Dreibein-Leselampe (Bild: Archiv Kunsthochschule Halle, Burg Giebichenstein, Foto Nr. S 1.2.1, 1096)

Die Dreibein-Leselampe

von Martin Turck (22/3)

Die im Frankfurter Gallusviertel ansässige Metallwarenfabrik Bünte & Remmler (B & R) war ab den 1920er Jahren einer der führenden Produzenten von Bauhaus-Leuchten, die in Handarbeit gefertigt wurden. Hergestellt, beworben und vertrieben wurden Modelle von versierten Produktdesignern wie Christian Dell (Tischlampe 3183, 1932), Wilhelm Wagenfeld (Weimarer Lampe, 1931), Ferdinand Kramer (Zuglampe 1043) und Wolfgang Tümpel (Schreibtischlampe 03086, Kugelzuglampe 1046). Nach dem Umzug von Weimar nach Dessau waren 1925 verschiedene Künstler:innen vom Bauhaus an die hallesche Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein gewechselt. Um die Produktion von Leuchten durch qualitätvolle künstlerische Entwürfe zu erweitern, nahmen die Frankfurter Gesellschafter Victor Bünte und Franz Remmler mit der Kunstschule in Halle 1930 Verhandlungen für die Übertragung von Produktionsrechten auf. Am Ende sollte 1930/31 ein seltener Designklassiker stehen: die Dreibein-Leselampe.

Dreibein-Leselampe (Lampe: Privatbesitz , Bild: Martin Turck 2022)

Dreibein-Leselampe (Lampe: Privatbesitz, Bild: Martin Turck, 2022)

Fast wie am Bauhaus

Mit den Erzeugnissen ihrer Werkstätten, mit der Zusammenarbeit der Fachklassen bei umfangreichen Ausstattungsaufträgen, hatte sich die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein rasch ein Renommee erworben, das dem Bauhaus (fast) gleichkam. Als bedeutende Wirkungsstätte der Moderne standen beide für eine praxisorientierte akademische Ausbildung. Noch 1930 einigte sich B & R mit Halle, vertreten durch den leitenden Metallgestalter und Bildhauer Karl Müller. So wurde eine Kooperation möglich, um die Entwürfe von Beleuchtungskörpern zu vervielfältigen. Die Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Großunternehmen, das sich zu einem Pionier der Designkultur entwickelt hatte, ebnete den Weg zur industriellen Produktion und Vermarktung der Erzeugnisse von der Burg.

Karl Müller (1888–1972) hatte von 1909 bis 1915 in der Fachklasse für Metallzeichnen am Berliner Kunstgewerbemuseum unter dem Direktorat von Bruno Paul studiert. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er 1919/20 Meisterschüler im Atelier von Hugo Lederer an der Akademie der Bildenden Künste Berlin. 1923 folgte er dann dem Ruf an die Kunstgewerbeschule Burg Giebichenstein, wo er als Leiter der Metallwerkstatt und Lehrer für industrielle Formgestaltung wirkte. Unter ihm wurden moderne Beleuchtungen und repräsentative Raumgestaltungen für öffentliche und halb-öffentliche Gebäude in Halle umgesetzt, darunter 1923 die Kronleuchter im Schwimmbad Wittekind und 1931 die Deckenlampen im Restaurant des Flughafens Halle-Leipzig. In den folgenden Jahren etablierte sich bei B & R die Entwicklung der Werkstattentwürfe für die Industrie. Decken-, Boden- und Tischleuchten, die handwerklich und ästhetisch mit den Erzeugnissen des Bauhauses gleichzogen, gingen in die Serienproduktion.

Dreibein-Leuchte von Bünte & Remmmler (Bildquelle: Katalog Bünte & Remmler 1931/32, S. 20)

Boden-Stehlamen von Bünte & Remmmler (Bildquelle: Katalog Bünte & Remmler 1931/32, S. 20)

Die Dreibein-Leselampe

Unter dem Titel “Das Neue Frankfurt: Beleuchtungs-Körper nach Entwürfen massgebender Werkbundkünstler, Architekten und Lichtfachmänner” offeriert B & R im Katalog 293 von 1931/32 neue Produkte. Als “Entwurf der staatlichen Kunstgewerbeschule Halle” deklariert, wird die Dreibein-Leselampe hier mit einer ganzseitigen Fotografie und Erläuterungen beworben. Die Bildunterschrift dokumentiert, dass der Entwurf keinem einzelnen Künstler zugeordnet ist – bzw. dessen Autor den Werkstattbestimmungen gemäß anonym bleibt. Unter der Bezeichnung 3143 Hahnfassung zeigt die Leselampe ein 165 Zentimeter hohes Stativ auf einer dreiarmigen Standkonstruktion. Letztere besteht aus einem blank vernickelten Messingrohr und einem beweglichen höhenverstellbaren Kragarm, an dem der mit Seide bezogene, runde Lampenschirm (Durchschnitt 45 Zentimeter) montiert ist. Die Verbindung von poliertem Metall und spiegelnd glänzenden Oberflächen mit dem zarten Seidenstoff der Lampe macht den großen formalen Reiz aus.

