhielt. Die nostalgische Laterne vertrug sich gestalterisch überraschend gut mit beidem, mit der DDR-Altstadtplatte und mit den Formschöpfungen der Nachwendejahre. In den letzten Jahren hat sich die Altstadt jedoch schleichend verändert. Auch die Mohr’schen Kandelaber verschwinden nach und nach – und wo sie noch stehen, werden sie wenig gepflegt, als erwarte man insgeheim schon ihr Ableben.

Greifswald, Dom St. Nikolai mit Altstadtlaterne (Bild: Gregor Zoyzoyla, 2022)

Greifswald, Dom St. Nikolai mit Altstadt-Laterne in der – nicht ursprünglich in dieser Form angedachten – “einarmigen” Variante (Bild: Gregor Zoyzoyla, 2022)

Literatur und Quellen

Bauen im Ostseebezirk, Bd. 4 und 8, hg. vom Rat des Bezirkes Rostock, Bezirksbauamt, Rostock 1969 und 1986.

Geisler, Magdalene, Moderne Romantiker, die es nicht beim Schwärmen belassen. Eine alte Stadt am Bodden zwischen guter Tradition und moderner Entwicklung, in: Neue Zeit, 7. April 1979, 83, S. 3.

Daniel, Georg, Das Greifswalder Experiment, in: Neue Zeit, 27. Februar 1980, 49, S. 3.

Neue Beleuchtung im Zentrum. In der Straße der Freundschaft und Mühlenstraße, in Norddeutsche Neueste Nachrichten 29, 290, 10. Dezember 1981, S. 12.

Mohr, Frank u. a., Greifswald. Menschen und Bauwerke im Stadtzentrum (Neue Greifswalder Museumshefte 12/85), Greifswald 1985.

Lichtnau, Bernfried (Hg.), Architektur und Städtebau im südlichen Ostseeraum von 1970 bis zur Gegenwart. Entwicklungslinien – Brüche – Kontinuitäten. Publikation der Beiträge zur kunsthistorischen Tagung Greifswald 2004, Berlin 2010.

Stadtarchiv Greifswald, Archivalien VA 101030, 8.7.1.161, 8.7.1.169, 8.7.1.221, 8.7.1.247, 8.7.1.483, 8.7.2.51, 8.7.2.75, ZGS.67.

Titelmotiv: Greifswald, Altstadtplatte (noch in der bauzeitlichen Farbgebung) mit Laternen in der Knopfstraße, 1997 (Bild: Frieder Hofmann)



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Bonusbeitrag

Inhalt

Das blaue M

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Barbara Dechant über einen letzten Zeugen der “Berliner Markthalle”.

Die Telefonzelle

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Tina, Emma und ich

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Martin Turck über einen seltenen Designklassiker.

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Mark Meusel über Haus Paepke im hessischen Carlsdorf.

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Karin Berkemann über eine bemerkenswerte Zutat der Greifswalder Altstadtplatte.

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