Besonders aussagekräftig sind zwei Details der Lampe, die sich in Einzelentwürfen Karl Müllers wiederfinden: Den Griff zur seitlichen und in der Höhe verstellbaren Handhabung des Arms am Stativ gibt es ebenso an Metallgefäßen und Türdrückern des Metallgestalters, während der markante Fuß der Leselampe auch eine seiner Tischlampen stabilisiert. Aufgrund der charakteristischen Gestaltungsmerkmale ist ein Entwurf der Dreibein-Leselampe durch Karl Müller wahrscheinlich. Gleichwohl ist nicht auszuschließen, dass es sich um eine Werkstattarbeit unter seiner Federführung handelt. Die elegante Lampe war wohl keine kommerziell erfolgreiche Schöpfung der Hallenser Kunstschule mit B & R. Außer einer Illustration in der Burg-Enzyklopädie wurde sie nicht publiziert, in Ausstellungen sowie im Kunst-, Design- und Auktionshandel ist sie in der letzten Zeit nicht nachweisbar. Im 50. Todesjahr Karl Müllers sei hier an den genialen Künstler und Lehrer erinnert, in dessen Umfeld auch eine bemerkenswerte, modern-sachliche Leselampe auf drei Beinen entstanden ist.

Dreibein-Leselampe (Bild: Archiv Kunsthochschule Halle, Burg Giebichenstein, Foto Nr. S 1.2.1, 1096)

Dreibein-Leselampe (Bild/Titelmotiv: Archiv Kunsthochschule Halle, Burg Giebichenstein, Foto Nr. S 1.2.1, 1096)

Literatur und Quellen

Werbeanzeige der Firma Bünte & Remmler, in: Das Neue Frankfurt 4, Februar/März 1930, 2/3, Bl. 4.

Karl Müller – Lehrer und Gestalter, in: Bildende Kunst 17, 1969, 2, S. 82–83.

Das Neue Frankfurt: Beleuchtungs-Körper Typen nach Entwürfen massgebender Werkbundkünstler, Architekten und Lichtfachmänner; edle Formen, gute Verhältnisse, zweckmässige Rohstoffe, erprobte Bauarten, lichttechnisch einwandfreie Anordnungen, für zahlreiche Beleuchtungsaufgaben vorbildliche Lösungen, Bünte & Remmler, D. W. B., Frankfurt am Main, Frankfurt am Main 1931.

Erlaubt war nur die Bezeichnung “Erzeugnis der Kunstwerkstätten”, in: Die Burg Giebichenstein in Halle alphabetisch geordnet. Eine Hochschulenzyklopädie (Schriftenreihe, Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle 26), Berlin 2015, S. 26, 269–271.

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Inhalt

Das blaue M

Das blaue M

Barbara Dechant über einen letzten Zeugen der “Berliner Markthalle”.

Die Telefonzelle

Die Telefonzelle

Svenja Hönig und Fabian Schmerbeck über die Zeiten, als ein Telefon noch ein Kabel und ein Dach hatte.

Die Bröselmühle

Die Bröselmühle

Sophia Walk über den Kiosk der Stadtbücherei, geformt wie ein geöffnetes Buch.

Tina, Emma und ich

Tina, Emma und ich

Michael Grote über sein Stück Freiheit auf zwei Rädern.

Die Rathaustasse

Die Rathaustasse

Cordula Schulze über das Souvenir eines 40. Geburtstags.

Die Tier-Pavillons

Die Tier-Pavillons

Nini Palavandishvili über abchasische Fantasiegebilde.

Die Dreibein-Leselampe

Die Dreibein-Leselampe

Martin Turck über einen seltenen Designklassiker.

Das Schmetterlingsdach

Das Schmetterlingsdach

Mark Meusel über Haus Paepke im hessischen Carlsdorf.

Die Altstadt-Laterne

Die Altstadt-Laterne

Karin Berkemann über eine bemerkenswerte Zutat der Greifswalder Altstadtplatte.

Der Best-of-90s-Beitrag

Karin Berkemann über den gläsernen Smart-Turm als Serienmodell für den Kult-Kleinwagen.

(Köln, Smart-Turm, Bild: harry_nl, CC BY NC SA 2.0, via flickr)

Köln, Smart-Turm (Bild: harry_nl, CC BY NC SA 2.0, via flickr)